Sezession
1. Juli 2005

Autorenportrait Carl Zuckmayer

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 10 / Juli 2005

sez_nr_10von Günter Scholdt

Carl Zuckmayer wurde am 27. Dezember 1896 im rheinhessischen Nackenheim geboren als Sohn eines Fabrikanten für Weinflaschenkapseln. Bei Kriegsausbruch 1914 meldete sich der Abiturient freiwillig und war zuletzt Artillerieleutnant an der Westfront und Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats in Mainz. Nach abgebrochenem Studium und ersten gescheiterten Dramenversuchen (Kreuzweg, 1920) schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, darunter als Dramaturg in Kiel und ab 1924 gemeinsam mit Brecht am Deutschen Theater in Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1925 mit der rheinhessischen Komödie Der fröhliche Weinberg, die von der begeisterten Berliner Kritik als neusachlich-vitalistische Beerdigung des Expressionismus gefeiert und mit dem Kleistpreis ausgezeichnet wurde. Zwei weitere erfolgreiche Volksstücke (Schinderhannes, 1927; Katharina Knie, 1929) schlossen sich an vor dem zweiten Höhepunkt: der Komödie Der Hauptmann von Köpenick (1931), in der Zuckmayer sein großes Thema „Heimat“ respektive „Heimatlosigkeit“ mit dem Konflikt zwischen Mensch und militaristisch geprägter Ordnung verknüpfte. Diese Stücke, die wie andere seiner Werke schon bald verfilmt wurden, machten ihn zu einem der populärsten Autoren seiner Zeit.

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Dies änderte sich schlagartig mit Hitlers Machtantritt. War doch Zuckmayer wegen der jüdischen Herkunft seiner Mutter sowie eigener NS-kritischer Äußerungen und Aktivitäten, zum Beispiel im Rahmen der „Eisernen Front“, politisch unerwünscht, was ein Verbot der Aufführung seiner Stücke in Deutschland zur Folge hatte. Er zog sich daher auf seinen Landsitz in Henndorf bei Salzburg zurück, um 1938, nach dem Einmarsch in Österreich, abermals zu emigrieren, zunächst in die Schweiz, 1939 in die USA. Dort war er kurzzeitig als Drehbuchautor in Hollywood und Dozent bei Piscator in New York tätig. Schließlich kaufte er eine Farm in Vermont und bestritt seinen Lebensunterhalt als Landwirt, eine Zeit, die auch in den Memoiren seiner Frau anschaulich gespiegelt ist. 1946 reiste er als Zivilangestellter des US-Kriegsministeriums nach Deutschland und schrieb engagierte Berichte zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Besatzern und Besiegten. Zuvor hatte er bereits im sogenannten Geheimreport mögliche Chancen ausgelotet, deutsche Kulturschaffende für einen geistigen Neuanfang heranzuziehen. 1948 siedelte er nach Saas Fee in der Schweiz um, seinem letzten Wohnsitz. Er starb am 18. Januar 1977 in Visp / Kanton Wallis.
Zuckmayer schrieb in allen literarischen Großgattungen, zudem für Funk und Film (Der blaue Engel). Er begann als Lyriker und veröffentlichte bereits 1917 in Franz Pfemferts Aktion. Die Gedichtsammlungen sind durch naturromantische wie heimatliche Akzente gekennzeichnet. Zu seinen bekanntesten epischen Werken gehört die 1945 erschienene humorvolle Erzählung Der Seelenbräu sowie der mit einer Fülle von Kulturportraits und Zeitskizzen versehene autobiographische Bestseller Als wär’s ein Stück von mir (1966). Den größten Zuspruch fand er als Dramatiker. Neben den bereits erwähnten Volksstücken der Weimarer Republik und den weniger geschätzten historischen (Der Schelm von Bergen, 1934; Barbara Blomberg, 1949) und zeitkritischen Schauspielen (Der Gesang im Feuerofen, 1950; Das kalte Licht, 1955; Der Rattenfänger, 1975) gehört das 1946 uraufgeführte Drama Des Teufels General als eines der ersten Problemstücke über das Dritte Reich zu den am häufigsten aufgeführten und diskutierten Werken der deutschen Bühnengeschichte.

Unter den bedeutenden deutschen Theaterdichtern war Zuckmayer der vielleicht letzte Gestalter großer Schicksale, Charaktere und Emotionen (zuweilen an der Grenze zur Sentimentalität). Als Autor schöpfte er vornehmlich aus eigenem Erlebnis, stets bereit, dem konkreten Menschen gegenüber Doktrinen und Ideologien den Vorzug einzuräumen. Sein vitalistischer Optimismus und naturreligiös fundierter Humanismus sprach vielen aus dem Herzen. „Kein deutscher Dramatiker“, schrieb Günther Rühle, habe im zwanzigsten Jahrhundert sein Publikum so unmittelbar „entzündet“ wie er. Der fröhliche Weinberg, Der Hauptmann von Köpenick und Des Teufels General seien „explosive Erfolge“ gewesen, tiefer verankert als durch „Zuschauerlust“, „Intellekt“ oder „vages Kunstbedürfnis“. Zuckmayer war der am meisten gespielte und wohl auch verdienende deutschsprachige Dramatiker der Weimarer Republik. Selbst als seine Beziehung zum deutschen Publikum zwischen 1933 und 1945 künstlich beschränkt wurde, verblieb ihm ein Rest an Popularität, an dem sich nach dem Krieg sofort wieder anknüpfen ließ. Sein Selbstverständnis als Vermittler zwischen Militärverwaltung und Bevölkerung erwarb ihm zudem neue Sympathien. So hat man zwischen 1947 und 1975 nicht weniger als 416 Inszenierungen seiner Stücke gezählt, darunter 125 vom Hauptmann von Köpenick und 97 von Des Teufels General.
Die überwiegende Mehrzahl der Aufführungen fiel allerdings in die erste Hälfte dieser Periode. Denn in den sechziger Jahren endete Zuckmayers Erfolgskarriere abrupt, und sein 100. Geburtstag im Dezember 1996 bot vielfältigen Anlaß, sich der peinlichen Unausgewogenheit innezuwerden, gemäß der bundesrepublikanische Meinungsbildner Verdienste belohnen und Gedenktraditionen etablierten. Vergleicht man zum Beispiel die beschämende Zurückhaltung deutscher Bühnen selbst in der Jubiläumssaison 1996 / 97 gegenüber Zuckmayer-Stücken und das insgesamt bescheidene Medieninteresse, kulminierend in einer ZDF-Gesprächsrunde, die bei aller Bemühtheit das tiefe Unverständnis der herrschenden Germanistenund Kritikergeneration gegenüber seiner Art Dramaturgie exemplarisch bekundete, mit den (von Reich-Ranicki bis Stoiber reichenden, fast sämtliche Kultur- und Politkreise umfassenden, quasi nationaloffiziösen) Brecht-Feiern zu dessen 100. Geburtstag, so erhält man einen kleinen Eindruck davon, was hierzulande der beschönigende Begriff „Paradigmenwechsel“ konkret umschließt.
Wie läßt sich dieser radikale Kurssturz der Zuckmayer-Aktie an der Meinungsbörse der Literatur- und Theaterleute begreifen? Es gibt eine ästhetisch-dramaturgische und eine politisch-ideologische Erklärung, die allerdings beide eng zusammenhängen. Die erstgenannte gipfelt im seinerzeit vielverwandten Schlagwort „Opas Theater ist tot“. Natürlich gehört der Aufstand gegen die Etablierten auch im Bereich der Kultur schon immer zum erwartbaren, in Maßen sinnvollen Brauch. Aber die von Autoren, Regisseuren und Kritikern so pauschal gefertigten Totenscheine für die Ästhetik der Ibsen, Hauptmann und Zuckmayer haben das Theater – dies sei bei allem Verständnis für periodische generationstypische Neuerungen gesagt – auch verarmt. Was mit dem völligen Sieg des heute favorisierten Entlarvungs-, Denunziations- und Grotesktheaters auf der Strecke blieb, hat Günther Rühle benannt: „Dieses Theater ist kein Theater der Anschauung mehr, der Betrachtung, des sich Einlassens, des Ein- und Mitfühlens, der Anteilnahme am Schicksal der Figuren. Das zeitgenössische Theater ist hervorgegangen aus der scharfen Kritik am Vorgefundenen und aus der Öffnung der szenischen Konventionen. Es giert nach ätzenden Bildern, Ironien und zynischer Bloßstellung der Personen, liebt die Depravierung.

Es spielt mit seinen Materialien, definiert Fremdheiten, Entfernungen, verzichtet auf Zusammenhänge, auch auf Analysen. Vor allem aber auf deutlich sichtbare Personen (Personen, nicht Figuren), die ins gelebte Leben mit seinen Verwerfungen und Irrungen verweisen und nicht nur aufs Theater. Auf Personen, die – auch wenn sie der Kritik unterliegen – doch noch Personen bleiben, die man lieben kann und lieben könnte, wenn sie anders wären. Zuckmayers Theater zeichnet sich dadurch aus, daß er kaum einer Person seine liebende Aufmerksamkeit verweigert, daß er die lebenskräftige Figur herausstellt, auch wenn sie untergeht. Er demonstriert an Menschen, nicht an den Zuständen. Noch lebt seine Vorstellung von Theater aus dem alten Menschentheater, das Ibsen erneuert und auch Gerhart Hauptmann nicht aufgegeben hat. Schauspieler lieben es mehr als heutige Regisseure, weil es Rollen bietet und nicht nur Spielfunktionen. Tragische Dämmerung, Wehmut, Lebenslust sind Begriffe, die das derzeitige Theater nicht kennt. Darum sind Zuckmayers Stücke zu Gegenstücken gegen den heutigen Usus geworden.“
Zuckmayers Credo einfühlender Menschendarstellung verbindet sich – und das macht seine heutige Geringschätzung zum Politikum – mit seiner Bewahrung von Werten und Haltungen, die im Bewußtsein vieler Achtundsechziger auf den Müllhaufen der Geschichte gehörten: Heimatliebe, (Geschichts-)Optimismus, vor allem aber eine selbst in schwerster Zeit nicht aufgekündigte patriotische Solidarität. Zudem erinnerte sein Plädoyer für den lebenstüchtigen wie -lustigen Vollblutmenschen seine Kritiker an das politisch mißbrauchte Ideal physischer, psychischer und moralischer „Gesundheit“, das sich im weltanschaulichen Streit als Gegenbegriff zu scheinbarer oder wirklicher Krankheit, Dekadenz und „seelenzergliedernden“ Selbstzweifeln etabliert hatte, – allerdings mit dem fundamentalen Unterschied, daß Zuckmayer nicht mitleidlos ausgrenzen oder gar züchten wollte, sondern lediglich den Glücksfall organischer Verbindung mit autochthonen Kräften der Natur wenigstens literarisch herbeirief.
Wo jedoch das Gros der Intellektuellen außerhalb des Einflußbereichs sozialistischer Propagandahelden als Fazit eines desaströsen Jahrhunderts nur mehr den gebrochenen Charakter beziehungsweise strukturgebeutelte Desperados gelten ließ, fehlte für seine ganzheitlichen Menschheitsentwürfe schlicht das Verständnis, und man entdeckte statt dessen fatale ideologische Nachbarschaften. Dabei verkörperte Zuckmayer vor allem jene Zuversicht, die an endgültige Götterdämmerungen nicht glaubte und auch nach Katastrophen Neuanfänge für möglich hielt, jenen unbändigen Willen, destruktiven Tendenzen Einhalt zu gebieten. Diese Botschaft vermittelte er zeit- und länderübergreifend, exemplarisch etwa in jenem noch heute imponierenden Aufruf zum Leben, verfaßt 1942 anläßlich des Freitods von Stefan Zweig, in dem er seine Exilkameraden dringlich beschwor, nicht zu verzweifeln und notfalls Hitler zum Trotz durchzuhalten. Mit vergleichbar lebensbejahender Tendenz wandte er sich in Des Teufels General an jenen Typus des idealistischen NS-Anhängers, der in todessüchtiger Opferbereitschaft auf den drohenden Zusammenbruch seines Weltbilds reagierte: „Hören Sie mir zu, Hartmann ... Sie sind jung, aber Sie wissen es nicht. Vor Ihnen liegt das Leben – aber Sie wissen nicht, was das Leben ist. Sie stecken in einer Krebsschale, in einer Austernmuschel, die Sie für die Welt halten, und spüren nicht, daß draußen, um Sie her, der ungeheure Ozean rauscht. Ich aber sage Ihnen, das Leben ist schön. Die Welt ist wunderbar. Wir Menschen tun sehr viel, um sie zu versauen, und wir haben einen gewissen Erfolg damit. Aber wir kommen nicht auf – gegen das ursprüngliche Konzept. ... Es ist das, was wir in unsren besten Stunden ahnen, und besitzen. Und dafür – nur dafür – leben wir überhaupt. ... Herrgott, Hartmann! Glaubst du mir nicht, daß es sich lohnt zu leben? Sehr lang zu leben? Ganz alt zu werden?“

Hier sprach der Seelenarzt und politische Therapeut im Gewand des Dramatikers. Darüber hinaus war Zuckmayer ein Mensch, der bei größter Weltoffenheit überall, wo er länger lebte, Wurzeln schlug. Niemals vergaß oder verleugnete er seine regionale Herkunft, die er in verschiedenen Volksstücken geradezu gefeiert hatte. Als Reaktion auf den mörderischen Rassismus der NS-Epoche verstieg er sich auch nicht wie so manche Hitler-Gegner zu einer negativen Anthropologie des Deutschen. Vielmehr setzte er zum Beispiel in Des Teufels General ein positives Menschenbild dagegen, fast eine Apotheose des Rheinländers, zugleich eine hinreißende, anschauliche literarische Widerlegung genetischer Reinheitsfiktionen ausgerechnet in Zentraleuropa. Er tat es mit der klassischen Szene, in der der junge parteigläubige Hartmann seine karriereschädliche ungeklärte Abstammung beichtet. General Harras antwortet darauf mit einer Eloge des Rheins als „der großen Völkermühle“ und „Kelter Europas“: „Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem, großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.“
Auch sein Hauptmann von Köpenick ist kein seinem Land entfremdeter, national indifferenter Rebell, sondern im Gegenteil einer, der mit Berliner Dialekt und Mutterwitz vor allem sein Heimatrecht einklagt und schließlich durchsetzt, einer, der mit den Wertbegriffen seiner Umwelt nicht gänzlich bricht, sondern vor allem auf deren Humanisierung pocht. Der Dialog zwischen Schuster Voigt und seinem Schwager Ruprecht über die Wanzen- oder lebenswerte Menschenordnung, für die man sich auch einsetzen und notfalls sterben könne, liest sich als anrührender literarischer Appell für eine bessere Gesellschaft. Daß der Autor das preußische (Militär-)System nicht noch stärker attackierte und die Personen nicht ihre sozialen Funktionen entgelten ließ, hat man ihm in Kreisen, wo die karikaturistische Optik der Grosz, Tucholsky oder Heinrich Mann zur Norm erklärt wurde, als satirisch-emanzipatorische Halbheit vorgeworfen, als „behagliches preußisches Anekdotengeplänkel“ oder „Unrecht am Stoff“, wie etwa Paul Rilla formulierte. Ähnliche Urteile bestimmen bis heute viele Wertungen in Germanistik- oder Theaterkreisen. Doch was hier moniert wird, läßt sich ebenso positiv deuten. Zuckmayer zeigte in der Tat auch Weltanschauungskonflikte niemals nach dem Freund-Feind-beziehungsweise Gut-Böse-Prinzip, und er bewahrte Dialogbereitschaft auch für Vertreter des gegnerischen Lagers. Doch solcher Verzicht auf polarisierende Verschärfung beschränkte ihn auch nicht darauf, lediglich zu den (vermeintlich) Geretteten zu predigen und damit seine Wirkungen von vornherein zu limitieren. Wer das kritisiert, zielt auf zentrale Überzeugungen, ja Stärken des Autors, wohl auf sein Bestes.

Das gilt nicht zuletzt für das heftig umstrittene Drama Des Teufels General. Einerseits blieb es bis heute der größte Theatererfolg in Nachkriegsdeutschland und erzielte von November 1947, als die USKontrollbehörde endlich sein Spielverbot aufhob, bis 1950 nicht weniger als 3238 Aufführungen. Zeitgenossen staunten über Zuckmayers präzise Binnensicht eines Außenstehenden, und eine Fülle von öffentlichen Diskussionen demonstrierte eindrucksvoll die Wirkung des Stücks als kathartisches Ereignis. Andererseits war es schon bald ätzender Polemik ausgesetzt. Man unterstellte ihm Beihilfe zu einer (generalsgläubigen) Dolchstoßlegende, Entlastung von Schuldigen, zumindest aber übertriebenes Verständnis für braune Verfehlungen. Manche dieser Vorwürfe erklären sich aus der Erregung der unmittelbaren Nachkriegszeit. Doch leider haben solche Deutungstendenzen zu Lasten des Autors mittlerweile die Überhand gewonnen. Kindlers Literaturlexikon spricht von „Kolportage“, „Verharmlosung“, ja „fatal unbewußter Glorifizierung der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft“, was dann allerdings zumindest Walther Killy zur Feststellung veranlaßte: „Es gehörte ein höheres Maß von Gerechtigkeit dazu, dieses Stück als Emigrant im kalten Winter 1942 / 43 auf der Farm in Vermont zu konzipieren, als es in einer warmen Redaktionsstube der sechziger Jahre wie eine Apologie des Nazismus zu lesen.“ Doch die Folgen solch denunziatorischer Lesarten, die dem Autor günstigstenfalls politische Naivität unterstellen, reichen bis in die Gegenwart und bestimmen vor allem die Theaterszene, in der man Zuckmayers scheinbar abwegige Einfühlung durch respektlose Eingriffe und Textverstümmelungen eines Regietheaters à la Castorf zeitgemäß „korrigiert“.
Was Zuschauer von damals an diesem Drama so außerordentlich bewegte und veranlaßte, letztlich ihren eigenen Fall zu diskutieren, war jedoch vornehmlich der Umstand, daß man sie hier einmal ausnahmsweise nicht mit erhobenem Zeigefinger moralisch belehrte oder denunziatorisch ansprang. Diese fraglos erfolgreiche Strategie zur geistigen Neuorientierung galt wiederum berufsmäßigen Wächtern der korrekten veröffentlichten Meinung als unzulässig oder skandalös. Mit einer Wertungsprämisse, wie sie zum Beispiel die „Wehrmachtsausstellung“ jüngst als erkenntnisleitendes Interesse verfolgte, waren Verdikte vorprogrammiert. Wo der Autor sich einfühlte, statt perhorreszierend distanzierte, wo er im Sinne echter Dramatik auch ernstzunehmende Gegenspieler, nicht nur sittlich indiskutable Pappkameraden schuf, witterten manche politisch Obszönes. Perspektivische, subjektive „Wahrheiten“ zur Veranschaulichung nicht mehr gebilligter Ein- oder Vorstellungen fanden wenig Gnade. Aufklärung über das Dritte Reich hatte sich auf Tribunal und Abschreckung zu beschränken. Kurz, man vermißte im Stück jenen pharisäischen Generalbaß, der heute weithin als Voraussetzung offiziöser „Vergangenheitsbewältigung“ ertönt.
Dazu war Zuckmayer niemals bereit, auch nicht im Exil, wohin man ihn verjagt hatte. Sein Teufelsdrama begann er sogar mit einer selbstbezogenen Fragestellung, die heutigen Schreibtischmärtyrern gänzlich fremd sein dürfte: „Wie wäre Dein eigenes Verhalten, Dein eigenes Los, mit Deinem Naturell, Temperament, Leichtsinn usw. hättest Du nicht das Glück einer ‚nichtarischen‘ Großmutter und stündest mitten drin?“ Auch seine vornehmlich zukunftsorientierten Stellungnahmen der Jahre 1944 / 45 belegen, daß er sich nicht als künftiger Ankläger oder Rächer fühlte, sondern vielmehr als geistiger Brückenbauer: „Deutschland ist schuldig geworden vor der Welt. Wir aber, die wir es nicht verhindern konnten, gehören in diesem großen Weltprozeß nicht unter seine Richter. Zu seinen Anwälten wird man uns nicht zulassen.

So ist denn unser Platz auf der Zeugenbank, auf der wir Seite an Seite mit unseren Toten sitzen – und bei aller Unversöhnlichkeit, gegen seine Peiniger und Henker, werden wir Wort und Stimme immer für das deutsche Volk erheben.“ Und: „Die Reinigung Deutschlands muß tiefgehend und gründlich sein, aber sie kann der Welt nichts nützen, wenn sie nur eine Zwangsmaßnahme ist, wenn sie nicht von Innen kommt, und wenn ihr die Hilfe und das Vertrauen versagt bleibt, wie uns im Jahre 1918 … Ich sehe nichts Gutes darin, weder für Deutschland, noch für die Welt, wenn als krasser Pendelausschlag gegen den Wahnwitz des Pangermanismus nun ein ebenso krasser Antigermanismus geschaffen wird … je mehr mir Amerika Heimat geworden ist … desto stärker empfand ich die unzerstörbare Verbundenheit mit dem Volk, von dem ich herkomme, und den Wunsch, ihm auch in seiner schwärzesten Stunde gerecht zu werden.“ Oder unmittelbar nach der Kapitulation: „Unsere einzige Empfindung … ist heute die des leidenschaftlichen Wunsches, zu helfen und teilzunehmen. Ich denke mir oft, daß wir mit unserem andersgearteten Leben während der letzten sieben Jahre … ein Ausblick in die weite Welt für die eingegrenzten Menschen in ihren beengten Verhältnissen drüben sein würden – und den Amerikanern wiederum können wir eine Menge helfen, diese Welt drüben richtig zu verstehen und einzuschätzen.“
Daß dies nicht nur unverbindlich rhetorische Gesten waren, demonstriert sein Verhalten nach dem deutschen Zusammenbruch. Zum Teil unter Mißbilligung emigrierter Kollegen, zeigte er sich sofort bereit, nach Deutschland zurückzukehren und sich bis zur völligen körperlichen Erschöpfung in den Neuaufbau einzubringen. Er sprach und korrespondierte mit Kollegen im Lande, diskutierte mit Studenten, Schülern, Regimegegnern oder Kriegsgefangenen, besuchte – horribile dictu! – selbst ein SS-Lager, um die jetzigen Meinungen dieser Ideologisierten zu erkunden. Er wollte zunächst einmal wissen, bevor er urteilte. Er reiste im Auftrag der US-Armee, scheute sich aber nicht, Praktiken der Besatzungsregierung, die ihm schädlich erschienen, zu kritisieren. Seine Auffassung mündete in einen jüngst veröffentlichten Deutschlandbericht, von dem sich optimistischerweise hoffen läßt, daß er zusammen mit dem 2002 publizierten Geheimreport über die Kunstszene in Deutschland endlich zu einem Umdenken über den angeblich politisch so unbedarften Folklore-Autor führen möge.
Der Deutschlandbericht bündelt Berichte und Artikel über seine Eindrücke in Nachkriegsdeutschland. Zuckmayer zeigt großes Verständnis für die dortige Not und erklärt manche Negativerscheinung auch als Reaktion auf jüngste Enttäuschungen mit der Besatzung. Sein Report an die US-Militärregierung zielt auf einen Kurswechsel in der Behandlung der Besiegten. Insbesondere der jüngeren Generation möchte er bessere Entwicklungsperspektiven verschaffen. Seine Einschätzung gipfelt in dem Silvester 1949 erschienenen Artikel Jugend im Niemandsland, der es aufgrund seiner Hellsicht und Menschlichkeit verdiente, in jedem zeitgeschichtlichen Lesebuch einen Ehrenplatz einzunehmen.
Der Autor wendet sich darin gegen zahlreiche alarmierende Diagnosen als letztes Wort in Sachen „Deutsche Zukunft“. Die Jugend sei keineswegs, wie vielfach behauptet, in erschreckendem Maße neonazistisch, zynisch, amoralisch oder nihilistisch, sondern lediglich durch desillusionierende Nachkriegserfahrungen, mangelnde Vorbilder und kurzfristige Hoffnungen abermals verunsichert. Schließlich förderten die aktuellen Verhältnisse eine geistige Neuorientierung kaum. Die Jugendlichen erlebten zum Beispiel Siegermächte, die sich zunehmend zerstritten und „jene aggressive Intoleranz“, die man ihnen austreiben wollte, exemplarisch vorzuleben schienen, dazu eine rigide Absperrungspolitik sowie Mißstände und Ungerechtigkeiten, wie sie Militärbesatzungen nahezu zwangsläufig mit sich bringen. Auch fänden sich Bürokratie, Schiebertum, Opportunismus und – wie Zuckmayer schrieb – „eine Kette von Maßnahmen“, die einen zweifeln lassen könne, „ob die andere Seite für bessere, weniger egoistische Ziele gekämpft hätte“ als die eigene, die ins Chaos geführt hat.

Selbst die Entnazifizierung stärke nicht unbedingt den Glauben an einen Rechtsstaat, weil nicht wenige formaljuristische Lösungen häufig dem natürlichen Rechtsempfinden widersprächen. An „positiven Erziehungs- und Glaubenswerten“ wiederum böte man der Jugend vor allem die theoretische Anpreisung der Demokratie, ohne daß sie diese existentiell erfahren hätte. Wer aber wie sie „einmal den furchtbaren Zusammensturz eines gepredigten Ideals erlebt hat, ist gegen alle gepredigten Ideale mißtrauisch“. Denn nur konkrete Beispiele überzeugten wirklich. „Worte tun es nicht.“ Der Jugendliche wolle „dort angesprochen und berührt werden, wo sich Wahrheit mit Wirklichkeit messen kann, das heißt, mit dem Verständnis für seine äußere und innere Realität.“
„Dieses Verständnis aufzubringen“ sei „weder unmöglich noch übermäßig schwer, und wo es vorhanden ist, hat es enorme Ausstrahlung gezeitigt. Ein einziger Victor Gollancz hat mehr Deutsche von der möglichen Überlegenheit der Humanität über die nackte Gewalt überzeugt als sämtliche Straf- und Bußpredigten unweiser Zwangspädagogen.“ Gollancz (1893 – 1967), der jüdische Schriftsteller, Verleger und Gründer des Left Book Club, trat nach Ende des Zweiten Weltkriegs als einer der ersten Engländer für die Verständigung mit den Deutschen ein und organisierte dorthin sogar Lebensmitteltransporte. In diesem Sinn interpretierte Zuckmayer auch seine Aufgabe und fuhr fort: „Was jeder Mittelstandspsychologe, jeder Student der sozialen Fürsorge in Amerika weiß – daß man Menschen, die den Begriff des Rechts verloren oder nicht erkannt haben, niemals vom Besseren überzeugt, indem man ihnen ihre Schlechtigkeit vorhält und ihnen auf Schritt und Tritt Mißtrauen zeigt, sondern nur, indem man an das Gute in ihnen appelliert und ihnen Vertrauen entgegenbringt – hat man, merkwürdigerweise, bei der Behandlung eines Volkes außer acht gelassen, nicht zuletzt unter dem Einfluß früherer Angehöriger dieses Volkes.“
Statt die Heimkehrer des Weltkriegs wie bereits 1919 nochmals durch kollektive Inkulpation dem Staat zu entfremden, empfiehlt er positive Ziele, zum Beispiel das „Leitwort Europa“, das jugendliche Triebkräfte aus der seelischen Lähmung befreien könne. Zuckmayer beendet den Artikel mit der schließlich verneinten Frage, ob er „die Dinge nicht zu rosig sähe“ und einem Vergleich aus der Optik: „Wenn sich auf einer großen schwarzen Fläche ein kleiner weißer Kreis befindet und das Auge visiert diesen weißen Kreis als Zentralpunkt, so wächst er im inneren Bild und überstrahlt in der Reflexion die schwarze Fläche. Fixiert man den Blick aber auf die schwarze Fläche, so überwächst und verdunkelt sie den weißen Kreis. Optik ist höhere Wirklichkeit. Optik versinnbildlicht die Macht des Glaubens. Das menschliche Auge reflektiert die göttliche Schöpferkraft. Wie wir die Dinge anschauen, so werden sie sein.“

Dieser pädagogische Fundamentalsatz bewahrt seine Bedeutung auch im politischen Umfeld. Denn ohne innerlich getragenen mutigen Vertrauensvorschuß hätte eine Neugestaltung der materiellen wie ideellen Nachkriegstrümmerlandschaft niemals Aussicht auf Erfolg gehabt. Die meisten Rezensenten des Deutschlandberichts haben Zuckmayers Grundeinstellung entsprechend gewürdigt, zumal die Geschichte ihn inzwischen eindrucksvoll bestätigt hat. Aber wir wären nicht in Deutschland, wenn nicht auch diese großzügige, vorurteilsfreie Haltung wiederum Kritiker fände. So haben Sabine Fröhlich, Norbert Frei, Marcus Sander und andere Zuckmayers geschichtsoptimistische Vertrauenswerbung als blinde deutschfreundliche Naivität ausgelegt, als unverdiente Reinwaschung einer noch unzulänglich geläuterten Täternation.
Preisen wir also die Umstände, die uns – leider unter Voraussetzungen des Kalten Kriegs – näher an Zuckmayers Hoffnungen herangetragen und zumindest Westdeutschland ein Schicksal erspart haben, wie es jenen rückschauenden Moralisten vermutlich als verdient oder angemessen vorschwebt. Würdigen wir dafür seit Jahrzehnten wieder einmal einen großen Humanisten, dessen außergewöhnliche Souveränität in der Abstraktion von eigenem Leid ihn zu einem so pragmatischen wie prophetischen Ratgeber hat werden lassen. Wären alle Funktionsträger, die im Gefolge alliierter Armeen nach Deutschland kamen beziehungsweise zurückkehrten, von seinem Geist beseelt gewesen, man täte sich leichter mit der pauschalen Klassifizierung des 8. Mai als Tag der Befreiung.


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