Städtebau und Rekonstruktion

von Claus-M. Wolfschlag -- PDF der Druckfassung aus Sezession 114/ Juni 2023

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Vor eini­gen Wochen wur­de die gro­ße Wap­pen­kar­tu­sche über dem West­por­tal des teil­re­kon­stru­ier­ten Ber­li­ner Schlos­ses ange­bracht. Abge­se­hen von klei­ne­ren Rest­ar­bei­ten wie der Aus­ge­stal­tung zwei­er Por­tal­durch­gän­ge und der Auf­stel­lung eini­ger Dach­skulp­tu­ren, für die bereits die Gel­der gesam­melt sind, wur­de damit eines der berühm­tes­ten und spek­ta­ku­lärs­ten deut­schen Rekon­struk­ti­ons­vor­ha­ben nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung vollendet.

Der Archi­tekt Fran­co Stel­la, der die Neu­pla­nung des Schlos­ses über­nom­men hat­te, kon­zi­pier­te die Raum­fol­gen so, daß in Zukunft sogar ein paar Innen­raum­re­kon­struk­tio­nen erfol­gen kön­nen, sofern ein­mal Wil­le und Geld dazu vor­han­den sein soll­ten. Das baro­cke Gigan­ten-Trep­pen­haus könn­te den Anfang machen.

Auch eini­ge ande­re Pro­jek­te ste­hen vor ihrem Abschluß. In Pots­dam wer­den noch in den nächs­ten drei Jah­ren rund um den Alten Markt Wohn­häu­ser gebaut. Für das letz­te Bau­feld wird nun das maro­de DDR-Apart­ment­haus »Stau­den­hof« hin­ter der Niko­lai­kir­che abge­ris­sen. Die sich nun abzeich­nen­de städ­te­bau­li­che Struk­tur nimmt die wäh­rend der DDR-Zeit negier­ten his­to­ri­schen Stra­ßen­ver­läu­fe wie­der auf. Ein paar Barock­fas­sa­den wer­den im Rah­men die­ses gro­ßen Bau­pro­jekts rekon­stru­iert. Zugleich ist in Pots­dam soeben der in der Basis­va­ri­an­te fer­tig­ge­stell­te Turm der Gar­ni­son­kir­che vom Bau­ge­rüst befreit wor­den. Bis­lang feh­len noch Bau­ele­men­te, die nach­träg­lich hin­zu­ge­fügt wer­den müs­sen, wenn das Geld dafür auf­ge­bracht ist: eini­ge Säu­len, vor allem die Turmhaube.

Vom Kir­chen­schiff redet der­zeit kaum noch jemand. Das Gebäu­de wur­de hart von lin­ker Sei­te atta­ckiert, da es zum Sym­bol für den »Tag von Pots­dam« ­geframed wur­de. Im März 1933 waren an die­sem Ort die Fei­er­lich­kei­ten zur Reichs­tags­er­öff­nung abge­hal­ten wor­den, und auf einem spä­ter zum Sym­bol­bild auf­ge­pump­ten Foto ist Hit­ler beim Hand­schlag mit Reichs­prä­si­dent ­Hin­den­burg fest­ge­hal­ten. Zu den stän­di­gen Atta­cken von links gegen das ­Rekon­struk­ti­ons­pro­jekt, die per­ma­nent wohl­wol­lend in der gewo­ge­nen Tages­pres­se ver­brei­tet wur­den, kam die Unfä­hig­keit der mit zahl­rei­chen evan­ge­li­schen Kir­chen­ver­tre­tern besetz­ten Stif­tung Gar­ni­son­kir­che: Ihr gelang es nicht, ein posi­ti­ves Image auf­zu­bau­en, aus­rei­chend Spen­den zu gene­rie­ren und spar­sa­mer zu haushalten.

Mit die­sen letz­ten Groß­pro­jek­ten ebbt eine Rekon­struk­ti­ons­wel­le ab, die seit 1990 und vor allem seit dem Dresd­ner Neu­markt-Pro­jekt um die wie­der­auf­ge­bau­te Frau­en­kir­che auf­ge­lau­fen war. Weni­ger die stän­di­gen Wider­stän­de lin­ker Archi­tek­tur­theo­re­ti­ker und Kul­tur­jour­na­lis­ten, Ver­bands­ver­tre­ter des Bun­des Deut­scher Archi­tek­ten (BDA) und kommunal­politischer Grup­pen haben den Elan zum Erlie­gen gebracht als viel­mehr das lang­sa­me Ver­sie­gen finan­zi­el­ler Mit­tel. Min­des­tens aber ist das weit­ge­hen­de Des­in­ter­es­se der öffent­li­chen Hand an der Finan­zie­rung von Stadt­ver­schö­ne­rungs­pro­jek­ten aus­schlag­ge­bend. Im Zuge der geis­ti­gen Hege­mo­nie der »Grü­nen« neh­men ande­re Zie­le das kom­plet­te Den­ken der ver­ant­wort­li­chen Pla­ner ein: Kli­ma­neu­tra­li­tät, Pas­siv­h­aus­stan­dard, Fas­sa­den­grün, auto­freie Innen­städ­te, Rad­we­ge­aus­bau. Da bleibt für ästhe­tisch gestal­te­te Alt­stadt­gas­sen oder his­to­ri­sche Gebäu­de wenig Kapa­zi­tät übrig.

In Frank­furt am Main soll immer­hin noch der Rat­haus­turm »Lan­ger Franz« sei­ne seit 1944 feh­len­de goti­sche Spit­ze wie­der­erhal­ten. Über eine Mil­li­on Euro konn­te der Brü­cken­bau­ver­ein um den bekann­ten Archi­tek­ten Chris­toph Mäck­ler sam­meln. Der Rest soll, laut städ­ti­scher Zusa­ge, von der öffent­li­chen Hand zuge­schos­sen wer­den. In Dres­den wie­der­um hat der enga­gier­te Inves­tor Frank Wieß­ner vor, das baro­cke Nar­ren­häu­sel an der Augus­tus­brü­cke wie­der­auf­zu­bau­en – und bekommt seit Jah­ren von der städ­ti­schen Bau­ver­wal­tung Hür­den in den Weg gelegt.

Auch der Ver­such der Alt­stadt­freun­de in Nürn­berg, die Nach­kriegs­fas­sa­de des bekann­ten Pel­ler­hau­ses durch eine Rekon­struk­ti­on der Renais­sance­fas­sung zu erset­zen, wird seit Jah­ren mas­siv von Archi­tek­ten, Denk­mal­pfle­gern und der Stadt bekämpft. In Neu­stre­litz soll zumin­dest mit Mit­teln des Bun­des und des Lan­des der Schloß­turm als »Leucht­turm für Demo­kra­tie« rekon­stru­iert wer­den, der Bau­be­ginn ist aller­dings unge­wiß. So blei­ben eini­ge weni­ge, von idea­lis­ti­schen Bau­her­ren pri­vat finan­zier­te Pro­jek­te übrig, vor allem im Bereich der Fas­sa­den- und Dachwiederherstellung.

Wie gut indes eine Regie­rung Wei­chen stel­len kann, wenn sie den Wil­len dazu hat, zeigt das Bei­spiel Ungarn. Es war für die bau­li­che Ent­wick­lung des Lan­des von gro­ßem Glück, daß bei der Par­la­ments­wahl 2022 erneut die Fidesz von Minis­ter­prä­si­dent Vik­tor Orbán einen Wahl­sieg errin­gen konn­te. Denn nun kann in der lau­fen­den Legis­la­tur­pe­ri­ode das Natio­na­le Hauszmann-Pro­gramm, gegen das es durch­aus Ein­wän­de von sei­ten der Oppo­si­ti­on gab, umge­setzt wer­den. Es dürf­te sich um das aktu­ell größ­te Rekon­struk­ti­ons­pro­jekt welt­weit han­deln. Das Pro­gramm sieht vor, zahl­rei­che in den End­kämp­fen des Zwei­ten Welt­krie­ges zer­stör­te his­to­ris­ti­sche, öffent­li­che Groß­ge­bäu­de auf dem Buda­pes­ter Burg­berg zu rekon­stru­ie­ren. Dazu zäh­len die bereits 2019 wie­der­erbau­te König­li­che Reit­hal­le, das seit 1945 nur noch als Erd­ge­schoß­rest exis­ten­te Haus des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, die ehe­ma­li­ge Zen­tra­le des Roten Kreu­zes und das Erzherzog-Joseph-Palais.

Außer­dem soll das nach dem Krieg ver­än­dert auf­ge­bau­te Schloß wie­der sein altes Erschei­nungs­bild und eini­ge his­to­ri­sche Säle zurück­er­hal­ten, mit Säu­len, Stuck und Male­rei­en. Etwas wei­ter öst­lich die­ses Are­als, unweit der Fischer­bas­tei, erhält das ehe­ma­li­ge Finanz­mi­nis­te­ri­um sei­ne his­to­ri­sche Fas­sa­de mit den neo­go­ti­schen Tür­men zurück. Ein der­ar­ti­ger Impuls strahlt auf Stadt und Land aus. An vie­len Stel­len wer­den in Buda­pest ver­lo­re­ne his­to­ri­sche Dach­land­schaf­ten wie­der­her­ge­stellt und Gebäu­de im tra­di­tio­nel­len Stil ergänzt.

Auch wei­te­re Rekon­struk­tio­nen, wie das von den Sowjets abge­ris­se­ne Jugend­stil-Stadt­park­thea­ter, sind dort pro­jek­tiert. Teil­wei­se kommt es sogar zu einer erst­ma­li­gen Umset­zung einst geplan­ter, aber nie gebau­ter his­to­ri­scher Häu­ser. Auf dem Land fin­den der­zeit zahl­rei­che Sanie­run­gen maro­der Schlös­ser statt. Sogar eine Rekon­struk­ti­on des im 17. Jahr­hun­dert von den Tür­ken zer­stör­ten Burg- und Schloß­kom­ple­xes von Visegrád ist im Gespräch.

Die Situa­ti­on der akti­ven staat­li­chen För­de­rung von Stadt­bild-Hei­lung in Ungarn unter­schei­det sich somit grund­le­gend von der in Deutsch­land. Hier­zu­lan­de sind es meist klei­ne Bür­ger­initia­ti­ven, von denen die Impul­se zu Rekon­struk­tio­nen aus­ge­hen, und häu­fig wer­den die­sen von des­in­ter­es­sier­ten bis offen ableh­nend reagie­ren­den staat­li­chen Stel­len Stei­ne in den Weg gelegt. Oder es kommt zum Spiel auf Zeit durch end­lo­se Verzögerungen.

Neh­men wir das Bei­spiel der Ber­li­ner Bau­aka­de­mie. Die 1836 von Karl Fried­rich Schin­kel gegen­über dem Ber­li­ner Schloß als Lehr­an­stalt errich­te­te Bau­aka­de­mie nahm im Zwei­ten Welt­krieg gro­ßen Scha­den. Den­noch kam es in der frü­hen DDR zu Wie­der­auf­bau­maß­nah­men. 1953 konn­te gar das Richt­fest gefei­ert wer­den. Doch danach bewil­lig­te die SED-Regie­rung kein Geld mehr für den Innen­aus­bau, so daß es 1956 zur Ein­stel­lung aller Bau­maß­nah­men kam. Bald schwenk­te die anfäng­lich noch tra­di­tio­nell ori­en­tier­te Stadt­pla­nung der frü­hen Nach­kriegs­zeit auch in der DDR auf Moder­nis­mus um, und so wur­de die im Roh­bau bereits wie­der­auf­ge­bau­te Bau­aka­de­mie 1962 kom­plett abge­ris­sen. Statt des­sen wur­de an ihrer Stel­le das Hoch­haus des DDR-Außen­mi­nis­te­ri­ums errich­tet, das sei­ner­seits wie­der­um 1996 abge­ris­sen wurde.

Seit fast 30 Jah­ren fin­det nun die Debat­te um die Rekon­struk­ti­on der Bau­aka­de­mie auf die­ser Bra­che in der Mit­te Ber­lins statt. Bereits 1991 mel­de­ten sich ers­te Stim­men aus der Wis­sen­schaft zu einer Rekon­struk­ti­on. 1994 wur­de der För­der­ver­ein Bau­aka­de­mie gegrün­det. Zwar gab bereits 1995 die Zeit pole­mi­schen Gegen­stim­men ein Forum. Doch die­se Stim­men ver­stumm­ten in den Fol­ge­jah­ren wohl auch des­we­gen, weil sie kei­ne rich­ti­gen poli­ti­schen Argu­men­te gegen eine Bau­aka­de­mie fin­den konnten.

1997 kam es zu einer Mach­bar­keits­stu­die des Lan­des Ber­lin. Die­se kam zu dem Schluß, daß weder Wie­der­errich­tung noch Nut­zungs­be­trieb öffent­lich finan­ziert wer­den könn­ten. Die Mit­tel soll­ten also pri­va­te Geld­ge­ber erbrin­gen. Der För­der­ver­ein ent­wi­ckel­te einen antrags­rei­fen Rekon­struk­ti­ons­ent­wurf, doch die poten­ti­el­len Pri­vat­in­ves­to­ren zogen ihre Bereit­schaft zurück. Blo­cka­de­hal­tun­gen von Archi­tek­ten­schaft und Poli­tik führ­ten danach zur Zer­mür­bung der Initiative.

Nach jah­re­lan­gem Still­stand beschloß der Deut­sche Bun­des­tag 2016 nun doch die Wie­der­errich­tung der Bau­aka­de­mie und stell­te dafür 62 Mil­lio­nen Euro zur Ver­fü­gung. Es kam zu Dia­log-Foren über Nut­zungs­sze­na­ri­en, einer neu­en Mach­bar­keits­un­ter­la­ge, einem Pro­gramm­wett­be­werb und schließ­lich 2019 zur Grün­dung der Bun­des­stif­tung Bau­aka­de­mie mit der Auf­ga­be, eine For­schungs- und Bil­dungs­ein­rich­tung für Stadt­ent­wick­lung sowie nach­hal­ti­ges Pla­nen und Bau­en zu schaf­fen. Der SPD-Poli­ti­ker Flo­ri­an Pro­nold wur­de vom Stif­tungs­rat zum Grün­dungs­di­rek­tor gewählt. Aber die Benen­nung führ­te zu einem öffent­li­chen Sturm – wahr­schein­lich, weil Pro­nold zu ein­deu­tig in Rich­tung Rekon­struk­ti­on ten­dier­te. Der in der moder­nis­ti­schen Sze­ne übli­che »offe­ne Brief« wur­de ver­faßt und von über 600 Archi­tek­ten, Kul­tur­schaf­fen­den und Muse­ums­be­diens­te­ten unterzeichnet.

Auch meh­re­re Lan­des­ver­bän­de des berüch­tig­ten Bun­des Deut­scher Archi­tek­ten posi­tio­nier­ten sich gegen Pro­nold. Offi­zi­ell wur­de bemän­gelt, daß Pro­nold durch Seil­schaf­ten von alten Bekann­ten und trotz man­geln­der Kom­pe­ten­zen zu dem Pos­ten gekom­men sei. Da der­ar­ti­ge For­men der Stel­len­be­set­zung nun wahr­lich kein außer­ge­wöhn­li­cher Vor­gang im bun­des­deut­schen Poli­tik­be­trieb sind, dürf­ten die Vor­wür­fe nur ein Vor­wand für eine der Archi­tek­ten­lob­by geneh­me­re Stel­len­be­set­zung gewe­sen sein.

Zer­mürbt von zwei gericht­li­chen Kla­gen gab Pro­nold auf, und 2021 trat der Archi­tek­tur­pro­fes­sor Gui­do Spars den Pos­ten des Gründungs­direktors an, um kurz dar­auf mehr­fach zu ver­laut­ba­ren, daß eine authen­ti­sche Rekon­struk­ti­on des Gebäu­des kei­nes­falls zwin­gen­de Vor­ga­be sein müs­se. So geht die End­los­ge­schich­te in die nächs­te Run­de. Eigent­lich über­rascht die­se lan­ge Durst­stre­cke etwas, denn gera­de bei der Bau­aka­de­mie feh­len zahl­rei­che Argu­men­ta­ti­ons­punk­te, die häu­fig wider Rekon­struk­tio­nen ange­führt werden.

Sie ist nicht his­to­risch »belas­tet«, also kein expli­zi­tes Sym­bol der mon­ar­chi­schen Zeit wie das Stadt­schloß, und schon gar nicht »NS-kon­ta­mi­niert« wie die Pots­da­mer Gar­ni­son­kir­che. Auch kann sie kaum als Gebäu­de fal­schen »Pomps« oder »rück­wärts­ge­wand­ter« Sehn­süch­te atta­ckiert wer­den, denn Schin­kels Schöp­fung gilt als ein Vor­läu­fer der archi­tek­to­ni­schen Moder­ne. Die Bau­aka­de­mie war sta­tisch kon­stru­iert als geo­me­tri­sches Stüt­zen­ras­ter, dem unver­putz­te Zie­gel­wän­de und Ter­ra­kot­tast­ei­ne vor­ge­blen­det wur­den. Das ermög­lich­te groß­zü­gi­ge Grund­ris­se, wodurch das Gebäu­de ein Vor­bild für vie­le spä­te­re Indus­trie-Lofts wurde.

Im Aus­land ist ein gene­rell viel unbe­fan­ge­ne­rer Umgang mit dem The­ma »Rekon­struk­ti­on« fest­stell­bar. In Süd­ko­rea wird das weit­ge­hend von den japa­ni­schen Besat­zern abge­ris­se­ne Are­al des Kai­ser­pa­las­tes ­Gye­ong­bok­gung seit 1990 suk­zes­si­ve rekon­stru­iert. In Nepal fin­det seit dem ver­hee­ren­den Erd­be­ben von 2015 ein umfang­rei­ches rekon­stru­ie­ren­des Wie­der­auf­bau­pro­gramm statt, das zahl­rei­che Paläs­te und Tem­pel­an­la­gen umfaßt. In War­schau soll dem­nächst das 1944 von der deut­schen Wehr­macht zer­stör­te monu­men­ta­le Säch­si­sche Palais rekon­stru­iert werden.

Die deut­sche Aus­nah­me­si­tua­ti­on in Mit­tel­eu­ro­pa ange­sichts der Ver­wüs­tun­gen des Bom­ben­krie­ges und der Abriß­wel­len der Nach­kriegs­zeit hat hin­ge­gen zu einem auf­fäl­li­gen Ver­lust an Geschicht­s­tie­fe und Iden­ti­tät in vie­len deut­schen Städ­ten geführt. Hin­zu kommt eine über­hol­te Denk­mal­schutz-Dok­trin, die einem mate­ri­el­len Sub­stanz-Feti­schis­mus frönt, aber der Idee eines Bau­werks, sei­ner jeder­zeit wie­der mate­ria­li­sier­ba­ren geis­ti­gen Gestalt, kei­nen Wert zubilligt.

Über­se­hen wird, daß sich, wie jeder Kör­per, auch ein Gebäu­de im Lau­fe sei­nes Daseins schon durch nöti­ge Sanie­run­gen in sei­ner Sub­stanz ste­tig erneu­ert. Stei­ne, Dach­pfan­nen und Regen­rin­nen wer­den aus­ge­tauscht, das Gebäu­de bleibt vor allem in sei­ner Gestalt erhal­ten. So ist eine Rekon­struk­ti­on auch kei­ne »Fäl­schung« oder »Kopie«, son­dern eine »leib­li­che Auf­er­ste­hung aus dem Nichts«. (1) Die Rekon­struk­ti­on fälscht also kei­ne Geschich­te, son­dern heilt nur eine Wun­de der real pas­sier­ten Geschich­te. Dadurch wird sie selbst Teil der Geschichte.

Neben der Igno­ranz des­in­ter­es­sier­ter und geschmacks­ver­irr­ter Kom­mu­nal­po­li­ti­ker und den Wider­stän­den der moder­nis­ti­schen Archi­tek­ten, die im Bund Deut­scher Archi­tek­ten ihre Berufs­ver­tre­tung haben, exis­tiert in man­chen Fäl­len noch eine wei­te­re Grup­pe, die gele­gent­lich mit Aktio­nen gegen ästhe­ti­sche Stadt­re­pa­ra­tur von sich reden macht: Links­ra­di­ka­le. Gewöhn­lich inter­es­sie­ren sich Links­ra­di­ka­le nicht für ästhe­ti­sche Fra­gen, da sie sich zum einen vor allem mit der sozia­len Struk­tur einer Gesell­schaft befas­sen, zum ande­ren die als kapi­ta­lis­tisch bewer­te­te Rea­li­tät ohne­hin ableh­nen, ganz gleich, ob sich die­se schö­ner oder häß­li­cher prä­sen­tiert. Allen­falls etwas Pole­mik gegen »Fas­sa­dis­mus« und den »schö­nen Schein« des kapi­ta­lis­ti­schen Elends fin­det sich bei ihnen.

Und ten­den­zi­ell wer­den mög­lichst ver­kom­me­ne und ver­elen­de­te Ecken von ihnen beson­ders unter Schutz gestellt. Letz­te­re sol­len gar nicht ver­schö­nert und ver­bes­sert wer­den. Mit Graf­fi­ti ver­schmier­te Unter­füh­run­gen gel­ten als Area­le anar­chi­scher Frei­heit, in denen die Wer­te und Nor­men der »bür­ger­li­chen« Gesell­schaft nichts gel­ten. Die Zel­te der ille­ga­len Zuwan­de­rer, die aus Papp­kar­tons bestehen­den Nacht­la­ger der Obdach­lo­sen in Kauf­haus­ein­gän­gen, die nach Urin rie­chen­den Wand­ni­schen der Crack­rau­cher sol­len als Sta­chel und Ankla­ge gegen die bür­ger­li­che Gesell­schaft mög­lichst sicht­bar im öffent­li­chen Raum bestehen­blei­ben. Min­des­tens erge­ben sich dar­aus spä­ter Jobs als Street­wor­ker oder Päd­ago­ge in der kom­mu­na­len Sozialbetreuungsindustrie.

Zu einer for­mier­ten Atta­cke gegen Pro­jek­te der archi­tek­to­ni­schen Stadt­re­pa­ra­tur wer­den die­se Befind­lich­kei­ten aber erst, wenn sie von ideo­lo­gi­schen Kul­tur­theo­re­ti­kern oder lin­ken kom­mu­na­len Wäh­ler­ver­ei­ni­gun­gen für deren Inter­es­sen instru­men­ta­li­siert wer­den – und für die Inter­es­sen der rein an Ren­di­te ori­en­tier­ten kapi­ta­lis­ti­schen Bau­her­ren. Ger­ne wird dabei der mora­lisch höchst frag­wür­di­ge alli­ier­te Bom­ben­krieg pseu­do­re­li­gi­ös ver­brämt zu einer Art »gött­li­chen Stra­fe«, deren Resul­ta­te man nicht rück­gän­gig machen dür­fe – sozu­sa­gen im Sin­ne einer »Bestra­fung« zum Leben in Häß­lich­keit als Erbschuld.

In Pots­dam gab es bei­spiels­wei­se bei jedem grö­ße­ren Rekon­struk­ti­ons­pro­jekt in der Stadt­mit­te Wider­stän­de aus dem links­ra­di­ka­len Milieu. For­mu­liert wur­den sie durch Archi­tek­tur­theo­re­ti­ker wie Phil­ipp Oswalt, der sich auch in Ber­lin und Frank­furt am Main mas­siv gegen Rekon­struk­tio­nen posi­tio­niert hat, und durch die kom­mu­na­le Wäh­ler­grup­pe »Die Ande­ren«, die das The­ma zur Pro­fi­lie­rung gegen­über ihren Sym­pa­thi­san­ten wahl­tak­tisch zu nut­zen ver­sucht. Als 2010 bis 2013 das Stadt­schloß als neu­er Land­tag durch eine Spen­de Has­so Platt­ners äußer­lich rekon­stru­iert wer­den konn­te, äußer­ten sich die Proteste.

Als die DDR-Fach­hoch­schu­le von 2017 bis 2018 zuguns­ten einer his­to­ri­sie­ren­den Neu­be­bau­ung abge­ris­sen wur­de, wie­der­hol­te sich das Spiel. Immer noch wird ver­bis­sen um den Erhalt des DDR-Rechen­zen­trums gestrit­ten. Der Bau ist belang­los und längst durch Umbau­ten ent­stellt, aber er dient links­al­ter­na­ti­ven Grup­pen als Platz­hal­ter, weil er auf einer Flä­che steht, die eine Rekon­struk­ti­on des Kir­chen­schiffs der Gar­ni­son­kir­che blo­ckiert, auch wenn die­se der­zeit gar nicht ansteht.

Um das Geld kann es nicht gehen, denn die Sanie­rung und die brand­schutz­tech­ni­sche Erneue­rung der maro­den DDR-Bau­ten wür­den enor­me Sum­men ver­schlin­gen, für die das ange­spro­che­ne Milieu kei­ne Finan­zie­rungs­grund­la­ge lie­fern kann. Um den Wohn­raum kann es nicht gehen, denn zum Bei­spiel anstel­le des Pots­da­mer »Stau­den­hofs« soll mit­tels neu­er Block­rand­be­bau­ung mehr Wohn­raum als heu­te neu ent­ste­hen, zu erheb­li­chen Tei­len sozi­al geför­dert. Um die Ori­gi­na­li­tät der DDR-Bau­ten als künst­le­ri­sche Denk­ma­le kann es eben­falls nicht gehen, denn teils sind die Häu­ser schon durch Sanie­run­gen der Nach­wen­de­zeit stark ent­stellt, teils schla­gen die Links­ra­di­ka­len selbst mas­si­ve »kli­ma­schüt­ze­ri­sche« Umbau­ten vor, die das Erschei­nungs­bild der Häu­ser stark ver­än­dern würden.

Die maro­den DDR-Bau­ten, für deren Erhalt sie sich ein­set­zen, die­nen somit nur einem ein­zi­gen Zweck: Sie sind Platz­hal­ter, mit denen eine ästhe­ti­sche Stadt­re­pa­ra­tur nach his­to­ri­schen Vor­la­gen ver­hin­dert wer­den soll. Im Wes­ten Deutsch­lands die­nen die­sem Zweck ganz ähn­lich vie­le eilig unter Denk­mal­schutz gestell­te und das Stadt­ge­fü­ge maxi­mal stö­ren­de Groß­bau­ten der Nach­kriegs­jahr­zehn­te. Dafür wird heu­te sogar die Begrün­dung her­an­ge­zo­gen, ein Erhalt wür­de dem Kli­ma­schutz dienen.

Das schö­ne Stadt­bild, die Har­mo­nie, die Poe­sie, der Rück­griff auf Geschich­te sind man­chen ein Feind­bild. Die welt­weit sicht­ba­ren Stadt­ver­wüs­tungs­pro­zes­se des 20. Jahr­hun­derts sol­len nicht revi­diert wer­den, min­des­tens nicht in Deutsch­land. Doch dies wird nicht das letz­te Wort der Geschich­te blei­ben. Phan­tom­schmerz hallt lan­ge nach, und wenn das Bewußt­sein wächst, daß vie­les mög­lich ist, wird wie­der vie­les ermög­licht werden.

– – –

(1) – Mar­kus Rot­haar: »Die Wie­der­ge­win­nung der Städ­te«, in: Harald Streck (Hrsg.): Die Rekon­struk­ti­on von Bau­wer­ken, Nor­der­stedt 2014, S. 18.

 

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