TikTok-Patriotismus. Versuch über rote Linien

PDF der Druckfassung aus Sezession 116/ Oktober 2023

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Köni­gin Marie Antoi­net­te sei eine mann­stol­le Nym­pho­ma­nin, Inzucht und Homo­se­xua­li­tät stün­den bei ihr auf der Tages­ord­nung, und »die Geschlechts­tei­le ihrer Lieb­ha­ber rei­chen anein­an­der­ge­reiht von Paris bis Versailles«.

Die­se und ande­re Lügen wur­den am Vor­abend der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on in soge­nann­ten Libel­les ver­brei­tet. Die­se klei­nen Flug­schrif­ten waren das Werk­zeug einer gigan­ti­schen und wir­kungs­vol­len Ver­leum­dungs­kam­pa­gne. Auch in Deutsch­land und Öster­reich ging die Auf­klä­rung Hand in Hand mit der mas­sen­haf­ten Ver­brei­tung anti­roya­lis­ti­scher und anti­kle­ri­ka­ler Por­no­gra­phie. Die alte Ord­nung war macht­los gegen die schie­re Mas­se an ein­ge­schleus­ten Flug­schrif­ten, die im Aus­land gedruckt wur­den. Die Mon­ar­chie fiel einer »tech­ni­schen Dis­rup­ti­on« zum Opfer.

Tech­ni­scher Fort­schritt bewirk­te stets eine Beschleu­ni­gung, Inten­si­vie­rung und oft eine Dezen­tra­li­sie­rung der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das wirk­te sich auf die Sta­bi­li­tät von Metaer­zäh­lun­gen und staat­li­chen Auto­ri­tä­ten aus. Poli­ti­sche Sys­te­me konn­ten jäh in sich zusam­men­bre­chen. Ohne Buch­druck kein Luther, ohne moder­ne Dru­cker­pres­sen kei­ne libe­ra­len Revo­lu­tio­nen und ohne Smart­phones kei­ne Farbrevolution.

Wie so oft haben revo­lu­tio­nä­re Kräf­te hier die Nase vor­ne. Die »Ley­en­da negra« etwa, die »schwar­ze Legen­de«, färbt bis heu­te den Blick auf Spa­ni­en: Sie wur­de im 16. Jahr­hun­dert von pro­tes­tan­ti­schen Län­dern unter der Füh­rung Eng­lands ver­brei­tet und beton­te Grau­sam­keit, Irra­tio­na­li­tät, Mys­tik und Rück­stän­dig­keit des in die Welt aus­grei­fen­den Spa­ni­en, das auf die­se Wei­se als Kon­kur­rent beschä­digt wer­den soll­te. Die Dämo­ni­sie­run­gen Deutsch­lands im 20. und Ruß­lands im 21. Jahr­hun­dert demons­trie­ren die Anfäl­lig­keit kon­ser­va­tiv-kon­ti­nen­ta­ler Mäch­te für die Ver­leum­dungs­kam­pa­gnen der fle­xi­blen, trans­at­lan­ti­schen »Welt­öf­fent­lich­keit«.

Gegen­über die­ser Geschmei­dig­keit wir­ken die kon­ser­va­ti­ven Ver­su­che, sich moder­ne Pro­pa­gan­da- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken anzu­eig­nen, meist tap­sig. Aber es gibt auch gelun­ge­ne Bei­spie­le. Nur steht vor alle­dem die Fra­ge im Raum: Wie tief darf man als Rech­ter dabei sin­ken? Wie weit kann man mit der Moder­ne mit­ge­hen, ohne den eige­nen Stand­punkt aufzugeben?

Wo der Kon­ser­va­tis­mus sich pro­gres­si­ven Angrif­fen stell­te, trat er lan­ge »reak­tio­när« und legi­ti­mis­tisch auf. Manch­mal eig­ne­te er sich Metho­den des Geg­ners an, um ihn mit den eige­nen Waf­fen zu schla­gen. Pro­pa­gan­dis­ten sol­cher Kämp­fe waren und sind dabei dem eige­nen Lager nicht geheu­er. Erst Anfang des 20. Jahr­hun­derts rang sich der Kon­ser­va­tis­mus zu einer »Ver­zweif­lungs­tat« durch, wie es Mar­tin Greif­fen­ha­gen nann­te: Ange­sichts der umfas­sen­den »Ent­zau­be­rung der Welt« wur­de er ­»revo­lu­tio­när«.

Der »reak­tio­nä­re Moder­nis­mus« war gebo­ren. In ihm ver­ei­nen sich archai­scher Mythos und moderns­te tech­no­lo­gi­sche Mit­tel. (So führt es der His­to­ri­ker Jef­frey Herf aus, der den Begriff präg­te.) Sei­ne his­to­risch erfolg­reichs­ten Ver­tre­ter, der deut­sche NS und der ita­lie­ni­sche Faschis­mus, setz­ten die Mit­tel moder­ner Pro­pa­gan­da mit atem­be­rau­ben­der Effi­zi­enz ein. Ob Mas­sen­auf­mär­sche, Pla­kat­wel­len, Nut­zung des Rund­funks, Wahl­kampf­kam­pa­gnen mit Flug­zeug­ein­satz – die Natio­nal­so­zia­lis­ten waren äußerst erfolg­rei­che »ear­ly adopter«.

Was sie der­art effi­zi­ent pro­pa­gier­ten, war jedoch eine im Kern anti­mo­der­ne Idee. Der »Ras­se­ge­dan­ke«, die unbe­ding­te Bin­dung an Volk und mythi­sche Über­lie­fe­rung und das völ­kisch-roman­ti­sche Ide­al von Blut und Boden rich­te­ten sich offen gegen die west­lich-libe­ra­le Auf­klä­rung. Damit stand man auch in einer Grund­span­nung zu ihrer Toch­ter, der empi­ri­schen Wis­sen­schaft. Eine insta­bi­le »archäo­futurisische« Fusi­on von Tech­nik und Ideo­lo­gie, Ästhe­tik und Funk­tio­na­li­tät entstand.

Fast hun­dert Jah­re spä­ter haben Tech­nik und Kom­mu­ni­ka­ti­on einen wei­te­ren gro­ßen Satz nach vor­ne gemacht. Die Pro­pa­gan­da ist um so wirk­sa­mer gewor­den, je unsicht­ba­rer und unschein­ba­rer sie wirkt. Sie ist omni­präsent und zugleich sub­ti­ler als je zuvor. Erneut schi­cken sich kon­ser­va­ti­ve Kräf­te an, den tech­ni­schen »Tiger« zu rei­ten, denn eine mar­gi­na­li­sier­te Oppo­si­ti­on ist zur stän­di­gen Inno­va­ti­on gezwun­gen. Unter har­ten Bedin­gun­gen muß sie agi­ler, krea­ti­ver und intel­li­gen­ter sein als die trä­ge Herrschaft.

Ob Tele­gram oder Bit­co­in, Memes oder Schwarm­tak­tik – rech­te Kräf­te sind in der IT-Avant­gar­de über­re­prä­sen­tiert. Doch erneut sehen wir die Span­nung zwi­schen rech­ten Inhal­ten und dem tech­no­lo­gi­schen Medi­um. Und es wird eine rote Linie sicht­bar, nach deren Über­schrei­ten es kei­ne Koexis­tenz und kei­nen natio­na­len »reak­tio­nä­ren Moder­nis­mus« mehr geben kann.

Denn rech­tes Den­ken muß not­wen­dig tech­nik­kri­tisch sein. Die Begrün­dung: Ein radi­kal empi­ri­sches Welt­bild setzt eine ratio­na­lis­ti­sche Welt­sicht vor­aus. Tech­nik und Wis­sen­schaft sind untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den. Zer­glie­de­rung, Zugriff, Bere­chen­bar­keit und Beherrsch­bar­keit gehen Hand in Hand. Die Tech­nik hat einen inne­woh­nen­den uni­ver­sa­lis­ti­schen, »huma­nis­tisch-demo­kra­ti­schen« Zug. Der Mythos, der jedem »reak­tio­nä­ren Moder­nis­mus« inne­wohnt, sei er natio­nal oder reli­gi­ös, muß an die­sem ratio­na­len Zugriff zugrun­de gehen. Er will geglaubt und nicht erforscht und ent­zau­bert wer­den. Der Mythos muß also vom tech­ni­schen Prin­zip abge­schirmt wer­den wie die mensch­li­che Gesell­schaft von der Atomkraft.

Die Jesui­ten rich­te­ten ihre Kri­tik gegen Glau­bens­geg­ner, nicht aber gegen die eige­ne Tra­di­ti­on. NS, Faschis­mus und japa­ni­scher Impe­ria­lis­mus schmie­de­ten die moder­nen Macht­mit­tel wie eine Rüs­tung um den Ten­no, das ewi­ge Rom und den »Mythos des 20. Jahr­hun­derts«. (Unnö­tig, dar­auf hin­zu­wei­sen, daß es bei der Ana­ly­se des Grund­prin­zips reak­tio­nä­rer Moder­ni­tät nicht um die Fra­ge geht, ob der­je­ni­ge, der sie anwand­te, letzt­lich ver­bre­che­risch handelte.)

Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts befand sich die Tech­nik noch im Lar­ven­sta­di­um. Die Bere­chen­bar­keit und die Beherrsch­bar­keit beschränk­ten sich weit­ge­hend auf die gro­be Außen­welt. Bom­ben, Rake­ten, Radio­wel­len, Pan­zer, Licht­fil­me, Luft­schif­fe, Auto­bah­nen und Kraft­wer­ke präg­ten die Tech­no­sphä­re. In die­sem Zeit­fens­ter war eine Fusi­on zwi­schen anti­mo­der­nem Mythos und moder­ner Tech­nik mach­bar. Die­se Ära des »Rake­ten­na­tio­na­lis­mus« ist jedoch vorbei.

Die Bio­tech­no­lo­gie läu­te­te die Ära des »Trans­hu­ma­nis­mus« ein. Das vor­her unver­füg­ba­re mensch­li­che Erb­gut wird zum Gegen­stand tech­ni­scher Mani­pu­la­ti­on und sozia­ler Pla­nung. Der­sel­be Kon­kur­renz­druck, der auch die letz­te Dorf­dis­ko zwingt, sich eine Insta­gram-Sei­te zuzu­le­gen, wird auch zur Trieb­fe­der des Trans­hu­ma­nis­mus. Die Staa­ten, in denen eine »Opti­mie­rung« mensch­li­cher Gene­tik gebremst oder ver­bo­ten wird, erlei­den Wett­be­werbs­nach­tei­le. In der har­ten Welt der Geo­po­li­tik bedeu­tet das lang­fris­tig den Ver­lust von stra­te­gi­scher Auto­no­mie, der zum Aus­schei­den aus der Geschich­te führt.

Was bedeu­tet es für einen natio­na­len Mythos, wenn sich sein Trä­ger­volk »bio­lo­gisch auf­rüs­tet«? Es erschließt sich sofort, daß das Volk (als ein­zig­ar­ti­ges, leben­di­ges, geschicht­li­ches Phä­no­men) in einem trans­hu­ma­nis­ti­schen Wett­rüs­ten auf der Stre­cke bliebe.

Man stel­le sich eine Reli­gi­on vor, die als Reak­ti­on auf den Zeit­geist ihre Glau­bens­leh­re stän­dig anpaßt und popu­lä­re Kon­zep­te in ihre Dog­men inte­griert. Tat­säch­lich zei­gen katho­li­sche und evan­ge­li­sche Amts­kir­chen, wie die­se Anpas­sung den eige­nen mythi­schen Kern zer­stört. Rod Dre­her ruft nicht umsonst in sei­nem Best­sel­ler Die Bene­dikt-Opti­on zur Abschot­tung und Bewah­rung die­ses Kerns auf. Einem gene­tisch »geboos­ter­ten« »Tech­no­volk« gin­ge es ähn­lich. Der trans­hu­ma­nis­ti­sche Über­mensch hat kein »Vater­land«. Das ursprüng­li­che Volk wür­de im Bio­wett­rüs­ten zum gene­ti­schen Ersatz­teil­la­ger. Im Wett­streit mit ande­ren, sich selbst opti­mie­ren­den »Tech­no­völ­kern« fän­de jene glo­ba­le Anglei­chung statt, die sich bereits jetzt in der Tech­nik zeigt. Der tech­ni­sche Pan­zer, den der »Raketen­nationalismus« um das Volk leg­te, wird in der Ära des Trans­hu­ma­nis­mus zur »eiser­nen Jungfrau«.

Damit ist die rote Linie für einen natio­na­len »reak­tio­nä­ren Moder­nis­mus« mar­kiert. Doch bereits jetzt ent­fal­tet die moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik eine »trans­hu­ma­nis­ti­sche« Wir­kung. Beschwich­ti­gen­de Stim­men, die Tech­nik als neu­tra­les Werk­zeug ver­harm­lo­sen, ver­stum­men all­mäh­lich. Gera­de die Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie zeigt deut­lich, wie stark uns das »Werk­zeug« selbst bear­bei­tet und zurichtet.

Der Theo­lo­ge Johan­nes Hoff beschreibt in sei­nem Buch Die Ver­tei­di­gung des Hei­li­gen die Wech­sel­wir­kung zwi­schen Mensch und tech­ni­schen Arte­fak­ten. Werk­zeu­ge wer­den rasch zu »Pro­the­sen«. Wir ver­ges­sen ihre Exis­tenz und ver­schmel­zen mit ihnen. Das macht uns blind für ihre Wir­kung auf unse­re Lebens­welt. Am Ende ver­wan­deln sie so unse­re Gesell­schaft und unser Selbst­bild. Es gibt kein auto­no­mes, zeit­lo­ses Sub­jekt, das vom tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt unbe­rührt blie­be. Indem die Tech­nik Mensch und Lebens­welt trans­for­miert, wird sie zur selbst­er­fül­len­den Pro­phe­zei­ung. Sie schafft eine ein­heit­li­che, sys­te­ma­ti­sche, maschi­nel­le Ein­öde, die von einem »Erden­floh« (Nietz­sche) bewohnt wird. Die Bio­sphä­re wird zur Technosphäre.

Lud­wig Kla­ges beschrieb das in sei­ner Rede Mensch und Erde. Eine tech­nisch zuge­rich­te­te Land­schaft strahlt eine radi­kal neue Grund­stim­mung aus, die das moder­ne Welt­bild wort­wört­lich »ein­be­to­niert«.

Die Rück­stoß­wir­kung der tech­ni­schen Werk­zeu­ge auf den Men­schen wird in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie beson­ders deut­lich. Das Inter­net und das Smart­phone als wich­tigs­te Arte­fak­te des frü­hen 21. Jahr­hun­derts sind zum kom­mu­ni­ka­ti­ven Äther für Bil­dung, Unter­hal­tung, Poli­tik, Kon­sum und Part­ner­su­che gewor­den. Die immer kür­zer wer­den­den Vide­os (»reels« und »shorts), der Krieg der Text­schnip­sel auf Twit­ter und das Online­da­ting auf Tin­der sind kei­ne blo­ßen Stei­ge­rungs­for­men des Thea­ters, des Tele­gramms und des Lie­bes­briefs. Sie mar­kie­ren einen »trans­hu­ma­nis­ti­schen« Wan­del, der uns der roten Linie annähert.

Ein kur­zer Blick auf die Fol­gen zeigt: die Auf­merk­sam­keits­span­nen sin­ken. Eine Stu­die der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin, des Max-Planck-Insti­tuts und der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Däne­marks ana­ly­sier­te Twit­ter-­Da­ten aus den Jah­ren 2013 bis 2016, Bücher aus den letz­ten 100 Jah­ren auf Goog­le Books, Kino­kar­ten­ver­käu­fe der letz­ten 40 Jah­re und Zita­te wis­sen­schaft­li­cher Ver­öf­fent­li­chun­gen aus den letz­ten 25 Jah­ren sowie Daten von Goog­le Trends (2010 – 2018), Red­dit (2010 – 2015) und Wiki­pe­dia (2012 – 2017).

Das Ergeb­nis war ein­deu­tig: Unse­re Auf­merk­sam­keits­span­ne sinkt rapi­de. Nach­weis­lich behal­ten wir Inhal­te, die wir im Netz lesen, schlech­ter. Auch die Erin­ne­rungs­fä­hig­keit schwin­det. Das wird durch den omni­prä­sen­ten Zugriff auf digi­ta­le Infor­ma­ti­ons­ar­chi­ve aus­ge­gli­chen. Wozu noch ein Gedicht aus­wen­dig ler­nen? Der digi­ta­le Assis­tent wird zur unver­zicht­ba­ren Krü­cke für den geis­tig inkon­ti­nen­ten »User«.

Das Medi­um trans­for­miert also die »Mes­sa­ge«. Da sich in den ers­ten drei Sekun­den ent­schei­det, ob Lied oder Video »weg­ge­klickt« wer­den, muß die Auf­merk­sam­keit sofort gebun­den wer­den. Seit Jah­ren set­zen Refrain und »Hook« mit Wie­der­erken­nungs­wert in Lie­dern immer frü­her ein. Auch die nar­ra­ti­ve Struk­tur ändert sich. Auf­grund der dro­hen­den »Weg­klick­ra­te« kann es in vie­len For­ma­ten kei­nen klas­si­schen Span­nungs­auf­bau mehr geben.

»Sol­che Wer­be­spots mögen vor Jahr­zehn­ten im Fern­se­hen funk­tio­niert haben, aber die heu­ti­gen Online-Zuschau­er müs­sen schon in den ers­ten Sekun­den gefes­selt wer­den«, so Tha­les Teixei­ra, Mar­ke­ting­gu­ru und Pro­fes­sor an der Har­vard Busi­ness School. Es regie­ren der »nar­ra­ti­ven Loop« und die »erzäh­le­ri­sche Ach­ter­bahn«. Alle vier Sekun­den ist ein Schock­mo­ment not­wen­dig, eine emo­tio­na­ler, visu­el­ler, akus­ti­scher »Trig­ger«, der die auf­kei­men­de Lan­ge­wei­le zurück­drängt und das »Weg­kli­cken« verhindert.

Natur­ta­len­te wie Andrew Tate meis­tern die­se neue Form des »Story­telling« mit Tech­ni­ken der Hyp­no­se: Eine abrup­te Hebung der Ton­la­ge, wil­des Fuch­teln mit den Hän­den, Auf­rei­ßen der Augen, synko­pi­sche Sound­ef­fek­te und Schnip­sen mit den Fin­gern erzeu­gen eine kon­stan­te Reiz­über­flu­tung, die das logi­sche Den­ken aus­schal­tet. Algo­rith­men ana­ly­sie­ren Mil­lio­nen Nut­zer und erstel­len ver­äs­tel­te Pro­fi­le. Geschmei­dig paßt sich die digi­ta­le Welt unse­rem Surf- und Kon­sum­ver­hal­ten an. Sanft voll­endet die Auf­merk­sam­keits­in­dus­trie so die Ent­mün­di­gung ihrer Konsumenten.

Beson­ders ver­hee­rend wirkt sich die Digi­ta­li­sie­rung der Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Sexua­li­tät aus. Bereits jetzt beginnt ein Drit­tel aller Bezie­hun­gen im Inter­net. Der glo­ba­le, digi­ta­le Dating­markt schuf das Phä­no­men der »Incels«. 78 Pro­zent der Frau­en auf Tin­der ver­ge­ben ihre »Matches« an eine Eli­te von 20 Pro­zent der Män­ner. »Freie Lie­be« in Ver­bin­dung mit weib­li­cher Hyper­ga­mie und Online­da­ting führ­te dazu, daß ein klei­ner Teil an Män­nern extrem vie­le und ein gro­ßer Teil so gut wie gar kei­ne sexu­el­len Bezie­hun­gen mehr hat.

Für die digi­tal Aus­ge­boo­te­ten bleibt oft nur die schau­er­li­che Zwil­lings­schwes­ter der Inter­net­sucht: die digi­ta­le Por­no­gra­phie. Ein­sam­keit ist ein wach­sen­der Markt für eine explo­die­ren­de Bran­che. Die Platt­form »Only­fans« nor­ma­li­sier­te in den letz­ten Jah­ren die digi­ta­le Pro­sti­tu­ti­on bis in die Mit­te der Gesell­schaft. Die nächs­te Revo­lu­ti­on durch KI-gesteu­er­te »digi­ta­le Freun­din­nen« steht uns erst bevor. Das »Apple Visi­on Pro«, eine revo­lu­tio­nä­re »Vir­tu­al Reality«-Brille, könn­te das kom­men­de gro­ße Arte­fakt nach dem Smart­phone werden.

Die Flucht in die digi­ta­le Welt ist der nächs­te logi­sche Schritt für Mil­lio­nen, deren Leben sich bereits jetzt größ­ten­teils im digi­ta­len Raum abspielt. Die Evo­lu­ti­on der »Schnitt­stel­le« vom Smart­phone über die Vir­tua­li­täts­bril­le bis zum Chip im Hand­ge­lenk ist vor­ge­zeich­net. All das besagt: Der Trans­hu­ma­nis­mus ist kei­ne Visi­on der Zukunft, son­dern fin­det hier und jetzt statt – nicht als bio­lo­gi­sche Auf­rüs­tung, son­dern als vir­tu­el­le Immersi­on des Menschen.

Für Jahr­gän­ge, die noch ohne Inter­net und Smart­phones auf­wuch­sen, ist kaum vor­stell­bar, wie stark jün­ge­re Gene­ra­tio­nen von der Tech­no­sphä­re geprägt wer­den. 78 Pro­zent der Jugend­li­chen über­prü­fen ihre Smart­phones min­des­tens stünd­lich. 80 Pro­zent gehen mit ihrem Gerät ins Bett und über­prü­fen es vor dem Ein­schla­fen. 40 Pro­zent grei­fen fünf Minu­ten nach dem Auf­wa­chen nach ihrer Schnitt­stel­le zum welt­wei­ten Netz.

Bereits eine gan­ze Gene­ra­ti­on wuchs also im »Stahl­get­wit­ter« auf. Die Grund­stim­mung der Lan­ge­wei­le und des Zynis­mus prägt den durch­schnitt­li­chen »Zoo­mer«. Die Gleich­gül­tig­keit und der kal­te, emo­ti­ons­lo­se Blick sind dabei eine Form der Not­wehr. Anders sind die stän­di­ge Emo­tio­na­li­sie­rung und das tau­send­fa­che Buh­len um Auf­merk­sam­keit nicht zu ertra­gen. Ver­lo­ren gehen dabei die »Offen­heit für das Geheim­nis« (Heid­eg­ger), die Fähig­keit zur Andacht und damit die Bereit­schaft zum Mythos.

Den­noch sind Rech­te auf allen sozia­len Medi­en ver­tre­ten. War­um tun wir uns das an? Die Ant­wort ist ein­fach: Wer nicht mit­zieht, nicht stän­dig erreich­bar und goo­g­le­bar, nicht auf allen Platt­for­men prä­sent ist, der geht unter. Und mehr: Zen­sur und Deplat­forming nöti­gen uns sogar zu einem beson­ders frü­hen und fin­di­gen Aus­nut­zen aller neu­en Mit­tel. Ein neu­rech­ter Ansatz des »reak­tio­nä­ren Moder­nis­mus« bahnt sich an. Die poli­ti­sche Nut­zung von »Tik­Tok«, KI-Bil­dern und »Apple Visi­on Pro« wird sich nicht ver­mei­den lassen.

Mei­ne para­do­xe The­se lau­tet: Je wei­ter wir uns der »roten Linie« nähern, des­to inten­si­ver müs­sen wir die Tech­nik nut­zen. Denn wenn tech­nik­kri­ti­sche Akteu­re die digi­ta­len Werk­zeu­ge schlech­ter gebrau­chen als blin­de Befür­wor­ter des Fort­schritts, ver­lie­ren sie jede Ein­fluß­mög­lich­keit. Um die Tech­nik ein­zu­he­gen, muß man sie stets erst meis­tern. Wer den »Fort­schritt ins Grau­en« (Alain de Benoist) auf­hal­ten will, muß erst die Spit­ze des Tros­ses errei­chen, um ihn zum Still­stand zu brin­gen. Ist das über­haupt möglich?

Wenn jemand den bewußt­lo­sen Fort­schritt auf­hal­ten könn­te, dann wäre es nur das rech­te Lager. Es ist die ein­zi­ge ver­blie­be­ne Kraft im Her­zen des moder­nen Wes­tens, die über ein lan­ges ideen­ge­schicht­li­ches Gedächt­nis ver­fügt und nicht vom Virus sei­ner Zivil­re­li­gi­on infi­ziert ist. Nur jene, die an den Rand der Gesell­schaft gedrängt sind, ver­fü­gen über die Fähig­keit, das »bun­te Trei­ben« kri­tisch zu analysieren.

Und nur Rech­te ver­fü­gen über ein Prin­zip, das als Alter­na­ti­ve zum ewi­gen Fort­schritt fun­gie­ren kann. Die Gegen­idee kann mei­ner Ansicht nach nur eine Form des »Kat­echon« sein. Die­ser »Auf­hal­ter« des Unter­gangs ist ein bibli­scher Begriff, der von Carl Schmitt popu­la­ri­siert wur­de und heu­te aktu­el­ler denn je ist. Wenn der Fort­schritt ab einem Punkt nicht mehr »gemeis­tert« wer­den kann, bleibt das Auf­hal­ten die ein­zi­ge Option.

Ein moder­ner Kat­echon müß­te den soge­nann­ten Fort­schritt been­den und sei­ne sozia­len, see­li­schen, kul­tu­rel­len, demo­gra­phi­schen Flur­schä­den nach Mög­lich­keit behe­ben. Dem Irr­weg der west­li­chen Moder­ne und ihrem »Amok­lauf« in die post­hu­ma­ne Zukunft wäre ein »ande­rer Anfang« ent­ge­gen­zu­set­zen. Das rech­te Gegen­ide­al ist die Ein­fü­gung des Men­schen und der Völ­ker in eine orga­ni­sche, holis­ti­sche Ordnung.

Das bedeu­tet kei­nen »Still­stand«, son­dern die Wie­der­auf­nah­me des wah­ren Fort­schritts in Rich­tung kul­tu­rel­ler, geis­ti­ger und sitt­li­cher Ver­voll­komm­nung. Sosehr es bereits dem Zynis­mus der nach­wach­sen­den Gene­ra­ti­on wider­strebt: Die Ver­tei­di­gung des Wah­ren, Schö­nen und Guten ist die Mis­si­on des rech­ten Lagers. Man mag sich nach edle­ren Waf­fen und einem ehr­li­che­ren Schlacht­feld seh­nen, doch das »Hal­ten der Schwer­ter« bleibt alter­na­tiv­los. Heu­te heißt das eben auch »drauf­hal­ten«, wenn ein Maxi­mi­li­an Krah sein neu­es­tes Tik­Tok-Video einspricht.

Genau das ist der Spiel­raum, der genutzt wer­den muß. Wir dür­fen uns also nicht ange­wi­dert aus den moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sphä­ren zurück­zie­hen, um sie dem Geg­ner zu über­las­sen. Noch müs­sen wir den Ekel ver­drän­gen, der jeden ech­ten Rech­ten erfaßt, wenn ihm bewußt wird, daß es heu­te sei­ne Auf­ga­be ist, über das Hei­li­ge Römi­sche Reich zu »twit­tern«, zu Höl­der­lin zu »blog­gen« und ein »Tik­Tok« zur Bom­bar­die­rung Dres­dens zu fabrizieren.

Ein sol­cher neu­rech­ter »reak­tio­nä­rer Moder­nis­mus« ist jedoch nur unter drei Bedin­gun­gen vertretbar:

 

  1. Es muß unter uns ein auf­klä­rungs- und tech­nik­kri­ti­scher Kon­sens herr­schen, der die Tech­no­sphä­re nicht als »neu­tra­les Werk­zeug« verharmlost.
  2. Ziel müs­sen ein »ande­rer Anfang« und ein »Kat­echon« sein, bei­des gerich­tet gegen den trans­hu­ma­nis­ti­schen Fort­schritt und die Dik­ta­tur der Technosphäre.
  3. Die »rote Linie« muß gezo­gen wer­den, der Moment des Kampfs ­gegen die Tech­ni­sie­rung muß fest­ge­legt sein.

 

Nur eine fun­dier­te Tech­nik­kri­tik, geschult an Heid­eg­ger, Anders, Kla­ges, Evo­la, Fried­rich Georg Jün­ger und ande­ren, befä­higt uns zur Hegung der Tech­nik, auch und vor allem im Bereich der digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on. Mit Heid­eg­ger müs­sen wir »gleich­zei­tig ja und nein sagen zu den tech­ni­schen Gegen­stän­den«. Das rech­te Lager ins­ge­samt muß erken­nen, wo in der not­wen­di­gen Jagd nach Auf­merk­sam­keit die Gren­ze des Anstands, des Geschmacks und des Stils liegt und wir bereits jetzt vor einer »roten Linie« ste­hen. Das Medi­um ist nie­mals neutral.

Mit sozia­len Medi­en und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie muß also noch vor­sich­ti­ger und kri­ti­scher umge­gan­gen wer­den als mit der Atom­kraft. Auch die­se wur­de kurz nach ihrer Ent­de­ckung völ­lig beden­ken­los benutzt. Man phan­ta­sier­te über »atom­be­trie­be­ne Pkws«. Das böse Erwa­chen, damals nach Ent­de­ckung gestie­ge­ner Krebs­ra­ten, steht uns im Bereich der sozia­len Medi­en noch bevor.

 

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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