In der Platte

PDF der Druckfassung aus Sezession 114/ Juni 2023

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

Plat­ten­bau darf man als ehr­li­che und lebens­prak­ti­sche Archi­tek­tur anse­hen. Neue Sach­lich­keit der sozia­lis­ti­schen Plan­wirt­schaft. Ja, Funk­tio­na­li­tät ging da vor Ästhe­tik, und die Plat­ten­be­zir­ke ent­stan­den aus dem Man­gel und vor dem Hin­ter­grund der Tra­gik zer­fal­len­der DDR-Innen­städ­te, die ihrer­seits das mar­kan­tes­te Zei­chen des Nie­der­gangs waren.

Aber immer­hin, die Plat­te leb­te. Dort erhiel­ten »unse­re jun­gen Fami­li­en« schlüs­sel­fer­ti­ge Quar­tie­re. Kern­stück der soge­nann­ten Wirt­schafts- und Sozi­al­po­li­tik der DDR war das ehr­gei­zi­ge Woh­nungs­bau­pro­gramm, beschlos­sen 1972 und einen bei­spiel­lo­sen Beton-Bau­boom aus­lö­send. Offi­zi­ell wur­den bis 1990 drei Mil­lio­nen Plat­ten­bau­woh­nun­gen hoch­ge­klotzt, tat­säch­lich waren es nur knapp zwei Mil­lio­nen, immer noch eine enor­me Leis­tung. Dem Land fehl­ten zwar Boden­schät­ze und indus­tri­el­le Res­sour­cen, aber dank eis­zeit­lich gepräg­ter Geo­lo­gie erschie­nen Kie­se und San­de für den Betrieb der Zement- und Beton­wer­ke unerschöpflich.

Gefühlt fuhr die hal­be Arbei­ter­schaft »auf Mon­ta­ge«, über­durch­schnitt­lich vie­le Absol­ven­ten der Poly­tech­ni­schen Ober­schu­len wur­den zu Bau­fach­ar­bei­tern für Woh­nungs­bau­kom­bi­na­te aus­ge­bil­det oder lern­ten ver­wand­te Gewer­ke, um Ber­lin-Hel­lers­dorf und ‑Mar­zahn, Hal­le-Neu­stadt und Leip­zig-Grün­au, Ros­tock-Lüt­ten Klein und Dres­den-Proh­lis hochzuziehen.

In den Plat­ten­bau-Tra­ban­ten­städ­ten ent­stan­den all die gleich­falls aus Norm­tei­len errich­te­ten Schu­len, Kin­der­krip­pen und Kin­der­gär­ten, die Restau­rants, Kul­tur­häu­ser, Schwimm- und Sport­hal­len, dazwi­schen die Wäsche­plät­ze und Grün­flä­chen. Es herrsch­te der rech­te Win­kel des Reiß­bretts. Hier und da gab’s sozia­lis­ti­sche Kunst, also gro­ße Fas­sa­den­fres­ken und Plas­ti­ken, die ver­meint­lich heroi­sche Arbei­ter­be­we­gung ver­klä­rend und die all­zu gesund anmu­ten­den Sie­ger der Geschich­te zei­gend, die sich in ein paar Jah­ren bereits als Ver­lie­ren erwei­sen soll­ten, min­des­tens als ideo­lo­gisch ver­zerr­te Trugbilder.

Die Pla­ner woll­ten in den neu­en Stadt­tei­len nicht nur Woh­nun­gen ent­ste­hen sehen, son­dern über­haupt die »sozia­lis­ti­sche Lebens­wei­se«, die im Alt­ge­mäu­er der Städ­te so revo­lu­tio­när nicht vor­stell­bar war. Der Plat­ten­bau galt sei­nen Gestal­tern eben nicht als Not­lö­sung, son­dern als das genau so ange­streb­te Neue, das abso­lut aus­se­hen soll­te, wie es dann aussah.

Für die Ret­tung und den Aus­bau der inner­städ­ti­schen his­to­ri­schen Sub­stanz moch­te es zwar sowie­so an Mit­teln und Tech­no­lo­gie feh­len, aller­dings schlug man das rei­che Erbe poli­tisch moti­viert, also ganz bewußt, aus, sah man dar­in doch ein Zeug­nis der zu über­win­den­den alten Klas­sen­ge­sell­schaft. Moch­te es zer­brö­ckeln und zer­brö­seln. Erst in den Acht­zi­gern, zu spät, steu­er­te man für eini­ge iso­lier­te Renom­mier­pro­jek­te wie das Ber­li­ner ­Niko­lai­vier­tel um.

In den neu­en Stadt­tei­len vol­ler Kin­der und Jugend­li­cher war die DDR hin­ge­gen ganz bei sich selbst. Fried­hö­fe gab’s dort gar nicht, das Ster­ben schien der Alt­stadt vorbehalten.

Von Arbei­ter­schließ­fä­chern war in der DDR schon immer miß­güns­tig die Rede, Hei­ner Mül­ler sprach sogar ver­ächt­lich von »Fick­zel­len«. Indi­vi­dua­lis­ten reno­vier­ten sich im Ver­fall lie­ber man­gel­im­pro­vi­siert etwas mar­kant Eige­nes, als in die durch­ge­norm­ten Woh­nungs­ein­hei­ten zu zie­hen, in denen Frei­geis­ter sich kaser­niert füh­len muß­ten. So wohn­te die tra­di­tio­nel­le Intel­li­genz auch wei­ter im so pit­to­res­ken wie mür­ben Alt­bau, die sozia­lis­ti­sche aber durch­aus im Planbeton.

Das Land war demo­gra­phisch jung, gehei­ra­tet wur­de sehr früh, Kin­der gal­ten dem DDR-Sozia­lis­mus als Segen. Wohin als jun­ge Fami­lie mit Ehe­kre­dit und Kin­der­prä­mi­en? Nie­mand sprach damals von »Plat­te«, man nann­te die begehr­ten Bau­kas­ten­woh­nun­gen respekt­voll »Neu­bau­ten«. Was die boten, galt – rela­tiv – als Luxus: Die Fens­ter waren dicht, die Woh­nun­gen tro­cken und fern­ge­heizt, nie­mand muß­te mehr Koh­len schlep­pen, die Bäder erschie­nen kom­for­ta­bel – war­mes Was­ser rund um die Uhr in einem hygie­ni­schen Sani­tär­be­reich. Dazu Ein­bau­kü­chen, teil­wei­se mit Durch­rei­che ins Wohn­zim­mer: Das stand für neue Gemütlichkeit.

Der SED-Staat ver­lang­te in den Blocks die Grün­dung von Haus­ge­mein­schaf­ten und ließ Haus­bü­cher im Sin­ne von Mel­de­ak­ten füh­ren. Das bedeu­te­te Ver­ein­nah­mung und Kon­trol­le, klar, aber die war man gewohnt, und hier und da gestal­te­te sich die Kol­lek­ti­vie­rung mit Sub­bot­nik in der Blu­men­ra­bat­te und Par­ty­kel­ler-Dis­co am Abend sozio­kul­tu­rell ganz leben­dig, und davon, daß all­über­all ein Denun­zi­ant zur freund­li­chen Umge­bung gehö­ren konn­te, ging man ohne­hin aus. Es gibt dar­an nichts zu ver­klä­ren, nur hieß es damals in der immer rui­nö­se­ren Alt­stadt öfter: Hier woh­nen die, die es nicht in die Neu­bau­ten geschafft haben.

Heu­te leben in der Plat­te umge­kehrt jene, die es nicht in die längst restau­rier­te und gen­tri­fi­zier­te Innen­stadt geschafft haben. Zum einen sind das die übrig­ge­blie­be­nen Eltern­tei­le der in den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern hier ein­ge­zo­ge­nen Fami­li­en, jene, die nach Wen­de und Wie­der­ver­ei­ni­gung den Anschluß ver­paß­ten und sich kein Eigen­heim im Umkreis der Städ­te bau­en konn­ten. Zum ande­ren sie­del­ten sich der ver­gleichs­wei­se gerin­gen Mie­ten wegen die Ärme­ren und das neue Pre­ka­ri­at an, vor allem aber die über den gestei­ger­ten Flücht­lings­zu­strom in den zuneh­men­den Woh­nungs­leer­stand gewie­se­nen Migran­ten und »Schutz­su­chen­den«, denen das Amt die Mie­te bezahlt.

Die Plat­ten­bau­be­zir­ke sind jetzt Orte der neu­en Armut und der von der Ber­li­ner Repu­blik roman­ti­sier­ten Bunt­heit – in unro­man­ti­scher Gestalt. Mit den Migra­ti­ons­wel­len ab 2015 ende­te auf­grund des drin­gen­den Unter­brin­gungs­be­darfs der in den drei­ßig Nach­wen­de­jah­ren gestei­ger­te Plat­ten-Rück­bau und ‑Abriß. (Durch die feh­len­den Blö­cke ergab sich ein auf­ge­lo­cker­te­res Sied­lungs­bild. Mehr Raum durch wild­blü­hen­de Brach­flä­chen, lei­der oft zugemüllt.)

Weil Kapi­ta­lis­mus nicht neu erfun­den wer­den muß­te, ent­stan­den in den umge­bau­ten Zweck­bau­ten Dreh­spieß­gas­tro­no­mie und basar­ar­tig-bun­te ori­en­ta­li­sche Läden, die das ver­kau­fen, was die Ein­ge­wan­der­ten zu essen gewohnt sind. Offen­bar lebt ein gan­zer Pro­duk­ti­ons- und Han­dels­zweig davon: tief­ge­fro­re­ne Fal­a­fel, Fla­den­brot, Hül­sen­früch­te und Reis, viel Obst und Gemü­se, getrock­ne­te Fei­gen und Dat­teln, alles »halal«.

Auf mei­nem Plat­ten-Kiez schraubt hin­term Ori­ent-Laden »Café Damas­kus« ein älte­rer Cha­ris­ma­ti­ker in einem Holz­ver­schlag aus jeweils meh­re­ren Schrott­ex­em­pla­ren gang­ba­re Fahr­rä­der für etwa hun­dert Euro das Stück zusam­men. Sei­ne ange­pinn­te Visi­ten­kar­te weist einen rus­sisch-jüdi­schen Namen aus. Fahr­rä­der sichern Bewe­gungs­frei­heit, erspa­ren die Enge von Bus­sen und Stra­ßen­bahn. Man ist mit ihnen schnell in die Innen­stadt oder in die Natur gesurrt, zu der es vom Rand­be­zirk aus nie weit ist.

Die Stadt­pla­ner ver­su­chen zu »diver­si­fi­zie­ren«. Man­chen alten Blocks wur­de in der Län­ge das mitt­le­re Drit­tel ent­fernt; so ent­stan­den klei­ne­re Wohn­wür­fel mit groß­zü­gig geschnit­te­nen Woh­nun­gen, Glas­bal­ko­nen und Ter­ras­se mit Gärt­chen im Erd­ge­schoß. Sogar Berei­che mit bei­na­he edel anmu­ten­den Eigen­hei­men im Bun­ga­low-Stil gibt es, mit­ten im Kiez, dezent umzäunt.

Ban­lieues sind trotz hohen Migran­ten­an­teils in den Beton­städ­ten nicht ent­stan­den. Noch ver­fügt die Ber­li­ner Repu­blik über Mit­tel, den sozia­len Woh­nungs­bau zu för­dern. Die grau­en Mehr­ge­schos­ser und Hoch­häu­ser wur­den nicht nur äußer­lich freund­lich getüncht, son­dern innen auf guten Stan­dard getrimmt: dop­pelt ver­glas­te Ver­bund­fens­ter, durch­ge­hen­de Strang­sa­nie­rung aller Was­ser- und Abfluß­roh­re, neue Elek­trik, pfle­ge­leich­te Kunst­stoff­uß­bö­den, Bäder mit dezen­ten High­lights wie Fuß­bo­den­hei­zung und Mar­ken-Arma­tu­ren von Grohe.

Wer mit sich klar­zu­kom­men ver­steht, der bekommt das auch im redu­zier­ten Inte­ri­eur der Plat­te hin. Sogar die Deut­schen. Und wer hier sein Leben nicht im Griff hat, der ret­te­te es eben­so­we­nig in der hüb­schen Innen­stadt, fällt im Rand­be­zirk aber weni­ger auf. Ja, es gibt mehr fehl­ernähr­tes Über­ge­wicht im Fein­ripp als anders­wo, mehr Jog­ging­ho­sen für Leu­te, die nie jog­gen, es gibt bizar­re Tat­toos und sicht­ba­ren Alko­ho­lis­mus, mehr Kip­pen, mehr Scher­ben und Plas­te­müll und all­zu früh geal­ter­te Gesich­ter. In der Papier­ton­ne liegt ein Por­no-Kalen­der, immer­hin rich­tig ent­sorgt. Ver­mut­lich gibt es mehr Ver­ein­ze­lung und Ver­ein­sa­mung, mehr Abge­schlos­sen­heit gegen­über der hip­pen und woken Innen­stadt­welt mit ihrem urba­nen Chic, viel, viel mehr far­bi­ge Kin­der, mehr Rus­sisch oder Ukrai­nisch und nir­gend­wo Bio­lä­den oder Lastenräder.

Aber es gibt neu­er­dings Auf­gän­ge, in denen sich die Mie­ter zusam­men­rau­fen, wo man dank glück­li­cher Umstän­de oder plötz­li­cher Not­wen­dig­keit wie­der mit­ein­an­der spricht, sich bei den All­tags­din­gen hilft und im Som­mer ein­fach Bier­bän­ke und ‑tische vor die Türen stellt: Nudel­sa­lat in Tup­per­do­sen, Kas­ten Pils, Grill. Neue Haus­ge­mein­schaf­ten, natür­lich ent­stan­den anstatt poli­tisch. All­tags­kul­tur kann damit begin­nen, daß einer damit anfängt, im Nah­be­reich den Müll auf­zu­sam­meln oder einen Kar­ton für Alt­pa­pier hin­zu­stel­len. Weil alles gese­hen wird, regis­triert man auch das; man fragt, man dankt und lernt, daß Dreck nicht von selbst ent­steht. ­Men­schen rau­fen sich über­all zusam­men und bil­den – Kommunen.

Wer aus frei­en Stü­cken her­zieht, folgt anti­zy­kli­schen Moti­ven: Die Mie­te ist preis­wert, knapp fünf­zig Qua­drat­me­ter Zwei­raum­woh­nung sind beherrsch­bar zu bewirt­schaf­ten, gera­de wenn man es sich zum neu-stoi­schen Lebens­prin­zip erhebt, mit wenig Anhaf­tung aus­zu­kom­men – Kalt­mie­te einer 47-Qua­drat­me­ter-Woh­nung: 255 Euro, warm 385 Euro Monats­mie­te, knapp 8,20 Euro der Qua­drat­me­ter. Hier zu leben darf man als zivi­len Unge­hor­sam gegen­über den durch die Decke schie­ßen­den Mie­ten in den Alt­stadt­ge­bie­ten auf­fas­sen. (Glück bei den Neben­kos­ten haben abge­här­te­te Natu­ren, die in der Mit­te der Blocks leben. Da rund­um geheizt wird und die Wär­me für umwoh­nen­de Bür­ger­geld­ler sowie­so inklu­si­ve ist, braucht man dort die Hei­zung gar nicht auf­zu­dre­hen; die von den Nach­barn durch­lau­fen­den brüll­hei­ßen Roh­re strah­len genug ab.)

»Gro­ße Fens­ter wünsch ich allen Men­schen, / die Gar­di­nen spär­lich nur und dünn, / daß die Ein­sicht und die Aus­sicht groß sind, / wie ich gern von bei­dem sel­ber bin.« So dich­te­te der DDR-Lie­der­ma­cher Kurt ­Demm­ler mit Blick auf die DDR-Plat­ten­bau­ten des Woh­nungs­pro­gramms. Und tat­säch­lich: Lie­ber viel frei­en Him­mel und Distanz zum nächs­ten Beton als den depri­mie­ren­den Blick auf die gegen­über­lie­gen­de Dach­trau­fe in der Enge male­ri­scher Fachwerkstraßen.

Unver­stell­tes Leben: Wir sehen ein­an­der im Plat­ten­bau­ge­biet andau­ernd, was immer wir mit die­ser unbe­kann­ten Bekannt­schaft anfan­gen mögen. Wir bli­cken ein­an­der in die Fens­ter – die armen Ver­lie­rer, die ver­zag­ten und die dreis­ten Migran­ten, die Alten, die nicht auf­ge­ben, und die Jun­gen, die irgend­was zu begin­nen ver­su­chen, jene, die frü­her »Hart­zer« waren und heu­te »Bür­ger­geld-Emp­fän­ger« sind, weil das Sys­tem dazu ein­lädt und weil für nicht weni­ge ansons­ten nur die kal­te phy­si­sche Not in Gestalt von Man­gel und Obdach­lo­sig­keit bliebe.

Wir begeg­nen uns also all­zu nah und beherr­schen daher die Pless­ner­sche For­men der Distan­zie­rung. Der Phi­lo­soph plä­dier­te »für eine Kul­tur der Zart­heit, die erst mal ver­sucht, alles Erup­ti­ve, Aus­drück­li­che und Ein­deu­ti­ge zu ver­mei­den: Das Unmit­tel­ba­re soll erst mal aus­ge­klam­mert wer­den, damit man sich begeg­nen kann«. Gera­de eine gewis­se Distanz gilt ihm als die Bedin­gung für sozia­le Annä­he­rung und so als kul­tur­bil­dend. Und genau das prak­ti­zie­ren die Plat­ten­bau-Bewoh­ner all­täg­lich, eben weil sie Plat­te an Plat­te und tech­nisch bedingt all­zu dicht in kras­ser Unmit­tel­bar­keit leben. Weil sich das ler­nen läßt, ist es viel weni­ger »erup­tiv« in der Plat­te, als es der Innen­städ­ter anneh­men mag, der dort drau­ßen lau­te Exzes­se und Gewalt fürch­tet, die so gera­de kaum statt­fin­den. Aber wenn mal jemand aus­ras­tet, etwa beim Ehe­krach, hat er frei­lich die ganz gro­ße Büh­ne und den gegen­über­lie­gen­den Block als Publi­kum sicher.

Mag sein, es gibt hier weni­ger nar­ziß­ti­sche und thea­tra­li­sche Auf­trit­te als bei den exal­tier­te­ren Bewoh­nern der noble­ren Quar­tie­re. Wir in der Plat­te haben kei­nen Grund, uns mit viel Pomp und Effekt auf­zu­spie­len, denn das Motiv, hier zu leben, ist bei allen das glei­che: zwin­gen­de Not­wen­dig­keit, haus­hal­te­risch maß­hal­ten zu müs­sen. Wer als Kind hier auf­wuchs, mag die Plat­te als Zuhau­se emp­fin­den, ande­ren wird sie eher zwangs­läu­fig zu einer eigen­wil­lig sprö­den Hei­mat. Die meis­ten wol­len jedoch wie­der weg, leben also auf Durch­rei­se, bis sie viel­leicht doch mal über den Min­dest­lohn hin­aus sind.

Jeder hier weiß, daß die seit der DDR immer noch mit römi­schen Zif­fern benann­ten Bau­ab­schnit­te als Orte arm­se­li­ger Wohn­kul­tur und so als Quar­tier für min­der­wer­ti­ge Typen gel­ten. Dar­aus aber kann man etwas machen. Indem man sein Ding macht, wäh­rend man sich woan­ders eher zu Ange­paßt­hei­ten gezwun­gen sieht. Wir hier spie­len gelas­sen unte­re Liga; von der aus kann man auf‑, woan­ders eher nur abstei­gen. Wenn sich die Rus­sen im Win­ter bei Grau­pel­schau­ern zum Vol­ley­ball tref­fen, weil es die kom­mu­na­len Fel­der nun mal immer noch gibt, wenn klei­ne Paschas zwi­schen den Blocks Fuß­ball bol­zen oder West­asia­ten qua­si­a­me­ri­ka­nisch in den Bas­ket­ball­kä­fi­gen posen, dann ist das immer­hin ein Zei­chen neu­er Leben­dig­keit. Wenn die Mus­li­mas im auf­recht-apar­ten Sche­he­re­za­de-Chic pro­me­nie­ren, hat das Ästhe­tik. Dar­über hin­aus fällt aber auf, daß wei­ße Kin­der im Gegen­satz zu Exo­ten kaum mehr drau­ßen zu sehen sind und das eige­ne Volk nicht nur der Zahl nach mar­gi­na­li­siert wird, son­dern zudem phy­sisch wie ästhe­tisch gegen die zuge­zo­ge­nen Eth­ni­en zu ver­lie­ren scheint.

Mir paßt die Plat­te. Prak­ti­scher Zuschnitt im Voll­zug der Tri­via­li­sie­rung oder Demo­kra­ti­sie­rung von Bau­haus-Prin­zi­pi­en. Die Woh­nung ist hell, alles funk­tio­niert, alles ist sin­nig ange­bracht, jede Steck­do­se, jeder Schal­ter genau am rich­ti­gen Platz. Man hat schnell mal feucht durch­ge­wischt, und die Fens­ter zu put­zen, um den lich­ten Cha­rak­ter der Woh­nung noch zu stei­gern, dau­ert bei drei gro­ßen Glas­flä­chen nur eine hal­be Stun­de. Glas­fa­ser liegt an, Inter­net läuft. Die Son­ne scheint mor­gens ins Bett, nach­mit­tags liegt sie auf dem Bal­kon, also Mar­ki­se aus­kur­beln vorm Five o’clock tea.

Mag sein, Deutsch­land sieht hier schon etwa so aus, wie es in zwei, drei Jahr­zehn­ten über­all aus­se­hen wird, also eher nach Izmir oder Amman als nach dem alten Bam­berg, viel­leicht gar irgend­wie ame­ri­ka­nisch, weil man sich in Ame­ri­ka sowie­so fragt, wer genau denn nun die Ame­ri­ka­ner sind. Kürz­lich ging vor mir eine sehr, sehr dicke Frau mit die­sen pink­far­be­nen Plas­te-Crocs, die Haa­re indif­fe­rent, Ziga­ret­te in Brand. Sie führ­te einen gleich­falls dreh­run­den Hund aus. Und sie trug eine Art Jacke, auf der hin­ten in roter, schleifi­ger Schrift stand: TRAUMSTÜCK. Gesun­des Selbst­be­wußt­sein. Braucht man hier.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

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