Sezession
1. Juli 2005

Konsens oder Streit um den 8. Mai 1945?

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 10 / Juli 2005

sez_nr_10von Ernst Nolte

Jahrzehntelang war für das Gedenken an den Tag des Kriegsendes, den 8. Mai 1945, die Alternative von „Katastrophe“ oder „Befreiung“ grundlegend. Wer die letzten Kriegsmonate miterlebt hatte, in welcher Eigenschaft auch immer, dem bestätigten in der Regel eigene Erfahrungen die Schreckensmeldungen, die an sein Ohr drangen: die Berichte und Gerüchte über die Massenvergewaltigungen zahlloser deutscher Frauen durch die Soldaten der vordringenden Sowjetarmee, über die Riesenströme von Flüchtlingen aus dem Osten, von denen nicht wenige – Greise, Frauen und Kinder – von vorstoßenden Panzern niedergewalzt worden waren, über die entsetzlichen Luftangriffe der Westalliierten gegen unverteidigte Städte Deutschlands mit ihren bewußt herbeigeführten Feuerstürmen, in denen Zehntausende noch umkamen, nachdem sie sich aus den Kellern ihrer zerstörten Häuser gerettet hatten. Daß es sich um eine „Befreiung“ handeln könnte, war für die meisten unvorstellbar – schon deshalb, weil die Sieger ausdrücklich proklamiert hatten, daß sie nicht als Befreier, sondern als Eroberer nach Deutschland kämen.

Wer die Erfahrungsberichte der Augenzeugen zur Kenntnis genommen hat, der weiß, daß zahlreichen Deutschen kaum etwas von jenem erspart worden ist, was meist als spezifische Eigentümlichkeit des nationalsozialistischen Regimes und seiner Konzentrationslager sowie seiner erbarmungslosen Kriegsführung betrachtet wird: die Stigmatisierung durch auffallende Kennzeichen, wochenlange Transporte ohne zureichende Nahrung in Deportationszügen, Folterungen zur Erzwingung von Geständnissen, physische Ausrottung ganzer Gruppen wie etwa des ostelbischen Adels, künstlich erzeugte Hungersnöte, Zwangsarbeit bis zur völligen Erschöpfung, entwürdigende Behandlung durch hochmütige „Herrenmenschen“. Nur zu der quasi-industriellen Massentötung von Menschen läßt sich keine Entsprechung finden, aber ohne Entsprechung waren auf einer weniger widermenschlichen Ebene auch die barbarischen Ausschreitungen haßerfüllter Volksmassen gegenüber Deutschen als Deutschen.
Mit Tatsachen wie diesen wird der heute populäre Simplismus am leichtesten fertig: es habe sich um gerechtfertigte „Vergeltung“ gehandelt, und die Deutschen sollten nie vergessen, daß sie den Krieg angefangen hätten und dessen Folgen nun tragen müßten. Unter einer anderen Perspektive versichern diese Interpreten indessen mit Nachdruck und gewiß nicht ohne Recht, kein Verbrechen könne durch ein früheres Verbrechen gerechtfertigt werden und das moralische Urteil über einen Tatbestand müsse von historischen Erklärungen und zumal von einem Wunsch nach „Aufrechnung“ unabhängig sein. Ich meine, daß Apologien und Verharmlosungen dieser Art nicht akzeptiert werden können, weil ich es für eine unverzichtbare Aufgabe der Geschichtswissenschaft halte, weder das Triumphgefühl und die Rachsucht der Sieger noch die Demutsgesten oder den Trotz der Besiegten zu übernehmen, sondern sogar in der schwierigsten Situation jene Distanz zu erstreben, welche die elementare Voraussetzung der Wissenschaft ist.
Allenfalls hätte man das Gefühl des Aufatmens ob des Endes der Kriegshandlungen eine Art von „Befreiung“ nennen können, aber dieses Empfinden herrschte ja auch unter den Soldaten der alliierten Armeen in dem besetzten Deutschland vor, das hinfort keine eigene Regierung mehr besaß, sondern von dem „Kontrollrat“ der vier verbündeten Mächte regiert wurde. Nur die Insassen der Konzertrationslager und Zuchthäuser fühlten sich wirklich befreit, und es waren nur relativ wenige Deutsche, die inmitten der katastrophalen Verhältnisse das Empfinden der politischen Befreiung von einem tyrannischen Regime hatten.


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