Rechte Politik ist das Vorhaben, einer robusten Gestalt Platz zu verschaffen

Das theoretische Modell, daß der Flügelschlag eines Schmetterlings im brasilianischen Urwald eine Kettenreaktion auslösen könne, an deren Ende ein Tornado Florida heimsuche, ist über fünfzig Jahre alt. Der US-amerikanische Mathematiker und Meteorologe Edward Lorenz entwickelte es, um auf die Geringfügigkeit eines Ereignisses hinzuweisen, das sich im Nachhinein als der Auslöser einer gewaltigen Entladung herausstellen könnte.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Die Schmet­ter­lings­theo­rie wird bis heu­te als Begrün­dung für zwei ein­an­der ent­ge­gen­ge­setz­te Ver­hal­tens­mög­lich­kei­ten her­an­ge­zo­gen. Bei­de Ansät­ze blen­den aus, daß Lorenz mit sei­nem Modell vor allem auf chao­ti­sche, also kaum oder über­haupt nicht vor­her­sag­ba­re und somit nicht steu­er­ba­re Abläu­fe hin­wies. Es geht letzt­lich um die Unauf­find­bar­keit des Schmet­ter­lings und die damit ver­bun­de­ne Unmög­lich­keit, ihn an dem einen, ent­schei­den­den Flü­gel­schlag zu hin­dern oder eine kom­pen­sie­ren­de und eben­so hauch­fei­ne Bewe­gung auszuführen.

Man hät­te die­sen Befund zum Anlaß neh­men müs­sen, die Unauf­lös­bar­keit der Schöp­fungs­for­mel stau­nend hin­zu­neh­men und sie auf die Unüber­sicht­lich­keit gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen zu über­tra­gen. Aber das ent­spricht lei­der nicht dem für unse­re Epo­che cha­rak­te­ris­ti­schen Furor des Machens und sei­nem Weg­ge­fähr­ten: der Ängst­lich­keit, die in der bis ins Detail abge­si­cher­ten Welt aus einem damit ein­her­ge­hen­den Man­gel an Abfe­de­rungs­be­reit­schaft und Robust­heit rührt.

(Ein kur­zer Ein­schub, ein lite­ra­ri­scher Hin­weis: Ste­fan Zweigs unbe­dingt emp­feh­lens­wer­te Samm­lung his­to­ri­scher Stern­stun­den der Mensch­heit beschreibt anhand einer Schmet­ter­lings­theo­rie avant la lett­re, wie in ent­schei­den­den welt­ge­schicht­li­chen Situa­tio­nen ein ein­zel­ner Mensch das Züng­lein an der Waa­ge sein und dem Ver­lauf eine ent­schei­den­de Wen­dung geben könne.

Die Annah­me, daß nichts ein­fach ablau­fe, son­dern daß es die­ser oder jener Mensch zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort sei, des­sen Ein­griff in sei­ner gan­zen Trag­wei­te erst im Nach­hin­ein sicht­bar wür­de, ist zugleich ein Lob­preis der Tat­kraft und ihre Über­schät­zung. Es ist: einen Schnee­ball in einen rut­schen­den Hang wer­fen und ihn zum Aus­lö­ser der Lawi­ne erklä­ren – lite­ra­risch natür­lich unge­mein ergiebig.)

Zurück zu dem, was das machen­schafts­be­ses­se­ne Zeit­al­ter aus der Schmet­ter­lings­theo­rie in die Pra­xis über­tra­gen zu müs­sen meint: Der eine Ansatz lei­tet aus den ver­meint­li­chen Ver­wer­fun­gen auf­grund kleins­ter Regun­gen eine grund­sätz­li­che Skep­sis allem Han­deln gegen­über ab.

Die­se Skep­sis fußt auf der Über­zeu­gung, daß kom­ple­xe Sys­te­me hoch­sen­si­bel reagier­ten und durch Ein­grif­fe unwie­der­bring­lich aus dem Gleich­ge­wicht gewor­fen wer­den könn­ten. Der Wald, das Meer, die Aue, aber auch die Per­sön­lich­keit, das Gemein­we­sen, die Part­ner­schaft sei­en nicht robust, son­dern auf Feder­waa­gen aus­ba­lan­ciert. Hin­ter die­ser Annah­me steckt eine Ängst­lich­keit, die nur aus einem Man­gel an hand­fes­ter Erfah­rung rüh­ren kann.

Auch die ande­re Hand­lungs­ab­lei­tung geht von feins­ten Wir­kungs­zu­sam­men­hän­gen aus. Sie ver­sucht sich seit Jahr­zehn­ten an Vor­her­sa­ge­mo­del­len und simu­liert mit immer grö­ße­ren Daten­men­gen Ver­läu­fe und Ver­än­de­run­gen über Kip­punk­te hin­aus. Die­se hoch­kom­ple­xen Model­le waren und sind dabei stets redu­ziert auf hand­hab­ba­re Para­me­ter: Nicht jeder Flü­gel­schlag kann ein­be­zo­gen werden.

Jeder von uns kennt Ani­ma­tio­nen, auf denen zu sehen ist, wie nach dem Anstieg der Erd­er­wär­mung die Pol­kap­pen abschmel­zen und der Mee­res­spie­gel ansteigt – oder gera­de umge­kehrt: Denn nie­mand kann wis­sen, ob nicht der Ein­trag wär­me­rer Luft in den Nor­den ganz ande­re Aus­wir­kun­gen zei­tig­te, wenn etwa Mee­res­strö­mun­gen sich ver­än­der­ten und Land­bar­rie­ren über­spült würden.

Erst im Nach­hin­ein wird sich die Pro­gno­se vom Unter­gang der Welt, von Ver­wüs­tung ent­lang bestimm­ten Brei­ten­gra­den als rich­tig oder panisch erwie­sen haben. Aber mit die­ser Vag­heit mag man dort nicht leben, wo man ans Machen gewohnt, ins Machen ver­liebt ist – in den Umbau, den Reset.

Der beschei­de­ne und nahe­lie­gen­de Vor­schlag, aus der Schmet­ter­lings­theo­rie eine skep­ti­sche und kon­ser­va­ti­ve Ver­hal­tens­leh­re abzu­lei­ten, hat gegen­über dem Furor des Ein­grei­fens stets das Nach­se­hen. Vie­les blie­be ein­fach beim alten, weil bewährt und im Grun­de uner­gründ­bar gut gefügt und geordnet.

Aus dem Unmut über die­ses Bewähr­te und sei­ne Uner­klär­lich­keit rührt der Gewalt­akt, die eben nicht nach dem Binär­code gebau­te Welt in ihrer Kom­ple­xi­tät auf erfaß­ba­re Daten zu redu­zie­ren und sie bere­chen­bar zu machen.

Wenn sich die Schu­le der gro­ßen Ängst­lich­keit durch­ge­setzt hät­te, leb­ten wir in einem emp­find­sa­men, sozu­sa­gen femi­ni­nen Zeit­al­ter, in einem, das Blü­ten trie­be, aber harm­lo­se, rüh­ren­de, sanf­te. Die Poli­tik, die aus die­sem Geis­te gemacht wür­de, wäre eine des »Unter­las­sens«.

Aber es hat sich die kata­stro­phi­sche Berech­nung des zukünf­ti­gen Welt­ver­laufs durch­ge­setzt, und die­se Berech­nung beruht auf der Annah­me, daß die Mensch­heit nicht nur für ein aus sei­ner Balan­ce kip­pen­des Kli­ma ver­ant­wort­lich sei, son­dern durch Ver­hal­tens­än­de­run­gen die­sen gigan­ti­schen Kom­plex zurück­pen­deln las­sen könne.

Das Mit­tel der Wahl, das den an Erwär­mungs­stu­fen fest­ge­mach­ten Unter­gang auf­hal­ten soll, ist dabei so ein­falls­los wie nahe­lie­gend: Es ist eine panisch auf­ge­la­de­ne Tech­no­kra­tie, die indes nicht so genannt wird, son­dern als »Trans­for­ma­ti­on« eine wei­che­re Bezeich­nung bekom­men hat. Aber die­ser Begriff ist – wie stets, wenn bru­tal und unter fal­schen Vor­aus­set­zun­gen ein­ge­grif­fen wird – eine Verschleierung:

Die Trans­for­ma­ti­on der Welt­ge­sell­schaft ist ein Bau­kas­ten aus Ver­bo­ten, erzwun­ge­nem Ver­zicht, grü­nem Kon­sum, »nach­hal­ti­gem« Kapi­ta­lis­mus und weit in die Zukunft gewor­fe­ner Steue­rung des Ver­hal­tens von Mil­li­ar­den bei gleich­zei­ti­ger Pri­vi­le­gie­rung der Macher selbst.

Wer nach einer theo­re­ti­schen Begrün­dung für die­se Anma­ßung sucht, wird unter ande­rem bei Phil­ipp Lepe­nies fün­dig. Lepe­nies lehrt an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin Poli­tik­wis­sen­schaf­ten. Sein Buch Ver­bot und Ver­zicht. Poli­tik aus dem Geis­te des Unter­las­sens ist dicht, selbst­be­wußt und lehr­reich. Lepe­nies hat es für die grü­ne Tech­no­kra­tie geschrie­ben und will sie legi­ti­mie­ren, weil nur sie die Erd­er­wär­mung auf­hal­ten könne.

Wir lesen Lepe­nies trotz sei­ner fal­schen Annah­men, weil er in sei­nem Buch den Fin­ger in eine Wun­de legt, die sich die Rech­te selbst schlug, als der Staat im Rah­men der Coro­na-Jah­re zu Maß­nah­men des Ver­bots und Ver­zichts griff.

Die­se Maß­nah­men waren in kei­ner Wei­se gerecht­fer­tigt, denn nach weni­gen Mona­ten war klar, daß es sich nicht um ein wahl­los töten­des Virus, son­dern um eine Erkran­kung han­del­te, vor der sich die­sel­ben Risi­ko­grup­pen in Acht neh­men muß­ten, die sich vor jeder Grip­pe in Acht zu neh­men haben. Daß der Staat sie den­noch erließ, führ­te in den Wider­stands­mi­lieus zu einem epi­de­mi­schen Akzep­tanz­ver­lust staat­li­cher Ver­ord­nung und staat­li­chen Durch­griffs an sich. Dem Staat ver­lo­ren­ge­hen – das ist zu einer For­mel gewor­den, von der vor zehn Jah­ren nie­mand gedacht hät­te, daß sie ein­mal von rechts auf­ge­grif­fen würde.

Lepe­nies, der die Maß­nah­men recht­fer­tigt, ver­weist in sei­nem Buch zu Recht dar­auf, daß in die­sem Zusam­men­hang das Wort »Frei­heit« zur hei­li­gen Kuh des Wider­stands erho­ben wor­den und die Hal­tung, sich grund­sätz­lich nichts sagen zu las­sen und Auto­ri­tät nicht mehr zu akzep­tie­ren, von links nach rechts gera­de­zu über­ge­sprun­gen sei.

Mar­tin Licht­mesz hat das aus die­sem not­wen­di­gen Vor­gang erwach­sen­de Dilem­ma der Rech­ten mit den Begrif­fen lage‑, not­fall- und situa­ti­ons­li­ber­tär beschrie­ben: Mas­sen­haft sei­en Leu­te vom Staat abge­rückt, in deren poli­ti­scher DNS eigent­lich das Ver­trau­en auf Insti­tu­tio­nen, Staats­au­tori­tät und Maß­nah­men­ge­hor­sam zum Woh­le aller ein­ge­schrie­ben war. Dem fahr­läs­si­gen eman­zi­pa­to­ri­schen Gefa­sel sei mit rei­fer Begrün­dung immer und immer wie­der das Ernst­fall- und Staats­den­ken ent­ge­gen­ge­hal­ten worden.

Licht­mesz und ande­re ver­su­chen, das Unter­fan­gen von rechts, den Gehor­sam zu ver­wei­gern, auf Situa­tio­nen und Lagen ein­zu­gren­zen, in denen Gehor­sam nicht nur kei­ne Ehre brin­ge, son­dern die For­mie­rung der Gesell­schaft in eine fal­sche Rich­tung zur Fol­ge habe. Das war im Zuge der Coro­na-Maß­nah­men deut­li­cher zu sehen als je in den Jahr­zehn­ten zuvor. Aber die Gefahr lau­ert in der Ver­führ­bar­keit durch den Frei­heits­be­griff an sich. Er hat nicht ohne Grund eine Kar­rie­re als bei­spiel­haf­ter und unfaß­bar erfolg­rei­cher lin­ker Kampf­be­griff hin­ter sich.

Sich als Rech­ter, als Wider­stän­di­ger, vom links erbeu­te­ten Staat grund­sätz­lich zu eman­zi­pie­ren und sich in jeder poli­ti­schen Lage nun auf eine Auto­no­mie in Sachen Betei­li­gung oder Abstand zu beru­fen, ist ver­füh­re­risch und bequem – nicht nur für den Ein­zel­nen, son­dern auch für die poli­ti­sche Oppo­si­ti­on gegen die herr­schen­de Poli­tik. Und so pocht das alter­na­ti­ve Poten­ti­al auf sei­ne gegen die Kli­ma­re­li­gi­on gerich­te­te Kon­sum­au­to­no­mie des mün­di­gen Bür­gers. Denn nichts ist der­zeit ein­fa­cher, als die Geg­ner­schaft zur grü­nen Trans­for­ma­ti­ons­po­li­tik mit dem Ver­weis auf das ver­meint­lich gute Recht des Ein­zel­nen auf freie Ent­schei­dung in Fra­gen Hei­zung, Zapf­säu­le, Flug­rei­se und Bil­lig­schnit­zel popu­lis­tisch aufzuladen:

»Ich darf alles« ist zur Wider­stands­bot­schaft geworden.

Aber die­se Bot­schaft ist zu bil­lig, und sie ist eine Fal­le. Daß sich die Rech­te damit näm­lich in die Fän­ge einer Markt­lo­gik begibt, die dem Neo­li­be­ra­lis­mus alles, dem Staat fast nichts zutraut, gerät als Argu­ment ins Hin­ter­tref­fen. Lepe­nies argu­men­tiert stark, wo er die Ver­lo­gen­heit des Gere­des vom »frei­en Markt« auf­deckt: Er ver­weist auf die Selbst­über­schät­zung des Ein­zel­nen, der sich als ver­nünf­ti­gen Markt­teil­neh­mer begreift und die Fes­se­lung und Außen­steue­rung durch Mecha­nis­men wie ­Bedarfs­we­ckung, Markt- und Mei­nungs­macht, Mode, Kon­sum­len­kung und Ver­falls­pro­dukt ignoriert.

Eine Rech­te, die dem grü­nen Trans­for­ma­ti­ons­fu­ror das Kon­sum-Ich ent­ge­gen­stellt, zer­stört ihre eige­ne Sub­stanz und gibt ihren Gestal­tungs­an­spruch auf. Was näm­lich an poli­ti­schem Gegen­bild zu Ver­zicht und Ver­bot und ret­ten­der Dis­zi­plin übrig­bleibt, ist genau das, was der über­haupt nicht und nie jemals »freie« Markt will: daß näm­lich, wie Lepe­nies es aus­drückt, »der Kon­sum zum domi­nan­ten iden­ti­täts­stif­ten­den Merk­mal der Indi­vi­du­en post­mo­der­ner Gesell­schaf­ten gewor­den ist«.

Das ist kein rech­tes Pro­gramm, das über den Tag hin­aus­reich­te. Es ist ein gefähr­li­cher situa­ti­ons­li­ber­tä­rer Zwischenschritt.

Maxi­mi­li­an Krah, Euro­pa-Abge­ord­ne­ter für die AfD, weist der­zeit auf zwei Beson­der­hei­ten sei­ner Par­tei hin. Die­se Merk­ma­le, so Krah, mach­ten aus der AfD ein euro­pa­weit ein­zig­ar­ti­ges und dadurch sehr inter­es­san­tes rech­tes Par­tei­en­pro­jekt. Zum einen habe die AfD im Gegen­satz zu allen ande­ren Rechts­par­tei­en in Euro­pa ihre Sta­bi­li­sie­rung und ihren Aus­griff auf über zwan­zig Pro­zent der Wäh­ler nicht durch eine Bewe­gung in Rich­tung libe­ral­kon­ser­va­ti­ver Mit­te erreicht. Viel­mehr sei sie so erfolg­reich auf­grund der unaus­ge­setzt gesen­de­ten Bot­schaft, es han­de­le sich bei ihr tat­säch­lich um eine grund­sätz­li­che Alternative.

Glaub­wür­dig ver­mit­telt wor­den sei die­se Bewe­gungs­rich­tung, weil die AfD durch drei­ma­li­ge Häu­tung ihre Abwehr­be­reit­schaft gegen ein Ein­schwen­ken in libe­ral­kon­ser­va­ti­ve Bah­nen unter Beweis gestellt habe – wobei die zwei­te Häu­tung (jene, die Frau­ke Petrys Netz­werk abstreif­te) die ris­kan­tes­te gewe­sen sei.

Zwei­tens: Mit die­sem Anspruch stel­le die AfD nicht nur ihre Mit­glie­der, son­dern bereits ihre Wäh­ler vor eine grund­sätz­li­che Ent­schei­dung, die einem Bekennt­nis gleich­kom­me. Es gehe nicht (wie beim Wech­sel von einer Alt­par­tei zur ande­ren) um ein Sowohl-als-auch, son­dern um ein Ent­we­der-oder. Krah ist über­zeugt davon, daß die­ser Bekennt­nis­schritt ein Schritt in die Frei­heit aus den Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hän­gen der sehr geschickt auf­ge­stell­ten und mit ­Schre­ckens­er­zäh­lun­gen bewehr­ten BRD-Matrix sei.

Indes: Das Pro­blem sol­cher indi­vi­du­el­ler Selbst­er­mäch­ti­gung liegt zuta­ge. Sie ist der not­wen­di­ge ers­te Schritt, aber auf die­sen Befrei­ungs­schritt und das eupho­ri­sie­ren­de Frei­heits­ge­fühl muß die Selbst­ein­pas­sung in die rech­te Poli­tik- und Lebens­al­ter­na­ti­ve erfol­gen. Die­se Alter­na­ti­ve ist zwei­fel­los nahe dran am »nor­ma­len« Leben, aber sie ist kei­ne Kutsch­fahrt ohne Kut­scher. Indi­vi­du­el­le Frei­heit ist kein aus­rei­chen­des Gegen­pro­gramm, ist kei­ne star­ke Alter­na­ti­ve zum Steue­rungs­wahn und zur Trans­for­ma­ti­ons­kraft links­grü­ner Politik.

Die rech­te Poli­tik- und Lebens­al­ter­na­ti­ve hat einen deut­lich grö­ße­ren und schwie­ri­ge­ren Auf­trag als die Ermög­li­chung von Kon­sum- und Ver­hal­tens­au­to­no­mie. Ihr Pro­gramm ist die Rekon­struk­ti­on des Gemein­we­sens und der deut­schen Nati­on und ihres Son­der­wegs in der Mit­te Euro­pas, der inso­fern ein son­der­ba­rer Weg war und wie­der wäre, weil er über­all dort, wo er gebahnt ist, sich abson­der­te vom blo­ßen Hin­neh­men und Wuchern auf der einen und vom gehör- und geist­lo­sen Machen und Pla­nie­ren auf der ande­ren Sei­te und etwas ande­res, drit­tes, dazwi­schen­lie­gen­des zeigte.

Eine sol­che Rekon­struk­ti­on muß sich im Gegen­satz zu links­grü­nen Ent­wür­fen nicht auf­wen­dig recht­fer­ti­gen. Sie ist robust, weil sie die Aus­sa­ge der Schmet­ter­lings­theo­rie so begreift, wie ihr Erfin­der sie ver­stan­den wis­sen woll­te: als War­nung davor, Ursa­che und Wir­kung des kom­ple­xen Sys­tems »Leben« bis ins Detail ergrün­den und vor allem regu­lie­ren zu wollen.

Das rech­te Vor­ha­ben ist stets an die Robust­heit und den chao­ti­schen Ver­lauf des Lebens und sei­ne uner­gründ­li­che und nicht kon­stru­ier­ba­re Viel­falt ange­lehnt. Es ist Rah­men­set­zung und Wach­sen­las­sen und in die­sem Sin­ne stets »orga­ni­sche Kon­struk­ti­on«. Es ist kei­nes­falls Poli­tik aus dem Geis­te des Unter­las­sens, kei­ne Poli­tik eines Nacht­wäch­ter­staats und kei­ne, die den Bür­ger wahl­wei­se als mün­dig über- und als Mas­se unterschätzt.

Aus der Sicht der Geg­ner ist sol­che Poli­tik im Gegen­satz zur eige­nen, zur lin­ken Trans­for­ma­ti­on, eine Anma­ßung mit kata­stro­pha­len Fol­gen. Aber unse­re Geg­ner irren sich – wie­der ein­mal. Anma­ßend und kata­stro­phal ist ihre eige­ne Poli­tik. Nichts paßt zusam­men, Sprach­sen­si­bi­li­tät und vega­ne Panik gehen ein­her mit Mas­sen­mi­gra­ti­on und wokem Kon­sum­rausch, und wer für sei­ne E‑Mobilität den Kon­go Kobalt schür­fen läßt, ist blind oder zynisch.

Rech­te Poli­tik hin­ge­gen ist ein lebens­dien­li­ches Vor­ha­ben. Sie zielt auf eine Gestalt, die als Ergeb­nis jahr­hun­der­te­lan­ger Erzie­hung her­aus­ge­mei­ßelt wur­de und die es abge­drängt noch immer gibt. Lepe­nies umreißt die­se Gestalt in sei­nem Buch, aber er kann mit ihr nichts anfan­gen. Kenn­zei­chen sei­en, so schreibt er, ein »Sich-selbst-Zivi­li­sie­ren und der geschlif­fe­ne, ver­nünf­ti­ge Umgang mit­ein­an­der, der aus Ver­zicht bestand – aus dem Ver­zicht auf Affek­te und Konsum«.

Ver­zicht – eine rech­te Grund­vo­ka­bel. Rech­te Poli­tik bedeu­tet: einer robus­ten Gestalt Platz zu ver­schaf­fen, die sich dort nicht alles bie­ten läßt, wo es um die Sub­stanz geht. Gelingt die­se For­mung, prägt sie das Bild, dann kann es zu einem ful­mi­nan­ten und gedeih­li­chen Wech­sel­spiel zwi­schen Staat und Ein­zel­nem, zwi­schen Rah­men und Maler, zwi­schen gro­ßer Erzäh­lung und Ver­trau­en kommen.

Staat und Bür­ger sind robust und belast­bar. Die Fähig­keit der Deut­schen zur Resi­li­enz, also zur Anpas­sung auch an schwie­rigs­te Lagen, ist sprich­wört­lich, und den Flü­gel­schlag eines Schmet­ter­lings wahr­neh­men zu kön­nen, bedeu­tet nicht, sei­ne Wir­kung zu überschätzen.

Dort liegt der Unter­schied, der so wesent­li­che Unter­schied zwi­schen Ängst­lich­keit und Acht­sam­keit und der zwi­schen robus­tem und stump­fem Leben.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (45)

Mitleser2

16. September 2023 09:49

"Eine Rechte, die dem grünen Transformationsfuror das Konsum-Ich entgegenstellt, zerstört ihre eigene Substanz und gibt ihren Gestaltungsanspruch auf."
Welche Rechte (oder welcher relevante Teil davon) verkörpert denn diesen Widerspruch? Scheint mir etwas weit hergeholt.
 

Monika

16. September 2023 10:38

Mit großem Interesse habe ich diesen Text gelesen und kann der Kritik folgen.  Natürlich darf eine Widerstandsbotschaft nicht lauten: "Ich darf alles."Bekannterweise war der russische Literat und Systemkritiker Alexander Solschenizyn ein erklärter Gegner des westlichen Liberalismus, und betrachtet Konsum wie Lepenies nicht als identitätsstiftendes Merkmal von Individuen. In seiner Harvard Rede von 1978  sagt  Solschenizyn: " Die moderne westliche Zivilisation gründet auf der gefährlichen Neigung, den Menschen und seine materiellen Bedürfnisse anzubeten. Alles jenseits des physischen Wohlergehens und der Anhäufung materieller Güter blieb außerhalb der Bemühungen von Staat und Gesellschaft, als ob das menschliche Leben überhaupt keinen höheren Sinn habe. " Die Alternative zu einer linken Politik ist viel grundlegender

Monika

16. September 2023 10:43

Lepenies schreibt seine Kritik aus Sicht des Soziologen, der Gesellschaft "machen" will,  Alexander Solschenizyn schreibt aus einer existentiellen Betroffenheit , die auf einer viel tieferen Ebene als der politischen liegt.

Gracchus

16. September 2023 11:01

Ein sehr dichter gehaltvoller Text, den man erstmal sacken lassen muss. Trotzdem drängt es mich zu einigen spontanen Anmerkungen: Der Text kommt dem sehr nahe, was ich neulich als "neue Mitte" bezeichnet habe, in einem vielleicht entscheidenden Punkt aber nicht.
"Freiheit" und "Befreiung" halte ich für Schlüsselbegriffe für eine oppositionelle Bewegung. Unterhalten muss man sich aber in der Tat über den Freiheitsbegriff. Nach meinem Verständnis sind unsere Gedanken frei, aber nicht per se unser Wille. Freiheit erfordert Verzicht und Selbstdisziplin. Dies leuchtet unmittelbar ein, wenn man an Drogensucht denkt: Jemand, der auf die Droge verzichten lernt, wird hierdurch frei. Dies erfordert Selbstdiziplin. Die Konsum-Gesellschaft liefert aber andauernd "Drogen". Neulich war in der FAZ ein Artikel über die manipulativen Methoden der Lebensmittelindustrie zu lesen, die mit dem Belohnungssystem des Gehirns spielen; ein Einzelner ist dem kaum gewachsen. 

Gracchus

16. September 2023 11:16

In der Corona-"Debatte" wurde immerhin ein Defizit des liberalen Freiheitsbegriffs deutlich, wenn auch wie in der infantilen Gesellschaft inzwischen üblich darüber krakeelt wurde. Die Freiheitssphären lassen sich nicht sauber abgrenzen, wenn - analog zur Schmetterlingstheorie - alles, was ich tue, potentiell Folgen für andere haben kann. Richtigerweise kommt hier GKs Robustheit ins Spiel.
Ebenfalls die Ängstlichkeit, die mit einem Aktionismus auftritt, der mir inzwischen auch charakteristisch scheint für die Deutschen. Hier wären östliche Konzepte des Wu-wei (handelndes Nichthandeln) hilfreich. 
Wo ich divergiere: Die wohlverstandene Gestaltungsmacht siedelt GK beim Staat an, das denke ich nicht. 
 

Umlautkombinat

16. September 2023 11:28

> Konsumautonomie 
 
Ja, gibts. Aber das ist nicht Freiheit.
 
> ...des mündigen Bürgers.
 
Gleichartiges Aufgreifen der Vulgaerbedeutung eines Begriffs, und ausgerechnet Muendigkeit! Letztere gibt gerade einen Ansatz dafuer, welche Art
 
> individuelle Freiheit 
 
anstatt des "Konsum-Ich" eine entschieden Interessantere ist. Naemlich die, die eigenstaendiges Denken ermoeglicht. Das wiederum ist dann auch in der Lage beides gescheit zu behandeln, Uebergriffigkeiten des Staates wie auch das was als Verfuehrungen des Marktes bezeichnet wurde. Und mehr.
 
Da deterministisches Chaos am Beginn stand, auch in der Sprache der Mathematik: Diese Art Muendigkeit ist nicht hinreichend, aber auf jeden Fall notwendig.  Uebrigens ganz ohne dass eine "Selbsteinpassung in die rechte Politik- und Lebensalternative" erfolgen muss.
 
> Diese Alternative ist zweifellos nahe dran am »normalen« Leben
 
Na, ja. Bei Verwendung von "zweifellos" hoere ich im Zweifelsfall Pfeifen im Walde.
 

Volksdeutscher

16. September 2023 11:32

An obige Schmetterlingstheorie erinnert mich Nietzsches Spruch: "Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt." Man könnte untersuchen, ob er grundsätzlich eine Affinität zur Schmetterlingstheorie hat. Auf den ersten Blick, ja. Dennoch sagt er nichts über Wesen und Beschaffenheit dessen aus, das da auf Taubenfüßen unterwegs ist und sich womöglich auf uns zu bewegt. Da er dies unbestimmt läßt, ist er zur Erkenntnisgewinnung freilich nur in einem sehr begrenzten Umfang geeignet. Es ist auch die Frage, ganz gleich, ob Taubenfüße oder Schmetterlingsflügel: Besteht eine Folgerichtigkeit zwischen ihrem Wirken und der ihnen unterstellten Wirkung? Es müßten auch andere Beispiele herangezogen werden, die die Wiederholbarkeit des Tuns des Schmetterlings verifizieren und den Zufall ausschließen. Es wären auch die antiamerikanischen Ressentiments zu bedenken, die der ästhetisch geladene, gar getarnte Spruch im Rezipient unterschwellig aktiviert: Bedrohte Regenwälder und amerikanische Konzerninteressen in Brasilien... Verdankt der Spruch (falls ich richtig liege) diesem Umstand seine Popularität? Ist es ihrem Erkenntniswert förderlich oder hinderlich?

quer

16. September 2023 12:01

Als ich das Buch von Lepenies '22 erwarb und quer gelesen hatte, dachte ich sofort an Lenins "Was tun?" Und irgendwann tauchte hinter der Szene immer wieder der Klaus Schwab als drohende Krake auf. Das Buch steht deshalb in der Abteilung Sozialismus in meiner Bibliothek. Diese Abteilung wiederum, ist Teil des Themas "säkulare Ersatzreligionen".

Maiordomus

16. September 2023 14:49

@Dass Monika sich wieder mal meldet, konstatiere ich als eine höchst erfreuliche "Lebensbescheinigung". Das mit der existentiellen Betroffenheit, z.B. der Erfahrung der DDR, meinte ich in der ca. vorletzten Blog-Kolonne mit Bosselmann, der aus rechter Sicht die DDR nicht völlig anders sieht als die einst gegenüber der Wiedervereinigung störrische Wagenknecht, die als Jugendliche im Gegensatz zu Merkel ein Disziplinarfall war. 
Noch spannend und berechtigt, dass Lichtmesz unterdessen als zitierfähig gilt. würde ihn analytisch in der Tat als ausgereifter einschätzen als z.B. Krah und den von mir nicht weiter zu kritisierenden MS, der wie Krah ein vorzüglicher Video-Rhetoriker bleibt. Bei Krah habe ich zwar keine Probleme mit seinen tagespolitischen Analysen, eher schon mit seinen Thesen zur "Männerforschung", welches Thema mich seit den Büchern von Joachim Bodamer ab 1965 mitprägte, ehrlich gesagt noch stärker als Karl May, dessen Männerfiguren tatsächlich alle als rechts bis rechtsanarchisch einzuschätzen sind. Er soll sich aber mal das Musik-Video mit dem toten "Commandante Che Guevara", einer Männer-Ikone des 20. Jahrhunderts, vergegenwärtigen, unter spezieller Berücksichtigung des nackten Bauches, sich dann wieder mal selber im Spiegel anschauen.  Sage ich u.a. als Jünger-Leser, ebenfalls seit 1965.

Franz Bettinger

16. September 2023 15:06

Die Angst, dass komplexe Systeme hochsensibel reagieren und durch Eingriffe unwiederbringlich aus dem Gleichgewicht geworfen werden könnten, ist unbegründet; das Gegenteil richtig. Negative Feed Backs (Rücksteil-Schrauben) sind in der Natur weit häufiger anzutreffen als ihr Gegenteil. Selbst die seltenen positiven Rückkopplungen werden von negativen am Ende wieder eingefangen. Ein Wald-brand erzeugt Rußpartikel, an denen die Luft zu Regen kondensiert und den Brand löscht. Gerade die Fehlertoleranz ist ein Kennzeichen der Biologie und der Natur. Anders hätte Leben nie entstehen können. Wetter und Klima sind beste Beispiele dafür. Nichts ändert sich. Die Lage ist stabil. Selten kann auch mal eine ganze Gesellschaft tollwütig werden. Das hält nie lange an. Es gilt das Ur-Prinzip der Homöostase. Es war das erste Wort, das an der UCL an die Tafel geschrieben wurde. Ich hatte es vorher nie gehört. @GK hat recht: Hinter der falschen Annahme von allgemeiner Fragilität steckt eine Angst, die nur aus einem Mangel an handfester Erfahrung rühren kann. Die Erde ist robust, und wir sind es auch. 

Franz Bettinger

16. September 2023 15:11

Die Modelle des IPPC sind kompletter Schrott. Das wissen die gekauften Wissenschaftler, ganz so blöd sind sie ja nicht. Ihr einziges Ziel ist Angstmacherei, die das WEF braucht, um die Menschen unter ihre Kontrolle zu kriegen.    …Durch die längst stattfindende, politisch gewollte Verdummung der Weltbevölkerung (insbesondere aber die des Westens) soll der Boden für eine neue Autoritäts-Gläubigkeit hergestellt werden, analog jener im Mittelalter, wo allein Papst und Kaiser das Wissen festlegten und das Sagen hatten. …GK's Dreh gegen die Freiheit und gegen die Staats-Skepsis kann ich nicht nachvollziehen. Dieser Staat hat jede Glaubwürdigkeit verspielt. Und einen neuen, reformierten muss es erst geben. Und er muss sich bewähren, ehe man ihm wieder traut. Der Staat hat verschissen. Total. 

Ordoliberal

16. September 2023 17:17

Ja, ja, ich weiß schon, es geht den Rechten nicht um die Wirtschaft. Es geht ihnen um die Kultur. Gemeinsinn! Volkslied! Hirschgeweih! Aber genauso: Handwerkerehre! Lateinunterricht! Goethe! Und ja, daran ist nichts "völkisch", rassistisch oder imperialistisch. Und es ist auch richtig zu fordern, dass wir den Rücken durchdrücken und weder vor den Amis noch vor den aggressiven Bettlern aus aller Welt Bücklinge machen. Aber die Industrieproduktion ist nun mal Deutschlands Schicksal. Und dass die Industrie nicht durch Verstaatlichung floriert und auch nicht durch abgeschwächte Varianten davon wie Subventionierung, Quotierung und Preisfixierung sollte einem gebildeten Rechten ebenso klar sein wie die Gefahr, die durch Monopole, Kartelle, Sozialisierung von Kosten und Korporatismus ausgeht. Sonst ist er auch nur ein Linker, der zur Strafe gern Liegestütze machen lässt.

Maiordomus

16. September 2023 18:11

PS. Noch spannend, @quer, dass Sie in Ihrer Bibliothek das Buch "Was tun?" von Lenin haben.
Im Zusammenhang mit meiner Wortmeldung von der Welt-Sendung mit einem der heute unzähligen "Experten", der für Nichtwissen womöglich noch Geld bekommt, sei auf die Aussage von Herrn Massen verwiesen von vergangener Woche, dass bei vorhandenem politischem Willen 10 Minuten genügen würden, um die Grenzen zu sichern, siehe Corona-Notfallmassnahmen usw. Er wird die Instrumente kennen, hat aber womöglich doch untertrieben. Aber diese Aussage einer ernst genommenen Persönlichkeit hat die zehntausendfache Bedeutung von Aktionen der "Identitären", die als hundertfach gefährlicher als die Antifa eingeschätzt werden; solange diese Wahnvorstellung aber herrscht, vermutlich wegen dem Lambda-Zeichen und dergleichen, und es nicht möglich ist, die so Denkenden zum Psychiater zu schicken,  verwechsle man solche nun mal nicht auf sinnvolle Art provokative Aktionen nicht mit metapolitischer Arbeit. Finde übrigens das mit dem robusten Text, Lepenies u. Co, auch die Reflexion zum Thema Konsum , sehr konstruktiv. Wollte insofern nicht stören. Was aber, wenn die Institution geschlossen wird?
 
 

brueckenbauer

16. September 2023 18:19

Ich lese gerade Lübbe "Freiheit oder Emanzipationszwang", und der sieht das mit dem Konsum etwas weniger kritisch. Im Kern geht es immer um die Handlungs- und Meinungsfreiheit und in dem Zusammenhang schließlich auch darum, welche Bücher und Medien wir "konsumieren" wollen. Dass das einem Lepenies nicht passt, kann ich verstehen. Ja, dass man als Konservativer dann hofft, den Lepeniesschen Verzichtgedanken in seine Richtung umbiegen zu können, auch. Aber ich bleibe doch lieber grundsatzlibertär.

Artabanus

16. September 2023 20:35

"Ihr Programm ist die Rekonstruktion des Gemeinwesens und der deutschen Nation und ihres Sonderwegs in der Mitte Europas"
Geht denn die momentane BRD keinen Sonderweg(in eine erneute Katastrophe)? Und war der Sonderweg der deutschen Nation nicht für die ganzen Katastrophen ihrer Geschichte verantwortlich? Und an welchem Punkt der deutschen Geschichte möchte man wieder anknüpfen? Die Auswahl ist nicht groß und auch nicht sonderlich attraktiv: Bismarck, Wilhelm 2, Weimar, 1949. 
Man sollte sich keinen Illusionen hingeben, die deutsche Geschichte ist höchst problematisch und die Ursache liegt in den Deutschen selbst begründet. Von daher sehe ich die Individuelle Freiheit als Grundvoraussetzung für alles andere und wichtiger als irgendwelche utopischen Staatsziele. Die Deutschen müssen endlich Aufhören von einer Art "Endsieg" zu träumen.

RMH

16. September 2023 21:37

Wenn beim Begriff Freiheit Gedanken über einen linken Kampfbegriff (es ist wohl der Kampfbegriff einer jeden Oppossition - daher heute eben auch rechts) und vor allem über angeblich ach so schrecklichen Konsum und Hedonismus kommen bzw. in den Vordergrund gerückt werden, dann spüre ich im Gegensatz zu den sonstigen Texten, die ich vom Verf. bislang gelesen habe, eine gewisse Fremdheit zum Autor, denn ich denke beim Thema Freiheit in erster Linie daran, dass man seine Meinung sagen darf, dass eine IB eine Aktion durchführen kann und deren Teilnehmer deshalb nicht einfach später die Bude auf den Kopf gestellt bekommen oder die Konten gekündigt werden. Aber so hat eben jeder seine eigenen Vorstellungen und Freiheit bedeutet, dass er sie haben und äußern kann, dass er sie drucken und ggf. auch verkaufen kann, wodurch sie zum Konsumprodukt anderer werden. Warum sollte ein Buch aus dem Hause Antaios etwas Besserers sein, als eine Tafel Schokolade oder eine Flasche Wein? Beides sind in erster Linie Produkte, die sich Leute, die gearbeitet haben, für ihre Freizeitgestaltung eben leisten - und zum Glück noch können. Und das alles ist vollkommen in Ordnung und einem deutschen Gemeinwesen in keiner Weise abträglich. Ich hoffe zudem, dass bei der Wiedererichtung des dt. Gemeinweisens die Privatheit der Wohnung und allem, was man darin macht, konsumiert etc., sowie generell die Sphären des Privaten und des Öffentlichen/ des Staates wieder in ihrer herkömmlichen, getrennten Betrachtung, hergestellt werden.

Wuwwerboezer

16. September 2023 22:03

"Der Konsum (ist) zum dominanten identitätsstiftenden Merkmal der Individuen postmoderner Gesellschaften geworden." - Lepenies
Das ist der größte Quark. Diese Leier wird auch nicht dadurch wahr, daß sie so oder anders ausgedrückt immer wiederholt wird. 
Siehe oben. Außerdem interessiert bspw. die wokeste Gutmenschin beim Kandidaten für`s Date lediglich, ob er ein Alpha-Mann im Beruf ist; wenn nicht, soll er sich trollen. Wenn nicht, wirken seine Gucci-Schuhe, sein Armani-Hemd, seine Rolex-Uhr, sein Porsche auf sie nur abstoßend. (Gut, ich räume ein, daß sie sich dies unter keinen Umständen anmerken lassen wird; nicht mal vor sich selbst, weil sie sich ja vor solchen Gedanken und Gefühlen wegen des internalisierten Zwangs zu allerhand feministischen, gleichmacherischen und sonstigen Klischees schützen muß, weil sie sich, unbemerkt voll in der Kopf-Bauch-Dichotomie eingeklemmt und andererseits im angeblichen "Sein" schwelgend, selbst verbieten muß, "zu werten" usw.)
Und das hat auch nichts mit "Kapitalismus" zu tun, das war schon immer so.

quer

16. September 2023 23:37

@Maiordomus, Lepenies bastelt analog zu Lenin (Was tun? als Überbau für die Komintern) am intellektuellen Überbau für "Grünsoz". Verziert mit allerlei fast barocken Arabesken zur Ökonomie, von der er offensichtlich keine Ahnung hat. Manches ist durchschaubarer, als es auf den ersten Blick so scheint. An v. Mises hat er sich m.W. aus guten Gründen nicht herangetraut. Mehr muß man nicht wissen.

Franz Bettinger

17. September 2023 00:03

Ich halte nichts von der Schmetterlings-Theorie. Es ist genau umgekehrt. Die Natur ist so beschaffen, dass sie mit Leichtigkeit Schmetterlinge daran hindert, mächtig werden bzw. Welten aus den Angeln heben zu können. Intuitiv wissen wir das alle. Die Globalisten (Merkel, Trudeau, Ardern…) sind auch nicht auf zarten Taubenfüßen gekommen, sondern sie sind einmarschiert mit Pauken und Trompeten, und sie haben in unseren Reihen gewütet, wie das auserwählte Volk in Jericho. Wer Polizeiknüppel hat, braucht keine Schmetterlinge. Um das Haus unserer Zivilisation zu zerstören, braucht es den lock step , den Gleichschritt der Davoser Verbrecher-Bande; nichts Geringeres. Man verwässere die Ursache des 3. Weltkrieges nicht! Es ist nicht unsere angebliche Dekadenz, nicht unser Konsum-Ich. Nicht die vielen Freiheiten, die wir uns nahmen. Es ist viel simpler. 

brueckenbauer

17. September 2023 03:36

Um das klarzustellen: Unser Problem ist hier und heute nicht, dass der Staat uns alles erlauben soll. Unser Problem ist, dass Journalisten, Politologen und Juristen (wie Gräditz) ständig mit neuen Verbotsgründen vorpreschen, was der Staat uns alles verbieten darf. Wir  müssen den Staat zwingen, sich auf Grenzen der Unfreiheit festzulegen: Was soll der (vorgeblich) geschützte Kern der bürgerlichen Freiheitsrechte sein?

Siriusstar

17. September 2023 10:08

Wichtig ist das zurechtrücken. Einerlei welchen Politikstil man bevorzugt.
Nein, die Masssnahmen waren von Beginn an überflüssig. Siehe z.B.den Schulmediziner Dr Binder auf Telegram.

Umlautkombinat

17. September 2023 11:14

> Ich halte nichts von der Schmetterlings-Theorie. [...] Welten aus den Angeln heben
 
Ich denke, man muss jetzt doch einmal klarstellen. Es geht in Chaostheorie nicht um die Suche nach dem Schmetterling. Wetter z.B. wird real durch solche Prozesse bestimmt und niemand wird in Abrede stellen, dass das Natur ist. Und zwar auch schon immer in dieser Form, als chaotisches System. Was Vorhersagen - im Schnitt - auf 5 Tage limitiert. Chaotisch bezeichnet dabei nicht irgendeine zwangsweise Entwicklung zu einer Erde voller Hurricans, Flutwellen und sibirischen oder Saharatemperaturen. Es bezeichnet die inherente Unmoeglichkeit der Vorhersage
Wetter ist vom Prinzip folgende Aufgabe: Bestimme T(t) = f(t, T(0)). T ist die Temperatur, T(0) diese meinetwegen heute, T(t) diese zum Zeitpunkt t, sagen wir nach zwei Tagen T(2). T(0) ist nie genau zu messen, schon weil jedes Messgeraet prinzipiell ungenau ist. Was also heute gemessen wird ist ein T+ΔT - eine kleine Abweichung von der wirklichen Temperatur. Der Witz ist f - in Realitaet eine extrem komplexes Gleichungssytem mit viel mehr Abhaengigkeiten, z.B. auch vom Ort der Messung. Denn f blaest auf Grund seiner Natur dieses ΔT abhaengig von der vergehenden Zeit t exponentiell auf und zwar sehr schnell, nach 2 Tagen ist also nur noch eine Aussage (beispielhaft) der Form "Temperatur liegt im Bereich T(2) = 10 ± 3 Grad"  , nach 5 Tagen "T(5) = 10 ± 8 Grad" moeglich.  

Ordoliberal

17. September 2023 12:00

That one hit too close to home
Auch ich habe wie RMH zum ersten Mal eine grundsätzliche Fremdheit zum Autoren gespürt und seinen linken Umgang mit den Begriffen Freiheit und Konsum mit Adorno verglichen. Auch habe ich mit einer gewissen Verärgerung die Naivität, mit der im rechten Milieu die Funktionsweise der Wirtschaft ignoriert wird, die literarische Nonchalance, mit der man glaubt, über so schwierige Probleme wie die Preisbildung, Resourcenallokation und den Zusammenhang von Eigentum und Freiheit hinweggehen zu können, angegriffen. Möglicherweise zu scharf ad personam, denn es wurde nicht veröffentlicht. Aber das ist ja die Crux beim autoritären Denken, auch wenn es an bewährte Traditionen anknüpft: Persönliche Haltungen und Vorlieben - im Falle des Autoren ist das ein durchaus sympathischer Stoizismus - sollen durch staatliche Institutionen im Namen des Gemeinwohls befördert werden. Da kann ich als Libertärer nicht mitgehen.

Laurenz

17. September 2023 14:07

@Ordoliberal ... sollen durch staatliche Institutionen im Namen des Gemeinwohls befördert werden. Da kann ich als Libertärer nicht mitgehen. ... Wir können das noch Jahrhunderte diskutieren & kommen da nicht raus. Sobald Religion mit ins Spiel kommt, ein Glaube an den Hayekismus, wie bei Ihnen, Ordoliberal, oder dem Katholizismus der Redaktion, oder dem Marximus von Imagine, hört jegliche Debatte auf, Sinn zu ergeben. Denn Argumente bleiben da völlig bedeutungslos. Jedem Gläubigen sollte klar sein, daß das im Ernstfall Gewalt provoziert.
Wie BK korrekt insistiert, sind Institutionen, egal, ob privat oder staatlich, bei der Organisation eines Staates notwendig. Bei einem privat organsierten Staat übernehmen nicht gewählte Oligarchen die Herrschaft. Das ist so sicher, wie der Sonnenaufgang im Osten. Eine Privatisierung, verbleibend in Staatshand, kann sinnvoll sein, wie bei Gemeindeverwaltungen, um Mitarbeiter rein privatrechtlich anstellen & feuern zu können. Bei hoheitlichen Aufgaben, wie Sicherheit, Verkehr oder Wasserversorgung geht das nicht. Hier die Organisation Unternehmen/Konzernen zu überlassen, ging bisher immer in die Hose.

Gracchus

17. September 2023 14:11

@Wuwwerboezer
Ist Ihnen als Wahl-Schweizer denn nicht Gottfried Kellers schöne Novelle "Kleider machen Leute" bekannt?
Was ist heutzutage noch ein Alpha-Mann im Beruf?
Auch ich denke trotzdem, dass Konsum allenfalls eine oberflächlich Identität stiftet. Man denke an Hebels schöne Erzählung "Kannitverstan". 

Laurenz

17. September 2023 14:22

@Ordoliberal (2) Ob die Privatisierung der Deutschen Flugsicherung, oder einer Wasserversorgung führte grundsätzlich zu exorbitant steigenden Preisen für die Bürger. Polizei & Justiz müssen dem Staat verpflichtet sein. Nehmen Sie die gescheiterte Teilprivatisierung der Londoner Underground https://de.wikipedia.org/wiki/London_Underground die kostete den Britischen Steuerzahler 5,5 Milliarden Pfund Sterling. Ihre Allokation des Geldes durch Börsen, vor allem im Hochgeschwindigkeitshandel, bleiben zweifelhaft, produzieren nichts, außer die Existenz der Börsen selbst. Auch die Feststellung eines Unternehmenswertes durch den Börsenwert verbleibt eher im Bereich der Steinzeit. Solange Sie, Ordoliberal, in ökonomischen Fragen so diffus bleiben, nicht ins Detail gehen, wie das ganze Teilnehmer-Forum, bleiben Ihre Debattenbeiträge völlig belanglos. Wenn Sie irgendeinen Leser überzeugen wollen, werden Sie konkret. Fakten, keine Zitate irgendwelcher Theorie-Hanswursten, wie von Hayek oder von Mises.

Gracchus

17. September 2023 14:47

Wenn mein Eindruck nicht täuscht, überwiegen die staatskritischen Kommentare. Das überrascht mich. Nicht überrascht, dass die Rechte, wie sie das IfS vertritt, prinzipiell - und langfristig gesehen - einem starken Staat das Wort redet, wobei mir - pardon, es kann auch meiner Unaufmerksamkeit geschuldet sein - unklar ist, auf welchen Gebieten und wie weit der Staat seine Stärke entfalten soll. Dahinter steht ein pessimistisches Menschenbild, das dem Einzelnen nicht zutraut, seine Freiheit verantwortungsvoll zu gebrauchen. Oder dass den Einzelnen zuviel Wahlmöglichkeiten (= Freiheit) überfordern. Dies scheint derzeit auch - aus gewissen Gründen - der Fall zu sein, weshalb staatliche Verbote relativ friedlich hingenommen werden. 
Obwohl ich individuelle Freiheit ebenfalls verteidige, sollten sich die Liberalen und Libertären im Forum mit diesem Tatbestand auseinandersetzen. 

Gimli

17. September 2023 15:19

@Bettinger
Homöostase fassen sie zu weit oder haben es nicht verstanden. ZB "dienen" die Rußpartikel nicht dem Zweck, Regen zu erzeugen, um der "Natur" nach einem Brand wieder zur Genesung zu verhelfen. Es ist reine Physik und das Prinzip evolutionärer Kybernetik hat die ökologische Nische entdeckt für das Leben entdeckt. Die Erde als Ganzes, vom Leben "gekapert", kann kippen. Schert sich nen Dreck um das, was wir Leben nennen. Ich lese Ihren Beitrag so: Sie denken in Teilen zumindest teleologisch. Das wäre unwissenschaftlich. Zum andern sehr vorgefasst-zornig (so wirken Ihre Einlassungen zu Klima, WEG etc). 

Gracchus

17. September 2023 15:41

@Ordoliberal
"Die Industrieproduktion ist Deutschlands Schicksal." Da widerspreche ich nicht. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter zurück, dass die wichtigste Ressource, das wichtigste Kapital der Deutschen Geist - oder weniger metaphysisch - Intelligenz ist. Der Begriff "Bildungsnation" ist daher weniger Ideal als Existential. Das Problem, dass es auch eine teuflische Intelligenz gibt und dass zu viel Intelligenz unglücklich machen kann, mal hintan angestellt, wäre die Grundfrage, unter welchen Bedingungen sich Intelligenz am besten entfalten kann. In dem derzeitigen Bildungssystem offenbar mehr schlecht als recht. Im politischen Betrieb ist eine sachbezogene Intelligenz (die Intelligenz, Stripper zu ziehen, blüht dagegen) unerwünscht. Psychologisch betrachtet ist der Gegenspieler von Intelligenz die Angst. 

Gracchus

17. September 2023 15:54

Derzeit dürfte es kaum jemanden geben, der die politischen Interventionen in das Wirtschaftsleben nicht als sachfremd und kontraproduktiv erachtet. Das rächt sich. Ob das Wirtschaftssystem ohne diese Eingriffe tatsächlich im Gleichgewicht wäre, bezweifle ich - ich bezweifle grundsätzlich, dass in einer kapitalistischen unter Wachstumszwang stehenden Wirtschaft Gleichgewicht hergestellt werden kann. Nur ist es so, dass die politischen Interventionen den Patienten noch kränker machen. Beispiel sind zum Beispiel Mietendeckel, die offenbar Wohnungsbau und -sanierungen zum Erliegen bringen. (Abgesehen davon, dass die Massenmigration hier auch zu Verwerfungen geführt hat). Die Energiepolitik ist ebenfalls ein desaströses Beispiel. 
 

Monika

17. September 2023 15:57

Lieber Maiordomus, Ja, ich lebe noch. Aber ich schaue hier nur selten rein, weil mich Parteipolitik und Metapolitik nicht interessieren. Sehr interessieren mich allerdings die geistesgeschichtlichen Voraussetzungen für Politik. Und dort "lasse ich mir nicht alles bieten, wo es um die Substanz geht." Ich schätze Maximilian Krahs Chuzpe, "mit Selbstverständlichkediten zu provozieren." Das kommt meinem Naturell mehr entgegen als eine constantinische Wende, sprich Selbstzensur. Ob Krah der richtige Mann für die Begründung "einer weltanschaulich fundierten Alternative" zur linken Politik ist, sei dahingestellt. Über die Religionskritik des 19. Jahrhunderts kommen Krah und Höcke in ihrem Gespräch nicht hinaus, wenn sie den mangelnden Heroismus des Christentums beklagen. Das lese ich lieber im Original bei Ludwig Feuerbach (Das Wesen des Christentums) . Zitat: "Wenn Sokrates mit unbewegter Seele den Giftbecher leert, so ruft dagegen Christus aus: "Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch vorüber. Christus ist in dieser Beziehung das Selbstbekenntnis der menschlichen Empfindlichkeit."  Dagegen betont Feuerbach das "heidnische, stoische Prinzip der rigorosen Willensenergie". Also, die Diskussion geht eigentlich erst los.

Monika

17. September 2023 16:13

Was "Verbot und Verzicht" betrifft, wer kann das überhaupt zu einer berechtigten politischen Forderung erheben? Eine grüne Verbotspartei, ein Guru des WEF?
Verzicht ist immer noch eine freiwillige Selbstverpflichtung um eines höheren Zieles willen ( Sammelt eure Schätze im Himmel, heißt es in der Bibel ). Wenn es nicht anders geht, muss man aus der Not eine Tugend machen.
Die "robusten Gestalten", die sich in Lampedusa "Platz verschaffen", riskieren für ein Leben ohne materiellen Verzicht sogar den Tod. Da geht es nicht um einem Platz im Himmel, sondern um einen Platz im Boot. 

Gracchus

17. September 2023 19:00

@Ordiliberal:
Können Sie den erwähnten "Zusammenhang zwischen Freiheit und Eigentum" erläutern? Das ist der Punkt, den ich an libertären Theorien nicht verstehe. Ein Jura-Student erfährt (oder erfuhr) in der Grunderechte-Vorlesung, dass es sich bei Art. 14 um ein stark "normgeprägtes" Grundrecht handelt. Also ein Recht, dessen Inhalt durch die Rechtsordnung selbst bestimmt ist. Es setzt also schon eine Rechtsordnung und den Staat voraus. Dennoch wird es von Libertären als das Super-Recht betont, sogar als natürlich. Woher aber kommt es, woher diese Privilegierung? Es mutet doch wie eine willkürliche Setzung an. 

Gracchus

17. September 2023 19:08

@Gimli: "Die Erde als Ganzes, vom "Leben" gekapert" - interessante Perspektiven bieten sich da an. Wir leben als auf einer Art Leichnam?
Ist Teleologie wirklich unwissenschaftlich?  Mir scheint der Verzicht auf Teleologie eher einem Vorurteil geschuldet. So wie Laplace (oder wer?) meinte, ohne die Hypothese Gott auskommen zu können. Natürlich kommt man ohne aus, aber sieht man auch mehr?

Boreas

17. September 2023 19:14

Staatliche Institutionen im klassischen Sinne sind notwendig, um den Menschen als Mängelwesen einen gewissen Rahmen zu geben. Unakzeptabel übergriffig wird der Staat dann, wenn seine Institutionen versuchen, gegen den freiheitlichen Willen des Einzelnen Injektionsjauche fraglicher Zusammensetzung zwangsweise zu verabreichen. Einen nachhaltig unbegreiflichen Fauxpax hat sich dazu in der Spätphase der "Wuhan-Seuche" der Mitgründer des IfS Karlheinz Weißmann geleistet, als er mit seinem unsäglichen "Ärmel hoch!" den Minusseelen von BMG, RKI und PEI  das Wort zur Impfpflicht redete, um sein etatistisches Dogma aufrechtzuerhalten.  Spätestens hier hole ich gefolgschaftstreuer Freiheitlicher die Dreschflegel aus dem Winkel. Beim Schmetterlinks-Effekt teile ich die Meinung von GK. 

RMH

17. September 2023 19:38

Zur Debatte:
1. Ich bin seit Tag 1 von SiN dabei und einen echten Anarchisten habe ich hier noch nicht wahrnehmen können. Selbst bei den ab und an auftauchenden, libertären Einsprengseln scheint es mir so, dass viele das Libertäre eher als nicht errreichbare Utopie, als Denkmodell der Kritik sehen und daher einen Staat als notwendiges Übel oder schlicht Faktum durchaus akzeptieren. Die Debatte Staat ja oder nein kann man sich daher aus meiner Sicht sparen. Es geht doch eher in die Richtung, die @brueckenbauer oder @noch ein Hesse formulieren. Aktuell ist es so, dass Politik nicht mehr nur im Parlament stattfindet, sondern eine Gesinnungsgleichschaltung quer durch die beiden anderen Gewalten, nämlich Judikative und Exekutive stattfindet, verbunden mit einer Staatspädagogik, die das Verhalten der Bürger durch Strafsteuern und Subventionen, Gängeleien und Nudging aller Art steuern will. Wir befinden uns auf dem Weg in den Gesinnungs-, Kontroll- und Überwachungsstaat.

RMH

17. September 2023 19:43

Meine Position ist in den in 1. angerissenen Punkten klar: Ich bin kein Anarchist. Ich will, dass es wieder ein Neutralitätsverhalten bei den anderen Gewalten außerhalb der Legislative gibt. Ich will volle Teilung der Gewalten und keine Verflechtungen. Ich will keine staatlich finanzierten Plakate mit Verhaltens- und Moralhinweisen und auch keine "social spots". Ich will keine staatlich subventionierten Auxiliartruppen, genannt NGOs (die haben sich, um wahrhaft "NG" zu sein, privat zu finanzieren und volle Transparenz der Mittelherkunft zu garantieren) ich will, dass es wieder gesunde Verhältnismäßigkeiten im staatlichen Handeln gibt und  - um ein Beispiel zu nenen - die Politischen- und Meinungsdelikte zurückgefahren werden und schon gar nicht Rechtsgrundlage für einschneidende Aktionen, wie die Durchsuchung von Wohnungen sein können. Das Gespühr und die Empathie für Verhältnismäßigkeiten ist abhanden gekommen und muss wieder hergestellt werden. Eine Rechte, die nur den Laden übernehmen will, um dann ihr eigenes Programm nach den gleichen Mustern und mit denselben Methoden durchzudrücken, brauche ich jedenfalls nicht.

Dietrichs Bern

17. September 2023 21:19

@RMH - das scheint aber das Problem zu sein. Im Grunde sollen nur die Farben ausgetauscht werden. Aber welche Kompromisse wollen wir Familienväter eingehen, wenn blau wenigstens versuchen will dafür zu sorgen, dass der eigene Sohn nicht erstochen, die eigene Tochter nicht Opfer der "Gruppen" werden soll?

frdnkndr

17. September 2023 21:19

"Einen nachhaltig unbegreiflichen Fauxpax hat sich dazu in der Spätphase der "Wuhan-Seuche" der Mitgründer des IfS Karlheinz Weißmann geleistet, als er mit seinem unsäglichen "Ärmel hoch!" den Minusseelen von BMG, RKI und PEI  das Wort zur Impfpflicht redete..."
Unbegreiflich würde ich das nicht nennen, eher schon unverzeihlich. Und auch enpfinde ich den Ausdruck 'Fauxpas' für das eigentlich Geforderte als einen geradezu unsäglichen Euphemismus.
Weißmann trat derzeit, bei allem aufrichtigen Respekt für die hier bei SIN Schaffenden, allerdings auch in einem ihn bestätigenden Umfeld auf - ich erinnere bspw. an den Kollegen Bosselmann, welcher, ebenfalls in der absoluen Spätphase 2022, hier implizit und andernorten explizit für die Durchsetzung einer allgemeinen (!) "Impf"pflicht eintrat.

Adler und Drache

17. September 2023 21:57

Freiheit - der politische Urschrei des nicht an der Macht beteiligten Menschen! Jeder von uns kennt gewiss die Illustration jenes stolz einherschreitenden Bundschuh-Kameraden, der eine Flagge mit der Aufschrift "Fryheit" trägt. Ein Urimpuls, der viel mehr ist als politisch, geradezu metapolitisch, indem er nämlich etwas zum Ausdruck bringt, das viel wichtiger ist als das Drehen an dieser oder jener Stellschraube des Systems oder das System selbst: Das Nein zur Unterjochung des Menschen durch den Menschen. Freiheit, das wäre u.a. die Möglichkeit, sich kein "Flüchtlingsheim" vor die Haustür knallen lassen, die Ströme des Bluts nicht schweigend ertragen zu müssen. 
Aber ach, die Heutigen - sie kennen und "können" die Freiheit offensichtlich ebensowenig wie den Gehorsam und die Unterordnung. Frau Weidel will sich ihr Schnitzel nicht nehmen lassen! Wenn das alles ist, was vom Willen zur Freiheit übrig geblieben ist, dann wäre die Unterjochung gerechtfertigt, ja, sie böte sogar eine Chance - aber selbst diese versagt uns die Geschichte. Oder Gott. Es gibt ja längst keine Herrscher mehr, die den Mut hätten, andere in den Dienst zu nehmen und Gehorsam zu fordern, und so gibt es auch keinen Stolz des Beugens und Aufsehens mehr, keine Erfüllung durch Hingabe.      

Laurenz

17. September 2023 22:14

@RMHDas Gespühr und die Empathie für Verhältnismäßigkeiten ist abhanden gekommen und muss wieder hergestellt werden. Eine Rechte, die nur den Laden übernehmen will, um dann ihr eigenes Programm nach den gleichen Mustern und mit denselben Methoden durchzudrücken, brauche ich jedenfalls nicht.
Wann gab es jemals ein Gespür & Empathie für Verhältnismäßigkeiten im Nachkriegs-Deutschland? Ich kann Ihnen hier nicht ganz folgen.

Laurenz

17. September 2023 22:37

@Gracchus & Boreas ... wie auch schon unserem Teilnehmer @RMH kann ich Ihnen nur schwer folgen. Wann war (das Nachkriegs-) Deutschland jemals frei von Ihren berechtigten Kritiken? Schon immer standen Staatsanwaltschaften unter der Fuchtel von gewählten Ministern, also Wahlbeamten, Angehörige von Parteien, werden auch BV- & OL-Richter nach Parteien-Proporz bestimmt. Die repräsentative Demokratie ist nicht im Grundgesetz festgelegt, sie wird nur durch Verfassungsrechtler so interpretiert. Die nie stattgefundenen Abstimmungen des Artikels 20 (2) verkommen nach über 70 Jahren Nichtanwendung zur absurden Pharce des GG Artikels an sich. Rundfunkräte des ÖRR waren & sind zum größten Teil von Parteibüchern bestimmt. Das ist einer Demokratie unwürdig. Der Bürger muß die Propaganda gegen ihn selbst finanzieren. Wann war die restliche IV. Gewalt jemals so diversifiziert, daß man jemals von einer unabhängigen, freien Presse sprechen konnte? Der Mangel an Freiheit fiel früher nur deswegen nicht so auf, weil der Wohlstand bis in die 80er gewährleistet war. Wann hat jemals jemand versucht, die Kuhtreiber hier endlich loszuwerden? Oskar hatte es vielleicht mal probiert, ist aber gescheitert.

Franz Bettinger

17. September 2023 23:18

@Gimli: Ich zornig? Wie seltsam, wo alles in bester Ordnung ist! Ich habe mal gelesen: You can’t console a tiger run through by a spear. Vielleicht ist das die Erklärung. Warum zornig? Aus Verachtung. Ich bin zwar erst nach den traurigen Zeiten des Ermordens und Vertreibens der Meinigen aufgewachsen, in der Zeit der schleichenden Ausbeutung meines Volkes und der Atomkriegs-Lüge, die mich nicht tangierte, nicht bremste und mir keine Freiheit nahm. (Lachen Sie ruhig drüber!) - Aber die danach aufgetischten Lügen von drohenden, ja stattgefundenen Seuchen und Globaler Erwärmung sind derart stupide, dass es mich nur ekelt, die Leute so irre und verunsichert zu sehen. Ja, ich habe den Glauben an die Menschen verloren. Und ich sehe noch nicht Wotans Helden in Walhalla und nicht die himmlischen Heerscharen zur Schlacht rüsten, und zweifele, dass es sie überhaupt gibt. Vielleicht bin ich deshalb zornig. 

Valjean72

18. September 2023 11:14

Vielen Dank für diesen in der Tat robusten Artikel, der Essenzielles klar und unmissverständlich darlegt.
 
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«Die rechte Politik- und Lebensalternative hat einen deutlich größeren und schwierigeren Auftrag als die Ermöglichung von Konsum- und Verhaltensautonomie. Ihr Programm ist die Rekonstruktion des Gemeinwesens und der deutschen Nation und ihres Sonderwegs in der Mitte Europas»
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Es verwundert nicht, dass dies die Hauslibertären hier auf den Plan ruft und sie zu missbilligenden Wortmeldungen veranlasst. Frei nach Maximilian Krah erfassen/begreifen sie den Menschen nur in zwei Dimensionen: als Individuum oder als anonymer Teil der Menschheit.
 
Rechte wiederum sehen auch die den Menschen entscheidend prägenden Zwischenstufen: Familie, Dorf- bzw. Stadtgemeinschaft, regionale und nicht zuletzt nationale Zugehörigkeit und Identität.
 
Das trifft auch und gerade auf uns Deutsche zu und wird durch den sprachlichen Dreiklang aus Mundart, von regionalen Akzenten durchsetztes Deutsch, sowie Hochdeutsch als Träger gemeinsamer deutscher Hochkultur umspannt.
 
Die historische Aufgabe rechter Politik ist es, dass deutsche Gemeinwesen zu rekonstruieren, um derart ein Weiterleben unseres Volkes für die nächsten Generationen zu ermöglichen, im besten Fall zu gewährleisten.
 
Linken/Libertären und anderen Materialisten ist dies naturgemäss vollkommen fremd.

Götz Kubitschek

18. September 2023 11:43

wir beenden die diskussion. ich bin froh, daß monika den unterschied zwischen verbot und verzicht herausstrich und daß unter anderem valjean72 gründlich las und nicht reflexen folgte. mir mißfällt ungenau lektüre mehr und mehr. differenzierter als unsere autoren kann man das dilemma im verhältnis von rechts und staat kaum darstellen.

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