Sezession
26. August 2009

Das allerletzte Mal: Inglourious Basterds

Martin Lichtmesz

InglouriousBasterdsVersprochen. Ehrlich. Ich habe allmählich ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, in dem ganzen aufgeblasenen Medien-Hype um den Film als Stichwortgeber von rechts mitgemischt zu haben. Jegliche Beteiligung an der Diskussion, egal mit welcher Meinung,  dient am Ende ja doch nur dazu, für Tarantino & Co die Kassen klingeln zu lassen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Am liebsten hätte ich von vornherein abgewunken, daß es sich hier bloß um einen politisch irrelevanten Unterhaltungsschund und nichts weiter handelt. Aber was soll man als gutwilliger Appeasement-Kritiker machen, wenn die bösen Kollegen sich partout nicht davon abhalten lassen, anläßlich des Films wildeste geschichtstheologische und fundamentalästhetische Exegesen zu verkünden, die sowohl in der Highbrow- ("Georg Seeßlen erklärt, warum gerade wir Deutschen dieses Werk brauchen") als auch der Dummi- Fassung ("Der deutscheste Film, der jemals aus Hollywood kam!") platterdings darauf hinauslaufen, daß wir den Amis das Hinterteil zu küssen haben, weil sie uns schon wieder von Hitler befreit haben.

Daß Inglourious Basterds von Seeßlen und Co solchermaßen quasi zum Film der Nation geadelt wird, läßt sich wohl nur mit dem spezifischen Koller erklären, der den deutschen Feuilleton jedesmal dann heimsucht, wenn ein Nazi-Thema am Horizont auftaucht, sei es Der Untergang oder Die Wohlgesinnten oder Operation Walküre.  Was diesmal unter anderem vom Stapel gelassen wurde, ist jedoch so unbeschreiblich knackdumm und an der Grenze zur Demenz, daß ich mich bei dem Gedanken, das etwa auch noch widerlegen zu müssen, schlagartig ganz, ganz müde und lethargisch fühle.

Inglourious Basterds ist nämlich von A bis Z nicht mehr, als  ein einziger deftiger Action-Cartoon in der Tradition von The Dirty Dozen oder Hogan's Heroes oder Kelly's Heroes oder auch The Eagle has Landed, ein karikaturhafter Klamauk, der mit den Versatzstücken des Genres ironisch spielt, ohne den abgesteckten Rahmen allzuweit zu verlassen. "Antideutsch" ist das Spektaktel nur insofern, als implizit jeder Deutsche in Uniform automatisch ein "Nazi" ist, und ein "guter" Deutscher ist deshalb entweder ein toter oder einer, der zu den Alliierten übergelaufen ist. Das ist eine Konvention, die sich im Hollywoodkino seit Casablanca nicht geändert hat, und die bombenfester Bestandteil des Genres ist.  Was soll man da machen? Genauso gut könnte man sich über die Schwerkraft oder Vanilleeis beschweren. Andererseits glaubt inzwischen wohl schon jeder zweite Deutsche daran.

Auch ansonsten ist alles wie gehabt: Hitler ist der spinnerte Teppichbeißer und Goebbels der geile, eitle Bock, direkt aus der Dani-Levy-Klamotte Mein Führer geplumpst, in der ihn ebenfalls Sylvester Groth verkörpert hat.  Es fehlt auch nicht an polternden, dümmlichen "Krauts" und schmierigen SS-Männern (August Diehl),  aber wenn Claus Wolfschlag dem Film den Gebrauch von antideutschen Stereotypen ankreidet, dann muß man auch hinzufügen, daß es darin (mit der bezeichnenden Ausnahme der hübschen jüdischen Heldin) keine einzige Figur gibt, die nicht ein Stereotyp oder zumindest ein Comics-Charakter wäre.

Tarantinos Stärke und Charme lagen immer in seinem ironisch-lässigen Umgang mit Klischees und Genrefiguren: man denke etwa die Gangster, die über Big Macs, Fußmassagen, den sozialen Wert von Trinkgeld, Madonna-Songs oder obskure Radioshows diskutieren, ehe sie sich an die "Arbeit" machen. Aber wo es in Reservoir Dogs und Pulp Fiction noch echte, mehrdimensionale Charaktere gab, spulen die Darsteller von Inglourious Basterds lediglich ihre Nummern ab: Brad Pitt klopft dauergrinsend coole Sprüche, Till Schweiger schweigt und guckt dabei psychopathenschief und Eli Roth läßt die Augen sadistisch funkeln. Man erfährt praktisch nichts über die Figuren, ihre Motivationen und ihren Hintergrund. Manche der "Basterds" haben im ganzen Film keine zwei Dialogzeilen.

Selbst der vielgepriesene Christoph Waltz als heiter-höflicher SS-Mann, der nicht einmal ein überzeugter Nazi ist, spielt bloß den Clown auf höherer Ebene, irgendwo zwischen Lubitschs Concentration-Camp-Erhardt und den zigtausenden kultiviert-gefährlichen SS-Offizieren, die zum Standardrepertoire des "Nazi"films gehören. Das ist sicher zum Teil witzig, originell und mit Hingabe gespielt, aber auch weit, weit entfernt von den Prätentionen, die Waltz in einem Interview mit dem Stern äußerte:

Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass dieser Film einen gewissen Beitrag dazu leisten kann, dass man anfängt, sich neue Fragen zu stellen. Und zwar nicht nur, was das Kino betrifft, sondern auch, was die sogenannte Aufarbeitungsfrage angeht. Deswegen ist das Etikettenabziehen wichtig, und deswegen ist es wichtig, das Etikettenabziehen nicht zum Etikett werden zu lassen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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