Vor 100 Jahren verstarb Vilfredo Pareto. Winfried Knörzer erinnert.

Vilfredo Pareto (1848 – 1923) hat den Rang ­eines Klassikers sowohl in der Nationalökonomie als auch in der Soziologie inne. Wie es bei Klassikern oft der Fall ist, wird auch Pareto häufig erwähnt, aber selten gelesen.

In den Lehr­bü­chern zur Geschich­te der Sozio­lo­gie wird er pflicht­schul­dig abge­han­delt, aber die deut­sche Über­set­zung sei­nes Haupt­werks Trat­ta­to di socio­lo­gia gene­ra­le, die sich ohne­hin nur auf die wich­tigs­ten Kapi­tel beschränk­te, ist seit Jahr­zehn­ten ver­grif­fen. Nur eine Samm­lung aus­ge­wähl­ter Auf­sät­ze ist aktu­ell in Deutsch­land erhält­lich. Die ver­dienst­vol­len Bemü­hun­gen Gott­fried Eis­er­manns in den 1960er Jah­ren, Pare­to auch hier­zu­lan­de bekann­ter zu machen, ver­lie­fen im Sande.

Pare­to ist bis heu­te durch einen sei­ner vie­len Bei­trä­ge zur Nut­zen­theo­rie popu­lär – die soge­nann­te 80 : 20-Regel (Pare­to­prin­zip). Bei­spiel: Beim Auf­räu­men eines zuge­müll­ten Zim­mers hat man mit 20 Pro­zent des Gesamt­auf­wan­des bereits zu 80 Pro­zent Ord­nung geschaf­fen; um die rest­li­chen Din­ge sinn­voll zu ver­stau­en, wird ein immer grö­ße­rer Auf­wand erforderlich.

Die Grund­an­nah­men der Nut­zen­theo­rie haben auch die spä­te­ren sozio­lo­gi­schen Arbei­ten Pare­tos geprägt. Um das Han­deln von Men­schen zu ana­ly­sie­ren, darf man nicht von einem abs­trakt kon­stru­ier­ten Homo oeco­no­mic­us aus­ge­hen, der sich auf dem Markt nur am Ver­hält­nis von Ange­bot und Nach­fra­ge ori­en­tiert, son­dern muß die tat­säch­lich statt­fin­den­den Hand­lun­gen beob­ach­ten und deren Moti­va­tio­nen zu ver­ste­hen ver­su­chen. Der Begriff des Nut­zens lei­tet selbst schon von der Öko­no­mie zur Sozio­lo­gie über; er ist kei­ne ratio­na­le Grö­ße, da der »Nut­zen« vom Kon­text abhän­gig ist.

Blickt man auf Pare­tos geis­ti­ges Por­trät, so tre­ten Licht- und Schat­ten­sei­ten in schar­fem Kon­trast her­vor. Er war zwan­zig Jah­re lang Inge­nieur und daher in beson­de­rem Maße vom posi­ti­vis­ti­schen Geist sei­ner Epo­che geprägt. Die Natur­wis­sen­schaf­ten waren sein Vor­bild, wes­halb er auch immer dar­an fest­hielt, deren Erkennt­nis­mo­dell auf die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten zu übertragen.

Als Posi­ti­vist glaub­te er, man kön­ne eine objek­ti­ve Wahr­heit ent­de­cken, wenn man nur die Vor­ur­tei­le der herr­schen­den Leh­re und die eige­ne Vor­ein­ge­nom­men­heit abstrei­fe. Aber genau die­ser Glau­be führ­te ihn über den Posi­ti­vis­mus hin­aus, da er ihn dazu ver­an­laß­te, die Wahr­heits­su­che bis zur äußers­ten Kon­se­quenz vor­an­zu­trei­ben. Er fand näm­lich her­aus, daß mensch­li­ches Han­deln weit­aus weni­ger von der Ver­nunft bestimmt sei, als die Wis­sen­schaft behaupte.

Jeder Zei­le sei­nes Wer­kes merkt man das Erstau­nen und manch­mal auch die Empö­rung dar­über an, daß es auf der Welt nicht so ver­nünf­tig zugeht, wie es eigent­lich sein soll­te. Die­se Ein­sicht hat­te zwei Fol­gen: Sie ver­half ihm einer­seits zu einer illu­si­ons­lo­sen, wert­frei­en Welt­sicht, die es ihm ermög­lich­te, die den sozia­len Phä­no­me­nen zugrun­de­lie­gen­den Moti­va­tio­nen inter­pre­ta­tiv frei­zu­le­gen. Die­se Deu­tungs­kunst macht ­Pare­tos Stär­ke aus.

Ande­rer­seits ver­such­te er dem man­nig­fal­ti­gen Cha­os nicht­ra­tio­na­ler Hand­lun­gen eine ratio­nal ana­ly­sier­ba­re Ord­nung in Form eines Sys­tems abzu­ge­win­nen. Mit die­sem Ansatz fiel er aber hin­ter den Posi­ti­vis­mus zurück und zwar in eine baro­cke Taxo­no­mie mit kon­fu­sen Klas­si­fi­ka­tio­nen und abstru­sen Deduktionen.

Pare­to gelang­te nicht dank, son­dern trotz sei­ner Theo­rie zu sei­nen bahn­bre­chen­den Ein­sich­ten in die Funk­ti­ons­wei­se sozia­ler Pro­zes­se. ­Pare­tos sozio­lo­gi­sches Sys­tem ist gewis­ser­ma­ßen die Deri­va­ti­on sei­ner intui­tiv gewon­ne­nen Erkennt­nis­se. Die Schwä­che von Pare­tos Sys­tem­kon­struk­ti­on zeigt sich bereits in einem ihrer zen­tra­len Bestand­tei­le: der Defi­ni­ti­on der Resi­du­en. Die­ser wur­de selbst von den wohl­wol­lends­ten Inter­pre­ten man­geln­de Kon­sis­tenz vor­ge­wor­fen. Resi­du­en sind ide­al­ty­pi­sche Moti­va­ti­ons­kom­ple­xe, von Pare­to oft ein­fach nur Instink­te genannt. Sozia­les Han­deln deu­tet Pare­to, indem er es auf die ihm zugrun­de­lie­gen­den Resi­du­en zurück­führt. All­ge­mei­ne Bekannt­heit erlang­ten nur die bei­den ers­ten Resi­du­en aus einer Grup­pe von ins­ge­samt sechs.

Rela­tiv prä­zi­se ist der Inhalt des »Instinkts der Kom­bi­na­tio­nen«: Die­ser umfaßt eine pro­gres­si­ve Ein­stel­lung, die Suche nach Neu­em, Wage­mut, den Gebrauch von List und Über­re­dung im Umgang mit Men­schen und von Phan­ta­sie in schöp­fe­ri­scher Arbeit. Die­se men­ta­le Dis­po­si­ti­on ver­kör­pert sich in den Ide­al­ty­pen des Spe­ku­lan­ten im Öko­no­mi­schen und des Fuch­ses im Poli­ti­schen. Die­ses Resi­du­um tritt in hoch­zi­vi­li­sier­ten Epo­chen in den Vor­der­grund. Ist die­ser Typus zur Füh­rung gelangt, herrscht er durch Konsens.

Die zwei­te Kate­go­rie trägt den Titel: »Per­sis­tenz der Aggre­ga­te«. Sie wird ver­kör­pert durch die Typen des Rent­ners und des Löwen. Der Rent­ner lebt von sei­nen Erspar­nis­sen, Pfrün­den, Pri­vi­le­gi­en oder sons­ti­gen fes­ten Bezü­gen und ist dar­um Ver­än­de­run­gen abge­neigt; er ist pas­siv und ängst­lich. Der Löwe zieht sein Selbst­be­wußt­sein aus sei­ner Stär­ke und Aggres­si­vi­tät; er herrscht durch Gewalt.

Die men­ta­len Dis­po­si­tio­nen bei­der Typen schlie­ßen ein­an­der aller­dings aus: Man kann nicht gleich­zei­tig pas­siv und aggres­siv sein, mit Gewalt die Macht ergrei­fen und sich vor Ver­än­de­run­gen fürchten.

Trotz die­ses Man­gels an defi­ni­to­ri­scher Prä­zi­si­on tritt hier aller­dings auch Pare­tos Genia­li­tät zuta­ge, da er mit der Unter­schei­dung die­ser bei­den Typen die­je­ni­ge von ­Dani­el Good­hart zwi­schen den »Some­whe­res« und den »Any­whe­res« bei­na­he wört­lich vor­weg­ge­nom­men hat: »In der ers­ten Kate­go­rie befin­den sich die ›Ver­wur­zel­ten‹, in der zwei­ten die ›Ent­wur­zel­ten‹.«

Blei­ben­de Bedeu­tung erlang­te Pare­to durch sei­ne Eli­ten­theo­rie, deren Eigen­heit vor allem in der Ana­ly­se der Eli­ten­zir­ku­la­ti­on besteht. Die Idee der Eli­ten­zir­ku­la­ti­on ergibt sich zwin­gend aus Pare­tos theo­re­ti­schen Grundannahmen:

1. Über­wie­gend bestim­men Instink­te das Handeln;

2. Jede abgrenz­ba­re Groß­grup­pe, also auch die herr­schen­de Klas­se, setzt sich aus Men­schen gleich­ar­ti­ger Instinkt­kon­sti­tu­ti­on zusammen;

3. Da die Instinkt­kon­sti­tu­ti­on und damit auch der Men­schen­ty­pus der herr­schen­den Klas­se sich nicht ver­än­dern kön­nen, kann die herr­schen­de Klas­se sich nur ver­än­dern, wenn der bis­lang domi­nie­ren­de Men­schen­ty­pus durch einen ande­ren ersetzt wird.

Am Anfang jedes neu­en Zyklus steht die Gewalt. Eine Grup­pe aggres­si­ver Men­schen (Resi­du­um der »Per­sis­tenz der Aggre­ga­te«) hat durch Erobe­rung oder Revo­lu­ti­on die Macht ergrif­fen. Herr­schaft kann aber nicht dau­er­haft durch Anwen­dung nack­ter Gewalt auf­recht­erhal­ten wer­den. Sie muß sich legi­ti­mie­ren, auf der Zustim­mung der Herr­schafts­un­ter­wor­fe­nen auf­bau­en. Zugleich beginnt durch inne­ren Frie­den und Rechts­si­cher­heit die Wirt­schaft zu florieren.

Die­se bei­den Ent­wick­lun­gen, Kon­sens­her­stel­lung und Wirt­schafts­wachs­tum, begüns­ti­gen den Auf­stieg eines Men­schen­ty­pus, der sich nicht durch Aggres­si­vi­tät, son­dern durch Intel­li­genz (Resi­du­um des »Instinkts der Kom­bi­na­tio­nen«) aus­zeich­net. Dis­kurs- und Güter­pro­duk­tio­nen gewin­nen an Bedeu­tung und damit auch der die­se Tätig­kei­ten aus­üben­de Men­schen­ty­pus. Die­ser steigt also in die Ober­schicht auf, ist aber noch von der eigent­li­chen, der poli­ti­schen Herr­schaft aus­ge­schlos­sen. Es exis­tie­ren somit in der Ober­schicht zwei ver­schie­de­ne Frak­tio­nen: eine domi­nan­te (die Eta­blier­ten, die durch das Schwert herr­schen) und eine domi­nier­te (die Auf­stei­ger, deren Macht auf ihrer Geis­tes­kraft oder ihrem Reich­tum beruht).

Jetzt ent­schei­det es sich, ob die wei­te­re Ent­wick­lung fried­lich oder gewalt­sam ver­läuft. Fried­lich voll­zieht sie sich, wenn ein­zel­ne, beson­ders unfä­hi­ge Ange­hö­ri­ge der domi­nan­ten Frak­ti­on aus­schei­den und in den frei­ge­wor­de­nen Platz durch Koopt­a­ti­on Ange­hö­ri­ge der domi­nier­ten Frak­ti­on ein­rü­cken. Zur Revo­lu­ti­on kommt es, wenn die domi­nan­te Frak­ti­on sich kom­plett abschließt, und vor allem dann, wenn sie der Lage mit Zucker­brot und Peit­sche Herr zu wer­den versucht.

In die­ser Pha­se macht sich die domi­nier­te Frak­ti­on zum Sprach­rohr der beherrsch­ten, unte­ren Schich­ten. Sie benutzt die Aggres­si­vi­tät, den Zorn und die zah­len­mä­ßi­ge Stär­ke der unte­ren Klas­sen als Instru­ment, um selbst zur Herr­schaft zu gelan­gen. Hat sie die­ses Ziel erreicht, so wird das Bünd­nis auf­ge­kün­digt und der Mohr, der sei­ne Schul­dig­keit getan hat, mit eini­gen Geschen­ken und Phra­sen besänf­tigt. Nie­mals gelan­gen die unte­ren Schich­ten als sol­che an die Macht, son­dern immer nur der­je­ni­ge klei­ne Teil, deren Eli­te, der bereits in die Ober­schicht auf­ge­stie­gen ist.

Der eigent­li­che Klas­sen­kampf ereig­net sich stets nur in der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen der domi­nan­ten und der domi­nier­ten Frak­ti­on inner­halb der herr­schen­den Klasse.

Pare­to wur­de in sei­nem letz­ten Lebens­jahr von Mus­so­li­ni hofiert, was ihn dem Ver­dacht aus­setz­te, mit dem Faschis­mus zu sym­pa­thi­sie­ren. Aber: Pare­to ist weder rechts noch links, son­dern ein zynisch gewor­de­ner, unbe­stech­li­cher Ana­ly­ti­ker der Gesellschaft.

Er scheint links zu sein, weil er scho­nungs­los die Machen­schaf­ten der herr­schen­den Klas­sen und deren Aus­beu­tung des Vol­kes aufdeckt.

Er scheint rechts zu sein, weil er die Schwä­che der hyper­zi­vi­li­sier­ten Deka­den­ten ver­ach­tet, die vor jedem Gewalt­ge­brauch zurück­schre­cken, und weil er die huma­nis­ti­sche Heu­che­lei verspottet.

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Kommentare (13)

Niekisch

29. August 2023 17:44

Besten Dank für diesen Beitrag. Es lohnt, sich mit den Leuten zwischen "rechts" und "links" zu beschäftigen. Wenn Vilfredo Pareto der " Karl Marx der Bourgeoisie" war, so war Ernst Niekisch der " Vilfredo Pareto der deutschen Politik".
"...er mit der Unterscheidung dieser beiden Typen diejenige von Daniel Goodhart zwischen den »Somewheres« und den »Anywheres« beinahe wörtlich vorweggenommen hat"
"Er fand nämlich heraus, daß menschliches Handeln weitaus weniger von der Vernunft bestimmt sei, als die Wissenschaft behaupte."
Damit nahm er die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse u.a. des Psychiaters und computationalen Neurowissenschaftlers Philipp Sterzer ( Die Illusion der Vernunft, Ullstein 2022 ) vorweg, wonach wir von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten, weil sie aus eigengefilterter "Realität" entstehen.
Mongardini, Carlo, Herausgeber, Vilfredo Pareto, Ausgewählte Schriften, Ullstein Tb 1975, 487 S., kann ich nur empfehlen. Es weitet den Blick.

Laurenz

29. August 2023 18:51

@WK ... ziemlich schlau, diesen Mann uns in unserer jetzigen Situation im besten Deutschland aller Zeiten vorzustellen. 

RMH

29. August 2023 21:31

Danke für den interessanten Beitrag. In politischen Debatten fällt einem des öfteren auf, dass mit dem Paretoprinzip, welches im Artikel richtig dargestellt wurde, sehr oft auf das angespielt wird, was aber korrekterweise unter dem Ostrogorski-Paradox abgehandelt wird und mit Pareto nichts zu tun hat.
Schade, dass es keine anonymenen Leistungs- und Wissentests unter Abgeordneten gibt. Würde mich wundern, wenn eine Mehrheit Pareto überhaupt kennt, geschweige denn R. Michels oder Ostrogorski. Schon für M. Weber würde ich nicht mehr meine Hand ins Feuer legen und der sollte eigentlich Pflichtlektüre für alle Abgeordneten sein.

Karl Otto

30. August 2023 09:52

Habe vor längerem mal versucht, Bücher von dem zu bekommen. Es gibt nichts, zumindest nicht in deutscher Übersetzung.

Umlautkombinat

30. August 2023 11:08

Ich habe hier begriffliche Probleme. Vorweg: Paretobegriffe kenne ich belastbar nur aus der Mathematik, was hier nicht der Schwerpunkt ist.
> Die zweite Kategorie trägt den Titel: »Persistenz der Aggregate«. Sie wird verkörpert durch die Typen des Rentners und des Löwen.
Nach der deutschen Wikipedia ist Residuum 2 eine verbundene Eigenschaft, es gibt den Loewen nicht getrennt, sondern nur in Kombination (in einer Person? Unklar) mit Ziel der Erreichung des Rentnerzustands.
In diesem Artikel wiederum gibt es den Loewen ueberhaupt nicht als Teil von Residuum 2, sondern das Konzept eher verteilt in einigen der anderen, speziell Res. 1 (welches auch als Antithese benannt wird).
Das sollte man klaeren. Etwas abenteuerlich erscheint mir die Gleichsetzung mit dem anywhere/somewhere Begriffskomplex. Die Fusstruppen der anywheres haben keinerlei Loeweneigenschaften. Das ist das Feigste, was es gibt. Deren Fuehrer vielleicht in einigen Aspekten an Skrupellosigkeit, aber das variiert.

Artabanus

30. August 2023 13:56

Vielen Dank für diesen Interessanten Artikel. Laut Pareto erfolgt also die Machtergreifung zunächst gewaltsam um danach allmählich in ein vom Konsens getragenes System überzugehen. 
Ich denke wir befinden uns zur Zeit im entgegengesetzten Prozess, wo der gesellschaftliche Konsens allmählich verschwindet und die Machtausübung durch nackte Gewalt mehr und mehr um sich greift. 

FraAimerich

30. August 2023 22:50

Mit der Vernunft ist es so eine Sache. Begrifflich leitet sie sich vom "Vernehmen" ab. Da ist natürlich die Frage, was man vernimmt. Zum Beispiel hört es zwar mancher noch läuten, weiß aber nicht, wo die entsprechenden Glocken hängen bzw. in wessen (geistiger) Einflußsphäre er sich befindet. 
 
Das Denken in Gegensatzpaaren hat seine Berechtigung und Tradition. Es kommt darauf an, ob die Gegensätze als antagonistisch oder komplementär erfaßt werden. (Besonders augenfällig in der Geschlechterfrage.) - Der Links-Rechts-Gegensatz etwa kann zu einem gewissen Teil entweder "komplementär" überwunden und gegen den Feind in Anschlag gebracht werden. - Oder er dient diesem in altbekannter Weise als Herrschaftsinstrument (divide et impera).
 
Auch dem Gegensatz von Ver- u. Entwurzelung wohnt eine dynamische Dialektik inne. Man muß nur vom neckischen Gerede der Anywheres und Somewheres wegkommen, als handle es sich um frei wählbare Lebensentwürfe, und Ursache bzw. Folge der Entwurzelungsprozesse benennen, nämlich den Willen zur Unterwerfung der Völker - ihrer Kulturen, Lebensweisen, Gemeinschaften, Wertschöpfung - unter "Weltmarktgesichtspunkte".
 
Damit wäre dem Liberalismus und den Neo-Neocons der letzten Schlacht besser entgegenzutreten als mit dem verräterischen Anbiedern jener Rechten, die sich in Krisenzeiten stets ins Lager des Feindes zu retten versuchen, weil sie "die Kommunisten", Chinesen, Russen und den Islam (vermeintlich) noch mehr fürchten als Zuckerbrot und Peitsche Satans.

FraAimerich

30. August 2023 22:50

Wer "vernehmen" kann, daß sich derzeit ein Zyklus schließt, nämlich jener des Materialismus, Vermassungs- und Vernutzungsdenkes, des Szientismus und Fortschrittsglaubens, der mit der "Anglo*balisierung" seinen Höhepunkt hoffentlich bereits hinter sich hat, wird zu anderen Urteilen über die "zu bewahrenden" Errungenschaften des Westens und des Finanzmarktgesindels kommen als ein braver Konservativer, der nicht von der Illusion lassen möchte, daß sich der beklagte Niedergang allein (Krypto-)Kommunisten, Alt- und Kulturmarxisten, "68ern" oder gar den heutigen Grünen ins Schuldbuch schreiben ließe. Der Niedergang ist durch kein Herumreißen des Steuers irgendwie aufzuhalten oder gar umzukehren. Er ist vielmehr Bedingung des Neuanfangs.
 
Hier waren "wir" theoretisch vor 20 Jahren schon mal weiter. Auch was die Überwindung des unzeitgemäßen Links-Rechts-Schemas angeht. Der gezielt herbeigeführte "Clash of Civilizations", die Schockwelle von "9/11" und natürlich vor allem das offene Bekenntnis des Staates zur Massenmigration, haben die Debatte verdünnt und zurückgeworfen. - Psalmenende.

Umlautkombinat

31. August 2023 10:54

> ein Zyklus schließt, nämlich jener des Materialismus, Vermassungs- und Vernutzungsdenkes, des Szientismus und Fortschrittsglaubens
 
Ich weiss nicht, wo diese Primitivinterpretation des Begriffes Materialismus, die Gleichsetzung mit nennen wir es einmal Konsumismus, immer wieder herkommt. Hat nichts damit zu tun. 
 
Was den Szientismus betrifft - in dem kommen wir wohl eher gerade erst umfaenglich an.  Cargokultartige und interessengeleitete Erkenntnisverbiegungen zur Unkenntlichkeit sind ein Charaktermerkmal dieser Jetztzeit, das gab es so noch nie. Nicht der Szientismus wird weggekippt, sondern echte Wissenschaft.
 
Und deren "Ersatz" moechte ich um Laengen nicht gegenueber anderen negativen Dingen haben. Dumpfe Glaubenssysteme verschiedenster Couleur ohne Abbindung und Kontrolle durch Realitaet, das gab es schon alles, auch in furchtbarer Form. DAS ist ein Rueckschritt. 

Niekisch

31. August 2023 11:42

"Hier waren "wir" theoretisch vor 20 Jahren schon mal weiter"
@ FraAimerich 30.8. 22:50: Ich denke da auch an die Netzplattform "gesamtrechts" mit zwei Leserblogs, von denen ich den einen betrieb. Die Plattform mußte eingestellt werden, weil rechtswidrig urheberrechtlich geschützte Bilder eingestellt wurden und daraufhin ein Strafgeld von 250000 Euro angedroht wurde. Da wurde schon ein "Weltanschauliches Minimum" zum Überwinden von "rechts" und "links" diskutiert, sogar ein Verhaltenskodex für Aktivisten. 

FraAimerich

1. September 2023 02:49

@Umlautkombinat: "Ich weiss nicht, wo diese Primitivinterpretation des Begriffes Materialismus, die Gleichsetzung mit nennen wir es einmal Konsumismus, immer wieder herkommt."
 
Wollen Sie mir diese "Primitivinterpretation" unterstellen? Auf welcher Grundlage? 
Was die "echte" Wissenschaft angeht - verhält es sich mit dieser evtl. ähnlich wie mit dem "wirklichen Kapitalismus" und dem "wahren Sozialismus"? Ich hatte nämlich eher die "realexistierende" im Auge. Als Instrument des Materialismus und im Dienst herrschender Kapitalinteressen wird diese "falsche" Wissenschaft gewiß noch toben und verheerend um sich schlagen. Das dürfte furchtbar werden, diese Sorge immerhin teilen wir offenbar.

FraAimerich

1. September 2023 02:56

@Niekisch
 
Ja, es gab einige interessante Ansätze, auch Diskussionspapiere und Publikationen. Beiträge von Claudio Mutti erschienen in der "Deutschen Stimme" und im "Neuen Forum". Übersetzungen der Texte des am 3. September 2005 in Florenz verstorbenen Carlo Terracciano zirkulierten. Der Regin-Verlag wirkte zeitweilig unter fachkundiger Anleitung eines Spezialisten auch in diese Richtung. Dugin reiste durch Europa. "Alte" Nationalrevolutionäre und Nationalbolschewisten erarbeiteten sich Zugang zur Integralen Tradition. Man begann, den Unterschied zwischen Imperium und Imperialismus, Materie und Materialismus, Rasse und Rassismus zu begreifen. Im "Bio-Regionalismus" gab es sogar erste zarte Ansätze zur Querfront. Das alles war "divers" im besten Sinne, erfrischend antiimperialistisch, antikolonialistisch und im Sinne E. Niekischs oder auch F. Hielschers so "antiwestlich", daß sogar manchem Linken das Herz aufging... Scheint aber heute weitgehend vergessen und verpufft.

FraAimerich

1. September 2023 12:42

@Umlautkombinat
Wer bei Materialismuskritik sofort und auschließlich an "Konsumismus" denkt und diesen eigenen Kurzschluß dann noch auf den Gegner projiziert, um diesem spöttisch die eigene Interpretation als Makel anzuhängen - handelt der in Ihrem Sinn rational und wissenschaftlich - "ergebnisoffen" gar?
Dann brauchen wir über Ruhm und Elend des Rationalismus gar nicht erst streiten. Eines der Kernprobleme beim Einsatz der Vernunft habe ich oben in meiner bekannt primitiven Eitelkeit bereits einleitend angedeutet.
Ändert alles natürlich nichts daran, daß die Wissenschaft ein faszinierendes Hobby ist.

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