Sezession
1. Oktober 2005

Lächelnd stur – Peter Hahne

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 11 /Oktober 2005

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez_nr_11Wenn von einem Sachbuch innerhalb eines Jahres in Deutschland über 600.000 Exemplare verkauft werden, ist das ein Ereignis, das gedeutet werden muß. Des Hauptstadtjournalisten Peter Hahnes kleine Streitschrift Schluß mit lustig. Das Ende der Spaßgesellschaft (Johannis-Verlag) wird – so berichten Buchhändler – von begeisterten Lesern im halben Dutzend erworben und verschenkt. Dies irritiert die professionellen Kritiker beinahe aller Feuilletons, die in Hahne einen Simpel sehen, einen nicht ungefährlichen Simpel.

Hahne ist nämlich erstens der Trompeter des gesunden Menschenverstands, und dieser ist bekanntlich überall dort aufzufinden, worüber das Feuilleton aus eigener Anschauung nicht schreiben, sondern nur klischeehaft („Stammtisch“) spotten kann.
Zweitens kommt Hahne ohne Fremdwörter und Schachtelsätze aus, und diese Schlichtheit paßt drittens zu seinem besorgniserregenden Mut, sich einfach auf Gott zu beziehen, wenn er festen Boden für seine Argumentationen sucht. „Gefragt ist heute kein multireligiöser Eintopf, sondern christliche Eindeutigkeit“: Solche Standfestigkeit muß jeden mit Sorge erfüllen, der Tag für Tag spaßeshalber hier oder dort einmal stehenbleibt, ein bißchen herumschnuppert und dann ironisch in einer Zeitung darüber schreibt, ohne je etwas ernst zu meinen, also: entschieden für oder gegen etwas zu sein.
Peter Hahnes Büchlein – es läßt sich in zwei Stunden gründlich lesen – ist hingegen in einem durchweg entschiedenen Ton gehalten. Es spricht vom Ende einer Spaßgesellschaft, die wir uns schon viel zu lange geleistet hätten. Eine der gefährlichsten Wirkungen dieser Spaßgesellschaft sei der „Verlust des Ernstes“. Darunter sind Erwachsene als ewige Kinder zu verstehen, die „auffällige Vermeidungshaltungen, mangelnde Entscheidungsfreude und die Unfähigkeit, einen Punkt zu setzen“ demonstrieren (Ellen Kositza: Kinder an der Macht, Sezession 7), infantile Menschen also, die sich hüten, mit irgend etwas Ernst zu machen. Im Ernstfall reagieren sie kindisch und hilflos – und stehen schockiert vor dem bitteren Ernst, den die Spaßgesellschaft mit jenen macht, die ihrem flotten Rhythmus nicht mehr folgen können. Denn die Spaßgesellschaft „verträgt keine Mißerfolge“ (Peter Hahne).
Von dieser grundsätzlichen Interpretation aus schmiedet Hahne Argumentationsketten zu gesellschaftlichen Entwicklungen, die er ohne Wenn und Aber als Fehlentwicklungen begreift: Kinderlosigkeit, Hedonismus, Leistungsverweigerung, Ausbeutung des Sozialstaats, Verlust von Manieren, religiöse Beliebigkeit. Die Verantwortung für den maroden Zustand des Landes lastet Hahne ohne langes Federlesen den Achtundsechzigern an, deren Credo er mit dem Dreiklang von „Freizeit, Gleichgültigkeit, Liederlichkeit“ wiederum schlicht und sloganartig auf den Punkt bringt.
Die Kritik hat dem Buch gerade diese direkten, formelhaften Bezüge übelgenommen und sich dabei gar nicht so sehr auf einzelne Unstimmigkeiten in den Argumentationen bezogen, sondern in der Eindeutigkeit Hahnes Ausgrenzungstendenzen und Intoleranz ausgemacht. Der Journalist Hahne hat diese Vorwürfe vorausgesehen und die verabsolutierte Toleranz als Bemäntelung einer jämmerlichen Unentschiedenheit bezeichnet: „Dabei ist diese Art von Toleranz oft nichts anderes als ein manipulatives Tarnwort für eigene Standpunktlosigkeit. In Wahrheit führt das, konsequent weitergedacht, zur Intoleranz. Denn wenn ich selber ohne eigene Überzeugung bin, billige ich auch anderen diese nicht zu.“ Über seinen eigenen Standpunkt läßt Hahne in der Tat keinen Zweifel, wenn er die kurzen Kapitel seines Buchs mit „Holt Gott zurück!“ oder „Comeback der Werte“ überschreibt.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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