Alltagsverstand und gesunder Menschenverstand

PDF der Druckfassung aus Sezession 116/ Oktober 2023

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Das rech­te außer­par­la­men­ta­ri­sche Lager wächst und gedeiht trotz repres­si­ver Tief­schlä­ge. Es wirkt vie­ler­orts auf eine sich wan­deln­de AfD ein, die in Ost wie West Rekord­um­fra­ge­er­geb­nis­se erzielt. Die Angst und die Wut der Geg­ner wer­den grö­ßer; bei ein­zel­nen Akteu­ren wächst indes­sen auch das Erkenntnisinteresse.

Ben­ja­min Laepp­le, ein FDP-naher »Influen­cer« des libe­ra­len Denk­fabrikprojektes Ope­ra­ti­on Heuss, twit­ter­te etwa am 9. August die­ses Jah­res: »wenn Libe­ra­le aller Cou­leur nicht end­lich begrei­fen, daß die Potenz der AfD aus ihrer immer stim­mi­ge­ren Welt­an­schau­ung her­rührt, dann wer­den die nächs­ten Jah­re wahr­schein­lich sehr schwie­rig. Die AfD ver­än­dert das Spiel­feld & den Com­ment grundsätzlich.«

Sie beginnt, jene Spiel­re­geln grund­sätz­lich zu ändern, die so ein­ge­rich­tet wor­den sind, daß man das Spiel als »Rech­ter« ohne­hin nicht gewin­nen kann. Die Ände­rung der Regeln erscheint als das A und O, nicht die pein­li­che Ein­hal­tung eben­die­ser. Ent­schei­det man sich für letz­te­res und feti­schi­siert die Regel­kon­for­mi­tät der eige­nen Akti­ons­wei­se, lan­det man rasch bei Alex Kur­ta­gićs eta­blier­ter Wen­dung von jenen »Kon­ser­va­ti­ven«, die »immer verlieren«.

Neben den Spiel­re­geln erwähnt Laepp­le ein zwei­tes Merk­mal der aktu­el­len Pha­se, wonach die neue Stär­ke der AfD »aus ihrer immer stim­mi­ge­ren Welt­an­schau­ung her­rührt«. Dies nimmt den nahe­lie­gen­den nächs­ten Schritt der AfD vor­weg: Über­win­dung eines reduk­tio­nis­ti­schen Popu­lis­mus als Eman­zi­pa­ti­on vom rei­nen Dage­gen­sein; Abwen­dung vom Pri­mat des Nega­ti­ven und Hin­wen­dung zu einer (in sich nicht dog­ma­tisch geschlos­se­nen) volks­ver­bun­de­nen Welt­an­schau­ung: zum Pri­mat des Positiven.

Der rela­ti­ven Posi­ti­vi­tät der Ent­wick­lun­gen unge­ach­tet, dür­fen Grund­ein­sich­ten nicht unter­schla­gen wer­den, die im soge­nann­ten Vor­feld – also in jenem außer­par­la­men­ta­ri­schen rech­ten Raum, der dem par­la­men­ta­ri­schen rech­ten Raum nicht feind­lich gegen­über­steht – seit Jahr­zehn­ten ver­han­delt wer­den. Dazu wird man jene Ein­sicht rech­nen müs­sen, wonach Wahl­er­fol­ge nicht die Ursa­che einer Poli­tik­wen­de sind, son­dern ihr Abschluß: Hege­mo­nie wird nicht durch Wahl­er­geb­nis­se her­ge­stellt, Wahl­er­geb­nis­se sind die Fol­ge von Hege­mo­nie. (1)

Éric Zemm­our, fran­zö­si­scher Best­sel­ler­au­tor und Kopf der iden­ti­tä­ren Par­tei Recon­quête, fal­tet es in sei­nem jüngs­ten Buch Je n’ai pas dit mon der­nier mot (2023) »gramscia­nisch« aus, das heißt, er sche­ma­ti­siert die Abfol­ge im Sin­ne der Hege­mo­nie­theo­rie des revo­lu­tio­nä­ren Den­kers Anto­nio Gramsci (2): Zunächst kom­men Ideen, die zir­ku­lie­ren, anschlie­ßend kommt die Akti­on als Hand­lung, um die­se Ideen zu ver­brei­ten, schließ­lich die Wahl­ent­schei­dung für eine Par­tei. Und selbst wenn es einer oppo­si­tio­nel­len Par­tei gelingt, »die Spit­ze eines oder meh­re­rer domi­nan­ter Appa­ra­te in ihrer for­ma­len Hier­ar­chie zu kon­trol­lie­ren, heißt das noch nicht, daß sie damit auch wirk­lich die Kno­ten­punk­te der rea­len Macht kon­trol­liert« (3), warn­te Gramscis kri­ti­scher Schü­ler Nicos Pou­lant­zas vor par­la­ments­po­li­ti­scher Naivität.

Pas­send zu die­ser Gramsci-Zemm­our-Schritt­fol­ge, ord­net nun der lin­ke Sozio­lo­ge Klaus Dör­re die gro­ße Akzep­tanz AfD-naher Stand­punk­te im all­täg­li­chen Ver­ständ­nis vie­ler Bür­ger im Osten der BRD als Vor­bo­te neu­er Wahl­er­fol­ge ein. (4) Es gebe dort »ein gesell­schaft­li­ches Umfeld«, »in dem man sich offen zu die­sen Ansich­ten beken­nen kann, im Bewußt­sein, den Com­mon Sen­se zu artikulieren«.

Dör­re berührt damit das, was man als Meta-Meta­po­li­tik begrei­fen könn­te und jeder Meta­po­li­tik vor­an­geht: die ele­men­ta­re Zur-Kennt­nis­nah­me der Exis­tenz eines ver­än­der­ba­ren »Com­mon Sen­se«. Mit Gramsci im Gepäck läßt sich sagen: Dör­re berührt das Sujet des »All­tags­ver­stan­des« der Men­schen. Gramsci trennt hier­bei die­sen Begriff »All­tags­ver­stand« (sen­so comu­ne), wo es »um das Ver­ständ­nis des All­tags« (5) geht, von einem »gesun­den Men­schen­ver­stand« (buon sen­so), wo man es mit dem ver­nunft­ori­en­tier­ten Kern im Bewußt­sein zu tun hat.

Der All­tags­ver­stand als »Denk­wei­se« (S. 94, Gefäng­nis­hef­te (6)) sei geprägt von »Gemein­plät­zen« (136) und »Glau­bens­sät­zen« (1093); er ver­ei­ne eine »chao­ti­sche Ansamm­lung dis­pa­ra­ter Auf­fas­sun­gen« (1396). Der All­tags­ver­stand, so wider­sprüch­lich er auf die­se Wei­se ist, wer­de dabei nicht aus sich her­aus her­ge­stellt, son­dern rei­fe im bewuß­ten wie unbe­wuß­ten »Dia­log« mit Intel­lek­tu­el­len, Den­kern, Büchern usw. heran.

Der lin­ke Autor Johan­nes Bel­ler­mann faßt Gramscis Bild zusam­men: »Wir müs­sen uns den All­tags­ver­stand als ein Set von Wahr­hei­ten vor­stel­len, die bei jedem Men­schen poten­ti­ell indi­vi­du­ell sind, aber nicht von den jewei­li­gen Men­schen erfun­den oder kon­stru­iert, son­dern pas­siv über­nom­men und erlernt wer­den. Auf Basis des All­tags­ver­stan­des ord­nen Men­schen ihre Erfah­run­gen, (be)urteilen (die­se) und voll­zie­hen täg­lich Hand­lun­gen für sich und ande­re.« (7) – Zum Bei­spiel wäh­len sie eine Par­tei oder wäh­len sie nicht (vgl. Zemmour-Dreischritt).

Die Orga­ni­sa­ti­on des All­tags­ver­stands erfolgt dabei oft über die Orga­ni­sa­ti­on der öffent­li­chen Mei­nung: »Was ›öffent­li­che Mei­nung‹ genannt wird«, defi­niert Gramsci, »ist aufs engs­te mit der poli­ti­schen Hege­mo­nie ver­knüpft, es ist näm­lich der Berüh­rungs­punkt zwi­schen der ›Zivil­ge­sell­schaft‹ und der ›poli­ti­schen Gesell­schaft‹, zwi­schen dem Kon­sens und der Gewalt.« (916)

Wer abweicht von der öffent­li­chen Mei­nung, die den All­tags­ver­stand prägt, neigt zum Rück­zug. Denn er fühlt sich per­spek­tiv- und macht­los im »Kampf ums Mono­pol der Orga­ne der öffent­li­chen Mei­nung«. Ten­den­zi­ell wird eine Mei­nung hege­mo­ni­al. Durch sie wird der »poli­ti­sche Wil­len model­liert«, schlim­mer noch: Durch sie wer­den die »Nicht­über­ein­stim­men­den zu einer indi­vi­du­el­len und unor­ga­ni­schen Wol­ke zer­stäubt«, so Gramsci. (917)

Es folgt grosso modo das, was man in unse­ren Gefil­den »Schwei­ge­spi­ra­le« nennt oder salop­per: das Gegen­teil von Bekennt­nis­lust. Das schwächt die Mei­nung poli­ti­scher Außen­sei­ter und fes­tigt die (kul­tu­rell-poli­ti­sche) Hege­mo­nie derer, die den All­tags­ver­stand zu prä­gen imstan­de sind. Fol­ge­rich­tig deu­tet der Päd­ago­ge Uwe Hirsch­feld den Stel­len­wert des gramscia­ni­schen All­tags­ver­stan­des als Hege­mo­nie­be­rei­ter: »Über den All­tags­ver­stand wird Hege­mo­nie her­ge­stellt bzw. in Fra­ge gestellt. Die Per­spek­ti­ve des Begriffs ist daher eine poli­ti­sche Per­spek­ti­ve, sie zielt auf die gesell­schaft­li­che Pra­xis der ein­ver­stän­di­gen Unter­ord­nung oder der Widerständigkeiten.«(8)

Doch Wider­stand leis­tet nur der, in des­sen All­tags­ver­stand sich kei­ne Alter­na­tiv­lo­sig­keit der Din­ge ein­schrei­ben ließ – eine pes­si­mis­ti­sche Bestands­auf­nah­me, aber kei­ne deter­mi­nis­ti­sche. Der All­tags­ver­stand als umkämpf­tes Ter­rain der Men­schen läßt sich ändern, ist nicht auf ewig fest­ge­schrie­ben; man müs­se »unter­schei­den zwi­schen dem, was per­ma­nent ist, und dem, was gele­gen­heits­be­dingt ist« (493). Geschich­te bleibt offen: »Der All­tags­ver­stand ist nichts Erstarr­tes oder Unbe­weg­li­ches, son­dern ver­än­dert sich fort­wäh­rend, indem er sich mit in das All­tags­le­ben über­ge­gan­ge­nen wis­sen­schaft­li­chen Begrif­fen und phi­lo­so­phi­schen Mei­nun­gen anrei­chert.« (136 f., 2179 f.)

Begrif­fe wer­den etwa aus der Wis­sen­schaft her­un­ter­ge­bro­chen und fin­den, ver­mit­telt durch die Medi­en­welt, Ein­gang in den All­tags­ver­stand. Neben der Qua­li­täts­pres­se, Radio, Film und Thea­ter usw. nennt Gramsci hier­bei die »Skan­dal­pres­se« (929) als Vehi­kel zur Beein­flus­sung des All­tags­ver­stan­des im beson­de­ren und der öffent­li­chen Mei­nung im all­ge­mei­nen. Auch ihre Akteu­re sind Tür­ste­her des Sag­ba­ren: »Die Fra­ge, wer wor­über öffent­lich spre­chen kann, wer kul­tu­rel­le Initia­ti­ven vor­gibt und aus­deu­tet, wird zur poli­ti­schen Fra­ge«, so Johan­nes Bel­ler­mann dar­an anschlie­ßend. (9)

Poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Wei­chen­stel­lun­gen wer­den über Thea­ter, Kino, Bücher oder Radio »durch­ge­drückt«. Was dort dar­ge­stellt wird, wird vom Zuse­her und / oder Leser kon­su­miert und repro­du­ziert. So wer­den Emo­tio­nen, Bil­der, Hal­tun­gen und nicht zuletzt Mei­nun­gen wei­ter­ge­tra­gen. Wer die kul­tu­rel­le Hege­mo­nie in einer Gesell­schaft errin­gen will, muß die­se Pro­zes­se ver­ste­hen und im bes­ten Fal­le selbst in Gang set­zen kön­nen; »eine genaue Kennt­nis von der Beschaf­fen­heit des All­tags­ver­stan­des«, (10) wie er in einer bestimm­ten Pha­se domi­nant ist, erscheint als Vor­aus­set­zung für anschluß­fä­hi­ge Meta- und Realpolitik.

Gramsci las, in den 1930er Jah­ren auf Basis die­ser Erkennt­nis ope­rie­rend, nicht nur Fach- und Sach­li­te­ra­tur aller poli­ti­schen, phi­lo­so­phi­schen und öko­no­mi­schen Rich­tun­gen; er kon­sul­tier­te auch die Best­sel­ler sei­ner Zeit, oft­mals Schnul­zen- oder Kri­mi­nal­ro­ma­ne. Zwar waren sie für ihn Sinn­bild einer ver­fla­chen­den Epo­che. Doch Gramsci woll­te die par­ti­el­le Pri­mi­ti­vi­tät des All­tags­ver­stan­des nicht ent­schul­di­gen, son­dern die Men­schen »zu einer höhe­ren Lebens­auf­fas­sung füh­ren« (1383). Gramsci glaub­te an den Wert eines In-Form-Brin­gens durch Bil­dungs­ar­beit. Es gebe »Not­wen­dig­kei­ten für jede kul­tu­rel­le Bewe­gung«, »die danach strebt, den All­tags­ver­stand […] zu erset­zen: 1. nie­mals müde wer­den, die eige­nen Argu­men­te zu wie­der­ho­len: die Wie­der­ho­lung ist das wirk­sams­te didak­ti­sche Mit­tel, um auf die Men­ta­li­tät des Vol­kes ein­zu­wir­ken; 2. unab­läs­sig dar­an zu arbei­ten, immer brei­te­re Volks­schich­ten intel­lek­tu­ell zu heben; das heißt, dem amor­phen Mas­sen­ele­ment Per­sön­lich­keit zu geben« (1390).

Doch müs­se man die Gewohn­hei­ten der Men­schen zunächst ver­ste­hen, um sie kri­ti­sie­ren zu kön­nen, ja um den »Kampf für die Schaf­fung einer neu­en Gewohn­heit« effek­tiv auf­zu­neh­men. (791) Daß sich kaum jemand sei­ner Intel­lek­tu­el­len­kol­le­gen als »Ghost­wri­ter des Zeit­geists« (11) mit der Fra­ge »Wie denkt das Volk?« beschäf­tig­te, auf wel­che Art und Wei­se wel­che Inhal­te an die Mas­se der Men­schen ver­mit­telt und von die­ser auf­ge­nom­men wer­den, sorg­te für Gramscis Ver­wun­de­rung. Für ihn stell­te dies ein Desi­de­rat dar.

Gramsci begrün­de­te das Aus­blei­ben der Ana­ly­se mit imma­nen­ter Volks­fer­ne der Den­ker­kas­te: »Die Intel­lek­tu­el­len«, zürn­te der sonst deskrip­tiv-abtas­ten­de Gramsci, »kom­men nicht aus dem Volk, auch wenn zufäl­lig einer von ihnen dem Volk ent­stammt, sie füh­len sich nicht mit ihm ver­bun­den, sie ken­nen und füh­len nicht die Bedürf­nis­se, die Bestre­bun­gen, die weit­ver­brei­te­ten Gefüh­le des­sel­ben, son­dern sind dem Volk gegen­über etwas Los­ge­lös­tes, etwas in der Luft Hän­gen­des, das heißt eine Kas­te und kein mit orga­ni­schen Funk­tio­nen aus­ge­stat­te­tes Glied des Vol­kes selbst.« (2043 f.)

Wer aber das Volk nicht kennt, neigt dazu, es zu mißach­ten, wenn nicht zu verach­ten. Gramscis Zwi­schen­fa­zit gei­ßelt eine regel­rech­te Über­frem­dung des All­tags­ver­stan­des: »So hat sich das ita­lie­ni­sche Volk über den fran­zö­si­schen popu­lar-his­to­ri­schen Roman für die mon­ar­chis­ti­schen und revo­lu­tio­nä­ren Tra­di­tio­nen Frank­reichs begeis­tert (und begeis­tert sich wei­ter, wie die jüngs­ten Mit­tei­lun­gen des Buch­han­dels zei­gen) und kennt die popu­lä­re Gestalt Hein­richs IV. bes­ser als die Gari­bal­dis, die Revo­lu­ti­on von 1789 bes­ser als das Risor­gi­men­to, die Schmä­hun­gen Vic­tor Hugos gegen Napo­le­on III. bes­ser als die Schmä­hun­gen der ita­lie­ni­schen Patrio­ten gegen Met­ter­nich; es begeis­tert sich für eine Ver­gan­gen­heit, die nicht die sei­ne ist, bedient sich in sei­ner Sprach­form und in sei­nem Den­ken fran­zö­si­scher Meta­phern und Kul­tur­be­zü­ge usw., ist kul­tu­rell mehr fran­zö­sisch als ita­lie­nisch.« (2116)

Gramsci sieht in der Annah­me sei­ner Intel­lek­tu­el­len­kol­le­gen, »im Aus­land sei man ehren­haf­ter, fähi­ger, intel­li­gen­ter«, eine »Aus­lands­ma­nie«, die »läs­ti­ge und manch­mal absto­ßen­de For­men« anneh­men kön­ne, beson­ders wenn sie von »sno­bis­ti­schen Posen« beglei­tet wer­de. Die­se »Stim­mung« sei »ein rele­van­tes Zei­chen nicht nur für Dumm­heit, son­dern auch für Man­gel an popu­lar-natio­na­lem Geist.« (2122)

Neun­zig Jah­re spä­ter erin­nert die­se Bestands­auf­nah­me an das zeit­ge­nös­si­sche Deutsch­land. Net­flix-Pro­duk­tio­nen, Kino­fil­me, ARD-Doku­­se­ri­en: Ande­re gewin­nen, ande­re sind die Hel­den, ande­re sind die Vor­bil­der. Auch das paßt zu Gramscis zeit­lo­ser Ana­ly­se der Wis­sens­ver­mitt­lung und Pro­pa­gan­da­wir­kung auf den All­tags­ver­stand durch fort­schrei­ten­den Medi­en­kon­sum: »Die his­to­ri­sche Fra­ge wird durch gefühls­mä­ßi­ge und poli­ti­sche Über­la­ge­run­gen und durch Vor­ur­tei­le jeder Art ver­wirrt […]: der All­tags­ver­stand neigt zum Glau­ben, daß, was heu­te exis­tiert, immer exis­tiert habe« (766). Somit beschreibt Gramsci nichts ande­res als die Logik der Alter­na­tiv­lo­sig­keit auch im his­to­ri­schen Beritt. Gramsci lapi­dar: Unse­re Intel­lek­tu­el­len wüß­ten nicht, wie das ita­lie­ni­sche Volk dach­te, »weil unse­re Intel­lek­tu­el­len ana­tio­nal und kos­mo­po­li­tisch waren« (677).

Dem­entspre­chend agier­te Gramsci auf bei­den Fel­dern: Wie denkt das Volk? Aber auch: Wie den­ken die intel­lek­tu­el­len Eli­ten? Zu letz­te­ren hat­te Gramsci kein Zutrau­en. Sei­ne Hoff­nung lag im »ein­fa­chen Mann«, womit der »gesun­de Men­schen­ver­stand« ins Spiel kommt. Hier ging es Gramsci um eine – sym­bol­be­haf­tet-sche­ma­ti­sche – Kon­tras­tie­rung zu dem sei­ner Mei­nung nach ideo­lo­gisch fehl­ge­lei­te­ten All­tags­ver­stand der Mehr­heit sei­ner Mit­men­schen. Ihnen gegen­über benö­tigt er etwas Posi­ti­ves. Gramsci: »Die Ver­tre­ter des ›gesun­den Men­schen­ver­stands‹ sind der ›Mann auf der Stra­ße‹, der zum ›Durch­schnitts­men­schen‹ gewor­de­ne […] ›Mon­sieur Tout-le-mon­de‹.« (963)

Gramsci führt mit Ales­san­dro Man­zo­ni einen ita­lie­ni­schen Schrift­stel­ler aus dem 19. Jahr­hun­dert ein: »Man­zo­ni unter­schei­det zwi­schen All­tags­ver­stand und gesun­dem Men­schen­ver­stand […]. Wo er davon spricht, daß da auch einer war, der nicht an die Brun­nen­ver­gif­ter glaub­te, sei­ne Mei­nung gegen die ver­brei­te­te Volks­mei­nung indes nicht zu ver­fech­ten ver­moch­te, fügt er hin­zu: ›Man sieht, es gab einen gehei­men Aus­laß für die Wahr­heit, eine häus­li­che Ver­trau­lich­keit: der gesun­de Men­schen­ver­stand war da, doch er hielt sich ver­bor­gen, aus Furcht vor dem All­tags­ver­stand‹.« (953 u. 1471)

Der gesun­de Men­schen­ver­stand erweist sich so bei Gramsci als der gesun­de Kern des All­tags­ver­stan­des: der kohä­ren­te, in sich homo­ge­ne Teil. Er schlum­mert in fast jedem, wird aber über­wölbt durch ideo­lo­gi­sche Para­me­ter, fühlt sich ein­ge­schüch­tert oder zum Schwei­gen gebracht.

Die­ser rela­ti­ve Opti­mis­mus (12) mün­det indes nicht in den Ega­li­ta­ris­mus: »Die gesam­ten Über­le­gun­gen zum All­tags­ver­stand bzw. gesun­den Men­schen­ver­stand gehen davon aus, daß die Men­schen nicht gleich sind, auch wenn sie es im juris­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Sin­ne sein soll­ten«, (13) schreibt fol­ge­rich­tig ein kri­tisch-lin­ker Gramsci-Adept. Gramsci wuß­te um die Unter­schie­de des Men­schen, aber er bestand auf der Chan­ce, sie kol­lek­tiv zu heben. Dafür benö­tig­te er als Kon­trast­fo­lie das sche­ma­tisch-ide­al­ty­pi­sche Gegen­bild zum defor­mier­ten All­tags­ver­stand – und eben dies nann­te er den gesun­den Menschenverstand.

Scha­blo­nen­haft: Der All­tags­ver­stand ist dif­fus, irra­tio­nal, wider­sprüch­lich; der gesun­de Men­schen­ver­stand kohä­rent, ratio­nal, logisch. Der All­tags­ver­stand ist fremd­be­stimmt und pas­siv; der gesun­de Men­schen­ver­stand selbst­be­stimmt und aktiv.

Beim In-Form-Brin­gen und der Her­aus­schä­lung des gesun­den Men­schen­ver­stan­des geht Gramsci vom kon­ser­va­tiv-revo­lu­tio­nä­ren Prin­zip der bewah­ren­den Erneue­rung aus. In einer frü­hen Schrift dekre­tiert er: »Kein Ding kann ersetzt wer­den, wenn die Neue­rer über kei­nen Ersatz ver­fü­gen.« (14) Die­ser Ersatz müs­se gemein­schaft­lich kon­zi­piert sein, nicht intel­lek­tua­lis­tisch, kos­mo­po­li­tisch und abs­trakt. Der »Über­gang vom Wis­sen zum Ver­ste­hen, zum Füh­len, und umge­kehrt vom Füh­len zum Ver­ste­hen, zum Wis­sen« (1490) müs­se von orga­ni­schen Intel­lek­tu­el­len gewähr­leis­tet werden.

Was Gramsci meint: Das Ratio­na­le und das Irra­tio­na­le, die Idee und der Mythos, müs­sen zusam­men­wir­ken. Dar­an anknüp­fend, erkennt Gramsci im »Zum Vol­ke gehen« die Lösung für eine ganz­heit­li­che Per­spek­ti­ve. »Eine neue Kul­tur zu schaf­fen«, führt Gramsci aus, »bedeu­tet nicht nur, indi­vi­du­ell ›ori­gi­nel­le‹ Ent­de­ckun­gen zu machen, es bedeu­tet auch und beson­ders, bereits ent­deck­te Wahr­hei­ten kri­tisch zu ver­brei­ten, sie sozu­sa­gen zu ›ver­ge­sell­schaf­ten‹ und sie dadurch Basis vita­ler Hand­lun­gen, Ele­ment der Koor­di­na­ti­on und der intel­lek­tu­el­len und mora­li­schen Ord­nung wer­den zu las­sen. Daß eine Mas­se von Men­schen dahin gebracht wird, die rea­le Gegen­wart kohä­rent und auf ein­heit­li­che Wei­se zu den­ken, ist eine ›phi­lo­so­phi­sche‹ Tat­sa­che, die viel wich­ti­ger und ›ori­gi­nel­ler‹ ist, als wenn ein phi­lo­so­phi­sches ›Genie‹ eine neue Wahr­heit ent­deckt, die Erb­hof klei­ner Intel­lek­tu­el­len­grup­pen bleibt.« (1377)

Da die Reli­gi­on ihre Bin­de­kräf­te ver­lo­ren hat bzw. sie wei­ter ver­liert und das Vaku­um durch einen ideo­lo­gisch falsch kon­di­tio­nier­ten All­tags­ver­stand der Mehr­heit gefüllt wur­de, muß in Gramscis Logik das Ziel »eines neu­en All­tags­ver­stands und folg­lich einer neu­en Kul­tur und einer neu­en Phi­lo­so­phie, die im Volks­be­wußt­sein mit der­sel­ben Fes­tig­keit und dem­sel­ben impe­ra­ti­ven Cha­rak­ter Wur­zeln schla­gen wie die tra­di­tio­nel­len Glau­bens­vor­stel­lun­gen« (1398), anvi­siert wer­den. »Kul­tur« defi­niert Gramsci als »eine kohä­ren­te, ein­heit­li­che und natio­nal ver­brei­te­te ›Auf­fas­sung vom Leben und vom Men­schen‹«, die »eine Lebens­wei­se, ein zivi­les und indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten her­vor­ge­bracht hat« (2105).

Gramscis Schlüs­sel für die­se neue Kul­tur, für die Durch­set­zung des gesun­den Men­schen­ver­stan­des als zu heben­den Schatz des All­tags­ver­stan­des, ist Bil­dung als Wis­sens­ver­mitt­lung und Opti­mie­rung sei­nes Umfel­des. Es gel­te, »unter Bei­be­hal­tung sei­ner star­ken Per­sön­lich­keit und indi­vi­du­el­len Ori­gi­na­li­tät zum Mas­sen- oder Kol­lek­tiv­men­schen« (15) zu wer­den, der an ein­heit­li­che Zie­le den­ke und für sie an ein­heit­li­che Hoff­nun­gen anknüpfe.

Bemer­kens­wert ist in die­sem Kon­text die impli­zi­te Absa­ge an »Tag X«-Romantik: Denn Infla­ti­on, Arbeits­lo­sig­keit, Wert­ver­lus­te kön­nen den All­tags­ver­stand zwar durch­ein­an­der­wir­beln und suk­zes­si­ve nach ­alter­na­ti­ven Denk­op­tio­nen suchen las­sen. Aber mate­ri­el­le Pro­zes­se allein bewir­ken nicht die inte­gra­le Keh­re. Wirt­schafts­kri­sen, führt Gramsci aus, könn­ten nur einen »güns­ti­ge­ren Boden« berei­ten, aber »von sich aus« wür­den die »unmit­tel­ba­ren Wirt­schafts­kri­sen« kei­ne »fun­da­men­ta­len Ereig­nis­se« her­vor­brin­gen (1563).

Wenn einst der Boden berei­tet ist durch Kri­sen­er­schei­nun­gen, muß orga­ni­sier­te Hand­lungs­fä­hig­keit bereits her­ge­stellt sein. Dann muß man sou­ve­rän und selbst­be­wußt genug sein, um zu wis­sen, wel­che Welt­an­schau­ung und wel­ches Poli­tik­bild, wel­che Kern­aspek­te sei­nes eige­nen »gesun­den Men­schen­ver­stan­des« man zu set­zen beab­sich­tigt. Hier­für benö­tigt man die vom ein­gangs zitier­ten FDP-Laepp­le befürch­te­te »immer stim­mi­ge­re Welt­an­schau­ung«, die kohä­ren­te ideen­ver­bun­de­ne Poli­tik; mit­hin das, was in AfD-Krei­sen zu oft ver­ächt­lich als »Ideo­lo­gie« (un)verstanden wird.

»Ideo­lo­gie« aber ist, wie Gramsci aus­führt, ein »prak­ti­sches Re­gierungsinstrument«. (16) Sie ist es, »die für die Zivil­ge­sell­schaft und folg­lich den Staat den inners­ten Zement bil­det« (1313). Eine jede Ideo­lo­gie, ob regie­rungs­kon­form oder non­kon­form, muß mit dem arbei­ten, was sie vor­fin­det: Das ist der All­tags­ver­stand der vie­len und der gesun­de Men­schen­ver­stand der weni­gen. Um ins Gespräch mit den vie­len zu kom­men, müs­sen wir wis­sen, wie das­je­ni­ge beschaf­fen ist, an das eine Theo­rie oder eine Ideo­lo­gie über­haupt erst anknüp­fen kann – und das ist der All­tags­ver­stand der Lands­leu­te: Er gehört künf­tig stär­ker als bis­her in den Fokus unse­rer Analysen.

»Zum Vol­ke gehen« im Sin­ne Gramscis heißt neun Jahr­zehn­te nach sei­nem Tod zu berück­sich­ti­gen: Net­flix und Prime, Spo­ti­fy und Apple Music, »Sport­schau« und Fes­ti­vals usw. sind heu­te wirk­mäch­tigs­te Ver­mitt­ler von Posi­tio­nen und Begrif­fen, ohne daß dies immer auf den ers­ten Blick sicht­bar ist. Just dar­in liegt ihre epo­cha­le Wirk­sam­keit: im ste­ten, tie­fen, nach­hal­ti­gen Ein­si­ckern in den All­tags­ver­stand, der nur bei weni­gen Men­schen von sei­nem guten Kern, dem gesun­den Men­schen­ver­stand, gekrönt wird. Am Anfang jed­we­der meta- und real­po­li­ti­schen Arbeit soll­te die­se Erkennt­nis stehen.

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(1) – »Hege­mo­nie« wird hier im Anschluß an Gramsci als »Inein­an­der­grei­fen von mate­ri­el­ler Macht, Ideo­lo­gie und Insti­tu­tio­nen« ver­stan­den (Robert W. Cox: »Sozia­le Kräf­te, Staa­ten und Welt­ord­nun­gen«, in: Ben­ja­min Oprat­ko, Oli­ver Praus­mül­ler (Hrsg.): Gramsci glo­bal. Neo­g­ramscia­ni­sche Per­spek­ti­ven in der Inter­na­tio­na­len Poli­ti­schen Öko­no­mie, Ham­burg 2011, S. 39 – 83, hier 64).

(2) – Erleich­tert wird das kon­struk­tiv-pro­duk­ti­ve Vor­ha­ben einer rech­ten Gramsci-Rezep­ti­on ganz grund­sätz­lich durch eine »interpretations­offene Struk­tur des Wer­kes«, die auch lin­ke Autoren beken­nen müs­sen (vgl. Jens Win­ter: »Dimen­sio­nen einer hege­mo­nia­len Kon­stel­la­ti­on«, in: Ben­ja­min Oprat­ko, ­Oli­ver Praus­mül­ler (Hrsg.): Gramsci glo­bal. Neo­g­ramscia­ni­sche Per­spek­ti­ven in der Inter­na­tio­na­len Poli­ti­schen Öko­no­mie, Ham­burg 2011, S. 145 – 162, hier 146, FN 1).

(3) – Nicos Pou­lant­zas: Staats­theo­rie. Poli­ti­scher Über­bau, Ideo­lo­gie, Auto­ri­tä­rer Eta­tis­mus (1978), Ham­burg 2021, S. 171.

(4) – Vgl. »Sozio­lo­ge über AfD-Erfol­ge im Osten. Ein Inter­view von Flo­ri­an Diek­mann«, in: spiegel.de vom 4. Juli 2023.

(5) – Uwe Hirsch­feld: ­Noti­zen zu All­tags­ver­stand, poli­ti­scher Bil­dung und Uto­pie, Ham­burg 2015, S. 71.

(6) – Die zehn­bän­di­ge Gesamt­aus­ga­be von Gramscis Gefäng­nis­hef­ten erschien von 1991 bis 2002 im Insti­tut für kri­ti­sche Theo­rie (InkriT); in vor­lie­gen­dem Text wird jedoch nach der bro­schier­ten Edi­ti­on aus dem Argu­ment Ver­lag zitiert: Anto­nio Gramsci: Gefäng­nis­hef­te, Bd. 1 – 10, Ham­burg 2012.

(7) – Johan­nes Bel­ler­mann: Gramscis poli­ti­sches Den­ken. Eine Ein­füh­rung, Stutt­gart 2021, S. 146.

(8) – Hirsch­feld: Noti­zen, S. 70 f.

(9) – Bel­ler­mann: Gramscis poli­ti­sches Den­ken, S. 143.

(10) – Theo Vot­sos: Der Begriff der Zivil­ge­sell­schaft bei Anto­nio Gramsci, Ham­burg 2001, S. 123.

(11) – Wolf­gang Fritz Haug: Phi­lo­so­phie­ren mit Brecht und Gramsci, 2. erwei­ter­te Aufl., Ham­burg 2006, S. 29.

(12) – Pro­ble­ma­tisch aus »neu­rech­ter« Per­spek­ti­ve erscheint, daß bei Gramsci an die­ser Stel­le ein nai­ves Men­schen­bild anklingt: Ein jeder Mensch ver­fü­ge über den guten Kern, er wer­de nur nicht bei jedem sichtbar.

(13) – Bel­ler­mann: Gramscis poli­ti­sches Den­ken, S. 141.

(14) – Anto­nio Gramsci schrieb die­se Zei­le in einem Auf­satz für den Gri­do del popo­lo vom 5. Janu­ar 1918. Erin­nert wird an jenes Zitat durch ­Gramscis Her­aus­ge­ber in Anmer­kung 566 des 6. Ban­des der Gefäng­nis­hef­te.

(15) – Anto­nio Gramsci: ­Gefäng­nis­brie­fe, Bd. 1, Ham­burg 1995, S. 113.

(16) – Anto­nio Gramsci: ­Gefäng­nis­brie­fe, Bd. 3, Ham­burg 2014, S. 266.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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