Sezession
1. Juli 2005

Europa stottert – Eine finanzpolitische Analyse

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 10 / Juli 2005

sez_nr_10von Wilhelm Hankel

Das erste Mal betrat ich dieses traditionsreiche Haus am 5. Mai 1967. Ich war damals 38 Jahre jünger und auch genauso alt und berichtete ex officio als Chefvolkswirt der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) über die Erfahrungen mit der zehn Jahre jungen Entwicklungshilfe. Meine Botschaft konnte froher nicht sein: Noch ein bis zwei Dekaden öffentlich gesteuerter Kapitaltransfer – und der tiefe Graben zwischen Reich und Arm auf unserem Globus wäre geschlossen, die Welt glücklicher und sozial befriedeter denn je! Seitdem haben weitere vierhundert Milliarden US-Dollar (knapp fünfhundert Milliarden Euro heutiger Rechnung) Steuergelder den Weg von der Ersten in die Dritte und Vierte Welt genommen. Die Einsichten der Entwicklungshelfer in die Möglichkeiten der Armutsbekämpfung sind eindrucksvoll gewachsen. Doch der Graben ist noch tiefer und breiter geworden. Zwar geht es einigen Schwellenländern deutlich besser, doch die Aussichten für den Rest der im Armutsgürtel nördlich und südlich des Äquators lebenden Menschen sind düsterer denn je.

Was haben sie falsch gemacht? Die Globalisierung zwingt die Armen an Know-how, Technik und Lebensstandard zu importieren, was sie nicht haben. Das Geld dafür strecken wir ihnen großzügig vor. So jagt eine Schuldenkrise die andere, vernichtet jedes neue „Konsolidierungsprogramm“ das bißchen Wohlstand, das sie sich gestern und vorgestern mühsam erarbeitet haben. Es fehlt den Armutsländern ein dem unseren vergleichbares, hocheffizientes Geld- und Finanzsystem. Sie müssen bei uns pumpen statt bei sich selber – ein Teufelskreis, der den Zyklus von Krise und Rückkehr in die alte Armut nicht zur Ruhe kommen läßt.
Nun könnte Abhilfe von uns kommen, denn wir verfügen über dieses finanzielle Hochleistungssystem. Das alte Europa hat es in Jahrhunderten entwickelt, dann in die einst Neue Welt exportiert und daraus alle seine Industriellen Revolutionen finanziert. Doch plötzlich stottert der Motor. Europas modernste monetäre Innovation, der Euro will nicht so recht in dieses Bild passen. Was haben wir, die Vorreiter des industriellen und finanziellen Fortschritts in aller Welt, falsch gemacht? In Dritter und Vierter Welt bedroht die Globalisierung den Fortschritt von außen – bei uns kommt die Gefahr von innen.
Die Europäer haben – wie weiland die Trojaner – das Pferd mit dem gefährlichen Inhalt im Bauch freiwillig und ohne Zwang hinter die alten Schutzmauern gezogen. Europa hat sich sein Globalisierungsproblem selbst geschaffen, indem es seine wirtschaftliche Integration, die Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarktes mit grenzenlosen Güter-, Dienstleistungs-, Geld- und Kapitalmärkten, mit einer überstaatlichen Währung „krönte“. Das war vor sieben Jahren (im Mai 1998). Damals wurde im Vorgriff auf den geplanten Euro der Währungswettbewerb zwischen den elf (inzwischen sind es zwölf) Mitgliedsländern der Euro-Zone abgeschafft. In allen zwölf Euro-Ländern gilt Euro = Euro. Was sich auf den ersten Blick so fortschrittlich, so europäisch und so beispielhaft für alle Welt ausnimmt, hat schwerwiegende und dem Publikum in der Euro-Debatte entweder verschwiegene oder falsch dargestellte Konsequenzen.


 Gastbeitrag

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