“Geistiger Bürgerkrieg in Deutschland” – Begrüßung zur Sommerakademie 23

Der zum Spitzenkandidaten der AfD für die EU-Wahl im kommenden Jahr gekürte Sachse Maximilian Krah hat in den vergangenen Monaten zwei ganz unterschiedliche Ebenen bespielt. Er hat zum einen in seinem Buch Politik von rechts seine Vorstellung von alternativer Politik auf den wesentlichen Arbeitsfeldern ausgebreitet.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Poli­tik von rechts geht der­zeit in die 4. Auf­la­ge, aber es wird nie ein mas­sen­wirk­sa­mer Auf­schlag wer­den. Zwar hat ZDF-„frontal“ in einem sechs­mi­nü­ti­gen Film Kern­aus­sa­gen aus Krahs Buch gepickt, um dem gebil­de­te­ren Publi­kum die gan­ze Schä­big­keit die­ses alter­na­ti­ven Poli­tik­pro­gramms vor­zu­stel­len; aber obwohl damit unse­re Stra­te­gie der Pro­vo­ka­ti­on wie­der ein­mal auf­ge­gan­gen ist, spre­chen wir noch nicht von Mas­se und emo­tio­na­lem Zugriff.

Für die­sen sug­ges­ti­ven Teil des poli­ti­schen Vor­triebs ist das ande­re For­mat zustän­dig, mit dem Krah seit gerau­mer Zeit expe­ri­men­tiert: Tik­Tok-Vide­os von maxi­mal einer Minu­te Län­ge. Krahs Team arbei­tet frap­pie­rend pro­fes­sio­nell, indem es die an jun­ge Leu­te gerich­te­ten Bot­schaf­ten so aus­se­hen läßt, als sei­en sie spon­ta­ne, mal eben in eine Kame­ra erzähl­te Eingebungen.

Ein zuletzt extrem weit ver­brei­te­tes Film­chen beginnt mit dem Satz „Unse­re Vor­fah­ren waren kei­ne Ver­bre­cher“ und endet auch damit. Dazwi­schen ist von Stolz die Rede und vom Rat, sich mal mit Opa und Oma zu unter­hal­ten. Impli­zit for­dert Krah sei­ne jun­gen Zuschau­er dazu auf, sich nicht ein­re­den zu las­sen, man habe mit sei­nen Vor­fah­ren nichts zu schaf­fen, son­dern sei durch einen mora­li­schen Abgrund von ihnen getrennt.

Über die Wirk­sam­keit sol­cher Vide­os kann man kei­ne ana­ly­tisch abge­si­cher­te Aus­sa­ge tref­fen. Klar ist: Sie wer­den Hun­dert­tau­sen­de Mal geschaut, sind extrem ein­präg­sam und pola­ri­sie­ren. Wo auf der einen Sei­te Empö­rung und Abwehr laut wer­den, ist auf der ande­ren Sei­te ein Auf­at­men wahrnehmbar:

Das Leben bricht sich Bahn gegen jede Ideologie.

Krah selbst hat die­ses Auf­at­men als Fol­ge eines Befrei­ungs­schrit­tes beschrie­ben, der durch eine Tür mit der Auf­schrift „Zur Nor­ma­li­tät“ erfol­ge. Man spü­re jäh, mit welch gewal­ti­gem Auf­wand die Geg­ner ihre geschichts­po­li­ti­sche Erzäh­lung vom Täter­volk und vom neu­en, bes­se­ren, aber lei­der immer noch anfäl­li­gen Deut­schen pla­ziert hätten.

Man begrei­fe, mit wel­chem Kon­strukt der Geg­ner den Blick auf die Nor­ma­li­tät ver­baut habe.

Es ist nicht schwie­rig, an den Reak­tio­nen der Mei­nungs­wäch­ter abzu­le­sen, daß Krah mit die­sem Vor­stoß sei­nen Fuß in einen der Taburäu­me die­ser Repu­blik gesetzt hat. Die Ver­gif­tung der Ver­gan­gen­heit durch mora­li­sie­ren­de Geschichts­er­zäh­lung gehört zu den Grund­bau­stei­nen unse­rer Repu­blik. Das dar­aus abge­lei­te­te „Weh­ret den Anfän­gen!“ war (und ist) eine der star­ken Waf­fen zur Been­di­gung von Dis­kus­sio­nen, die über Daseins­be­rech­ti­gung, Sou­ve­rä­ni­tät und Inter­es­sen eines offen­sicht­lich aus der Abstam­mung abge­lei­te­ten deut­schen Vol­kes geführt wer­den müßten.

Wir haben es bei die­ser Ver­gif­tung der Ver­gan­gen­heit mit einer der wirk­mäch­tigs­ten Pro­pa­gan­da-Erzäh­lun­gen schlecht­hin zu tun. Die Begrif­fe „Deut­sches Volk“-„rechts“- „Schuld“-„Holocaust“ sind auf emo­tio­na­ler Ebe­ne so hart mit­ein­an­der ver­drah­tet, daß dies ver­stan­des­mä­ßig nicht mehr auf­ge­löst, also von­ein­an­der gelöst wer­den kann.

Dabei wäre nichts ande­res als die Auf­lö­sung die­ser toxi­schen Ver­drah­tung eine der Nor­ma­li­sie­run­gen, die unser Land so drin­gen braucht.

Wie nor­mal es sich anhört, wenn dem Bekennt­nis­zwang nicht nach­ge­ge­ben wird, hat neu­lich auch Ali­ce Wei­del gezeigt. Sie ant­wor­te­te auf die Fra­ge, war­um sie am Tage der deut­schen Kapi­tu­la­ti­on nicht auch zu den Fei­er­lich­kei­ten in die rus­si­sche Bot­schaft gegan­gen sei, mit fol­gen­dem Satz: „Also hier die Nie­der­la­ge des eige­nen Lan­des zu befei­ern mit einer ehe­ma­li­gen Besat­zungs­macht, das ist etwas, wo ich für mich per­sön­lich ent­schie­den habe – auch mit der Flucht­ge­schich­te mei­nes Vaters –, dar­an nicht teilzunehmen.“

Die ver­sam­mel­te Pres­se schrieb dar­auf­hin von­ein­an­der ab, es gebe allent­hal­ben „Empö­rung“ über Wei­dels Ein­ord­nung, denn sie fal­le damit hin­ter das zurück, was Bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker 1985 doch gül­tig fest­ge­stellt habe: daß der 8. Mai der Tag der Befrei­ung gewe­sen sei. Hat er das wirk­lich gül­tig fest­ge­stellt? Ist das nicht – wie fast alles – eine Fra­ge der Betrachtungsebene?

Zur Durch­set­zung oder Ver­hin­de­rung neu­er Betrach­tungs­ebe­nen kommt es, wenn Pro­pa­gan­da-Schlach­ten gewon­nen oder ver­lo­ren wor­den sind. Wir, das heißt: wir Rech­ten, stür­men und über­win­den Sprach­bar­rie­ren, Denk­blo­cka­den, suchen und fin­den dort Wege, wo es – alter­na­tiv­los – nur einen Weg geben soll. Das Unsag­ba­re wird sag­bar, denn es war immer schon denk­bar und sag­bar und wur­de nur aus Angst vor „Kon­se­quen­zen“ nicht bedacht und gesagt.

Wie sim­pel es ist, wenn es getan ist! Und wie wich­tig es ist, nach den Pro­pa­gan­da­mit­teln zu grei­fen und ihren Gebrauch einzuüben!

Denn der Geg­ner wehrt sich. Er grenzt aus, behin­dert, unter­drückt, er denun­ziert, setzt Macht­mit­tel ein und kri­mi­na­li­siert. Er nutzt sei­ne Mög­lich­kei­ten und Waf­fen, und ich bin mir sicher, daß nicht jeder von uns anders wäre, hät­ten wir unse­rer­seits die Macht­mit­tel in der Hand.

Jeden­falls: Wir alle sind aus Sicht der Geg­ner Unfäl­le ihrer Umer­zie­hungs­ho­heit. Wir sind die­je­ni­gen, mit denen etwas schiefging.

Gegen uns scheint jedes Mit­tel recht zu sein. Machen wir es kurz: In Deutsch­land tobt ein geis­ti­ger Bür­ger­krieg. Es geht um die Vor­herr­schaft auf media­lem, sprach- und geschichts­po­li­ti­schem Feld, um Deu­tungs­ho­heit, um die Staats­idee einer gro­ßen Nation.

Die Hef­tig­keit der Abwehr gegen Neu­deu­tungs­vor­stö­ße von rechts erlaubt die Bezeich­nung „Krieg“. Das sieht unter ande­rem auch der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Gün­ter Scholdt so, der in sei­nem klu­gen Essay Reden wir über Post­de­mo­kra­tie zu dem Schluß kommt: „Auch Kultur‑, Medi­en- oder Wirt­schafts­krie­ge sind For­men der Kriegsführung.“

So ist es. Also: Laßt uns Krieg führen.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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