Bombenkrieg und Stadtplanung

von Georg von Thyrow -- PDF der Druckfassung aus Sezession 114/ Juni 2023

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1933 schau­te Gott­fried Benn zurück auf die men­ta­le Land­schaft der ­Wei­ma­rer Republik.

Er cha­rak­te­ri­sier­te die Jah­re zwi­schen 1920 und 1925 als funk­tio­na­lis­tisch, irre, wur­zel­los, uto­pisch und mach­te anstel­le einer geis­ti­gen Ord­nung huma­ni­tä­re oder sozia­le Maku­la­tu­ren aus. (1) Bau­meis­ter und Stadt­pla­ner, die in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus und unmit­tel­bar danach wirk­ten, sind geprägt von den Jah­ren, die Benn ins Visier nahm.

Der Bom­ben­krieg der Alli­ier­ten und der Umgang damit bei den Ver­ant­wort­li­chen des Drit­ten Rei­ches kön­nen in die­sem Sin­ne als frucht- und furcht­ba­re Reso­nanz­be­zie­hung aus­ge­legt wer­den. Der Don­ner der Explo­sio­nen im Ohr deut­scher Archi­tek­ten erklingt damit als blo­ßer Nach­hall der vor­an­ge­gan­ge­nen Deto­na­tio­nen einer geis­ti­gen Beräu­mung. Sie sind kei­ne Exklu­siv­sün­der an der Zivi­li­sa­ti­on, son­dern schlicht­weg Getrie­be­ne im Strom des Zeit­geis­tes jener Jah­re: ein­ge­bet­tet in Ent­wick­lun­gen, die ganz Euro­pa gehö­rig durch­schüt­tel­ten, ver­irrt im Laby­rinth man­nig­fal­ti­ger Wech­sel­wir­kun­gen. Kein deut­scher Son­der­weg also, son­dern Teil­ha­be an der Zer­stö­rung durch die Moder­ne in der Moderne.

Vie­le deut­sche Archi­tek­ten kämpf­ten im Gro­ßen Krieg ab 1914. Sie lasen und hör­ten die neu­en Theo­rien der Sozi­al­in­ge­nieu­re wäh­rend ihrer Stu­di­en­jah­re. Sie ver­dien­ten ihre ers­ten Meri­ten im Span­nungs­feld ­zwi­schen Bür­ger und Arbei­ter, zwi­schen Boden­bin­dung und Luft­flug, zwi­schen Tra­di­ti­on und Uto­pie. Sie ver­stan­den sich mit­un­ter auch in einer Ver­ant­wor­tung ihrem Volk gegen­über. Zie­hen wir hier bei­spiels­wei­se Her­mann ­Muthe­si­us her­an, den Mit­be­grün­der des Deut­schen Werk­bun­des. Das Schlacht­feld hat­te ihm 1915 gezeigt, wo unse­re beson­de­re Stär­ke lag: in der Orga­ni­sa­ti­on. Auch die Kunst woll­te er daher in ihre Kräf­te zer­le­gen, um die deut­sche Form zu fin­den. (2)

In ande­ren Tex­ten aus der Brut­kam­mer der Bau­mo­der­ne herrscht aller­dings vie­ler­orts ratio­na­lis­ti­sche Kahl­schlag­men­ta­li­tät im Geis­te der Typi­sie­rung. Das Para­dig­ma der Stan­dar­di­sie­rung wuchs her­an in der geis­ti­gen Gesamt­la­ge eines der Indus­tria­li­sie­rung ver­fal­le­nen Euro­pas, in dem man glaub­te, die sozia­le Fra­ge pri­mär tech­nisch bewäl­ti­gen zu kön­nen. Wal­ter Gro­pi­us zum Bei­spiel hat­te in der Wei­ma­rer »Bauhaus«-Zeit (1919 – 1925) hel­le Momen­te, häng­te aber spä­tes­tens nach dem Umzug nach Des­sau die Fah­ne in den bau­ra­tio­na­lis­ti­schen Wind. 1926 for­der­te er dem­entspre­chend die ent­schlos­se­ne Beja­hung der leben­di­gen Umwelt der Maschi­nen und Fahr­zeu­ge. Roman­ti­sche Beschö­ni­gun­gen und Ver­spielt­heit (hier sind his­to­ri­sche Bau­for­men gemeint) lehn­te er ab und ging davon aus, daß die Bedürf­nis­se der Mehr­zahl der Men­schen gleich­ar­tig seien.

Der gebür­ti­ge Schwei­zer Han­nes Mey­er hat­te Gro­pi­us ab 1928 als Direk­tor des Des­sau­er »Bau­hau­ses« abge­löst und schlug eine noch ratio­na­lis­ti­sche­re Gang­art ein. Für ihn war Leben Funk­ti­on und daher unkünst­le­risch. Das neue Haus sah er als Indus­trie­pro­dukt und Werk der Spezialisten.

Lud­wig Hil­bers­ei­mer war ein wei­te­rer Moder­ne-Exe­ku­tor jener Jah­re. 1926 bejah­te er die Indus­tria­li­sie­rung des gesam­ten Bau­we­sens und schloß dabei auch die krea­ti­ven Ent­wurfs­leis­tun­gen ein. Die gesam­te Gegen­wart sah Hil­bers­ei­mer als kol­lek­tiv-indus­tri­ell an und for­der­te, die Schöp­fer­kraft rest­los dafür auf­zu­wen­den, adäqua­te For­men für die­se Gege­ben­heit zu fin­den. Die Öko­no­mie eines D‑Zuges oder eines Oze­an­damp­fers soll­te für die Groß­stadt­ar­chi­tek­tur Vor­bild sein. Die­se müs­se orga­ni­siert und gestal­tet wer­den, damit der Man­gel der gewach­se­nen his­to­ri­schen Städ­te über­wun­den wer­den kön­ne. Wohn­stät­ten und Ver­kehrs­we­ge soll­ten die Stadt glie­dern, kei­ne Pracht­bau­ten. (3) Dies alles mün­de­te in die berühmt-berüch­tig­te Abbil­dung »Sche­ma einer Hoch­h­aus­stadt, Ost-West­stra­ße«. (4) Nach dem Zwei­ten Welt­krieg soll­te die­ser mono­to­ne und men­schen­feind­li­che Hor­ror sich über wei­te Tei­le des Erd­balls verbreiten.

Le Cor­bu­si­er setz­te in den 1920er Jah­ren in Frank­reich Zer­stö­rungs­maß­stä­be. Vier Jah­re nach Erschei­nen des fran­zö­si­schen Ori­gi­nals aus dem Jah­re 1925 kam die deut­sche Über­set­zung sei­nes Buches Städ­te­bau auf den Markt. Die his­to­risch gewach­se­ne Stadt wird in der Ein­lei­tung, die bezeich­nen­der­wei­se mit »Ankün­di­gung« beti­telt ist, als unor­dent­lich und ent­ar­tet (sic!) beschrie­ben. Sie sei weder des Zeit­al­ters noch unser selbst wür­dig. Geo­me­trie wie­der­um schen­ke die »erha­be­ne Befrie­di­gung der Mathe­ma­tik« und die Fähig­keit zur Maschine.

Der Fran­zo­se beschreibt eine ande­re Ästhe­tik, die aus einem neu­en Geis­tes­zu­stand empor­wächst. Eine kind­li­che Freu­de sei die­ser eigen, eine Kraft, die einem Berg­strom glei­che. Eine Ästhe­tik, die Le Cor­bu­si­er auch als »Furie der Zer­stö­rung« beschreibt, die die Stadt zer­brö­ckelt. Die Stadt kön­ne näm­lich nicht wei­ter­be­stehen, sie sei eine Unmög­lich­keit, sei zu alt. Der Städ­te­bau der Moder­ne glei­che einer »unge­heu­ren, blitz­schleu­dern­den, bru­ta­len« Ent­wick­lung ohne Brü­cken zur Ver­gan­gen­heit. Die auto­ge­rech­te, gerad­li­ni­ge und ortho­go­na­le Stadt hel­fe dabei, die kör­per­li­che und sitt­li­che Gesund­heit der Bewoh­ner sicher­zu­stel­len. (5)

Berühmt und wie­der­um berüch­tigt sind Le Cor­bu­si­ers dies­be­züg­li­che Pla­nun­gen für das Pari­ser Zen­trum, sein Ent­wurf »Plan Voi­sin«. (6) Zunächst lobt er Geor­ges-Eugè­ne Hauss­mann für des­sen chir­ur­gi­sche Leis­tun­gen bei der Bekämp­fung des urba­nen Kreb­ses der fran­zö­si­schen Metro­po­le unter Napo­le­on III. Wie zuvor Kar­di­nal Riche­lieu und ande­re habe er mit­tels grad­li­ni­ger und brei­ter Stra­ßen des Fort­schrit­tes klein­geis­ti­gen Kri­ti­kern sei­nen Wil­len auf­ge­zwun­gen. Ein ech­tes Bedürf­nis nach Befrei­ung trei­be nun ein­mal dazu, zu schnei­den und aufzuschließen.

Eine »Wohn­ci­ty« und eine »Geschäfts­ci­ty« auf 240 Hekt­ar (rund 336 Fuß­ball­plät­ze) leg­te Le Cor­bu­si­er an, um das »ver­seuch­tes­te Vier­tel« der Stadt zu einem »strah­len­den Ver­kehrs­netz« zu machen. Die Stra­ßen soll­ten zwi­schen 50 und 120 Meter breit sein und gerahmt wer­den von kreuz­för­mi­gen Wol­ken­krat­zern mit 200 Metern Höhe, die nur fünf Pro­zent des Bodens ver­sie­geln wür­den, wäh­rend 95 Pro­zent frei wären für Gara­gen, Park­plät­ze, aber auch für den his­to­ri­schen Rest der Stadt, wie Le Cor­bu­si­er hin­sicht­lich der Beach­tung der Bau­ge­schich­te beton­te. Paris müs­se für das 20. Jahr­hun­dert sei­nen Befehls­sitz erbau­en, und die »Geschäfts­ci­ty« kön­ne mit 300 000 bis 700 000 Per­so­nen die Armee ber­gen, die das Land regiere.

In Ruß­land fie­ber­ten so man­che Archi­tek­ten im Zuge der sowje­ti­schen Revo­lu­ti­on schon wäh­rend des Gro­ßen Krie­ges der Zer­stö­rung der Geschich­te ent­ge­gen – zahl­rei­che Gedan­ken einer rei­ni­gen­den Moder­ne sind im rus­si­schen Kon­struk­ti­vis­mus ver­or­tet. Ale­xej Michai­lo­witsch Gan schrieb zum Bei­spiel 1922, daß die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on eine ech­te Gei­ßel sei, die aus dem rea­len mensch­li­chen Sein »den Para­si­tis­mus« ver­trei­be, der sich in vie­ler­lei Ver­klei­dun­gen zei­ge. Den Kon­struk­ti­vis­mus ver­stand er als »wohl­ge­stal­te­tes Kind« der indus­tri­el­len Kul­tur. Die ent­spre­chen­de Kunst sol­le nicht nur wider­spie­geln, son­dern Wirk­lich­keit real bauen.

El Lis­sitz­ky wie­der­um durch­dach­te 1926 die »neue sowje­ti­sche Fami­lie«, die in »durch­kon­stru­ier­ten Grund­ris­sen« zu leben habe. (7) Die Frau wäre in den stan­dar­di­sier­ten und in Serie gefer­tig­ten Typen­woh­nun­gen selbst­re­dend befreit von Kin­dern und Küche. Die Ela­bo­ra­te die­ser Sied­lungs­kü­chen bescher­ten Bru­no Taut frei­lich eini­ge Unan­nehm­lich­kei­ten, wie in Brie­fen bezeugt ist. Sein Idea­lis­mus hat­te den Erbau­er zahl­rei­cher Ber­li­ner Groß­sied­lun­gen der Jah­re 1925 bis 1931 – etwa Onkel Toms Hüt­te (Wald­sied­lung Zehlen­dorf), Huf­ei­sen­sied­lung oder Groß­sied­lung Britz – ins Sta­lins Sowjet­uni­on geführt; frei­lich nur für ein Jahr, denn die Uto­pie ver­trägt sich bekannt­lich nicht mit der Rea­li­tät. (8)

Eine bemer­kens­wer­te Per­spek­ti­ve ent­wi­ckel­te der Schwei­zer Hans Schmidt. Er war, wie auch der oben erwähn­te »Bauhaus«-Direktor ­Han­nes Mey­er, eben­falls in der Sowjet­uni­on tätig und schrieb 1932 über den Aus­gang des »Wett­be­werbs für den Sowjet­pa­last«. (9) In die­sem Text setzt er sich und die sowje­ti­sche Avant­gar­de von den Prä­mis­sen des Neu­en Bau­ens ab: So sei­en Stan­dar­di­sie­rung und Ratio­na­li­sie­rung ledig­lich Erfor­der­nis­se der kapi­ta­lis­tisch geführ­ten Tech­nik, die man ver­bin­de mit der Vor­stel­lung, einen all­ge­mei­nen Wohl­stand erzeu­gen zu kön­nen. Die Sowjet­macht sche­re aus die­ser Art Neu­en Bau­ens aus und bet­te das Gesche­hen in eine »Gene­ral­li­nie der Revo­lu­ti­on« ein. Es sei nicht das Ziel des Sozia­lis­mus, die kul­tu­rel­len Wer­te der Ver­gan­gen­heit zu ver­nich­ten, so Schmidt. Ganz im Gegen­satz zu bei­spiels­wei­se Le Cor­bu­si­ers Ansatz sei­en Hal­te­punk­te gegen das Neue Bau­en nötig, um nicht dem Spiel des zer­fal­len­den Kapi­ta­lis­mus zu erliegen.

Der Blick muß selbst­re­dend auch auf Ita­li­en gerich­tet wer­den. Der Futu­rist Anto­nio Sant’Elia gei­ßel­te bei­spiels­wei­se 1914 die »Zwangs­auf­ent­hal­te der Intel­li­genz« und das »ona­nis­ti­sche Nach­ko­pie­ren klas­si­scher Model­le«. Die Stadt und deren Häu­ser müß­ten viel­mehr neu sein, selbst­re­dend ohne Gedächt­nis, »neu wie unser Gemüts­zu­stand«. (10) Der Futu­ris­mus glitt bekannt­lich naht­los in den ita­lie­ni­schen Faschis­mus über. Für den Städ­te­bau und die Archi­tek­tur waren die Jah­re zwi­schen 1926 und 1928 beson­ders bedeut­sam, denn das Wir­ken der »Archi­tet­tu­ra Razio­na­le« rich­te­te sich dort auf die Ver­schmel­zung von Moder­ne und Faschis­mus aus.

Die Grün­dung von fünf Klein­städ­ten in den tro­cken­ge­leg­ten Pon­ti­ni­schen Sümp­fen zwi­schen 1932 und 1936 fand vor den süd­ost­wär­ti­gen Toren Roms statt, und deren Anla­ge, mit­ten­drin Lit­to­ria (heu­te Lati­na), hat­te kei­ne Bestands­zer­stö­rung nötig. Aller­dings waren auch die­se gegen das Cha­os der Groß­stadt ange­legt und soll­ten Har­mo­nie und Ord­nung nach dem Mus­ter anti­ker, ortho­go­nal orga­ni­sier­ter Zen­tral­re­vie­re dar­stel­len. Die faschis­ti­sche Bau­pro­gram­ma­tik wan­del­te sich mit den Jah­ren über eine »moder­ni­sier­te Klas­sik« hin zum »Monu­men­ta­lis­mus«, wie ­Ulrich Pfam­mat­ter aus­führt. (11) Für den Wett­be­werb »Espo­si­zio­ne Uni­ver­sa­le 1942« (auch E 42 oder E.U.R.) konn­ten die Pla­ner wie­der­um auf der grü­nen Wie­se bau­en, um den Wunsch des Duce zu erfül­len, im faschis­ti­schen Ita­li­en die Ver­bin­dung der Moder­ne mit der impe­ria­len Macht aus römi­scher Geschich­te herzustellen.

Hier ist ein Unter­schied zum natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land mar­kiert. Zwar ver­schmolz auch die deut­sche Spiel­art des Faschis­mus moder­ne mit monu­men­ta­len und tra­di­tio­na­len Ele­men­ten, wie unter ande­rem Mat­thi­as Donath in sei­nem sehr lesens­wer­ten Archi­tek­tur­füh­rer schreibt. (12) Aller­dings muß­ten sich hier­zu­lan­de vie­le Visio­nen in bestehen­den Städ­ten ver­kör­pern. Offen­sicht­lich in der Eupho­rie nach den schnel­len Sie­gen über Polen und Frank­reich und der Beset­zung Däne­marks und Nor­we­gens geschrie­ben, wies Adolf Hit­ler zum Bei­spiel am 25. Juni 1940 an, daß in Ber­lin »in kür­zes­ter Zeit« die Grö­ße des errun­ge­nen Sie­ges zum Aus­druck kom­men müsse.

Dies sei die »wich­tigs­te Bau­auf­ga­be des Rei­ches«, die er bis 1950 voll­endet wis­sen woll­te. (13) Alle Dienst­stel­len hät­ten dem Gene­ral­bau­in­spek­tor Albert Speer jede Unter­stüt­zung dafür zu gewäh­ren, und das glei­che gel­te auch für die Neu­ge­stal­tun­gen von Mün­chen, Linz, Ham­burg und die Par­tei­tags­bau­ten in Nürn­berg. So gab es ent­spre­chen­den Bedarf an Beräu­mun­gen, die (Le Cor­bu­si­er hat­te es vor­ge­macht) dem Hauss­mann­schen Prin­zip folg­ten (übri­gens der Le Cor­bu­si­er, der auch am Wett­be­werb »E.U.R.« teil­ge­nom­men und die Arbeit des Duce geprie­sen hatte).

Der His­to­ri­ker Jörg Fried­rich stellt tref­fend fest, daß der Bom­ben­krieg als Kon­se­quenz des Indus­trie­zeit­al­ters, sprich der Moder­ne, in Erschei­nung trat. (14) Alli­ier­te Luft­kriegs­stä­be leis­te­ten dies­be­züg­lich gan­ze Arbeit, um mit gerings­tem Mit­tel­ein­satz die maxi­mals­te Zer­stö­rungs­wir­kung zu errei­chen. Eini­ge Gau­lei­ter im Drit­ten Reich führ­ten dar­auf­hin eigen­mäch­tig und unge­plant Abris­se aus, was die deut­sche Reichs­re­gie­rung zum »Erlaß des Füh­rers über die Vor­be­rei­tung des Wie­der­auf­baus bom­ben­ge­schä­dig­ter Städ­te« ani­mier­te. In die­sem wird Reichs­mi­nis­ter Speer am 11. Okto­ber 1943 mit Vor­pla­nun­gen beauf­tragt, um haus­ge­mach­tem Zer­stö­rungs­wild­wuchs Ein­halt zu gebie­ten und nach dem Krieg eine umfas­sen­de und struk­tu­rier­te Neu­ord­nung betrof­fe­ner Städ­te durch­zu­füh­ren. Zu Beginn des Jah­res 1944 hat­te er das Per­so­nal bei­sam­men, und der Stab für den Wie­der­auf­bau arbei­te­te bis Kriegsende.

Unter ande­rem wirk­ten hier Kon­stan­ty Gutschow und Rudolf Hil­le­brecht mit. Ers­te­rer wird oft mit einem Aus­zug eines Vor­tra­ges zitiert, den er am 27. März 1944 in Reak­ti­on auf die sechs »Gomorrha«-Angriffswellen vom Juli / August 1943 hielt, die Ham­burg schwer ver­wüs­tet hat­ten: »Dem aller­größ­ten Teil der bau­li­chen Zer­stö­rung wei­nen wir kei­ne Trä­ne nach. Das Bild der Trüm­mer rührt uns nicht in der See­le, viel­mehr läßt es nur um so deut­li­cher und leben­di­ger das Bild des zukünf­ti­gen Ham­burgs, des neu­en Ham­burgs, vor unse­ren Augen ent­ste­hen.« (15) Bevor nun ein sozio­pa­thi­sches Zerr­bild ent­steht, sei dem inter­es­sier­ten Leser Syl­via Neckers umsich­ti­ge Bio­gra­phie emp­foh­len. Wir könn­ten ähn­li­che zyni­sche Kom­men­ta­re auch beim Kriegs­geg­ner Win­s­ton Chur­chill fin­den, der in sei­ner Rede »Das eng­li­sche Woh­nungs­pro­blem« mit Blick auf zer­stör­te Wohn­häu­ser annä­hernd zur sel­ben Zeit die »präch­ti­ge Gele­gen­heit« beton­te, wie­der­auf­zu­bau­en und neu zu planen.

Selbst­re­dend hat­te auch Adolf Hit­ler die Chan­cen in den Zer­stö­run­gen gese­hen, wie des­sen Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Joseph Goeb­bels im Tage­buch­ein­trag vom 14. März 1944 kol­por­tier­te: »Der Füh­rer ist der Über­zeu­gung, daß, so schlimm der feind­li­che Luft­ter­ror augen­blick­lich, ins­be­son­de­re für unse­re mit­tel­al­ter­li­chen Städ­te, ist, er doch auch inso­fern etwas Gutes hat, als er die­se Städ­te über­haupt erst für den moder­nen Ver­kehr auf­schließt.« (16) Rudolf Hil­le­brecht ist nach dem Krie­ge unter dem Stich­wort »Wun­der von Han­no­ver« bekannt­ge­wor­den. (17) 88 Angrif­fe hat­ten alli­ier­te Bom­ber geflo­gen und die Stadt an der Lei­ne in eine Trüm­mer­land­schaft ver­wan­delt. Der Stadt­bau­rat Hil­le­brecht ergriff die Chan­ce und setz­te die auto­ge­rech­te Stadt um – eine Idee, die wie­der­um 1933 beim Inter­na­tio­na­len Kon­greß für neu­es Bau­en (CIAM) in Athen vor­be­rei­tet wor­den war. Und schon wie­der trat Le Cor­bu­si­er in Erschei­nung, denn die­ser führ­te sei­ner­zeit die Feder und ver­öf­fent­lich­te 1943 im besetz­ten Paris die »Char­ta von Athen« (18), die zu Hil­le­b­rechts Steil­vor­la­ge wurde.

Was bleibt in der bau­li­chen Rück­schau auf das 20. Jahr­hun­dert? Die alte euro­päi­sche Stadt soll­te wei­chen, soll­te Platz machen für Indus­trie und Ver­kehr. So lau­te­te offen­bar das Gesetz der Moder­ne, das sich in Poli­ti­kern und Pla­nern spie­gel­te. Der Zwei­te Welt­krieg mach­te mit­tels Bom­ben sol­ches mög­lich. Die­sem zer­stö­re­ri­schen Trei­ben soll­te erst zwi­schen 1960 und 1980 unter dem Stich­wort »Post­mo­der­ne« archi­tek­to­ni­scher Wider­stand ent­ge­gen­ge­bracht werden.

– – –

(1) – Vgl. Gott­fried Benn: »Expres­sio­nis­mus«, in: ders.: Sämt­li­che Wer­ke, Bd. 4, Stutt­gart 1989.

(2) – Vgl. Juli­us Pose­ner: Vor­le­sun­gen zur Geschich­te der Neu­en Archi­tek­tur, 2 Bd., Ber­lin 2013.

(3) – Vgl. Lud­wig Hilbers­eimer: Groß­stadt­bau­ten, Han­no­ver 1926.

(4) – Vgl. Lud­wig Hilbers­eimer: Abbil­dung zu »Sche­ma einer Hoch­h­aus­stadt, Ost-West­stra­ße«: https://e‑pub.uni-weimar.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/2133/file/3-+Abbildungen+reduziert_pdfa.pdf

(5) – Vgl. Le Cor­bu­si­er: Städ­te­bau, hrsg. von Hans Hil­de­brandt, mit einem Vor­wort von Wolf­gang Pehnt, Mün­chen 2015.

(6) – Vgl. Le Cor­bu­si­er: Abbil­dung zum »Plan Voi­sin«, abruf­bar unter: www.fondationlecorbursier.fr

(7) – Vgl. El Lis­sitz­ky: Proun und Wol­ken­bü­gel, hrsg. von Sophie Lis­sitz­ky-Küp­pers, Dres­den 1977.

(8) – Vgl. Unda Hör­ner: Die Archi­tek­ten Bru­no und Max Taut, Ber­lin 2012.

(9) – Vgl. Elke Pis­to­ri­us (Hrsg.): Der Archi­tek­ten­streit nach der Revo­lu­ti­on. Zeit­ge­nös­si­sche Tex­te. Ruß­land 1925 – 1932, Basel /Berlin / Bos­ton 1992.

(10) – Vgl. Hans­ge­org Schmidt-Berg­mann: Futu­ris­mus. ­Geschich­te, Ästhe­tik, Doku­men­te, Ham­burg 1993.

(11) – Vgl. Ulrich Pfam­mat­ter: Moder­ne und Macht. Ratio­na­lis­mo – Ita­lie­ni­sche Archi­tek­ten 1927 – 1942, Braun­schweig 21996.

(12) – Vgl. Mat­thi­as ­Donath: Archi­tek­tur in Ber­lin 1933 – 1945. Ein Stadt­füh­rer, Ber­lin 2004.

(13) – Hans J. Reich­hardt, Wolf­gang Schä­che: Von Ber­lin nach Ger­ma­nia. Über die Zer­stö­run­gen der Reichs­haupt­stadt durch ­Albert Speers Neu­ge­stal­tungs­pla­nun­gen, Ber­lin 51990.

(14) – Vgl. Jörg Fried­rich: Der Brand. Deutsch­land im Bom­ben­krieg 1940 – 1945, Mün­chen 22002.

(15) – Vgl. Syl­via Necker: Kon­stan­ty Gutschow 1902 – 1978. Moder­nes Den­ken und volks­ge­mein­schaft­li­che Uto­pie ­eines ­Archi­tek­ten, München/Hamburg 2012; Wer­ner Durth, Niels Gutschow: Träu­me in Trüm­mern. Stadt­pla­nung 1940 – 1950, Mün­chen 1993.

(16) – Vgl. Joseph ­Goeb­bels: Tage­bü­cher, Bd. 5, 1943 – 1945, hrsg. von Ralf Georg Reuth, Mün­chen 1992.

(17) – Vgl. »Das Wun­der von Han­no­ver«, in: Der Spie­gel 23/1959.

(18) – Vgl. Ulrich Con­rads: Pro­gram­me und Mani-
fes­te zur Archi­tek­tur des 20. Jahr­hun­derts
(= Bau­welt Fun­da­men­te; 1), Ber­lin 1964.

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