Zwanzig Jahre Überbau

PDF der Druckfassung aus Sezession 113/ April 2023

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Zwan­zig Jah­re Sezes­si­on: das bedeu­tet 113 Aus­ga­ben, ins­ge­samt mehr als 7000 Sei­ten, über 1000 Rezen­sio­nen, 400 Grund­la­gen – und ähn­lich vie­le Kurz­bei­trä­ge. Zwan­zig Jah­re bedeu­ten aber auch, daß man schon fast alles ein­mal gese­hen und kom­men­tiert hat. Und seit­dem ab 2010 »Sezes­si­on im Netz« die Druck­aus­ga­be beglei­tet, hat sich der Umfang der Bericht­erstat­tung noch ein­mal beträcht­lich erweitert.

Wir dür­fen, wenn wir zunächst kauf­män­nisch Bilanz zie­hen, von einem undra­ma­ti­schen, aber erfolg­rei­chen Pro­jekt spre­chen, das 2003 gegen den Rat etli­cher in Gang gesetzt wur­de und eine Pio­nier­leis­tung auf dem Brach­feld rechts­in­tel­lek­tu­el­ler Zeit­schrif­ten­ar­beit war.

Die Abon­nen­ten ver­tei­len sich (man sieht es der Kar­te an) über das gesam­te Bun­des­ge­biet. Das Heft wird nicht am Kiosk ange­bo­ten, son­dern aus­schließ­lich im Abon­ne­ment und als Ein­zel­heft direkt vom Ver­lag ver­kauft. Die Auf­la­ge hat sich seit 2003 ohne Ein­brü­che ent­wi­ckelt, mach­te in den Jah­ren nach 2015 einen Sprung und pen­delt seit­her auf dem Niveau von rund 4500 ver­kauf­ten Hef­ten, von denen über 4000 abon­niert sind.

Eben­falls ab 2015 ver­schob sich der Leser­schwer­punkt deut­lich nach Osten, wobei Ver­hält­nis­zah­len und abso­lu­te Men­ge die Crux der Dünn­be­sie­de­lung ver­an­schau­li­chen: Wo wider­stän­di­ge Men­ta­li­tät vor­herrscht, wohnt weni­ger Volk. Neben dem poli­tisch inter­es­sier­ten Ber­lin, das stark abon­niert, sind es also die fünf ehe­ma­li­gen DDR-Gebie­te, in denen über­pro­por­tio­nal vie­le Men­schen Sezes­si­on lesen. Ganz hin­ten fin­det sich das fast schon ver­lo­re­ne Land. Alles in allem kann es mit der Sezes­si­on gut wei­ter­ge­hen. Die gedruck­te Aus­ga­be ist die wirt­schaft­li­che Grund­la­ge, sie finan­ziert den Online-Auf­tritt mit.

Das ist also alles soli­de. Wir wür­den unse­re Arbeit aber auch leis­ten, wenn sie pre­kä­rer wäre (und der Staat nebst sei­nen ange­schlos­se­nen Funk­häu­sern hat immer­hin viel dafür getan, daß es mit uns berg­ab gehe!). Die Fra­ge, war­um wir eine Zeit­schrift her­aus­ge­ben, kann näm­lich nicht mit dem Ver­weis auf Stun­den­sät­ze beant­wor­tet wer­den. Unse­re ideel­le Über­zeu­gung ist der Motor.

Ich kann mich noch gut an einen Arti­kel mit dem Titel »Bewe­gung im Über­bau« erin­nern. Er wur­de von Karl­heinz Weiß­mann, dem Mit­be­grün­der von IfS und Sezes­si­on, ver­faßt und erschien im April 2007 in der ­Sezes­si­on. Er beruht auf einem Vor­trag, den Weiß­mann beim Ber­li­ner Kol­leg des Insti­tuts für Staats­po­li­tik, des Her­aus­ge­bers der Sezes­si­on, hielt. Die Über­schrift spielt auf die mar­xis­ti­sche Unter­schei­dung von Basis und Über­bau an, nach der die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se die rea­le Basis der Gesell­schaft bil­de­ten, auf der sich ein Über­bau erhe­be, der geis­ti­ger Natur sei.

Zu die­sem Über­bau zähl­ten nicht nur die poli­ti­schen und juris­ti­schen Ver­hält­nis­se des Staa­tes, son­dern auch die reli­giö­sen und phi­lo­so­phi­schen Aus­prä­gun­gen des Zeit­geis­tes, die nach mar­xis­ti­scher Auf­fas­sung die­sen Ver­hält­nis­sen ent­spre­chen müß­ten. Folgt man die­ser Ideo­lo­gie, hat der Über­bau kein Eigen­le­ben, son­dern wird ganz von der mate­ri­el­len Pro­duk­ti­on, man kann auch sagen, vom Leben bestimmt. Bewe­gun­gen im Über­bau ohne ent­spre­chen­de Ver­än­de­run­gen in der Lebens­wirk­lich­keit kann es also nicht geben. Der Über­bau ändert sich nur, wenn sich die mate­ri­el­len Ver­hält­nis­se ändern, da es dann eine Revo­lu­ti­on gibt, die genau dafür sorgt.

Weiß­mann, der im April 2014 IfS und Sezes­si­on in Rich­tung Jun­ge Frei­heit und Cato ver­ließ, mein­te damals, eine Bewe­gung im Über­bau wahr­neh­men zu kön­nen. Es ging ihm um eini­ge bemer­kens­wer­te Bücher, in denen Ver­tre­ter des Estab­lish­ments The­sen auf­stell­ten, die nach einer Absatz­be­we­gung von den gel­ten­den Nor­men und Wer­ten aus­sa­hen. Die Namen, die dabei fie­len, dürf­ten den meis­ten heu­te kaum noch etwas sagen. Es waren unter ande­rem der His­to­ri­ker Jens Hacke, der Psy­cho­lo­ge ­Ste­phan ­Grü­ne­wald, der dama­li­ge Her­aus­ge­ber des Cice­ro Wolf­ram ­Wei­mer und der Sozio­lo­ge Wolf­gang Sof­sky. (Bei ­Peter Slo­ter­di­jk, des­sen Buch Zorn und Zeit Weiß­mann eben­falls aus­führ­lich wür­dig­te, ist das anders, er stellt bis heu­te gewis­ser­ma­ßen die Simu­la­ti­on der Bewe­gung im Über­bau schlecht­hin dar. Er läuft immer wie­der spek­ta­ku­lär an, trifft auch mal einen Punkt, schwenkt dann aber wie­der auf die gewohn­te Bahn ein, nicht ohne dafür auf­se­hen­er­re­gen­de Wor­te zu finden.)

Es ging Weiß­mann um eine Bewe­gung weg vom Pro­gres­si­ven, hin zum Kon­ser­va­ti­ven, weg von den Wünsch­bar­kei­ten, hin zu den Not­wen­dig­kei­ten, weg von Haber­mas und sei­nem Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus, hin zu uns, den Neu­en Rech­ten, und einem gesun­den Ver­hält­nis zur eige­nen Geschich­te und sich selbst. Von heu­te aus gese­hen, ist es nicht leicht, die­se Bewe­gung für kei­ne Ein­bil­dung zu hal­ten. Wohl­wol­lend könn­te man von einer Bewe­gung im erlaub­ten Rah­men spre­chen oder von einem Test einer Aus­bruchs­be­we­gung, die nach schmerz­haf­ter Erfah­rung nicht wei­ter­ver­folgt wur­de. Denn: geän­dert hat sich seit­dem man­ches, aber nichts davon hat sich in unse­re Rich­tung bewegt.

Dar­über soll­te uns die Tat­sa­che, daß eine Par­tei im Par­la­ment sitzt, die den anti­na­tio­na­len Kon­sens nicht mit­trägt, nicht täu­schen. Die AfD wur­de nicht gewählt, weil sich etwas in unse­re Rich­tung bewegt hät­te, son­dern weil sich stän­dig etwas in die fal­sche Rich­tung beweg­te. Wenig hilf­reich sind da Kom­men­ta­re wie der von Karl­heinz Weiß­mann aus dem Sep­tem­ber 2018.

Damals warn­te er in der Jun­gen Frei­heit vor der Beob­ach­tung der AfD durch den Ver­fas­sungs­schutz, was »für die Par­tei eine Kata­stro­phe« wäre, weil vie­le »Gemä­ßig­te« dann die Par­tei ver­las­sen und Platz für die »rech­ten Hard­li­ner« machen wür­den. Ganz beson­ders warn­te er vor dem »Mann aus Schnell­ro­da«, der zwar immer für eine Über­ra­schung gut sei, aber »eigent­lich gar nichts ande­res möch­te als ein biß­chen mehr Acht­zi­ger«. Das war, gelin­de gesagt, nichts wei­ter als Polemik.

Es geht hier, in Schnell­ro­da, um Grund­sätz­li­ches. Und es gehört immer noch zu den Kern­auf­ga­ben einer Zeit­schrift wie der Sezes­si­on, nach Bewe­gun­gen im Über­bau Aus­schau zu hal­ten, um auf sie auf­merk­sam zu machen, sie womög­lich mit Begrif­fen zu ver­sor­gen, dadurch ihr Selbst­ver­ständ­nis zu ord­nen, sie also zu ver­stär­ken – oder gar selbst so eine Bewe­gung anzu­sto­ßen. Die Sezes­si­on ist und bleibt ein Medi­um, des­sen Auf­trag in der Wahr­neh­mung, in den ent­schei­den­den Hin­wei­sen, in der Meta­po­li­tik liegt.

Mir ist der Text ja des­halb im Gedächt­nis geblie­ben, weil er das, was wir tun, so auf den Punkt bringt – bei aller Beschrän­kung unse­res Tuns, das in der Ana­ly­se liegt, aber auch im Ver­weis auf eine Grund­über­zeu­gung: Bei uns steht der Über­bau im Fokus, weil es uns nicht gege­ben ist, die mate­ri­el­le Basis zu ver­än­dern, und natür­lich auch, weil wir der Über­zeu­gung sind, daß wir nicht mehr so lan­ge mit der Bewe­gung war­ten kön­nen, bis sich die Basis ein­mal ändern soll­te. Das tut sie zwar stän­dig, aber doch so umsich­tig mode­riert, daß dar­aus bis­lang nur sehr ver­hal­ten Poten­ti­al für eine Gegen­be­we­gung entstand.

Die­se Kon­zen­tra­ti­on auf den Über­bau fußt auf einer Ein­sicht, die zu den Über­zeu­gun­gen der Neu­en Rech­ten gehört: Wir brau­chen kei­ne Ver­elen­dung oder Revo­lu­ti­on. Das ist näm­lich die Leh­re, die man aus dem Wir­ken der 68er-Bewe­gung zie­hen kann und die wir gezo­gen haben: Wer einen geis­ti­gen Wan­del her­bei­füh­ren möch­te, kann die mate­ri­el­len Grund­la­gen unan­ge­tas­tet las­sen. Denn die Jah­re 1968 und fol­gen­de waren kei­ne Ver­elen­dungs­zeit, son­dern gera­de­zu das Gegen­teil. Aber der Über­bau änder­te sich in den nächs­ten Jahr­zehn­ten so gründ­lich, daß auch ernst­haf­te welt­po­li­ti­sche Umwäl­zun­gen wie der Zusam­men­bruch des Kom­mu­nis­mus kaum etwas dar­an ändern konnten.

Es gab 1990 die Hoff­nung, daß sich in Deutsch­land grund­sätz­lich etwas ändern könn­te. So wie der Rest des Ost­blocks an sei­ne natio­na­len Tra­di­tio­nen anknüpf­te, so soll­te auch aus dem teil­wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­land wie­der ein sou­ve­rä­ner Natio­nal­staat mit Inter­es­se am Fort­be­stand des eige­nen Vol­kes wer­den. Die Nach­kriegs­zeit soll­te vor­bei sein, die Stra­fe, ob ver­dient oder unver­dient, soll­te abge­gol­ten sein, zumal mit dem end­gül­ti­gen Ver­lust der Ostgebiete.

Gera­de in den neu­en Bun­des­län­dern war die­se Hoff­nung stark, denn lan­ge genug war man ein Anhäng­sel des ­Hege­mons gewe­sen, durf­te sei­ne Mei­nung nicht frei äußern und hat­te einer Demokratie­simulation zuge­schaut. Im Osten wird seit zwei Jahr­zehn­ten anders gewählt als im Wes­ten, die NPD und die DVU hat­ten und die AfD hat hier ihre Hoch­bur­gen. Aber die Theo­rie, ob und wie der Über­bau zu ver­än­dern und dem schlei­chen­den Nie­der­gang etwas ent­ge­gen­zu­set­zen sei, kam aus dem Wes­ten, nicht sel­ten von Abweich­lern des eta­blier­ten Milieus aus Poli­tik und Medien.

Das alles zählt zu einem Anlauf, der not­wen­dig war, damit die Sezes­si­on gegrün­det wer­den konn­te. Sie steht zwar, durch Armin Moh­ler ver­mit­telt, in geis­ti­ger Ver­bin­dung mit der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on der Zwi­schen­kriegs­zeit. Von dort­her ragen aber nur weni­ge Bücher und Ideen so in unse­re Zeit hin­ein, daß sie auf heu­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen die rich­ti­gen Ant­wor­ten parat hät­ten. Die Situa­ti­on, in die wir hin­ein­ge­stellt sind, ist das teil­wie­der­ver­ei­nig­te Deutsch­land, das von einer über­mäch­ti­gen EU innen­po­li­tisch und von dem Hege­mon USA außen­po­li­tisch domi­niert und mani­pu­liert wird. Das ist im Ver­gleich zum Kal­ten Krieg, als Moh­ler und die Zeit­schrift Cri­ticón ihre gro­ße Zeit hat­ten, eine ande­re Lage, und es bie­ten sich ande­re Handlungsmöglichkeiten.

Wie fest der Über­bau sitzt, war in den letz­ten 30 Jah­ren gut zu beob­ach­ten. Bereits 1993 wur­de mit Stef­fen Heit­mann ein »Ossi« als Bun­des­prä­si­dent vor­ge­schla­gen. Eini­ge Äuße­run­gen zu den hei­li­gen Kühen Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung und Aus­län­der (das Kli­ma spiel­te damals noch kei­ne Rol­le) sorg­ten für einen Sturm der Ent­rüs­tung, der Heit­mann die Unter­stüt­zung der CDU kos­te­te, so daß er sei­ne Kan­di­da­tur zurück­zog. Eben­falls 1993 erschien der Essay »Anschwel­len­der Bocks­ge­sang« von ­Botho Strauß. Der Spie­gel druck­te ihn, heu­te undenk­bar, und er ist gewis­ser­ma­ßen das Grün­dungs­do­ku­ment des IfS und der Sezes­si­on, die nicht ohne Grund ihren Namen trägt.

Denn bei Strauß heißt es: »Der Leit­bild-Wech­sel, der längst fäl­lig wäre, wird nie­mals statt­fin­den. Zum Sturz des fau­len Befrei­ungs­zau­bers, des sub­ver­si­ven Gemüts­kit­sches wird es nicht kom­men. Das alles geht über in eine end­lo­se Pro­lon­ga­ti­on durch tech­ni­sche Wie­der­auf­be­rei­tung. Dabei: so vie­le wun­der­ba­re Dich­ter, die noch zu lesen sind – so viel Stoff und Vor­bild­lich­keit für einen jun­gen Men­schen, um ein Ein­zel­gän­ger zu wer­den. Man muß nur wäh­len kön­nen; das ein­zi­ge, was man braucht, ist der Mut zur Sezes­si­on, zur Abkehr vom Main­stream. Ich bin davon über­zeugt, daß die magi­schen Orte der Abson­de­rung, daß ein ver­spreng­tes Häuf­lein von inspi­rier­ten Nicht­ein­ver­stan­de­nen für den Erhalt des all­ge­mei­nen Ver­stän­di­gungs­sys­tems uner­läß­lich ist.«

Das war der Aus­lö­ser­text für unse­re Gene­ra­ti­on, und das ist, in allem resi­gna­ti­ven Opti­mis­mus, in dem Strauß das damals geschrie­ben hat, heu­te gül­ti­ger denn je. Denn dar­in ist der Spa­gat, den der­je­ni­ge, der nicht nur einen Platz im Sys­tem begehrt, weil er meint, daß da die Fal­schen an der rich­ti­gen Stel­le säßen, jeden Tag voll­zie­hen muß: zwi­schen der Ein­sicht in die Aus­sichts­lo­sig­keit, die hier nichts ande­res meint als die aus­re­chen­ba­re Aus­sicht auf Erfolg, und der Über­zeu­gung, es den­noch tun zu müs­sen, weil sonst die völ­li­ge Heil- und Sprach­lo­sig­keit dro­he, weil sonst kein Fun­ken Hoff­nung mehr glimme.

Der Name Sezes­si­on ist daher Pro­gramm, und wenn wir gefragt wer­den, was mit »Sezes­si­on« gemeint sei, dann den­ken wir nicht an die Abtren­nung Bran­den­burgs oder Sach­sen von Deutsch­land, son­dern ver­wei­sen auf die grund­sätz­li­che Bedeu­tung des Wor­tes: unse­ren Mut zur Sezes­si­on, oder anders aus­ge­drückt: wir machen nicht mit und gehen davon aus, daß gelo­gen wird, wenn alle das­sel­be sagen.

Im April 2003, zehn Jah­re vor Grün­dung der AfD, erschien die ers­te Aus­ga­be der Sezes­si­on, damals noch als Vier­tel­jah­res­zeit­schrift, seit 2006 zwei­mo­nat­lich. Im Okto­ber 2003 folg­te jener geschichts­po­li­ti­sche Skan­dal, der zum Par­tei­aus­schluß Mar­tin Hoh­manns aus der CDU führ­te. Im ­Dezem­ber 2006 trat mit Hen­ry Nitz­sche ein MdB unter Pro­test gegen Multi­kulti aus der CDU aus. 2009 erschien Thi­lo Sar­ra­zins Skan­dal-Inter­view in Lett­re Inter­na­tio­nal, ein Jahr spä­ter sein Buch, das für ernst­haf­te Bewe­gun­gen im Über­bau sorg­te. Die Sezes­si­on wid­me­te ihm eine ihrer sel­te­nen Sonderausgaben.

AfD und Pegi­da waren 2014 ein wei­te­rer Anlaß für sol­che Zwi­schen­hef­te, eben­so die geschichts­po­li­ti­sche Debat­te um das Buch Finis Ger­ma­nia von Rolf Peter Sie­fer­le im Jahr 2017. Das waren Kon­tro­ver­sen, die etwas bewegt haben, die den Raum des Sag­ba­ren aus­ge­wei­tet haben. Nicht nur, weil jemand etwas sag­te, der als unan­greif­bar galt, son­dern auch, weil die anschlie­ßen­den Dis­kus­sio­nen und Ver­su­che der Mund­tot­ma­chung vom Publi­kum mit Unver­ständ­nis quit­tiert wur­den. Ver­öf­fent­lich­te und öffent­li­che Mei­nung stan­den in einem wahr­nehm­ba­ren Gegen­satz, und sol­che Kon­stel­la­tio­nen sor­gen stets für Bewegung.

Seit­her sind Gewiß­hei­ten wie Staat, Nati­on und Volk durch die Schaf­fung von neu­en Tat­sa­chen ins Wan­ken gera­ten. Es stel­len sich neue Fra­gen: Wenn Staat und Zivil­ge­sell­schaft unun­ter­scheid­bar wer­den, wie stel­len wir uns dann zum Staat? Wenn EU-Euro­pa und NATO anti­deut­sche Ver­an­stal­tun­gen sind, wie stel­len wir uns dann zu die­sen Zusam­men­schlüs­sen? Sind wir noch immer für oder mitt­ler­wei­le doch gegen den Staat in sei­ner der­zei­ti­gen Gestalt? Hieß es in der Jun­gen Frei­heit nicht auf dem Höhe­punkt der Coro­na-Impf­kam­pa­gne in einem Kom­men­tar von Karl­heinz Weiß­mann »Ärmel hoch!«, liest man dort nicht immer wie­der vom bür­ger­li­chen Block aus AfD, CDU und FDP, der eine Mehr­heit hät­te? Und ist nicht dort auch die Nei­gung beson­ders groß, die Lügen der Ame­ri­ka­ner zu glau­ben, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf den Ukrainekrieg?

Aber die­se inter­nen Ris­se sind immer vor dem Hin­ter­grund einer umfas­sen­den Äch­tung zu lesen: Frü­her wur­de die Sezes­si­on in der FAZ bespro­chen, meis­tens wohl­wol­lend und inter­es­siert. Heu­te geht es, falls über­haupt berich­tet wird, nur noch um die Sezes­si­on als Code für rechts­extre­me Intel­lek­tua­li­tät, nicht mehr um ihre Inhalte.

Es steht einem Pro­jekt wie der Sezes­si­on gut zu Gesicht, einen Klein­krieg, einen Bewe­gungs­krieg gegen den über­mäch­ti­gen Über­bau zu füh­ren. Dazu muß man immer in Bewe­gung sein, um dem Geg­ner zu ent­wei­chen – und ihn mög­lichst im Gegen­stoß an einer über­ra­schen­den Stel­le zu tref­fen. Aber eine Zeit­schrift ist kei­ne Gue­ril­la­for­ma­ti­on, son­dern – solan­ge sie nicht ver­bo­ten ist – ein Medi­um, das sei­ne Qua­li­tät und Über­zeu­gungs­kraft der Tat­sa­che ver­dankt, daß ihre Macher im Leben ste­hen, kei­ne Luft­men­schen sind, aber auch nicht im Kel­ler­loch einer ver­bohr­ten Ideo­lo­gie hocken.

Mit Blick auf die Bewe­gun­gen im Über­bau wird man sogar sagen kön­nen, daß sich die Sezes­si­on ange­sichts des­sen sogar als ein Fels in der Bran­dung gezeigt hat. Wir muß­ten uns nicht oft kor­ri­gie­ren, weil das skep­ti­sche Men­schen­bild, der Blick auf die Wirk­lich­keit und der gehö­ri­ge Respekt vor dem Bestehen­den eine gute Grund­la­ge für die poli­ti­sche Urteils­kraft sind.

Ich will aber nicht ver­ges­sen, daß die Sezes­si­on neben der Ori­en­tie­rung auch Unter­hal­tung und Wis­sens­ver­mitt­lung zu bie­ten hat, wenn auch von Aus­ga­be zu Aus­ga­be in unter­schied­li­chen Antei­len. Das erfolgt nicht in Form auf­dring­li­cher Ange­bo­te, son­dern in der vor­neh­men Wei­se des grund­sätz­li­chen Argu­men­tie­rens und des lei­ten­den Hinweisens.

Die­ser Anspruch, der nicht zuguns­ten der poli­ti­schen Ein­deu­tig­keit auf­ge­ho­ben wird, der kei­ne eso­te­ri­sche Oase errich­tet und auch nicht in Gleich­gül­tig­keit oder Unein­deu­tig­keit abglei­tet, zeich­net die Sezes­si­on aus. Unse­re Zeit­schrift hat nur eine Zukunft, eine Chan­ce auf die nächs­ten 20 Jah­re, wenn es uns gelingt, eine Posi­ti­on zu behaup­ten, die uns für die übli­chen Bewe­gun­gen im Über­bau unan­greif­bar macht.

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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