Cora Stephan: Im Drüben fischen

von Erik Lommatzsch --

Das Deutsch-Deutsche nach dem Mauerfall ist das große Thema des Buches mit dem schönen Titel Im Drüben fischen.

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Aller­dings gera­de nicht die – insti­tu­tio­nell voll­zo­ge­ne – Ein­heit, son­dern das Nicht-Zusam­men­fin­den von Ost und West, die ver­sin­ken­de DDR, deren Bevöl­ke­rung nolens volens in einem Son­der­sta­tus ver­blieb oder die­sen zuge­schrie­ben bekam. Die aus West­deutsch­land stam­men­de Publi­zis­tin Cora Ste­phan, die das Gesche­hen im Som­mer vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung von Schwe­rin aus beob­ach­te­te, legt hier ins­ge­samt sie­ben Tex­te vor.

Fünf umfang­rei­che­re ent­stan­den zwi­schen 1990 und 1994. Ste­phans Beob­ach­tun­gen und Über­le­gun­gen zei­gen vor allem, daß die wie­der stär­ker spür­ba­ren Ost-West-Unter­schie­de zwi­schen­zeit­lich ledig­lich über­la­gert waren. Die Fra­ge, ob dies zu Beginn der neun­zi­ger Jah­re durch eine Art »Wei­chen­stel­lung« auf einen ande­ren Weg hät­te gebracht wer­den kön­nen, ist müßig. Ein ent­spre­chen­der Wil­le war, folgt man Ste­phan, in ers­ter Linie west­deut­scher­seits kaum spürbar.

Anhand der unmit­tel­ba­ren Ein­drü­cke in Schwe­rin beklagt sie etwa das Aus­brem­sen von Mit­tel­stands­in­itia­ti­ven nach dem Ende der SED-Herr­schaft durch lan­ge unge­klär­te Eigen­tums­fra­gen. Die ört­li­che Treu­hand habe einen denk­bar schlech­ten Ein­druck hin­ter­las­sen, die­se »nur schwach legi­ti­mier­te Sach­be­ar­bei­ter­zu­sam­men­rot­tung ver­wei­ger­te sogar das Gespräch mit den gewähl­ten Volks­ver­tre­tern«. Ste­phan erfuhr mehr­fa­che Schü­be des »Zonen­kol­lers«, der Blick aus Meck­len­burg war ein ande­rer als der aus Bonn. Als gra­vie­ren­des Pro­blem benennt sie die nicht her­ge­stell­te Öffent­lich­keit für die »Kom­ple­xi­tät der Lage der DDR«.

Der gro­ße Jubel über die Ein­heit, vor allem im Wes­ten, sei aus­ge­blie­ben. Die »anti­fa­schis­ti­sche Vor­stel­lungs­welt« habe mit der Zwei­tei­lung gut gelebt, sie dien­te ihr als »Flucht­punkt, an dem man sich ver­ge­wis­sern konn­te, daß man nicht Deutsch­land, nicht deutsch war und des­halb nicht ver­ant­wort­lich für des­sen Geschick«. Das Ende der »Nach­kriegs­si­tua­ti­on« sei als »Iden­ti­täts­kri­se« wahr­ge­nom­men wor­den. In die­sem Sin­ne inter­pre­tiert Ste­phan den in die­ser Zeit weit­ver­brei­te­ten Wunsch, einen Schluß­strich unter die »Sta­si-Debat­te« zu zie­hen, als Mög­lich­keit, einen auch für vie­le im Wes­ten »Iden­ti­tät stif­ten­den Mythos der DDR« zu erschaf­fen, der besa­gen soll­te, die DDR sei bei allen »Nach­tei­len doch wenigs­tens ein Hort des Anti­fa­schis­mus gewesen«.

In dem über das DDR-The­ma hin­aus­grei­fen­den Essay »Poli­tik und Moral« moniert Ste­phan die ent­spre­chen­den Ver­än­de­run­gen in Spra­che und Geba­ren. So die unkla­re, damals sehr prä­sen­te For­de­rung nach »Ver­söh­nung«. Oder die oft wider­sin­ni­ge, eher Ängs­te erzeu­gen­de Beschwö­rung des Gemein­sinns (»Das geht alle an«). Dies sei der Idee des Gemein­wohls abträg­lich, wel­ches nicht immer mit eige­nen Inter­es­sen gleich­zu­set­zen ist.

Flan­kiert wer­den die älte­ren Tex­te von einem Nach­ruf auf die von Ste­phan geschätz­te Jour­na­lis­tin und spä­te­re MV-Lan­des­mi­nis­te­rin Regi­ne Mar­quardt sowie von einem Lob­lied auf die sen­si­blen »Spür­na­sen mit DDR-Hin­ter­grund«, die den »fau­len Dunst« der Gegen­wart ver­läß­li­cher rie­chen als die West­deut­schen. In man­chem Land­strich liest man das gern.

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Cora Ste­phan: Im Drü­ben fischen. Nach­rich­ten von West nach Ost, Dres­den: edi­ti­on buch­haus losch­witz 2022. 120 S., 17 €

 

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