Hamed Abdel-Samad: Islam

von Felix Dirsch --

Hamed Abdel-Samad gilt schon seit einiger Zeit als oberster publizistischer Islam-Erklärer Deutschlands. In vielen Talkshows tauchte das ehemalige Mitglied der Deutschen Islamkonferenz als Gast auf.

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Vie­le gläu­bi­ge Mus­li­me erach­ten sei­ne Mei­nung über die eige­ne Her­kunfts­re­li­gi­on als zu libe­ral und kri­tisch; Geg­ner des Islam monie­ren hin­ge­gen einen angeb­li­chen Schmu­se­kurs. Drit­te wie­der­um fol­gern aus die­sen unter­schied­li­chen Sicht­wei­sen: Das Urteil des Man­nes trifft zu!

Sei­ne neu­es­te Dar­stel­lung nimmt in ­sei­nem Schrift­tum einen her­aus­ra­gen­den Platz ein. Man kann sich kaum eine Publi­ka­ti­on vor­stel­len, die es auf gut 300 Sei­ten schafft, eine äußerst kom­ple­xe Erschei­nung wie den Islam nicht nur in sei­ner Gene­se fun­diert dar­zu­stel­len, son­dern auch viel­fäl­ti­ge Aspek­te von Geschich­te, Gegen­wart und erwart­ba­rer Zukunft zu ver­bin­den. Die The­sen des Autors wer­den zusam­men mit einer hilf­rei­chen Zeit­ta­fel präsentiert.

Eine Tat­sa­che ist für Abdel-Samad unstrit­tig: Die Pro­ble­me des Islam in der Moder­ne – ähn­lich die der ande­ren bei­den gro­ßen mono­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen oder bes­ser gesagt: der jewei­li­gen ortho­do­xen Rich­tun­gen – hän­gen mit sei­ner fort­dau­ern­den Ver­haf­tung mit his­to­ri­schen Ursprün­gen zusammen.

Dies mag heu­te mehr oder weni­ger gel­ten, abhän­gig von Regi­on und spe­zi­fi­scher Zuge­hö­rig­keit. Der von Moham­med ver­kün­de­te Glau­be an Allah ist im Rah­men von Fami­li­en- und Stam­mes­feh­den ent­stan­den. Der Autor skiz­ziert sei­ne Aus­brei­tung mit den Stich­wor­ten: Ent­fes­se­lung, Aus­deh­nung, Zivi­li­sie­rung, Iso­la­ti­on, Selbst­blockade, fehl­ge­schla­ge­ne Refor­men und die Suche nach einem adäqua­ten Ort in der Gegenwart.

Seit dem frü­hen 7. Jahr­hun­dert ver­knäu­el­ten sich in Ara­bi­en (und bald weit dar­über hin­aus) mis­sio­na­ri­scher Anspruch, dynas­ti­sche Poli­tik und die Nei­gung, die eige­nen Zie­le mit krie­ge­ri­schen Mit­teln durch­zu­set­zen. Ohne Ein­flüs­se vor­nehm­lich der byzan­ti­ni­schen und der per­si­schen Kul­tur wäre der welt­ge­schicht­li­che Auf­bruch der Söh­ne und Töch­ter Moham­meds nicht denk­bar gewesen.

Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich die Fra­ge: Ist es das Schick­sal die­ser zah­len­mä­ßig wach­sen­den Glau­bens­rich­tung, ewig auf die Ursprungs­er­zäh­lun­gen von Wüs­ten­be­woh­nern fest­ge­legt zu sein, oder wird es gelin­gen, neue Mythen zu stif­ten? Abdel-Samad spürt kennt­nis­reich mög­li­chen Ant­wor­ten nach. Zu den zen­tra­len The­men­be­rei­chen zäh­len neben der Geschich­te und der aus­führ­li­chen Beleuch­tung der ein­zel­nen isla­mi­schen Dynas­tien die ver­schie­de­nen Bin­nen­strö­mun­gen (Sufis­mus, Auf­klä­rung, Ortho­do­xie, wich­ti­ge Kon­fes­sio­nen usw.).

Eben­so wird das viel­schich­ti­ge Ver­hält­nis von Islam und Moder­ne nicht aus­ge­blen­det. Wäh­rend extre­me Lai­zis­ten wie Mus­ta­fa Kemal Pascha (»Kemal Ata­türk«) und Gene­ral Gam­al Abdel Nas­ser die Errun­gen­schaf­ten der Moder­ne über den Islam stell­ten und somit dem Fort­schritt hul­dig­ten, erwie­sen sich die diver­sen Spiel­ar­ten von Isla­mis­mus und mus­li­mi­schem Tra­di­tio­na­lis­mus als moderne­feindlich par excellence.

Zu den vie­len Para­do­xien, die sich in der Gegen­wart bemerk­bar machen, gehört der Aus­zug von Tei­len des radi­kal­fun­da­men­ta­lis­ti­schen Islam nach Euro­pa. Die Herr­scher der klas­si­schen Ver­brei­tungs­län­der kann­ten zu jeder Zeit die Gefah­ren, die mit die­ser Glau­bens­rich­tung, ins­be­son­de­re mit man­chen Spiel­ar­ten, ver­bun­den waren (und sind). In Euro­pa domi­niert hin­ge­gen weit­hin Nai­vi­tät. Die Fol­gen die­ser Ein­stel­lung sind bei radi­ka­len moham­me­da­ni­schen Füh­rern nicht unbe­merkt geblieben.

Die Lek­tü­re von Abdel-Sama­ds Buch kann auch im rech­ten Lager zur Unter­schei­dung der Geis­ter die­nen: Dem­nach ist weder ein »Feind­bild Islam«, das der Publi­zist Fre­de­ric Höfer unlängst als »Sack­gas­se« ent­larvt hat, ange­mes­sen noch eine zum Teil im eige­nen Lager anzu­tref­fen­de pau­schal isla­mo­phi­le Über­zeu­gung. Die­se glo­ri­fi­ziert mit­un­ter ver­brei­te­te kul­tu­rel­le Ver­hal­tens­mus­ter, etwa die kla­re Unter­schei­dung der gesell­schaft­li­chen Rol­len von Mann und Frau oder eine grund­sätz­lich krie­ge­ri­sche Hal­tung. Dif­fe­renz ist auch hier angesagt.

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Hamed Abdel-Samad: Islam. Eine kri­ti­sche Geschich­te, Mün­chen: dtv 2023. 320 S., 24 €

 

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