Olaf Kühl: Z. Kurze Geschichte Rußlands, von seinem Ende her gesehen

von Jörg Seidel --

Der Übersetzer und Romanautor Olaf Kühl beschrieb seine innere Affinität zum Ostslawischen verschiedentlich als unaufklärbares Schicksal.

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Die Lie­be zum Rus­si­schen, spä­ter zum Pol­ni­schen, wur­zel­te in ihm. Man kann sie in sei­nen kon­ge­nia­len Über­set­zun­gen – allen vor­an ­Witold Gom­bro­wiczs – spü­ren. Kühl war auch vie­le Jah­re Ruß­land­re­fe­rent des Ber­li­ner Bür­ger­meis­ters. Er ver­fügt somit über inti­me poli­ti­sche Ein­bli­cke und hat das Land vie­le Male bereist. Der Krieg gegen die Ukrai­ne ließ ihn nun förm­lich explo­die­ren, in sei­nem Buch Z, das als »kur­ze Geschich­te Ruß­lands« ange­kün­digt wird, sam­melt er all sei­ne empi­risch gewon­ne­ne Wut über die ent­täusch­te Liebe.

Das Bild, das er von Ruß­land ent­wirft, ist düs­ter: Kor­rup­ti­on, Ver­bre­chen, Dreck, Ver­kom­men­heit, Pri­mi­ti­vi­tät, Bru­ta­li­tät, Gier, Dumm­heit, Ver­blen­dung, Wahn, Lüge, Pro­pa­gan­da … Die Evi­denz ist über­wäl­ti­gend. Kühl sam­melt tau­send klei­ne Geschich­ten und Epi­so­den zusam­men, ver­sucht sich in his­to­ri­schen und psy­cho­lo­gi­schen Erklä­run­gen, kon­fron­tiert den Leser mit Unmen­gen an Namen und Ereig­nis­sen und beschränkt sich damit frei­wil­lig sogar, »um den Leser nicht zu ermüden«.

Der Unter­ti­tel ist irre­füh­rend – statt einer Geschich­te bekom­men wir ein Blitz­licht­ge­wit­ter prä­sen­tiert, mit sehr unter­schied­li­chen Belich­tungs­zei­ten: Man­ches rauscht in einem Satz vor­bei, ande­res wird ent­fal­tet, auch wenn der unmit­tel­ba­re Bezug zum Krieg nicht immer her­zu­stel­len ist. Links ist die Argu­men­ta­ti­on inso­fern, als sie die Rus­sen an einem Ide­al – wie sie sein soll­ten, könn­ten, müß­ten – mißt und nicht als das nimmt, was und wie sie sind.

Oft geht es heil­los und hek­tisch durch­ein­an­der, der Autor läßt sich von sei­ner Wut trei­ben – man erwar­te kei­ne objek­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit dem gelieb­ten Feind, statt des­sen haben wir ein ergie­bi­ges Sam­mel­su­ri­um anek­do­ti­scher Evi­denz, einen Geschich­ten­stein­bruch vor uns. Immer­hin, es kris­tal­li­siert sich ein rasan­ter poli­ti­scher und mora­li­scher Ver­fall, die wach­sen­de Macht der Geheim­diens­te, der Ver­lust der Mei­nungs­frei­heit, der Nie­der­gang der öffent­li­chen Intel­li­genz, die Ein­füh­rung von Gewalt und Kor­rup­ti­on als poli­ti­schen Mit­teln etc. in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten heraus.

Aus sei­ner Per­spek­ti­ve muß Ruß­land den Krieg ver­lie­ren, will es über­haupt eine Chan­ce haben, eine Zukunft zu gewin­nen; eine gesichts­wah­ren­de Lösung wäre gera­de kei­ne. Man liest das atem­los, ent­setzt, kopf­schüt­telnd. Und man soll­te es lesen! Der Ein­druck ist unglaub­lich stark, Kühl will beein­dru­cken, will übermannen.

Lehnt man sich dann reflek­tie­rend zurück, wer­den die Män­gel des Buches sicht­bar. Sein ana­ly­ti­scher Gehalt ist eher dünn; Gewalt, Gier und Lüge als Unter­bau eines maro­den Sys­tems fest­zu­ma­chen ist zu wenig. Man müß­te kon­zen­triert his­to­risch-öko­no­misch her­an­ge­hen, aber gera­de hier ver­spricht das Buch mehr, als es hält, sofern man unter Geschich­te eine sys­te­ma­ti­sche Her­lei­tung versteht.

Statt des­sen zieht Kühl psy­cho­ana­ly­ti­sche Begrif­fe aus der Mot­ten­kis­te und will Putin etwa als ana­len Cha­rak­ter mit Nekro­phi­lie (nach Fromm) dia­gnos­ti­zie­ren, das Land lei­de unter Krän­kun­gen, »aus­ge­hun­ger­tem Selbst­wert­ge­fühl«, voll­füh­re »Ersatz­hand­lun­gen« und »sym­bo­li­sche Aggres­sio­nen«. Die Men­ge des Mate­ri­als hät­te drin­gend ein Quel­len­ver­zeich­nis erfor­dert, soll das Buch zu ernst­haf­ter Wei­ter­ar­beit taugen.

Auch wird mit­un­ter argu­men­ta­tiv getrickst, wer­den aus Ein­zel­er­schei­nun­gen all­zu schnel­le Ver­all­ge­mei­ne­run­gen gezo­gen. Selbst wenn Kühl nicht auf Selbst­kri­tik ver­zich­tet, ins­be­son­de­re wenn es die deut­sche Ruß­land­po­li­tik betrifft – den eige­nen Arbeit­ge­ber nicht aus­ge­schlos­sen –, lei­det er doch unter einer stark selek­ti­ven Wahr­neh­mung. Er erklärt den Krieg gegen die Ukrai­ne aus­schließ­lich aus der eige­nen sys­te­mi­schen Ver­kom­men­heit her­aus, die Rol­le der ande­ren, der Ukrai­ne, des Wes­tens, der Ame­ri­ka­ner etc. wird nicht ein­mal erwähnt.

Die­ser stark ver­eng­te Fokus taugt wun­der­bar zur Kon­zen­tra­ti­on – in die­ser Hin­sicht ist das Buch drin­gend zu emp­feh­len. Wer aller­dings eine brei­te Ana­ly­se sucht, fin­det hier nur ein paar Bau­stei­ne zum Sel­ber­bau­en. Daß es eine »Rus­si­sche See­le« gebe, ver­neint Kühl – sie sei ein euro­päi­sches Kon­strukt und ist weder im Wesen noch in der Spra­che ver­an­kert –, aber wer die »Rus­si­sche See­le« ken­nen­ler­nen will, beson­ders ihre dunk­len Sei­ten, wird kaum eine bes­se­re Ein­füh­rung fin­den. Für Ver­klä­run­gen bleibt danach jeden­falls wenig Raum.

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Olaf Kühl: Z. Kur­ze Geschich­te Ruß­lands, von sei­nem Ende her gese­hen, Ber­lin: Rowohlt 2023. 223 S., 24 €

 

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