Der vertagte Erstschlag

von Marcel Kehlberg -- PDF der Druckfassung aus Sezession 114/ Juni 2023

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Der Krieg in der Ukrai­ne gilt unter Beob­ach­tern schon jetzt als der »tech­nisch anspruchs­volls­te, den die Welt je gese­hen hat« (Pra­kash Nan­da, Over­ton Maga­zin). Sei­nen Cha­rak­ter als Stell­ver­tre­ter­krieg offen­bart er auch an der Vor­führ­lust nam­haf­ter Big-Tech-Fir­men, die hoch­mo­der­ne Waf­fen­sys­te­me groß­flä­chig aus­pro­bie­ren. In die­sem Umfang geschah das zuletzt zur Zeit des Spa­ni­schen Bür­ger­krie­ges, als man erst­mals in Euro­pa den stra­te­gi­schen Bom­ben­krieg anwandte.

In der Ukrai­ne erlebt die Welt über­dies ein pri­vat-staat­li­ches »Joint Ven­ture«, das Geo­po­li­tik mit Geschäfts­in­ter­es­se ver­bin­det. Das gilt bei­lei­be nicht nur für noto­ri­sche Söld­ner­fir­men. So stellt Peter Thiels Fir­ma Palan­tir Tech­no­lo­gies der ukrai­ni­schen Sei­te neu­es­te Ana­ly­se­ver­fah­ren auf der Basis von Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) zur Ver­fü­gung, wel­che in Echt­zeit sämt­li­che Bewe­gun­gen auf dem Gefechts­feld erfas­sen kön­nen und nutz­bar machen.

Ähn­lich klotzt Elon Musks Star­link-Netz­werk, das die ukrai­ni­schen Streit­kräf­te mit einer sta­bi­len, welt­raum­ge­stütz­ten Inter­net­ver­bin­dung ver­sorgt. Dane­ben gaben die tür­ki­schen Bay­rakt­ar-TB2-Droh­nen, vor kur­zem noch der Schre­cken im Berg-Kara­bach-Krieg, ein durch­wach­se­nes Stell­dich­ein. Doch auch der rus­si­sche Kon­tra­hent geht mit und führ­te der Welt zum ersten­mal sei­ne Hyper­schall-Rake­te ­Kin­schal vor.

Vor lau­ter Stau­nen über Big Tech und neben dem bereits ein­set­zen­den Fabu­lie­ren über künf­ti­ge Kriegs­ro­bo­ter geriet eine Bedro­hung fast völ­lig aus dem Gesichts­kreis: die Nukle­ar­waf­fe. Gera­de­zu old school und wie ein ange­ros­te­tes Über­bleib­sel aus dem Kal­ten Krieg erscheint die­se bis­lang nur ein­mal (von den USA) ein­ge­setz­te Waf­fe. Der fran­zö­si­sche Inge­nieur und Phi­lo­soph Jean-Pierre Dupuy (*1941) plä­diert in einer aktua­li­sier­ten Ver­si­on sei­nes Buchs La guer­re qui ne peut pas avoir lieu. Essai de méta­phy­si­que nuclé­ai­re« (»Der Krieg, der nicht statt­fin­den darf. Essay über nuklea­re Meta­phy­sik«, 2019, über­ar­bei­tet 2022) vehe­ment dafür, die Atom­waf­fe nicht abzu­ha­ken. Der Kal­te Krieg habe eine fal­sche Sicher­heit vor­ge­spie­gelt, die in der aktu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den Groß­mäch­ten nicht ein­mal mehr in der Theo­rie gege­ben sei. Das Den­ken aus der Zeit der »Frie­dens­di­vi­den­de« müs­se schleu­nigst über­wun­den werden.

Die Atom­bom­be, die­ser kolos­sa­le ­Irr­tum (»sophis­me monu­men­tal«), habe, so führt ­Dupuy aus, eine beson­de­re Gram­ma­tik (»leur ­pro­pre gram­mai­re«), wel­che nicht nur im Bereich der poli­ti­schen Rhe­to­rik anwend­bar sei. Gera­de vor dem Hin­ter­grund des ihr zuge­schrie­be­nen Abschreckungs­potentials wer­de ihr Ein­satz zu einer Fra­ge der mathe­ma­ti­schen Wahr­schein­lich­keit, da Abschre­ckung maß­geb­lich auf Glaub­wür­dig­keit beruhe.

Die Fra­gen, um die sich alles dreht, lau­ten wie folgt: Wie glaub­wür­dig kann hier Glaub­wür­dig­keit sein? Wie bemißt sie sich in der Rea­li­tät? Anhand von was läßt sie sich vom Bluff unter­schei­den? Denn die Fra­ge nach der Glaub­wür­dig­keit wird bei einem direk­ten Zusam­men­prall der Mäch­te zur Gefahr – dies um so mehr, je selbst­ge­wis­ser und sorg­lo­ser man ihr gegenübersteht.

An die­sem roten Faden han­gelt sich Dupuy über die Abgrün­de des nukle­ar-stra­te­gi­schen Den­kens des Atom­zeit­al­ters hin­weg. Dabei wie­der­holt er unter ver­schie­de­nen situa­ti­ven Blick­win­keln fol­gen­des Man­tra: Nutzt sich die Glaub­wür­dig­keit mit der Zeit ab, so ist in einem Kampf um Sein oder Nicht­sein zwei­er Atom­mäch­te die nuklea­re Eska­la­ti­on zu erwar­ten, ganz abge­se­hen von ver­se­hent­li­chen Aus­lö­sern wie tech­ni­schem Ver­sa­gen oder mensch­li­chen Miß­ver­ständ­nis­sen. Mitt­ler­wei­le ist bekannt, wie haar­scharf die Welt vor allem in der letz­ten Pha­se des Kal­ten Krie­ges gera­de aus letzt­ge­nann­ten Risi­ken der Ver­nich­tung ent­ron­nen ist.

Um die Syn­tax der Atom­bom­be bes­ser zu ver­ste­hen, nimmt Dupuy den Leser mit auf eine haar­sträu­ben­de Geis­ter­fahrt durch die nuklea­ren Stra­te­gien, ins­be­son­de­re des Wes­tens, ein­schließ­lich der Atom­macht Frank­reich. Eine Waf­fe mit so unvor­stell­bar apo­ka­lyp­ti­schem Ver­nich­tungs­po­ten­ti­al wie die Atom­bom­be zwang die Stra­te­gen dazu, in bei­na­he kaf­ka­es­ker Manier Ver­nunft und Wahn­sinn stets zusammenzudenken.

Das 1946 gegrün­de­te For­schungs­in­sti­tut Rese­arch and Deve­lo­p­ment (RAND Cor­po­ra­ti­on) ver­stand sich als das Gehirn der US-Armee, in wel­chem der Wahn­sinn »aus-gedacht« wer­den soll­te. In die­sem think tank ver­sam­mel­ten (und ver­sam­meln) sich genia­le wie dubio­se Wis­sen­schaft­ler aus der Sys­tem- und Spiel­theo­rie, die in ihren For­schun­gen die Ver­gel­tungs- wie Abschre­ckungs­stra­te­gie der jewei­li­gen US-Admi­nis­tra­ti­on mit­präg­ten. Unter ihnen gab es schon früh sol­che, die den Atom­krieg für nicht führ­bar hiel­ten, wie Ber­nard Bro­die, der »ame­ri­ka­ni­sche ­Clau­se­witz«, und sol­che, die sich bereits Gedan­ken für die Zeit nach einem für den Wes­ten sieg­reich bestan­de­nen Atom­krieg mach­ten, wie Her­man Kahn. Sie alle schrie­ben in die­sem nuklea­ren Sprach­la­bor mit an der Gram­ma­tik der Atombombe.

Zu die­ser beson­de­ren Gram­ma­tik gehört auch ein Voka­bu­lar, das selbst­re­dend aus angel­säch­si­schen Begrif­fen besteht, in die Dupuy den Leser ein­führt und die er an his­to­ri­schen Bei­spie­len illus­triert. So erfährt man, was Near Miss (Bei­na­he-Aus­lö­sung eines Nukle­ar­schlags) bedeu­tet, was Brink­man­ship (grund­sätz­li­che Fähig­keit, den Atom­krieg zu füh­ren, ohne es zu tun), Mutual­ly Assu­red Des­truc­tion (MAD, gegen­sei­tig zuge­si­cher­te Ver­nich­tung als Chif­fre für Abschre­ckung), was Striking Second First (Fähig­keit zum »Erst­schlag«, noch bevor zuvor abge­schos­se­ne geg­ne­ri­sche Rake­ten den eige­nen Boden errei­chen) oder Launch on War­ning (Gegen­schlag bereits bei Ato­malarm) mei­nen. Vie­le die­ser Begrif­fe stam­men nicht nur aus der tech­ni­schen »Bedie­nungs­an­lei­tung« sol­cher Sys­te­me, son­dern vor allem auch aus der Droh­pro­pa­gan­da in der Zeit der Abschreckungsdoktrin.

Das immer wie­der vor­ge­brach­te Argu­ment der sui­zid­ä­ren Wir­kung der Atom­waf­fe für den­je­ni­gen, der sie als ers­ter ein­set­ze, ent­puppt sich bei ­Dupuy als recht unwirk­sa­mes Seda­tiv. Vor allem in bezug auf die neu­er­dings mit sträf­li­cher Non­cha­lance genann­ten tak­ti­schen Atom­ra­ke­ten ist dies ein irre­lei­ten­der Schluß. Die­se sind kei­ne erwei­ter­te Form von Artil­le­rie, son­dern eine Waf­fe mit einer Spreng­kraft vom Zwan­zig­fa­chen der Hiro­shi­ma-Bom­be. Es ist die »idea­le« Waf­fe für den Erst­schlag, um die Glaub­wür­dig­keit des Geg­ners ein­ma­lig herauszufordern.

Jean-Pierre ­Dupuy ver­gißt nicht, dar­auf hin­zu­wei­sen, daß gera­de Ruß­land sein tak­ti­sches Nukle­ar­ar­se­nal in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten moder­ni­siert habe und eini­ges davon in Königs­berg ein­satz­be­reit hal­te. Ein ein­zi­ger Ein­satz auf dem aktu­el­len Gefechts­feld (ver­hee­rend genug) wür­de die Gegen­sei­te (die USA) in einen Zug­zwang brin­gen, in dem nichts weni­ger als das Wei­ter­be­stehen die­ser Erde auf dem Spiel stün­de, da man sich unwei­ger­lich in eine ato­ma­re Ket­ten­re­ak­ti­on glo­ba­len Aus­ma­ßes hin­ein­ma­nö­vrier­te. Tak­ti­sche Sys­te­me wür­den sehr schnell von stra­te­gi­schen abgelöst.

Selbst der fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent Gis­card d’Estaing lehn­te einen tak­ti­schen Ein­satz in einem mili­tä­ri­schen Plan­spiel im Kel­ler des Ély­sée-Palas­tes im Jahr 1980 mit der Begrün­dung ab, er hof­fe damit, einem Über­rest an fran­zö­si­scher Kul­tur trotz des in der Übung nicht mehr auf­zu­hal­ten­den Ein­mar­sches der Sowjets das Über­le­ben zu ermöglichen.

Was schlägt Jean-Pierre Dupuy ange­sichts die­ser Bedro­hungs­la­ge vor? Letzt­lich ist es eine Neu­über­set­zung des alten römi­schen Grund­sat­zes Si vis pacem para bel­lum. Da die Logik der Abschre­ckung zu sehr an das soge­nann­te Gefan­ge­nen­di­lem­ma erin­ne­re, sei sie kei­ne ver­läß­li­che Grund­la­ge für das Leben mit der Bom­be. Der Ver­gleich mit dem Gefan­ge­nen­di­lem­ma, einem Modell aus der Spiel­theo­rie, ist nahe­lie­gend. In der Situa­ti­on einer Ver­neh­mung müs­sen von­ein­an­der getrennt ver­nom­me­ne Gefan­ge­ne ­allein ent­schei­den, ob sie ihren Mit­ge­fan­ge­nen einen Miß­trau­ens- oder einen Ver­trau­ens­vor­schuß gewäh­ren, ohne selbst zu wis­sen, wie jene sich ver­hal­ten wer­den. Dies beschreibt die prin­zi­pi­ell aus­weg­lo­se Situa­ti­on, in wel­cher die Bom­be die Welt festhält.

Sei­nen Ansatz, in den die Über­le­gun­gen von Dis­si­den­ten aus der RAND Cor­po­ra­ti­on (etwa Dani­el Ells­berg) mit ein­flie­ßen, nennt Jean-Pierre Dupuy mit dem intel­lek­tu­el­len Mut der Ver­zweif­lung auf­ge­klär­ten Kata­stro­phis­mus (»cata­stro­phis­me éclai­ré«). Grund­le­gend für die­sen Ansatz ist die Annah­me, daß es zu einem Nukle­ar­krieg kom­men wer­de, ver­gleich­bar mit dem soge­nann­ten sto­chas­ti­schen Fak­tor aus dem Ers­ten Welt­krieg, anhand des­sen sich der Sol­dat bei Fort­gang des Krie­ges sei­nen Tod auf dem Schlacht­feld »aus­rech­ne­te«. Nur eine solch maxi­mal pes­si­mis­ti­sche Annah­me, basie­rend auf der zuvor genann­ten Beson­der­heit der Atom­waf­fe, ver­leiht den Bemü­hun­gen, eine Eska­la­ti­on zu ver­hin­dern, die not­wen­di­ge Ernst­haf­tig­keit und Stetigkeit.

Man dür­fe das Unvor­stell­ba­re nicht für irre­al hal­ten, son­dern müs­se mit ihm rech­nen, um es wirk­sam hin­aus­zu­zö­gern und zwar ad vitam aeter­nam, wie er sich aus­drückt. Dupuy ret­tet damit gleich­sam ein letz­tes Stück fran­zö­si­scher Auf­klä­rungs­tra­di­ti­on in das Atomzeitalter.

Maxi­mal pes­si­mis­tisch in die­ser Fra­ge erwei­sen sich auch Ver­tre­ter einer ande­ren Denk­schu­le, die vor allem in Deutsch­land behei­ma­tet ist und ihre Wur­zeln im Umkreis von Arthur Scho­pen­hau­er hat. Lan­ge vor der Atom­bom­be phi­lo­so­phier­ten Edu­ard von Hart­mann oder Phil­ipp Main­län­der über eine letz­te Auf­he­bung von Mensch und Welt aus der Gefan­gen­schaft des Daseins. Die Erfin­dung der Atom­bom­be hat die Mensch­heit somit ihrer Erlö­sung durch Ver­nich­tung einen ent­schei­den­den Schritt vorangebracht.

In die­se Rich­tung bewegt sich auch der zeit­ge­nös­si­sche Autor Ulrich Horst­mann (*1949). Zwar beklagt er, daß es im heu­ti­gen Digi­tal­rausch kein »kol­lek­ti­ves Immun­sys­tem« gegen­über die­ser Gefahr mehr gebe, doch betrach­tet er eine nukle­ar bewirk­te Apo­ka­lyp­se rein sote­rio­lo­gisch, näm­lich als Erfül­lung der unbe­wußt »uralte[n] Sehn­sucht der Gat­tung, nicht mehr sein zu müs­sen« (Ulrich Horst­mann: Das Untier, zuletzt Ber­lin 2016).

Wel­che Ansicht wird sich durch­set­zen? Eine deut­sche Über­set­zung von Dupuys Büch­lein steht aus, wäre aber drin­gend geboten.

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