Filme über Propaganda – eine Auswahl

PDF der Druckfassung aus Sezession 116/ Oktober 2023

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Fil­me über Pro­pa­gan­da und über Pro­pa­gan­da­fil­me könn­te man als Unter­ab­tei­lung des Doku­men­tar­films bezeich­nen. Aber auch Doku­men­tar­fil­me sind nicht »objek­tiv«, son­dern haben einen Stand­punkt, und so gibt es etli­che Fäl­le, in denen die Kri­tik einer bestimm­ten Art von Pro­pa­gan­da einer ande­ren Art von Pro­pa­gan­da dient. Um sich der Wahr­heit zu nähern, soll­te man mög­lichst vie­le unter­schied­li­che Blick­win­kel ken­nen­ler­nen. Hier ist eine klei­ne Aus­wahl von Fil­men, von denen man eini­ges über das Wesen die­ses Sujets ler­nen kann.

 

  1. Die Macht der Bil­der – Deutsch­land 1993, Regie: Ray Müller

Leni Rie­fen­stahl (1902 – 2003) war die am meis­ten gefei­er­te und zugleich ver­fem­tes­te Pro­pa­gan­da­fil­me­rin des 20. Jahr­hun­derts. Letz­te­res hat­te vor allem mit der schlich­ten Tat­sa­che zu tun, daß sie auf der »fal­schen« Sei­te der Geschich­te gelan­det war. Den gro­ßen ­Regis­seu­ren der frü­hen Sowjet­uni­on, Eisen­stein, Wert­ow, Dowschen­ko und so wei­ter, hat man weit­ge­hend den Vor­wurf erspart, den Sta­li­nis­mus künst­le­risch unter­stützt zu haben, obwohl sie das taten, nach­dem sie längst von den Ver­bre­chen der Bol­sche­wis­ten erfah­ren hatten.

Rie­fen­stahl wur­de vor allem ein Film zum lebens­lan­gen Ver­häng­nis: Tri­umph des Wil­lens, der den Reichs­par­tei­tag der NSDAP im Jahr 1934 zum The­ma hat. Hin­zu kom­men die klei­ne­ren Arbei­ten Sieg des Glau­bens (1933) und Tag der Frei­heit (1935) sowie der monu­men­ta­le Zwei­tei­ler Olym­pia (1936 – 1938), der zumin­dest eini­ge pro­pa­gan­dis­ti­sche Ele­men­te und Bei­spie­le »faschis­ti­scher« Ästhe­tik enthält.

Ray Mül­lers drei­stün­di­ger Doku­men­tar­film über Leben und Werk der damals neun­zig­jäh­ri­gen Fil­me­ma­che­rin ist rela­tiv fair aus­ge­fal­len, wobei er sich artig bemüht hat, die in der Tat nicht immer ganz ehr­li­che alte Dame mit »unbe­que­men« Fra­gen zu löchern. Im Film beteu­ert Rie­fen­stahl allen Erns­tes, daß ­Tri­umph des Wil­lens weder ein Doku­men­tar- noch ein Pro­pa­gan­da­film sei, mit der Begrün­dung, daß es dar­in kei­nen Kom­men­ta­tor gebe, der den Sinn und Wert »die­ser Ver­an­stal­tung« erklä­re. Außer­dem habe sie die Insze­nie­rung von Nürn­berg ja nicht erfun­den, son­dern sie ledig­lich mit Hil­fe von Bild und Ton, Kame­ra und Schnitt fil­misch mög­lichst »inter­es­sant« dargestellt.

Die sug­ges­ti­ve Kraft die­ses Films ­ent­fal­tet sich jedoch haupt­säch­lich auf der opti­schen Ebe­ne. Demons­tra­tio­nen von Macht und Stär­ke, die monu­men­ta­le Ästhe­ti­sie­rung orna­men­tal ange­ord­ne­ter Mas­sen, die Gegen­über­stel­lung von gott­glei­chem Füh­rer und hin­ge­ris­se­nem oder stumm in Bereit­schaft ste­hen­dem Volk: Rie­fen­stahl mach­te den Par­tei­tag und sei­nen Geist zur dyna­mi­schen Erfah­rung auch für jene, die ihn nicht vor Ort erlebt hatten.

Wenn Mül­ler zeigt, wie sie mit glän­zen­den Augen am Schnei­de­tisch die cle­ve­ren fil­mi­schen Effek­te erklärt, die sie an die­ser oder jener Stel­le ein­ge­setzt hat, dann glaubt man ihr, daß sie tat­säch­lich nicht vom Inhalt der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Idee so begeis­tert war, son­dern viel­mehr von ihrem eige­nen genia­len Gestal­tungs­wil­len, der sich eben­so­gut ein ande­res Sujet hät­te suchen kön­nen (wie etwa nack­te afri­ka­ni­sche Krie­ger oder bun­te Tief­see­fi­sche). Trotz allem wur­de Tri­umph des Wil­lens nach dem Krieg inter­na­tio­nal als Kunst­werk und manch­mal auch als »bes­ter Pro­pa­gan­da­film aller Zei­ten« aner­kannt und bewun­dert; sei­ne Bil­der, ver­wurs­tet in zahl­lo­sen Doku­men­ta­tio­nen, Video­clips und anti­fa­schis­ti­schen Gegen­pro­pa­gan­da­fil­men, prä­gen bis heu­te unse­re Vor­stel­lung vom Drit­ten Reich.

 

  1. Im Strahl der Son­ne (Insi­de Nord­ko­rea) – Ruß­land / Deutsch­land / Tsche­chi­en / Lett­land / Nord­ko­rea 2015, Regie: Wita­li Manski

Man­ski, gebo­ren 1963 in Lem­berg, woll­te mit die­ser fil­mi­schen Expe­di­ti­on nach Nord­ko­rea Erkennt­nis­se über die tota­li­tä­re Ver­gan­gen­heit sei­ner eige­nen ehe­ma­li­gen Hei­mat Sowjet­union gewin­nen. Nach den Dreh­ar­bei­ten hat­te er den Ein­druck, es mit einem weit­aus unmensch­li­che­ren Sys­tem zu tun zu haben, in dem der ein­zel­ne nicht ein­mal mehr ein Pri­vat­le­ben hat, son­dern voll und ganz dem Staat gehört. Man­ski bekam zwar die Geneh­mi­gung, einen Film über das All­tags­le­ben eines acht­jäh­ri­gen Mäd­chens in Pjöng­jang zu dre­hen, jedoch nur unter der Bedin­gung, sich an ein von den staat­li­chen Auto­ri­tä­ten vor­ge­schrie­be­nes Dreh­buch zu halten.

Wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten sorg­ten Auf­pas­ser dafür, daß der Regis­seur nicht vom Skript abwich, und über­nah­men an sei­ner Stel­le die Insze­nie­rung Sin Mis und ihrer Eltern. Jeden Abend muß­te Man­skis klei­nes Team, zu dem auch eine Ton­assistentin gehör­te, die unde­kla­rier­ter­wei­se des Korea­ni­schen mäch­tig war, die Spei­cher­kar­te zur Kon­trol­le abge­ben. Es gelang ihm und sei­ner ­Kame­ra­frau jedoch, etli­che Auf­nah­men zu ver­ste­cken und aus dem Land zu schmuggeln.

Der fer­ti­ge Film ist eine Art »Making of« ­eines Pro­pa­gan­da­films, wie ihn sich der nord­ko­rea­ni­sche Staat vor­stellt. Immer wie­der wer­den die Auf­pas­ser hin­ter den Kulis­sen sicht­bar, wie sie in die Sze­ne­rie ein­grei­fen: Die zu fil­men­de Fami­lie wird ange­wie­sen, wor­über sie bei einem osten­ta­tiv reich­ge­deck­ten Tisch wort­wört­lich zu spre­chen hat, Fabrik­ar­bei­te­rin­nen müs­sen in meh­re­ren Takes ihre »Freu­de« über den Sozia­lis­mus zur Schau stel­len, ein mit Medail­len zuge­pflas­ter­ter, per­fekt dres­sier­ter Vete­ran des ame­ri­ka­nisch-korea­ni­schen Krie­ges wird von einem Mann hin­ter einem Vor­hang ange­wie­sen, die mär­chen­haf­te Schil­de­rung sei­ner Hel­den­ta­ten nicht noch ein­mal zum bes­ten zu geben, son­dern statt des­sen den Schul­kin­dern zu gra­tu­lie­ren, daß sie in den staat­li­chen Jugend­ver­band auf­ge­nom­men wur­den. Sin Mis Vater wird für die Dau­er der Dreh­ar­bei­ten als Inge­nieur einer Vor­zei­ge­tex­til­fa­brik aus­ge­ge­ben, wo er aus­wen­dig gelern­te, höl­zer­ne Dia­lo­ge füh­ren muß.

»Ich woll­te einen Film über das ech­te Leben in Nord­ko­rea dre­hen«, sag­te Man­ski in einem Inter­view. »Aber es gibt dort kein ech­tes Leben, wie wir es ken­nen. Es gibt ledig­lich eine bestimm­te Vor­stel­lung vom ›rich­ti­gen‹ Leben. Unser Film zeigt in Wirk­lich­keit eine gro­ße Täu­schung.« Das Bild, das er zeich­net, wirkt aber auch wie die eth­no­gra­phi­sche Stu­die einer abge­schot­te­ten Welt.

Die Kon­troll­mit­tel des Staa­tes und sein reli­gi­ons­ar­ti­ges Sinn­stif­tungs­sys­tem wir­ken merk­wür­dig alt­mo­disch, ja gera­de­zu naiv: Öffent­li­che Laut­spre­cher, die die »Genos­sen« zu kol­lek­ti­ven Turn­übun­gen auf­for­dern, all­ge­gen­wär­ti­ge Por­träts von fröh­lich grin­sen­den Füh­rern, denen ein bizarr hyper­bo­li­scher Per­so­nen­kult gewid­met ist, der mili­tä­ri­sche Drill, die Spruch­bän­der und kit­schi­gen, gemal­ten Rie­sen­pla­ka­te und so wei­ter – all dies macht bei­na­he den Ein­druck einer sur­rea­len Par­odie einer tota­li­tä­ren Gesell­schaft im »klas­si­schen« Sin­ne. Die kaum min­der kras­sen Absur­di­tä­ten, die wir hier­zu­lan­de in der »Corona«-Zeit erlebt haben, rela­ti­vie­ren die­sen Ein­druck aller­dings erheblich.

 

  1. The Cen­tu­ry of the Self – Groß­bri­tan­ni­en 2002, Regie: Adam Curtis

Adam Cur­tis’ Fil­me sind medi­ta­ti­ve, mäan­dern­de Umkrei­sun­gen von The­men­kom­ple­xen der jün­ge­ren Welt­ge­schich­te, dar­ge­bo­ten anhand von eigen­wil­lig mon­tier­tem Archiv­ma­te­ri­al aus den Bestän­den der BBC, das der Regis­seur selbst aus dem Off kom­men­tiert. Eini­ge die­ser Fil­me haben eine Lauf­zeit von sie­ben bis acht Stun­den, auf­ge­teilt in meh­re­re Epi­so­den. Die Pro­ble­me der Mas­sen­ma­ni­pu­la­ti­on, der fixen ideo­lo­gi­schen Ideen und der Vir­tua­li­sie­rung, Tech­no­lo­gi­sie­rung und Über­wa­chung des sozia­len Lebens sind in fast allen Fil­men von Cur­tis präsent.

Sei­ne Bil­der­strö­me aus einer kri­tisch inter­pre­tier­ten Ver­gan­gen­heit mün­den regel­mä­ßig in eine läh­men­de, tech­no-büro­kra­ti­sche Mas­sen­kon­sum­ge­gen­wart, in der ver­schie­de­ne Regime auf der gan­zen Welt bemüht sind, ihre geis­ti­ge Sta­gna­ti­on und Per­spek­tiv­lo­sig­keit im Hin­blick auf die Zukunft zu ver­schlei­ern und als trü­ben Dau­er­zu­stand einzurichten.

Cur­tis über­nahm von einem sowje­ti­schen Dis­si­den­ten den Begriff der »Hyper­nor­ma­li­sie­rung«: Obwohl jeder­mann, wie einst in der Sowjet­uni­on, das Gefühl hat, daß die Din­ge »selt­sam und irre­al« gewor­den sind, obwohl jeder weiß, daß die herr­schen­den Eli­ten kor­rupt und inkom­pe­tent sind, akzep­tiert man aus Man­gel an Alter­na­ti­ven ihr Fake-Sys­tem, spielt das Thea­ter wei­ter mit. Dabei habe gera­de der Indi­vi­dua­lis­mus dazu geführt, daß die Men­schen, zurück­ge­wor­fen auf ihre sub­jek­ti­ven Gefüh­le, unsi­che­rer als je zuvor sei­en, und somit anfäl­li­ger gegen­über Ideen, die ihnen von außen in die Köp­fe gepflanzt wer­den. Ange­sichts einer chao­ti­schen Welt, in der auch die Mäch­ti­gen kei­ne wirk­li­che Kon­trol­le zu haben schei­nen, brei­tet sich ein Gefühl tie­fer Ohn­macht aus.

Wenn sei­ne Ana­ly­sen am Ende stets ein wenig unbe­frie­di­gend aus­fal­len, dann hat das wohl damit zu tun, daß Cur­tis ein zwar unor­tho­do­xer, aber eben doch zumin­dest teil­wei­se betriebs­blin­der Lin­ker ist, des­sen Bröt­chen­ge­ber Teil der Matrix ist, näm­lich eine inzwi­schen mehr oder ­weni­ger woke öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­an­stalt. Er zeig­te sich irri­tiert von der Tat­sa­che, daß heu­te die ein­zi­gen Impul­se, die Erstar­rung der Din­ge auf­zu­lö­sen, von »rechts« kom­men, aller­dings in Form einer, wie er es in einem Inter­view mit Rus­sell Brand nann­te, »merk­wür­di­gen Mischung aus Natio­na­lis­mus und Rassismus«.

Auch über die »Hyper­nor­ma­li­sie­rung« des Absur­den im Zuge der Coro­na-Maß­nah­men hat­te er nichts zu sagen, obwohl eini­ge sei­ner Lieb­lings­the­sen gera­de hier reich­lich Anschau­ungs­ma­te­ri­al gefun­den hät­ten. Den­noch kommt man an Cur­tis’ Werk nicht vor­bei, wenn man nach fil­mi­schen Erkun­dun­gen der Orga­ni­sa­ti­on der Macht in der moder­nen Welt sucht.

Beson­ders auf­schluß­reich ist sei­ne fes­seln­de, vier­tei­li­ge Serie The Cen­tu­ry of the Self aus dem Jahr 2002, die davon han­delt, »wie die Mäch­ti­gen Freuds Theo­rien dazu ver­wen­det haben, die gefähr­li­che Volks­men­ge im Zeit­al­ter der Mas­sen­de­mo­kra­tie zu tes­ten und zu kon­trol­lie­ren.« Es geht hier um Theo­rie und Pra­xis der Erzeu­gung von Mas­sen­kon­sens und das dahin­ter­lie­gen­de Men­schen­bild, wobei Cur­tis beson­de­res Augen­merk auf die Akti­vi­tä­ten von Edward ­Ber­nays legt, jenem PR-Meis­ter­den­ker und Nef­fen Freuds, der Erkennt­nis­se der Psy­cho­ana­ly­se für Kon­zer­ne und Regie­run­gen frucht­bar zu machen suchte.

 

  1. Over­games – Deutsch­land 2015, Regie: Lutz Dammbeck

Der Film beginnt mit einer Behaup­tung Joa­chim Fuchs­ber­gers, die aus den USA impor­tier­ten Spiel­show-Kon­zep­te, die in den frü­hen 1960er Jah­ren im west­deut­schen Fern­se­hen zu sehen waren, stamm­ten ursprüng­lich aus der ame­ri­ka­ni­schen Psych­ia­trie, wo sie zu The­ra­pie­zwe­cken ein­ge­setzt wor­den sei­en. Das dama­li­ge Publi­kum vor den Bild­schir­men sei eine »psy­chisch gestör­te Nati­on« gewe­sen. Davon aus­ge­hend ver­sucht Lutz Damm­beck einen Bezug zum »Re-education«-Programm der Nach­kriegs­zeit her­zu­stel­len, das die besieg­ten, natio­nal­so­zia­lis­tisch infi­zier­ten Deut­schen zu bra­ven Demo­kra­ten im ame­ri­ka­ni­schen Sin­ne erzie­hen und the­ra­pie­ren wollte.

Das Gan­ze packt Damm­beck in einen brei­ten ideen­ge­schicht­li­chen Rah­men, der sei­nem Film eine bei­na­he sie­fer­les­ke Dimen­si­on ver­leiht: Die Umer­zie­hung der Deut­schen sei dem­nach eine Sta­ti­on der »per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on« gewe­sen, eines Pro­jekts, das der fran­zö­sisch-eng­li­schen Auf­klä­rung ent­stam­me und danach trach­te, einen »neu­en«, aus alt­her­ge­brach­ten Bin­dun­gen »befrei­ten«, ratio­na­len, demo­kra­ti­schen Men­schen mit­samt einer ent­spre­chen­den Gesell­schaft zu schaffen.

Im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts sei­en die Ver­ei­nig­ten Staa­ten Fackel­trä­ger die­ser Bewe­gung gewor­den: »Der Wohl­fahrts­aus­schuß der Revo­lu­ti­on sitzt nun in Hol­ly­wood, in Wer­be­agen­tu­ren, in Ban­ken und im Wei­ßen Haus«. Die ver­lo­re­ne Ur-Ein­heit der in Völ­ker, Ras­sen und Natio­nen zer­split­ter­ten Mensch­heit soll durch »Mas­sen­me­di­en und Han­del« wie­der­her­ge­stellt, der Pla­net in einen »mel­ting pot« vol­ler Wohl­stand und Glück für alle ver­wan­delt wer­den, mit dem End­ziel einer ein­heit­li­chen Mensch­heit, eines ein­heit­li­chen Welt­mark­tes, einer ­ein­heit­li­chen Welt­re­gie­rung, kurz einer »neu­en Weltordnung«.

Auf der Suche nach den ideo­lo­gi­schen Zuta­ten des Umer­zie­hungs­plans wird Damm­beck in der anthro­po­lo­gi­schen Schu­le von Franz Boas und in der tie­fen­psy­cho­lo­gi­schen Schu­le Freuds fün­dig. Deren Adep­ten waren mit­ver­ant­wort­lich für ein Pro­gramm, das »Ras­sis­mus« und »Vor­ur­tei­le« mit wis­sen­schaft­li­chen Metho­den für immer aus der Welt schaf­fen woll­te und das vor allem die Deut­schen als »Grup­pe mit abwei­chen­dem Ver­hal­ten« mar­kier­te, die sich dem »Fluß der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on« wider­setzt hat­te. Die Umer­zie­her betrach­te­ten Deutsch­land als Para­noia-Pati­en­ten, des­sen krank­haf­ter Natio­nal­stolz und Über­le­gen­heits­wahn »geheilt« wer­den müs­sen. Dabei schie­nen die Lei­chen­ber­ge des Natio­nal­so­zia­lis­mus ihre Dia­gno­se zu bestä­ti­gen. Nach dem Krieg stell­ten sie jedoch fest, daß nicht nur die Deut­schen von reak­tio­nä­ren Patho­lo­gien betrof­fen waren.

Damm­beck faßt es so zusam­men: »Der Wes­ten Deutsch­lands wird nach 1945 das Groß­la­bor, wo öffent­lich und für alle Welt sicht­bar die Fähig­kei­ten und Tech­ni­ken zur Um- und Neu­for­mung die­ser Welt geprobt und vor­ge­führt wer­den. Einer Welt als kyber­ne­ti­schem Sys­tem, einem mit Sozi­al­struk­tu­ren zusam­men­hän­gen­den Rechen­kom­plex, wo Markt und Demo­kra­tie, Auf­klä­rung und ratio­na­les Den­ken im Uni­ver­sa­lis­mus der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on inein­an­der auf­ge­hen und sich die Wer­te und Ver­fah­ren aus­for­men, die künf­tig für alle gelten.«

The­ma­tisch an Das Netz (2003) anschlie­ßend, ist Over­games Damm­becks bis dato kom­ple­xes­tes und mit zwei­ein­halb Stun­den längs­tes Werk. Mit kon­tem­pla­ti­ver Geduld und Sach­lich­keit sich­tet und ord­net er sein Recher­che­ma­te­ri­al, das erheb­li­chen geis­ti­gen Spreng­stoff in sich birgt. Obwohl Damm­beck selbst im Film kei­ne Stel­lung bezieht, so ist doch sei­ne Skep­sis gegen­über der »schö­nen neu­en Welt« der Massen­kybernetik und Mensch­heits­er­zie­hung deut­lich spür­bar. Am Schluß stellt er schließ­lich die ent­schei­den­de Fra­ge, was denn nun die »wirk­li­che Welt jen­seits der theo­re­ti­schen Kon­struk­te, Pos­tu­la­te und Simu­la­tio­nen« war und ist.

 

  1. Fah­ren­heit 9/11 – USA 2004, Regie: Micha­el Moo­re; Fah­ren­hype 9/11 – USA 2004, Regie: Alan Peter­son; Manu­fac­tu­ring Dis­sent – Kana­da 2007, Regie: Rich Cai­ne, Debbie Melnyk

Micha­el Moo­res Erfolgs­re­zept war eine Mischung aus links­po­pu­lis­ti­scher Agi­ta­ti­on, sati­ri­schem »Info­tain­ment« und geschick­ter Selbst­in­sze­nie­rung. Den Höhe­punkt sei­ner Popu­la­ri­tät erreich­te er in den frü­hen 2000er Jah­ren als Gal­li­ons­fi­gur der ame­ri­ka­ni­schen Anti-Bush- und Anti­kriegs­be­we­gung. Fah­ren­heit 9/11 (2004) ist ein sar­kas­ti­sches Pam­phlet im Gewand eines Doku­men­tar­films, mit dem Moo­re die erneu­te Wahl von Geor­ge W. Bush zum Prä­si­den­ten der USA ver­hin­dern wollte.

Der auf Ray Brad­bu­ry anspie­len­de Titel ver­weist auf die Ein­schrän­kung von Bür­ger­rech­ten durch Not­stands­maß­nah­men im Zuge von »9/11«. Der Film atta­ckiert die herr­schen­de Regie­rungs­pro­pa­gan­da, die den »Krieg gegen den Ter­ror« ver­kün­de­te und somit die Inva­si­on Afgha­ni­stans und des Iraks recht­fer­tig­te. Das Ergeb­nis ist ein mit­rei­ßen­des Stück Agit­prop, des­sen Kern­the­se, daß das Volk der USA von Poli­tik und Medi­en in einen unnö­ti­gen, fata­len Krieg hin­ein­ge­lo­gen wur­de, zwei­fel­los zutrifft.

Die Mit­tel, derer sich Moo­re bedien­te, um sei­ner Bot­schaft Auf­merk­sam­keit zu ver­schaf­fen, waren aller­dings, wie in sei­nen frü­he­ren Fil­men auch, äußerst frag­wür­dig: Fah­ren­heit 9/11 ist voll mit Falsch­in­for­ma­tio­nen, Über­trei­bun­gen, schwach unter­mau­er­ten Spe­ku­la­tio­nen und ande­ren gro­ben bis dreis­ten Mani­pu­la­tio­nen des Zuschau­ers. Der Anwalt Dave Kopel, ein liber­tä­rer Demo­krat, zähl­te sechs­und­fünf­zig Irre­füh­run­gen in Moo­res Film, der in Anspruch nahm, sich strikt an den Fak­ten zu orientieren.

Kopels Recher­chen bil­de­ten die Basis für den Gegen­film Fah­ren­hype 9/11, der Bushs Pro­pa­gan­da gegen Moo­res Pro­pa­gan­da in Schutz nimmt. Er begnügt sich näm­lich nicht damit, den beleib­ten Kreuz­züg­ler mit der Base­ball­müt­ze fak­tisch zu wider­le­gen, son­dern lie­fert zusätz­lich dick auf­ge­tra­ge­ne neo­kon­ser­va­ti­ve Pro-Kriegs-Rhe­to­rik, ser­viert unter ande­rem von Ann ­Coul­ter, Ron Sil­ver, Ed Koch und dem »Islam­kri­ti­ker« Frank Gaffney.

Kri­tik von links folg­te drei Jah­re spä­ter mit dem kana­di­schen Film Manu­fac­tu­ring Dis­sent (dt. Titel: Der Unru­he­stif­ter – Die selt­sa­men Metho­den des Micha­el Moo­re) von Rich Cai­ne und Debbie Mel­nyk, der die »Kult­fi­gur« Moo­re vom hohen Sockel zu holen trach­te­te. Es ent­steht das Bild eines heuch­le­ri­schen Ego­zen­tri­kers, der es mit der Wahr­heit nicht sehr genau nimmt und zu fei­ge ist, sich selbst kri­ti­schen Fra­gen zu stel­len. Wie der CEO von Gene­ral Motors in sei­nem Debüt­film Roger & Me (1989) weicht Moo­re hart­nä­ckig den unbe­que­men Inter­view­an­fra­gen der Fil­me­ma­cher aus und ver­sucht, hin­ter­rücks ihre Arbeit zu boykottieren.

 

  1. Loo­se Chan­ge – USA 2005–2009, Regie: Dylan Avery

Fah­ren­heit 9/11 demons­trier­te, daß es nicht unbe­dingt not­wen­dig war, das »offi­zi­el­le Nar­ra­tiv« der Anschlä­ge anzu­zwei­feln, um ihre poli­ti­sche »Instru­men­ta­li­sie­rung« zu kri­ti­sie­ren. Wer im Rah­men des »seriö­sen« Dis­kur­ses ver­blei­ben woll­te, war gut bera­ten, sich vor dem Gedan­ken zu hüten, es könn­te sich hier in Wahr­heit um ein gigan­ti­sches »Fal­se Flag«-Manöver gehan­delt haben.

Die Fra­gen, für die sich Moo­re oder Noam Chom­sky zu fein waren, wur­den schließ­lich von Ama­teur­fil­mern auf­ge­wor­fen, die von den damals neu­ar­ti­gen digi­ta­len Tech­no­lo­gien pro­fi­tier­ten: Ab Mit­te der 2000er Jah­re konn­ten Fil­me schnell und bil­lig gedreht, auf DVDs gebrannt und welt­weit im Netz ver­brei­tet werden.

Die­ser »Demo­kra­ti­sie­rungs­schub« ermög­lich­te es nun jeder­mann, die ver­öf­fent­lich­ten Bil­der und Nar­ra­ti­ve in Fra­ge zu stel­len, aller­dings auch, selbst Falsch­in­for­ma­tio­nen und Ver­zer­run­gen, seit 2016 »Fake News« genannt, in Umlauf zu brin­gen. Auf die­se Wei­se ent­stan­den etli­che Fil­me, die auch jen­seits des Main­streams erheb­li­chen Ein­fluß auf die öffent­li­che Mei­nungs­bil­dung hatten.

Eines der bekann­tes­ten Bei­spie­le ist Loo­se Chan­ge von Dylan Avery, der ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum fand und von Regis­seu­ren wie ­David Lynch und Kevin Smith (u. a. Clerks) rezi­piert und gelobt wur­de. Er wur­de zwi­schen 2005 und 2009 mehr­fach über­ar­bei­tet: Neu­es Mate­ri­al wur­de hin­zu­ge­fügt, unhalt­ba­re The­sen wur­den fal­len­ge­las­sen, Ver­mu­tun­gen über Moti­ve und Draht­zie­her ange­stellt, Optik und Schnitt pro­fes­sio­nell verbessert.

Die Loo­se Chan­ge-Serie wirft die Fra­ge auf, ob wir auch wirk­lich gese­hen haben, was wir glau­ben, gese­hen zu haben – und war­um man es uns gezeigt hat. Ihre »foren­si­sche« Dia­gno­se lau­tet: 1. Die Zwil­lings­tür­me sowie das WTC 7 sind durch kon­trol­lier­te Spren­gun­gen ein­ge­stürzt, nicht durch Brän­de infol­ge ein­ge­schla­ge­ner Flug­zeu­ge. 2. Es gibt kei­ner­lei Bewei­se, daß ein Flug­zeug das Pen­ta­gon getrof­fen hat; die ver­öf­fent­lich­ten Bil­der las­sen eher Rück­schlüs­se auf einen Rake­ten­ein­schlag zu.

Auf die­ser Basis ist seit­her ein wah­rer Dschun­gel an Theo­rien und Gegen­theo­rien, offe­nen Fra­gen und unge­lös­ten Rät­seln gewu­chert, der ver­mut­lich nie­mals ganz gelich­tet wer­den kann. Wie auch immer man dazu ste­hen mag: Mit »9/11« beginnt eine mas­si­ve öffent­li­che Ero­si­on des Ver­trau­ens in Poli­tik und Medi­en, ja in den Wahr­heits­ge­halt der medi­al prä­sen­tier­ten »Wirk­lich­keit« über­haupt. Wei­te­re ein­fluß­rei­che Fil­me ähn­li­cher Mach­art waren In Pla­ne Site (Wil­liam Lewis, 2004), Pain­ful Decep­ti­ons (Eric Huf­schmid, 2005), 9/11 Miss­ing Links (Mike Delaney, 2008), The Gre­at Ame­ri­can Psy-Ope­ra (Alex­an­der »Ace« Bak­er, 2012) und Zeit­geist (Peter Joseph, 2007), der aller­dings einen stark »eso­te­ri­schen« Ein­schlag hat.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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