Sammelstelle (64): Staatsantifa

Jede »Szene« hat ihre widerspenstige Minderheit. Für die einen sind es Claqueure, für die anderen das notwendige Korrektiv.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Im Fall der radi­ka­len Lin­ken seuf­zen die weni­gen Gesprächs­part­ner aus der­sel­bi­gen, die man hat, jeden­falls regel­mä­ßig auf, wenn man die »AG No Tears for Krauts« erwähnt. Als »arro­gan­te Bes­ser­wis­ser«, »pseu­do­lin­ke Neo­cons« oder auch »Spal­ter« wer­den sie dann abge­tan. Ver­mut­lich trifft alles zu.

Denn die­se anti­deut­sche Grup­pie­rung (sinn­ge­mäß: »Kei­ne Trä­nen für Deut­sche«) die vor allem im aka­de­mi­schen Bereich von Halle/Saale seit mehr als zehn Jah­ren Wur­zeln geschla­gen hat und weit über Sach­sen-Anhalt hin­aus als Quer­trei­ber gefürch­tet ist, hat sich die­sen Ruf hart­nä­ckig verdient.

Ähn­lich wie ihre Weg­ge­fähr­ten der Redak­ti­on Baha­mas, dem selbst­er­klär­ten »Abriß­un­ter­neh­men der deut­schen Lin­ken«, sind die Akteu­re aus Hal­le zwar so anti­fa­schis­tisch wie anti­deutsch, aber just aus die­sen Über­zeu­gun­gen speist sich die Abnei­gung gegen die bun­des­deut­sche Mehr­heits­lin­ke, die anma­ßend, über­grif­fig und klug glei­cher­ma­ßen for­mu­liert wird.

Wer Auf­stieg und Fall des patrio­ti­schen Haus­pro­jekts in Halle/Saale ver­folgt hat, erin­nert sich viel­leicht an die Inter­ven­ti­on der AG auf einer lin­ken Demo gegen die eige­nen Genossen.

Im April 2018 demons­trier­ten Anti­fas und Links­grü­ne aller Schat­tie­rung gegen die »AK16«, das genann­te Haus­pro­jekt. Die »AG No Tears for Krauts« kün­dig­te den the­ma­ti­schen Kon­sens eigen­hän­dig auf, ver­teil­te pro­vo­ka­ti­ve Flug­blät­ter und sorg­te für ent­rüs­te­te Gesichter.

Eine klei­ne Ein­füh­rung in den AG-Sound:

Kommt es Euch nicht auch etwas lächer­lich vor, auf eine femi­nis­ti­sche Demons­tra­ti­on zu gehen, die sich gegen die Iden­ti­tä­ren rich­tet? Oder gar ver­lo­gen? Anschei­nend nicht, denn ansons­ten wärt Ihr zuhau­se geblie­ben, anstatt Euch hier bei einem Pro­test gegen ein Dut­zend Flach­pfei­fen, die ohne­hin nie­mand zu mögen scheint, als ehren­wer­te Ver­tei­di­ger des Femi­nis­mus aufzuspielen.

Hin­ter­grund: Die Anti­fa-Demo rich­te­te sich expli­zit auch gegen den »sexis­ti­schen« Cha­rak­ter des iden­ti­tä­ren Spektrums.

Wei­ter hieß es von der AG an die ver­sam­mel­ten ande­ren Linken:

Wie kommt Ihr über­haupt dar­auf, dass die IB son­der­lich sexis­tisch sei? Deren weib­li­che Prot­ago­nis­ten tre­ten sehr selbst­be­wusst und nun wahr­lich nicht als die »Heim­chen vom Herd« auf. Uns sind auch kei­ne Ver­laut­ba­run­gen der Iden­ti­tä­ren bekannt, die die­se als üble Sexis­ten überführen.

Gewiss, wir sind nicht die Nazi-Exper­ten wie Ihr. Aber so ganz haut Euer Vor­wurf nicht hin. Die Iden­ti­tä­ren haben sicher­lich ein tra­di­tio­nel­les Frau­en­bild. Aber das ist weder dezi­diert sexis­tisch, noch unter­schei­det sich das wesent­lich von ande­ren Milieus wie den Fans vom Hal­le­schen Fuß­ball­club, den Ammen­dor­fer Sport­keg­lern oder dem Frau­en­yo­ga­kurs im Iris-Regenbogenzentrum.

Nach eini­gem Anlauf, der natür­lich auch diver­se Belei­di­gun­gen gegen die Iden­ti­tä­ren ent­hielt, kamen die Anti­fa­schis­ten der »AG No Tears for Krauts« dann zu einem ihrer Lieb­lings­the­men: Isla­mis­mus. Der Sexis­mus in mus­li­mi­schen Glau­bens­ge­mein­schaf­ten, so die AG-Autoren, wür­de von der lin­ken Sze­ne bagatellisiert.

Daher führ­ten sie in offe­ner Anspra­che der ver­sam­mel­ten Mehr­heits­lin­ken aus:

Gegen Euch ist jeder Femi­nis­mus zu ver­tei­di­gen, der sich nicht scheut, den größ­ten Agen­ten der Frau­en­un­ter­drü­ckung in Deutsch­land zu benen­nen, ohne nebu­lös her­um­zu­ei­ern und von »reli­giö­sen Struk­tu­ren« zu schwadronieren.

Also, lie­be Demons­tran­ten, nehmt es uns nicht übel. Aber: Ihr seid Teil des Appease­ments gegen­über dem Islam und ver­ra­tet all jene Frau­en und Homo­se­xu­el­le, die täg­lich unter den Zumu­tun­gen des Islam zu lei­den haben.

So weit, so bekannt. Inter­es­sant wird dann jener Abschnitt, der eine indi­rek­te Ver­tei­di­gung des »rech­ten« islam­kri­ti­schen Lagers enthält:

Ihr betreibt nur dümm­li­che Selbst­ver­ge­wis­se­rung, wenn Ihr in Eurem Auf­ruf auch Kon­ser­va­ti­ve für ihr tra­di­tio­na­lis­ti­sches Rol­len­bild anklagt, als wären sie inzwi­schen nicht die­je­ni­gen, die noch am beharr­lichs­ten indi­vi­du­el­le Frei­hei­ten gegen­über dem Islam und sei­nen lin­ken Freun­den verteidigen,

womit die obi­ge Ein­schät­zung als »lin­ke Neo­cons« eini­ger­ma­ßen bestä­tigt scheint.

Fina­le furioso:

Eure Indif­fe­renz gegen­über der Zer­stö­rungs­wut des Islam ist für das gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben gefähr­li­cher als die ohne­hin ein­fluss­lo­sen Mit­glie­der einer rech­ten PR- Sek­te. Mit Euch lässt sich kein Femi­nis­mus machen!

Die­se Vor­be­mer­kun­gen zum Cha­rak­ter der Grup­pe waren samt O‑Tönen von­nö­ten, um den fol­gen­den Text über den Fall der links­mi­li­tan­ten »Ham­mer­ban­de« bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen. Hier schert jemand aus fest­ge­zurr­ten lin­ken Erzäh­lun­gen aus – und tut es eben nicht zum ers­ten Mal. In die­sem aktu­el­len Fall sind der­weil auch Erkennt­nis­se für Nicht­lin­ke zu gewin­nen, die hier skiz­ziert wer­den sollten.

Der für die heu­ti­ge lin­ke Sze­ne durch­aus als bei­spiel­los zu titu­lie­ren­de Text ist über­schrie­ben mit »Wir sind nicht Lina«, womit die AG sicher­lich ein wenig am Ohr­fei­gen­baum ihres Milieus rüttelt:

Kri­tik des Ver­fah­rens: ja.
Aber: kein Applaus für Scheiße!

Die AG beschreibt ein­gangs die gro­ße Soli­da­ri­täts­wel­le in der ver­ei­nig­ten Lin­ken mit den Ange­klag­ten der Ham­mer­ban­de. Dann erklä­ren sie unumwunden:

Wir sind nicht Lina. Das heißt nicht, dass das Ver­fah­ren gegen Lina E. nicht kri­tik­wür­dig war. Im Gegen­teil, es war eine Far­ce. […] Und trotz­dem sind wir nicht Lina. Denn wer soll das sein, die­ses „Wir“, das auf allen mög­li­chen Flug­blät­tern, Trans­pa­ren­ten und Graf­fi­ti beschwo­ren wird?

Die »AG No Tears for Krauts« macht deut­lich: Mit »Sta­li­nis­ten«, »Mao­is­ten«, Paläs­ti­na-Soli­da­ri­schen usw. möch­ten sie nicht ver­ge­mein­schaf­tet wer­den. Sie stün­den als Ein­zel­ne für sich und für kein Kollektiv.

Aus­ge­hend von die­ser Wir-Ent­sa­gung dozie­ren die AG-Autoren in ihrer klas­si­schen Art und Wei­se über Rechts­staat, Besitz­ver­hält­nis­se, Schutz vor Dik­ta­tu­ren usw. Das darf man, kennt man ande­re AG-Tex­te, als red­un­dan­tes Vor­ge­plän­kel übergehen.

Aus der Ableh­nung tota­li­tä­rer Rase­rei her­aus beken­nen sie sich, unty­pisch für radi­ka­le Lin­ke, typisch für an Hork­hei­mer und Ador­no geschul­te Ver­tei­di­ger des bür­ger­li­chen Fort­schritts, zum Prin­zip des Rechtsstaates:

Bei aller berech­tig­ten Kri­tik am Rechts­staat wären sei­ne Prin­zi­pi­en auch dar­um nicht nur gegen das oft bemüh­te Schlim­me­re wie Natio­nal­so­zia­lis­mus, Sta­li­nis­mus und Isla­mis­mus zu ver­tei­di­gen, son­dern bereits gegen ihre stets dro­hen­de Aushöhlung.

Und jetzt kom­men ihre Genos­sen ins Spiel:

Wer Anti­fa­schis­mus nicht nur als Paro­le begreift, mit der er das eige­ne Kra­wall­be­dürf­nis legi­ti­miert, son­dern als Refle­xi­on auf his­to­ri­sche Erfah­rung, hät­te somit Ver­tei­di­ger und Kri­ti­ker des Rechts in einem zu sein.

Als »AG No Tears for Krauts« wirft man der Mehr­heits­lin­ken vor, dop­pel­te Stan­dards anzulegen:

Kri­tik hät­te in die­sem Zusam­men­hang nicht nur an Akti­vi­tä­ten gegen Leu­te geübt zu wer­den, die zum „Wir“ gehö­ren, son­dern auch an Maß­nah­men gegen poli­ti­sche Geg­ner und ande­re wenig sym­pa­thi­sche Zeit­ge­nos­sen. Dazu zäh­len z.B. auch Hoo­li­gans, die laut Beschluss des Euro­päi­schen Gerichts­ho­fes für Men­schen­rech­te vor Fuß­ball­spie­len schon seit eini­gen Jah­ren ohne grö­ße­res Pipa­po vor­sorg­lich in Poli­zei­ge­wahr­sam genom­men wer­den dür­fen, oder soge­nann­te Quer­den­ker, wenn ihre Grund­rech­te will­kür­lich und mas­siv ein­ge­schränkt werden.

Wor­te, die man sel­ten aus der lin­ken Ecke vernimmt:

Statt­des­sen beschwert sich die Lin­ke regel­mä­ßig über gegen sie gerich­te­te Repres­sio­nen, um sich im nächs­ten Augen­blick an den Staat zu wen­den und an ihn zu appel­lie­ren, die Grund­rech­te von Nazis und ande­ren unlieb­sa­men Leu­ten ein­zu­schrän­ken und sie doch bit­te, bit­te här­ter zu bestra­fen. Sie hat, ähn­lich wie der her­kömm­li­che Stamm­tisch­bru­der, nichts gegen die Rück­bil­dung des Rechts­staa­tes, die Rück­nah­me von Frei­heits­rech­ten und mög­lichst hohe Stra­fen, wenn es nur die Rich­ti­gen und nicht den eige­nen Hau­fen trifft.

Die »AG No Tears for Krauts« trifft damit einen wich­ti­gen Punkt und kommt zum nächs­ten, eben­so wichtigen:

Ohne­hin scheint es bei den Pro­tes­ten gegen das Ver­fah­ren gegen Lina E. und ihre Mit­an­ge­klag­ten vor allem um die Ver­tei­di­gung der eige­nen Gang gegen den als grö­ße­re Gang begrif­fe­nen Staat samt sei­ner Poli­zei zu gehen.

(Wolf­gang Pohrt-Lek­tü­re läßt grüßen!)

Wäre es anders, dann wäre in den letz­ten drei Jah­ren näm­lich auch etwas ande­res the­ma­ti­siert wor­den, und zwar das erschre­cken­de Aus­maß an Gewalt, das auch zu den Hin­ter­grün­den des Pro­zes­ses gehört,

was aber nicht bedeu­te, daß man so etwas wie Mit­ge­fühl mit den Opfern der lin­ken Gewalt­wel­le besäße:

Um gar nicht erst Miss­ver­ständ­nis­se auf­kom­men zu las­sen: Unser Mit­leid mit Nazis, die im Rah­men anti­fa­schis­ti­schen Selbst­schut­zes in ihre Schran­ken ver­wie­sen wer­den, hält sich in engen Gren­zen. Wir ste­hen mili­tan­tem Anti­fa­schis­mus trotz aller Kri­tik der Gewalt nicht nur kri­tisch gegenüber.

Aber auch der »anti­fa­schis­ti­sche Selbst­schutz«, also die anti­fa­schis­ti­sche Tot­schlä­ge­rei, habe eben ihre Grenzen:

Wer aber gezielt mit Häm­mern auf Wehr­lo­se ein­schlägt, wie es in den letz­ten Jah­ren nicht nur in den Fäl­len vor­kam, für die Lina E. ange­klagt wur­de, betreibt aller­dings kei­nen anti­fa­schis­ti­schen Selbst­schutz; noch nicht ein­mal offen­si­ven. Er nimmt viel­mehr bil­li­gend in Kauf, dass sein Opfer dabei stirbt: Schä­del hal­ten der Bear­bei­tung mit schwe­rem Metall nicht lan­ge stand, das weiß jeder, auch wenn er sonst nichts weiß.

Es wäre inter­es­sant zu sehen, wenn die »AG No Tears for Krauts« dies auf einem Flug­blatt ähn­lich for­mu­lie­ren wür­de und die­ses auf einer der Leip­zi­ger Ham­mer­ban­den-Soli-Demos ver­tei­len würde …

Im Anschluß füh­ren die AG-Autoren exakt das aus, was »Rech­te« seit Jah­ren bean­stan­den: Distanz zu Gewalt gibt es Links­au­ßen nicht, und wenn, dann ist sie nur tak­tisch bedingt:

Die­ses Vor­ge­hen wur­de in der lin­ken Sze­ne jedoch nicht des­halb kri­ti­siert, weil es sich ein­fach ver­bie­tet, mit einem Ham­mer auf einen Men­schen ein­zu­schla­gen, son­dern, wenn über­haupt, nur, weil dadurch ein höhe­rer Ermitt­lungs- und Ver­fol­gungs­druck durch die Poli­zei ent­ste­he. Viel­fach wur­de sich sogar posi­tiv auf die Bru­ta­li­sie­rung bezo­gen, für die die­se Taten ste­hen, so u.a. auf Trans­pa­ren­ten, die für Anti­fa­schis­mus war­ben und mit einem Ham­mer ver­ziert waren, dem Schrift­zug, dass Soli­da­ri­tät „der Ham­mer“ sei oder der augen­zwin­kern­den Aus­sa­ge, dass Anti­fa-Arbeit „ham­mer­geil“ sei.

Zei­len, die man in der »bür­ger­li­chen« Pres­se Deutsch­lands eben­so ver­ge­bens sucht wie in den Medi­en des Öffentlich-Rechtlichen.

Die Ent­wick­lung der Anti­fa-Sze­ne hin zu einem osten­ta­ti­ven Fetisch der Gewalt­an­wen­dung gegen Wehr­lo­se, so set­zen die AGler ihre ver­dienst­vol­le Auf­klä­rungs­ar­beit fort,

hat vie­le Grün­de, einer steht jedoch mit der Kri­se der Anti­fa in Ver­bin­dung, die seit vie­len Jah­ren anhält. Genau betrach­tet, ist der lin­ke Anti­fa­schis­mus an sei­ne Gren­zen gesto­ßen. Spä­tes­tens seit den Zwei­tau­sen­der­jah­ren ist er zutiefst staats­tra­gend, zumin­dest wenn man den Blick von Sach­sen löst uns (sic!) die Bun­des­re­pu­blik als Gan­zes betrachtet.

Anti­fa­schis­mus als Staats­dok­trin, lin­kes Neu­sprech als gesell­schaft­li­ches Zwangs­ver­hält­nis. Das muß auch den Ideo­lo­gie­kri­ti­kern aus Hal­le mißfallen:

Es gibt im Unter­schied zu den Neun­zi­ger­jah­ren kei­ne grö­ße­re eta­blier­te Par­tei und kei­ne nam­haf­ten Poli­ti­ker mehr, die sich nicht posi­tiv auf den Anti­fa­schis­mus bezie­hen, sich laut­stark „gegen Rechts“ beken­nen und die Bekämp­fung von Neo­na­zis für wich­tig erach­ten. Auf allen Kanä­len, von Jan Böh­mer­mann bis zur Heu­te Show, wird erklärt, wie schlimm Neo­na­zis und die AfD sei­en. In Sach­sen-Anhalt wur­de der Anti­fa­schis­mus 2020 sogar ganz offi­zi­ell in die Ver­fas­sung auf­ge­nom­men und zum Staats­ziel erklärt.

Die Anti­fa ver­liert somit nicht nur ihr ideo­lo­gi­sches Allein­stel­lungs­merk­mal. Sie geht auf in einem grö­ße­ren »Wir«, in der im Nega­ti­ven (»Kampf gegen rechts«) ver­ei­nig­ten Bevöl­ke­rungs­ge­mein­schaft. Kurz: Sie ver­liert ihre Iden­ti­tät, ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung. Und will Abhil­fe schaf­fen. Die AG stellt die­se Abhil­fe so dar:

Um sich über­haupt noch von die­sem staats­tra­gen­den Anti­fa­schis­mus abgren­zen zu kön­nen, muss die Anti­fa in die Berei­che von Spra­che und Mit­tel aus­wei­chen. Will hei­ßen: Die ver­stärk­te lin­ke Mili­tanz und der Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus der letz­ten Jah­re sind nicht zuletzt dem Ver­such geschul­det, sich doch noch von der Anti-Nazi-Agi­ta­ti­on des Staa­tes und sei­ner Zivil­ge­sell­schaft zu unter­schei­den. Da es inhalt­lich nur weni­ge Dif­fe­ren­zen gibt, bleibt nur die Gewalt,

womit der Kern der Sache aus­for­mu­liert scheint. Wenn die ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­ra­te der Bun­des­re­pu­blik, von Kir­chen und Gewerk­schaf­ten bis zu Sub­kul­tu­ren und Sport­ver­ei­nen, nach links gekippt sind, wird Iden­ti­tät der Ideo­lo­gie­bau­stei­ne, rela­ti­ve Deckungs­gleich­heit jeden­falls, hergestellt.

Wo aber Iden­ti­tät Kon­for­mi­tät erzeugt, schwin­det die eige­ne Par­ti­ku­la­riden­ti­tät als »Sze­ne«. Man ist nicht mehr beson­ders, spe­zi­ell und ori­gi­nell, son­dern im Main­stream ange­kom­men und sogleich aufgegangen.

Der Wider­spruch, der in der Schi­zo­phre­nie liegt, den­noch dar­an fest­zu­hal­ten, man sei »als Anti­fa« sys­tem­kri­tisch, wider­stän­dig oder zumin­dest rebel­lisch, ist nicht zu lösen. Kei­ne Dia­lek­tik der Welt kommt damit klar. Allen­falls kann man den Wider­spruch durch Gewalt­an­wen­dung und mas­si­ve Mili­tanz über­tün­chen, und das heißt: durch einen Rück­fall in die Ver­hal­tens­bar­ba­rei ver­schlei­ern. Aber so oder so han­delt es sich dabei um ein Ablenkgefecht.

Die »AG No Tears for Krauts« kommt zu einem ähn­li­chen Resü­mee und mutmaßt:

Das dürf­te auch einer der zen­tra­len Grün­de für die immense Soli­da­ri­tät sein, die Lina E. ent­ge­gen­ge­bracht wird. Mit der Paro­le „Wir sind Lina!“ kann man sich vor­ma­chen, trotz aller Affir­ma­ti­on nicht nur kri­tisch und staats­feind­lich zu sein, son­dern dafür auch noch ver­folgt zu wer­den. Aus dem Ver­fah­ren und der mit ihm ver­bun­de­nen Soli­da­ri­täts­kam­pa­gne zieht man nicht nur eige­ne Bedeu­tung, son­dern auch die immer wie­der geprie­se­ne Dif­fe­renz, die es kaum noch gibt.

Nun: Das alles ver­tre­ten min­des­tens die Zeit­schrift Sezes­si­on und das Bür­ger­netz­werk Ein Pro­zent in ihren Tex­ten zu die­sem The­ma seit Jahren.

Ich selbst schrieb 2019 in mei­ner Ana­ly­se Blick nach links:

Weil der Anti­fa­schist kämp­fe­ri­sche bis mili­tan­te Atti­tü­den zu pfle­gen liebt, der eins­ti­ge Haupt­feind »Kapi­tal« samt der von ihm her­aus­ge­bil­de­ten neu­en Gesell­schaft aber mitt­ler­wei­le ein objek­ti­ver Ver­bün­de­ter ist, wer­den Ablenk­zie­le benö­tigt, die den Ges­tus des poli­ti­schen Kamp­fes mit all sei­nen Erschei­nun­gen befrie­di­gen, ohne die wirk­lich gro­ßen Fra­gen und Wider­sprü­che ange­hen zu müs­sen. So ent­steht (und repro­du­ziert sich) die kon­for­mis­ti­sche Rebellion.

Die­se Ablenk­zie­le sind, die »AG No Tears for Krauts« weiß es eben­so wie wir, »Rech­te« aller Art.

Daß der­lei Deu­tun­gen und Wahr­neh­mun­gen über die Huf­ei­sen-Kon­stel­la­ti­on schritt­wei­se auch im geg­ne­ri­schen Lager ankom­men, spricht für die Chan­ce, die sich der­zeit ergibt, wonach aus dem eska­lier­ten Trei­ben der lin­ken Gewalt­zu­spit­zung Auf­klä­rung und Gegen­öf­fent­lich­keit sprießen.

In klei­nen Schrit­ten, gewiß, aber doch stetig.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (9)

Niekisch

7. Juni 2023 16:39

"Daß derlei Deutungen und Wahrnehmungen über die Hufeisen-Konstellation schrittweise auch im gegnerischen Lager ankommen, spricht für die Chance, die sich derzeit ergibt, wonach aus dem eskalierten Treiben der linken Gewaltzuspitzung Aufklärung und Gegenöffentlichkeit sprießen."
Im hochanalytischen Artikel eine Schlußbemerkung, die mich an frühere Zeiten erinnert. Während wir jungen Leute von JN und NHB mit dem maoistischen Zweig der damaligen Antifa bei Frikadellen und Bier heftig diskutierten, sammelte sich die SDAJ - Antifa im Dunkeln in der Nähe, um beide Gruppen zu überfallen. Schon damals war es nichts mit Aufklärung und Gegenöffentlichkeit aus der Eskalation heraus. Die Schläger gingen den Marsch durch die Institutionen, die Maoisten isolierten sich oder gingen den Parteiweg. 
Vielleicht lohnt sich der Versuch, der etablierten Linken zu verdeutlichen, dass im  Bevölkerungsaustausch auch deren Schmerz begründet sein wird, beiden Seiten Gleiches droht. 
 

Gustav

7. Juni 2023 17:44

Sympathische und kluge Leute, mit einem Hauch von induziertem Irresein. 

tearjerker

7. Juni 2023 19:46

So sieht das dann aus, wenn der JU-Nachwuchs Subversion spielt, nachdem er auf links ziehen musste um sich für Höheres zu qualifizieren. Aufstiegsperspektiven im Apparat sind nunmal nicht bei Union, den Blauen oder den Freien zu finden. Die haben nämlich schon jede Position dreifach mit 50+jährigen  besetzt. Man kann seine Natur halt nicht leugnen. Ob sich deren Führungsoffiziere in London das so vorgestellt haben? 

Herbstwind

7. Juni 2023 19:54

Es gibt sie also noch, die kritischen linken Geister, die sich nicht scheuen, der eigenen Szene den Spiegel vorzuhalten. Erfrischend. 
 
 
 

Adler und Drache

7. Juni 2023 22:38

Man fragt sich, wie das eigene Milieu mit derlei Nestbeschmutzern umgehen würde ... und kennt die Antwort. Das "Wir" regiert immer. Antigone verliert immer. Und trotzdem hat sie Recht. 

Phil

8. Juni 2023 13:54

@Gustav Wie kann jemand sympathisch sein, der sich "No Tears for Krauts" nennt?
 
Was wollen diese "Querulanten" (die übrigens pro-amerikanisch und pro-israelisch sein dürften) eigentlich? Gewalt gegen Deutsche, nur nicht mit Hämmern? Militanz, aber bitte ohne Tote?
 
Von der Analyse her dennoch nicht uninteressant. Wobei Gewaltbereitschaft und Hass von Antifa und Co. nichts Neues sind. Neu vielleicht, wie Teile von ihnen entmenschlicht zur Tat schreiten. Und selbst dafür gibt es hier und da Solidarität aus der Politik. Der nächste Schritt sich abzugrenzen wäre also tatsächlich – Mord.
 
 

Laurenz

8. Juni 2023 15:14

@BK
Habe jetzt mal einen guten Tag gewartet, ob sich nach dem Lesen Ihres durchaus interessant geschriebenen Artikels irgendwas in mir tut, sich was bewegt. Kann Ihnen rückmelden, da kommt nichts mehr. Niemand langweilt politisch mehr als Antifanten, ob die nun no tears for krauts oder Red Hot Merkel-Lickers/Wuppertal heißen. Immer, wenn ich SiN-Artikel über die Antifanten lese, suche ich vergebens nach politischen Inhalten. Außer no borders & Nazis raus kommt da irgendwie nix. Was für ein langweiliges Leben. Dazu muß man sich & seine eigene Geschichte des Antifaschismus auch noch verraten & zum Büttel von irgendwelchen globalen NGOs & kultur-maxistischen, wie imperialistischen Deppen-Politikern der Ampel oder den Apparatschiks der Vollspakken-Linken in Thüringen machen, die viel deutscher, als wir, die NeueRechte sind?

Gustav

8. Juni 2023 15:40

@ Phil
Ich vergaß den Warnhinweis: Vorsicht! Ironie!

Kurativ

8. Juni 2023 16:35

Was mich immer wieder wundert: Diese Linken sägen doch am Ast auf dem sie sitzen. Zudem: Sie beleidigen sich mit ihren Deutschlandhass auch noch sich selber. Die Ursache könnte sein: Keine Selbstwahrnehmung. Man schaut in die Ferne ("Visionen". "Theorie") und vergisst sich

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