Propaganda als Mittel der Kriegsführung

PDF der Druckfassung aus Sezession 116/ Oktober 2023

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Zwi­schen Kriegs­pro­pa­gan­da und zivi­ler Pro­pa­gan­da gibt es einen wesent­li­chen Unter­schied: Kriegs­pro­pa­gan­da ist ver­bo­ten, zivi­le Pro­pa­gan­da nicht. (1)

Das Grund­ge­setz bezeich­net »Hand­lun­gen, die geeig­net sind und in der Absicht vor­ge­nom­men wer­den, das fried­li­che Zusam­men­le­ben der Völ­ker zu stö­ren, ins­be­son­de­re die Füh­rung eines Angriffs­krie­ges vor­zu­be­rei­ten«, als ver­fas­sungs­wid­rig und for­dert ihre Bestra­fung. Der UN-Zivil­pakt, den bei­de deut­schen Staa­ten 1973 rati­fi­ziert haben, stellt fest: »Jede Kriegs­pro­pa­gan­da wird durch Gesetz ver­bo­ten.« Die­ses Ver­bot geht vom ver­meint­li­chen Ziel der Pro­pa­gan­da aus und hat nichts mit den Mit­teln zu tun, die sich bei der Kriegs­pro­pa­gan­da nicht von der zivi­len unterscheiden.

Für eine libe­ra­le Gesell­schaft stellt sich hier­bei das Pro­blem der Abwä­gung mit dem Rechts­gut der Mei­nungs­frei­heit. Ins­be­son­de­re ist umstrit­ten, inwie­weit Fal­sch­nach­rich­ten und Des­in­for­ma­ti­on als häu­fig ver­wen­de­te Mit­tel prä­ven­tiv unter­bun­den wer­den müß­ten, um die eige­ne Bevöl­ke­rung zu schüt­zen. Denn durch die­sen Schutz sprä­che man ihr die Rei­fe ab, wah­re von fal­schen Infor­ma­tio­nen zu unter­schei­den und sich auf die­se Wei­se selbst zu schützen.

Fal­sch­nach­rich­ten über eine der Kriegs­par­tei­en wer­den von der Bun­des­re­gie­rung als ein Ver­stoß gegen das Inter­ven­ti­ons­ver­bot inter­pre­tiert, weil sie als Teil der psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­füh­rung geeig­net sei­en, einen Zwang auf den Emp­fän­ger aus­zu­üben. Die rus­si­schen Infor­ma­ti­ons­ope­ra­tio­nen hät­ten zum Ziel, west­lich ori­en­tier­te Staa­ten und Gesell­schaf­ten zu dele­gi­ti­mie­ren. (2) Der Sinn die­ser Defi­ni­ti­on ist klar: Kriegs­pro­pa­gan­da trei­ben nur die ande­ren. Wir hin­ge­gen sagen die Wahr­heit und müs­sen die eige­ne Bevöl­ke­rung vor den Kriegs­lis­ten des Fein­des schützen.

Dem Blog Nach­Denk­Sei­ten wur­de ein inter­nes (mitt­ler­wei­le veri­fi­zier­tes) Doku­ment der Bun­des­re­gie­rung zuge­spielt, aus dem das »Aus­maß der hori­zon­ta­len und ver­ti­ka­len Struk­tu­ren der […] staat­li­chen Zen­sur­ver­su­che« her­vor­geht. Für den »Kampf gegen Des­in­for­ma­ti­on« wer­den Social-Media-Kon­zer­ne, Inter­net­an­bie­ter, poli­ti­sche Stif­tun­gen und staat­li­che Stel­len für den »konzertierte[n] Ansatz einer Nar­ra­tiv-Gleich­schal­tung durch die Bun­des­re­gie­rung« mobi­li­siert. Dabei defi­nie­re die Bun­des­re­gie­rung nir­gends, was unter »Des­in­for­ma­ti­on« zu ver­ste­hen sei, son­dern ver­samm­le unter die­sem »Kampf­be­griff« alles, »was einer Wie­der­ga­be offi­zi­el­ler rus­si­scher Posi­tio­nen und Sicht­wei­sen ent­spricht«. (3)

Daß die­se Vor­ge­hens­wei­se kei­ne Beson­der­heit der Gegen­wart ist, son­dern immer Bestand­teil der psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­füh­rung war, zeigt der Blick in ein offi­ziö­ses Buch, das sich aus dem Blick­win­kel der DDR dem Gegen­stand nähert und von der Tat­sa­che aus­geht, daß die »psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung eine aus­schließ­lich impe­ria­lis­ti­sche Art des ideo­lo­gi­schen Kamp­fes ist«. Die sozia­lis­ti­schen Län­der führ­ten hin­ge­gen kei­nen psy­cho­lo­gi­schen Krieg, weil »unse­rer sozia­lis­ti­schen Staats- und Gesell­schafts­ord­nung […] die skru­pel­lo­sen und bru­ta­len Aktio­nen der psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­füh­rung wesens­fremd und zutiefst zuwi­der« sei­en. (4)

Die Kriegs­pro­pa­gan­da stand nun noch nie in einem beson­ders guten Ruf, im Gegen­teil: Es gab und gibt Autoren, die in der Kriegs­pro­pa­gan­da die Ursa­che für Krie­ge sehen. (5) Wür­de die­se abge­schafft oder unschäd­lich gemacht, wür­de es auch kei­ne Krie­ge mehr geben. Die his­to­ri­schen Tat­sa­chen spre­chen dage­gen. Kriegs­grün­de fin­den sich immer, Pro­pa­gan­da dient dazu, sie in einem Licht erschei­nen zu las­sen, wel­ches das Recht auf der Sei­te der jewei­li­gen Kriegs­par­tei zeigt. Der Krieg ist nicht ohne Grund als Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mit­teln bezeich­net wor­den. Das war schon beim Kampf um Tro­ja so, der sicher­lich nicht wegen einer schö­nen Frau geführt wur­de. Aber die Behaup­tung des Unrechts, die Ent­füh­rung der Hele­na, hat den Zug gegen Tro­ja vor der Gegen­wart und der Nach­welt legitimiert.

Was wir heu­te mit Kriegs­pro­pa­gan­da ver­bin­den (die mas­sen­haf­te, auf Bild, Ton und Wort gestütz­te Dif­fa­mie­rung des Fein­des und gleich­zei­ti­ge Mobi­li­sie­rung des eige­nen Vol­kes), erreich­te sei­ne ers­te moder­ne Aus­prä­gung im Ers­ten Welt­krieg. Zu den­ken ist dabei ins­be­son­de­re an die alli­ier­te Pro­pa­gan­da, mit der die Deut­schen als Hun­nen, Bar­ba­ren, Kin­der­mör­der dar­ge­stellt wurden.

Die Mit­tel­mäch­te hat­ten die­ser psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­füh­rung nichts Schlag­kräf­ti­ges ent­ge­gen­zu­set­zen: Die deut­sche Pro­pa­gan­da blieb ver­hält­nis­mä­ßig harm­los und bie­der, weil sich erst sehr spät die Erkennt­nis durch­setz­te, daß es sich bei die­sem Krieg um einen Exis­tenz­kampf han­del­te. (6) In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten stand die Regie­rung vor allem vor dem Pro­blem, die Bevöl­ke­rung für den Krieg begeis­tern zu müs­sen, da die meis­ten Ame­ri­ka­ner nichts davon wis­sen woll­ten. Die zu die­sem Zweck ins Leben geru­fe­ne Kam­pa­gne, die eine umfas­sen­de Mobi­li­sie­rung zum Ziel hat­te und auch erreich­te, gilt als Geburts­stun­de der moder­nen Kriegs­pro­pa­gan­da. Einer der wich­tigs­ten Vor­den­ker der Pro­pa­gan­da, ­Edward ­Ber­nays, war hier feder­füh­rend tätig. (7)

Die Erfah­rung des Ers­ten Welt­krie­ges hat­te eine Flut an Publi­ka­tio­nen zur Fol­ge, in denen die Kriegs­pro­pa­gan­da der ver­schie­de­nen Mäch­te unter­sucht wur­de. Schu­le hat, aus nahe­lie­gen­den Grün­den, das Buch eines Bri­ten gemacht. Arthur Pon­son­by, ein bri­ti­scher Poli­ti­ker und Pazi­fist, ver­öf­fent­lich­te 1928 ein Buch über Lügen im Krieg, das 1930 in deut­scher Über­set­zung erschien. (8) Dar­in fin­det sich der berühm­te Satz von der Wahr­heit als ers­tem Opfer des Krie­ges. Sei­ne Unter­su­chung kommt zu dem Schluß, daß alle lügen – was Pon­son­by anhand ver­schie­de­ner Bei­spie­le, auch der anti­deutschen Pro­pa­gan­da, leicht nach­wei­sen kann.

Die bel­gi­sche Sozio­lo­gin Anne Morel­li hat dar­aus zehn Prin­zi­pi­en abge­lei­tet, auf denen die Pro­pa­gan­da jeder Kriegs­sei­te beru­he. (9) Sie lauten:

 

  • Wir wol­len den Krieg nicht.
  • Das geg­ne­ri­sche Lager trägt die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für den Krieg.
  • Der Füh­rer des Geg­ners hat dämo­ni­sche Züge (»der Böse­wicht vom Dienst«).
  • Wir kämp­fen für eine gute Sache.
  • Der Geg­ner kämpft mit ver­bo­te­nen Waffen.
  • Der Geg­ner begeht mit Absicht Grau­sam­kei­ten, bei uns han­delt es sich um Irr­tü­mer aus Versehen.
  • Unse­re Ver­lus­te sind gering, die des Geg­ners enorm.
  • Ange­se­he­ne Per­sön­lich­kei­ten, Wis­sen­schaft­ler, Künst­ler und Intel­lek­tu­el­le unter­stüt­zen unse­re Sache.
  • Unse­re Mis­si­on ist heilig.
  • Wer unse­re Bericht­erstat­tung in Zwei­fel zieht, steht auf der Sei­te des Geg­ners und ist ein Verräter.

 

Morel­li behaup­tet kei­ne uni­ver­sel­le Gül­tig­keit die­ser Prin­zi­pi­en, ­son­dern führt den Nach­weis der Gül­tig­keit nur für ein­zel­ne Krie­ge. Chris­ti­an ­Har­ding­haus kri­ti­siert das in sei­nem aktu­el­len Buch zum The­ma und ver­tritt die Mei­nung, daß man die Gül­tig­keit aller Prin­zi­pi­en für kei­nen der von Morel­li genann­ten Krie­ge nach­wei­sen kön­ne. (10) Aller­dings ist sei­ne Kri­tik zu stark an der wört­li­chen For­mu­lie­rung der Regeln ori­en­tiert. ­Har­ding­haus stellt nicht in Rech­nung, daß Morel­li the­sen­ar­tig zuspitzt.

Mit Blick auf den gegen­wär­ti­gen Krieg in der Ukrai­ne wird man die­se Prin­zi­pi­en mehr oder weni­ger erfüllt sehen: sicher­lich für die west­lich-ukrai­ni­sche Sei­te, ver­mut­lich auch für die rus­si­sche Sei­te, was auf­grund der hie­si­gen Zen­sur­maß­nah­men aber schwie­ri­ger zu bele­gen ist. Die rus­si­sche Rede von der »Ent­na­zi­fi­zie­rung« der Ukrai­ne bringt die zehn Punk­te im Grun­de auf einen Begriff. (11) Bei­de Sei­ten sind dar­an inter­es­siert, ihre Völ­ker auf das jewei­li­ge Ziel hin gleich­zu­schal­ten und den Feind zu delegitimieren.

Wenn man Pro­pa­gan­da im Sin­ne einer Gleich­schal­tung der Mas­sen auf ein Ziel hin mit­tels unter­schied­li­cher Metho­den auf­faßt, so ist damit ein wich­ti­ges Merk­mal von Pro­pa­gan­da unbe­rück­sich­tigt geblie­ben. Jac­ques Ellul hat die­ses Ziel als »Orthop­ra­xie« bezeich­net, die im Gegen­satz zur »Ortho­do­xie« nicht nach der rech­ten Leh­re, son­dern nach dem rich­ti­gen Han­deln stre­be. Gera­de die­ses Ziel sei das ent­schei­den­de Merk­mal moder­ner Pro­pa­gan­da: »Die­se zielt nicht mehr dar­auf ab, Vor­stel­lun­gen und Ideen zu ändern, son­dern eine Hal­tung, eine Akti­on her­vor­zu­ru­fen; nicht mehr, den Glau­ben an eine bestimm­te Dok­trin zu ändern, son­dern auf irra­tio­na­le Wei­se in einen akti­ven Pro­zeß ein­tre­ten zu lassen.

Es geht nicht mehr dar­um, vor eine Ent­schei­dung zu stel­len, son­dern Refle­xi­on aus­zu­lö­sen, kei­ne Mei­nung mehr zu ändern, son­dern akti­ve und welt­an­schau­li­che Über­zeu­gung zu pro­du­zie­ren.« (12) Es geht um die Teil­nah­me, die Hand­lung im Auf­trag der Pro­pa­gan­da, um mit die­ser Teil­nah­me den Rück­weg zu ver­sper­ren. Denn nach der Hand­lung sei man »gezwun­gen, an die­se Pro­pa­gan­da zu glau­ben«. (13) Es geht im aktu­el­len Krieg also nicht ledig­lich dar­um, die Sache der Ukrai­ne für unter­stüt­zens­wert zu hal­ten und sich zu ihr zu beken­nen (Fah­ne im Twit­ter-Pro­fil), son­dern aktiv ins Gesche­hen ein­zu­grei­fen, sei es durch Über­zeu­gungs­ar­beit im Freun­des­kreis oder im Bundestag.

Das Ziel der Betei­li­gung – also: eine Art Kriegs­ein­tritt zu errei­chen – gilt ganz beson­ders für die Kriegs­pro­pa­gan­da, da hier ein ande­rer Abso­lut­heits­an­spruch herrscht als in der Wer­bung für Kon­sum­pro­duk­te. Beim Krieg geht es um Sein oder Nicht­sein, dem­entspre­chend sind die Kon­se­quen­zen für den­je­ni­gen ande­re, der sich dem Kon­for­mi­täts­druck ver­wei­gert. Höre ich nicht auf Wer­bung, bin ich ein schlech­ter Kun­de, höre ich nicht auf Kriegs­pro­pa­gan­da, bin ich ein Verräter.

Es ist nun aber ganz offen­sicht­lich so, daß die Unter­scheid­bar­keit von Kriegs- und Frie­dens­pro­pa­gan­da in dem Maße abge­nom­men hat, indem die Mas­se zum poli­ti­schen Fak­tor wur­de und die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten der Mani­pu­la­ti­on immer aus­ge­feil­ter wur­den. (14) Hybri­de Kriegs­füh­rung setzt »auf eine Kom­bi­na­ti­on aus klas­si­schen Mili­tär­ein­sät­zen, wirt­schaft­li­chem Druck, Com­pu­ter­an­grif­fen bis hin zu Pro­pa­gan­da in den Medi­en und sozia­len Netz­wer­ken« (15) und ver­wäs­sert so die Gren­ze zwi­schen Krieg und Frieden.

Nach der klas­si­schen Unter­schei­dung gab es den Krieg auf dem Land und auf dem Was­ser, seit dem Ers­ten Welt­krieg kam die Luft als drit­te Dimen­si­on dazu. Daß auch der Welt­raum Kriegs­schau­platz sein kann, zei­gen die Satel­li­ten, wie etwa das Star­link-Sys­tem von Elon Musk, die als Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Ori­en­tie­rungs­mit­tel für die Krieg­füh­rung mitt­ler­wei­le uner­läß­lich sind. Der fünf­te Schau­platz ist das Inter­net, das den aktu­el­len Krieg in der Ukrai­ne zu einem beson­de­ren macht, der auch als der ers­te »Tik­Tok-Krieg« bezeich­net wird. (16)

Der Ein­satz von Social-Media-Kanä­len auf ver­schie­de­nen Platt­for­men hat dazu geführt, daß der Krieg ganz anders wahr­ge­nom­men wird als sei­ne Vor­gän­ger. Dabei machen sich bei­de Sei­ten die Tat­sa­che zunut­ze, daß die Kon­su­men­ten nahe­zu stets über ihre mobi­len End­ge­rä­te erreich­bar sind. Das Kriegs­ge­sche­hen wird mit kur­zen Video­se­quen­zen, die Sol­da­ten­all­tag, Gefech­te oder ver­schie­de­ne Waf­fen­sys­te­me im Ein­satz zei­gen, zu einer unab­läs­si­gen Bild­fol­ge in Echt­zeit, deren Auf­lö­sung, Kon­tex­tua­li­sie­rung und Veri­fi­zie­rung jeden Kon­su­men­ten über­for­dern. Auch die klas­si­sche Kriegs­pro­pa­gan­da war bei der Anspra­che des Fein­des bemüht, die Her­kunft der Pro­pa­gan­da zu verschleiern.

Heu­te ist eine Zuord­nung nahe­zu unmög­lich, da sich staat­li­che Akteu­re auf die­sem Feld hin­ter zahl­lo­sen Accounts ver­ber­gen kön­nen. Dar­über hin­aus führt die per­ma­nen­te Prä­senz von Gewalt­dar­stel­lun­gen, die teil­wei­se wie Com­pu­ter­spie­le wir­ken, zu einer Abstump­fung gegen­über der Tat­sa­che, daß dort täg­lich Sol­da­ten ster­ben, und zu einer Ver­här­tung der Fron­ten, weil Dif­fe­ren­zie­rung in die­ser Art von Dar­stel­lung unmög­lich ist. Ver­stärkt wird die­se Kriegs­pro­pa­gan­da durch die Medi­en, deren ein­sei­ti­ge Bericht­erstat­tung in offen­sicht­li­chem Wider­spruch zu dem steht, was über die Social-Media-Kanä­le gesen­det wird.

Die­se Art der Kriegs­füh­rung bedeu­tet eine Fort­set­zung und Umschrei­bung des Kon­zepts des »tota­len Krie­ges«, das nach dem Ers­ten Welt­krieg ent­wi­ckelt wur­de und vor allem die Mobi­li­sie­rung der Hei­mat­front vor­sah. Aus­gangs­punkt war die Ein­sicht, daß die Front nur dann hal­ten kön­ne, wenn auch die Hei­mat nicht ins Wan­ken gera­te. Im Ergeb­nis gibt es zwi­schen Front und Hei­mat kei­nen Unter­schied mehr. (17) Die Hun­ger­blo­cka­de im Ers­ten und der Bom­ben­krieg im Zwei­ten Welt­krieg waren die Mit­tel der Alli­ier­ten, um die Hei­mat­front zu brechen.

Damals waren die Natio­nen immer­hin alle unmit­tel­bar am Krieg betei­ligt und sich bewußt, daß er nur zu gewin­nen sei, wenn alle Res­sour­cen und alle Macht­mit­tel, eben auch die Pro­pa­gan­da, zum Ein­satz kämen. Heu­te hin­ge­gen ist die Hei­mat­front so groß gewor­den, daß der gesam­te Wes­ten sei­nen Teil zum Krieg bei­zu­tra­gen hat, obwohl bis­lang nur die Ukrai­ner kämp­fen. Die­se Tota­li­sie­rung schlägt sich auch dar­in nie­der, daß wir es seit dem 20. Jahr­hun­dert mit Krie­gen zu tun haben, in denen, wie in der Anti­ke, Kul­tu­ren gegen­ein­an­der kämpfen.

Angeb­lich ist die NATO erst jetzt dabei, die­ses Sze­na­rio auf die Spit­ze zu trei­ben und die »Mensch­li­che Sphä­re« als Kriegs­schau­platz zu nut­zen. Damit ist nichts ande­res als der Bereich der »Soft Power« gemeint, in dem nicht mit­tels Waf­fen, son­dern eben mit Pro­pa­gan­da über­zeugt wer­den soll. Das aktu­el­le Inter­es­se begrün­det ein US-Mili­tär­psy­cho­lo­ge wie folgt: »Wäh­rend Psy­cho­lo­gie schon immer wich­tig war in der Kriegs­füh­rung, ist sie erst seit kur­zem so wich­tig gewor­den, daß sie den Unter­schied zwi­schen Sieg und Nie­der­la­ge aus­macht.« (18) Das ist nun aller­dings kei­ne neue Erkennt­nis, son­dern letzt­lich der Grund dafür, war­um die Ame­ri­ka­ner im Ers­ten Welt­krieg begon­nen haben, die Kriegs­pro­pa­gan­da zu professionalisieren.

Auch damals ging es dar­um, die Mani­pu­la­ti­on unter­halb des Bewußt­seins anzu­sie­deln, wozu der bereits erwähn­te Ber­nays, eine Nef­fe Sieg­mund Freuds, die Pio­nier­ar­beit leis­te­te. Seit­her haben sich die Erkennt­nis­se der Sozi­al­psy­cho­lo­gie der­art ver­mehrt, daß die Mani­pu­la­ti­ons­tech­ni­ken aus­ge­feilt und vor allem wis­sen­schaft­lich unter­mau­ert wer­den konn­ten. (19) Daß man dem Kind in den letz­ten Jah­ren einen neu­en Namen, »Cogni­ti­ve War­fa­re«, gege­ben hat, soll­te nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß wir es mit dem­sel­ben Phä­no­men zu tun haben, das in per­fek­tio­nier­ter Wei­se »alle Ele­men­te des Infor­ma­ti­ons­krie­ges« mit­ein­an­der kom­bi­niert, vor allem die psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung mit den Cyber­ope­ra­tio­nen, die gegen frem­de Infor­ma­ti­ons­quel­len gerich­tet sind. Wir kön­nen sicher sein, daß die Rus­sen hier eben­falls tätig sind. (20)

Die Lust an der Auf­de­ckung der west­li­chen Mani­pu­la­ti­ons­stra­te­gien rührt von dem ver­meint­li­chen Wider­spruch her, der zwi­schen der libe­ral­de­mo­kra­ti­schen Beto­nung von mün­di­ger Frei­heit und der umfas­sen­den Kriegs­pro­pa­gan­da klafft, die der Wes­ten gleich­zei­tig betreibt. Daß die­se Lücke nicht ein­fach mehr mit dem Argu­ment, die Frei­heit kön­ne nur durch Kampf gegen frei­heits­feind­li­che Auf­fas­sun­gen ihre Exis­tenz sichern, geschlos­sen wer­den kann, liegt an den Erfah­run­gen der Corona-Zeit.

Hier haben vie­le Deut­sche die Feind­er­klä­rung und damit den Krieg der Regie­rung gegen das eige­ne Volk erlebt und wur­den dadurch ein Stück weit immu­ni­siert. Gleich­zei­tig konn­ten sie sich von der Wirk­sam­keit der Pro­pa­gan­da über­zeu­gen, die bei der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ihr Ziel erreich­te: Kon­for­mi­tät, bezeugt durch die Orthop­ra­xie der Imp­fung und den Aus­schluß des Fein­des aus der mensch­li­chen Gemeinschaft.

Im per­ma­nen­ten Psy­cho­krieg kön­nen nur Wald­gän­ger der Hoff­nung Nah­rung geben, die Pro­pa­gan­da zu unterlaufen.

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(1) – Vgl. Björnst­jern Baa­de: »Das Ver­bot der Kriegs­propaganda im Recht der Euro­päi­schen Uni­on«, in: Euro­pa­recht 55 (2020), S. 653 – 683.

(2) – Vgl. Björnst­jern Baa­de: »Infor­ma­ti­ons­krieg­füh­rung und Fake News«, in: Sebas­ti­an Graf von Kielmans­egg, Hei­ke Krie­ger, Ste­fan Sohm (Hrsg.): Die Wieder­kehr der Lan­des- und Bünd­nis­ver­tei­di­gung. Neue Rechts­fra­gen eines alten ­Sze­na­ri­os, Baden-Baden 2020, S. 161 – 189.

(3) – Flo­ri­an War­weg: »Doku­­men­ten-Leak. Wie die ­Bun­des­re­gie­rung an einer ›Nar­ra­tiv-Gleich­schal­tung‹ zum Ukrai­ne-Krieg arbei­tet« (zwei Tei­le), nachdenkseiten.de vom 29. Sep­tem­ber und 4. Okto­ber 2022.

(4) – Ger­hard Zazwor­ka: Psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung. Eine Dar­le­gung ihrer Orga­ni­sa­ti­on, ihrer Mit­tel und Metho­den, Ber­lin ²1962, S. 16.

(5) – Vgl. etwa Jonas Tögel: Kogni­ti­ve Kriegs­füh­rung. Neu­es­te Mani­pu­la­ti­ons­tech­ni­ken als Waf­fen­gat­tung der NATO, Frank­furt a. M. 2023, S. 10.

(6) – Vgl. Karl­heinz Weiß­mann: 1914 – die Erfin­dung des häß­li­chen Deut­schen, Ber­lin 2014.

(7) – Vgl. neben Ber­nays Klas­si­ker Pro­pa­gan­da. Die Kunst der Public Rela­ti­ons (1928, dt. 2007) und sei­nen Lebens­er­in­ne­run­gen Bio­gra­phie einer Idee. Die hohe Schu­le der PR (1967) vor allem Erwin Weis: Die Pro­pa­gan­da der Ver­ei­nig­ten Staa­ten gegen Deutsch­land im ers­ten Welt­krieg, Essen 1943, sowie Andre­as Elter: Die Kriegs­ver­käu­fer. Geschich­te der US-Pro­pa­gan­da 1917 – 2005, Frank­furt a. M. 2005.

(8) – Vgl. Arthur Pon­son­by: Lügen in Kriegs­zei­ten. Eine Samm­lung von Lügen, die wäh­rend des Welt­krie­ges bei allen Völ­kern im Umlauf waren, Ber­lin 1930.

(9) – Vgl. Anne Morel­li: Die Prin­zi­pi­en der Kriegs­pro­pa­gan­da, Sprin­ge 2004.

(10) – Vgl. Chris­ti­an Har­ding­haus: Kriegs­pro­pa­gan­da und Medi­en­ma­ni­pu­la­ti­on. Was Sie wis­sen soll­ten, um sich nicht täu­schen zu las­sen, Mün­chen 2023, S. 91 – 98.

(11) – Vgl. Timo­fej Ser­ge­j­zew: »Was Ruß­land mit der Ukrai­ne tun soll­te«, in: Blät­ter für deut­sche und inter­na­tio­na­le Poli­tik, Mai 2022, S. 63 – 69 (auch online abruf­bar). Vgl. dazu: Ilja Ven­jav­kin: »Der De-Ukrai­ni­sa­tor. Timo­fej Ser­ge­j­zew: ›Metho­do­lo­ge‹, Polit­tech­no­lo­ge, Kriegs­propagandist«, in: Ost­europa 72 (2022), Heft 4 – 5, S. 59 – 77.

(12) – Jac­ques Ellul: Pro­pa­gan­da. Wie die öffent­li­che Mei­nung ent­steht und geformt wird (1962), Frank­furt a. M. 2021, S. 45.

(13) – Ebd., S. 49.

(14) – Vgl. Ser­ge Mosco­vici: Das Zeit­al­ter der Mas­sen. Eine his­to­ri­sche Abhand­lung über die Mas­sen­psy­cho­lo­gie, Mün­chen 1984.

(15) – So defi­niert das deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um den Begriff »hybri­de Bedro­hun­gen« (bmvg.de).

(16) – Dazu instruk­tiv und aus­führ­lich: Lothar Riedl: »Social Media und Kriegs­pro­pa­gan­da am Bei­spiel des Ukrai­ne­krie­ges«, in: Öster­rei­chi­sche Mili­tär­zeit­schrift 3/2023, S. 283 – 300.

(17) – Vgl. Erich Luden­dorff: Der tota­le Krieg, Mün­chen 1935.

(18) – Zit. n. Tögel: Kogni­ti­ve Kriegs­füh­rung, S. 18.

(19) – Vgl. ebd., S. 65 – 106.

(20) – Inner­halb der Bun­des­wehr ist dafür das seit April 2023 neu auf­ge­stell­te Kom­man­do Auf­klä­rung und Wir­kung zustän­dig, ein Nach­fol­ger der auf­ge­lös­ten Trup­pe für Psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung (spä­ter Ope­ra­ti­ve Infor­ma­ti­on), ­erwei­tert um den Bereich Cyberoperationen.

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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