Die Propaganda der RAF

-- von Karl Sternau

PDF der  Druckfassung aus Sezession 116/ Oktober 2023

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»Jeder vier­te Bun­des­bür­ger unter 30 hegt ›gewis­se Sym­pa­thien‹ für die ›Rote Armee Frak­ti­on‹«, berich­te­te der Spie­gel 1971 über eine reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge des Allensbach-Instituts.

Natür­lich muß hier bedacht wer­den, daß die Umfra­ge im ers­ten Jahr nach Grün­dung der RAF durch­ge­führt wur­de. Die Ter­ror­grup­pe hat­te bis­her Andre­as Baa­der befreit und eini­ge Ban­ken über­fal­len, Men­schen schwer ver­letzt, aber noch kei­ne getö­tet. In der Flä­che ging die Sym­pa­thie in der Fol­ge­zeit dras­tisch zurück. Das lag an der bru­ta­len Gewalt der Ter­ro­ris­ten und an den For­de­run­gen, die dem Nor­mal­bür­ger fremd blei­ben muß­ten (»Die Klas­sen­kämp­fe ent­fal­ten. Das Pro­le­ta­ri­at orga­ni­sie­ren. Mit dem bewaff­ne­ten Wider­stand begin­nen! Die Rote Armee auf­bau­en!«). Letzt­lich schei­ter­te die RAF also auch dar­an, daß sie nicht über ein Hin­ter­land ver­füg­te. Mit zahl­rei­chen Hin­wei­sen unter­stütz­te die Bevöl­ke­rung die Ermitt­lun­gen massiv.

Inner­halb der radi­ka­len Lin­ken aber ver­fing die Pro­pa­gan­da der RAF. Und ganz all­ge­mein gelang es ihr, eine Erzäh­lung über ihr Anlie­gen und ihren Kampf durch­zu­set­zen, die einer Mythen­bil­dung gleich­kommt. Sie wirkt bis heu­te nach, und es ist die­ser Mythen­bil­dung gelun­gen, Begrif­fe zu pla­zie­ren wie den von einer sys­te­ma­tisch ange­wand­ten »Iso­la­ti­ons­haft« in bun­des­deut­schen Gefängnissen.

Die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Stutt­gart-Stamm­heim kann dabei als sym­bo­li­scher Ort der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Staat und RAF gel­ten: kaum jemand, der den Namen der Anstalt nicht mit den Gesich­tern von Baa­der, Mein­hof, Ens­slin und Ras­pe ver­bin­det. Als im April die­ses Jah­res der Abriß des Gerichts­saals begann, bekam der Ort erneut media­le Auf­merk­sam­keit. So schrieb Wil­li Wink­ler, der 2007 ein Buch über die RAF vor­legt hat­te, in der Süd­deut­schen Zei­tung den Text »Die Knast­fes­tung fällt«.

Zum The­ma Iso­la­ti­on in der Haft führt Wink­ler über den Saal, in dem die Pro­zes­se statt­ge­fun­den hat­ten, aus: »Hier war es, wo Ulri­ke Mein­hof am 41. Ver­hand­lungs­tag davon sprach, daß der Gefan­ge­ne in der Iso­la­ti­on zu einer Gesin­nungs­än­de­rung nur durch Ver­rat gelan­gen kön­ne. Genau das sei ›Fol­ter‹, sag­te sie mit der schnei­dends­ten Stim­me und wie­der­hol­te, die Sil­ben zer­ha­ckend, ›das ist Fol­ter, ex-akt Fol­ter‹. Der Rich­ter Prin­zing ent­zog ihr das Wort, Fol­ter gab es in der Bun­des­re­pu­blik nicht. Sie­ben Mona­te spä­ter erhäng­te sie sich.«

Mit kei­nem Wort geht Wink­ler auf die rea­len Haft­be­din­gun­gen ein. Ein Abgleich mit den Aus­sa­gen Mein­hofs ist ja längst erfolgt, und ­Wink­ler hät­te über die­se Ergeb­nis­se leicht auf die inter­es­san­te Fra­ge sto­ßen kön­nen, inwie­fern nicht nur er, son­dern auch vie­le ande­re Autoren an der Mythen­bil­dung der RAF mit­ge­ar­bei­tet haben. Letzt­lich näm­lich fällt Wink­ler auf die Pro­pa­gan­da der RAF her­ein, die sich im Gefäng­nis als Fol­ter­op­fer eines angeb­lich exis­tie­ren­den neu­en Faschis­mus in Sze­ne setzte.

Tat­säch­lich emp­fing Mein­hof in den ers­ten sechs Mona­ten ihrer Haft 48mal Besuch und hat­te zehn selbst­ge­wähl­te Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten abon­niert. Alle RAF-Gefan­ge­nen durf­ten zudem Radio hören und unbe­grenzt Brie­fe ver­sen­den sowie emp­fan­gen. Den­noch erreich­te die Ter­ror­grup­pe mit ihren Behaup­tun­gen über »Iso­la­ti­ons­haft« eine Bedeu­tung, die sie wäh­rend ihrer zwei Jah­re im Unter­grund nie gehabt hatte.

Schon im Mai 1972 (und damit vor der Inhaf­tie­rung der Füh­rungs­ka­der der ers­ten Gene­ra­ti­on) wur­de in dem Beken­ner­schrei­ben nach dem Anschlag auf den BGH-Rich­ter Bud­den­berg das The­ma Haft in der BRD auf­ge­bracht: »Die stren­ge Iso­la­ti­on, in der die Gefan­ge­nen gehal­ten wer­den, um sie psy­chisch fer­tig zu machen: Ein­zel­haft, Ein­zel­hof­gang, Rede­ver­bot mit Mit­ge­fan­ge­nen, per­ma­nen­te Ver­le­gun­gen, Arrest­stra­fen, Beob­ach­tungs­zel­le, Brief­zen­sur, Unter­schla­gung von Brie­fen, Büchern, Zeit­schrif­ten – die Maß­nah­men, mit denen sie phy­sisch fer­tig­ge­macht wer­den: grel­le Zel­len­be­leuch­tung nachts, häu­fi­ges Wecken und Durch­su­chen, Fes­se­lung beim Hof­gang, kör­per­li­che Miß­hand­lun­gen, das sind nicht die Schi­ka­nen von klei­nen, frus­trier­ten Gefäng­nis­wär­tern, das sind Bud­den­bergs Anord­nun­gen, um die Gefan­ge­nen zur Aus­sa­ge zu erpres­sen. Das ist der bereits insti­tu­tio­na­li­sier­te Faschis­mus in der Jus­tiz. Das ist der Anfang von Folter.«

Wäh­rend die Ver­haf­tung der pro­mi­nen­ten Füh­rung um Baa­der, Mein­hof, Ens­slin, Ras­pe und Meins für die RAF selbst­ver­ständ­lich einen Rück­schlag dar­stell­te, erwies sie sich aus kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­ti­scher Sicht als Vor­teil. Nach den Anschlä­gen ver­füg­te man, außer der Bericht­erstat­tung an sich, nur über Beken­ner­schrei­ben für die Öffent­lich­keit. Seit der Fest­nah­me aber betrieb die Ter­ror­grup­pe eine pro­fes­sio­nel­le­re Medi­en­ar­beit: Neue Mög­lich­kei­ten, wie Inter­views mit den Anwäl­ten oder Pres­se- und Hun­ger­strei­ker­klä­run­gen sowie Brie­fe der Inhaf­tier­ten, wur­den gezielt genutzt, um die The­se der »Iso­la­ti­ons­haft« unters Volk zu bringen.

Letzt­lich wur­den die Medi­en, die natür­lich auch die Sicht des Staa­tes abdruck­ten, »zu den Trans­por­teu­ren der Sicht­wei­se der RAF«. Sogar die Gegen­stim­men aus den Bou­le­vard­me­di­en wie Bild (»süße[s] Leben hin­ter Git­tern«) und B.Z. tru­gen auf ihre Wei­se indi­rekt zur Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie der RAF bei. Die Sprin­ger­pres­se galt spä­tes­tens seit Beginn der Stu­den­ten­be­we­gung als Feind der Lin­ken und nähr­te so Rache- und Mit­leids­ge­füh­le in der wach­sen­den Sym­pa­thi­san­ten­sze­ne. Auch im links­in­tel­lek­tu­el­len, bür­ger­li­chen Lager der BRD fand die Grup­pe, nach der Distan­zie­rung infol­ge der Bom­ben­an­schlä­ge von 1972, wie­der Zuspruch.

Die RAF nutz­te die Pla­zie­rung des Begriffs »Iso­la­ti­ons­haft« zum Auf­bau einer lega­len Sym­pa­thi­san­ten­grup­pe außer­halb der Haft. Die­se soge­nann­ten Fol­ter­ko­mi­tees hal­fen bei der Ver­brei­tung der gewünsch­ten Erzäh­lung, dien­ten aber dar­über hin­aus auch der Rekru­tie­rung neu­er Mit­glie­der unter den­je­ni­gen, die den bun­des­deut­schen Staat auf dem Weg in einen neu­en Faschis­mus sahen und dar­über in eine Art iso­lier­ter Panik gerie­ten – wie das ver­meint­lich letz­te Gene­ra­tio­nen so an sich haben.

Der Hun­ger­tod von Hol­ger Meins im Novem­ber 1974, den die Grup­pe bewußt in Kauf nahm, um die Öffent­lich­keit noch mehr zu mobi­li­sie­ren, ver­fehl­te sei­ne Wir­kung nicht. Er unter­strich die Behaup­tung der »faschis­ti­schen BRD«. Die extre­me Lin­ke hat­te nun ihren ers­ten Mär­ty­rer im Kampf gegen den Staat. »Rache für Hol­ger« wur­de zur neu­en Losung der Sym­pa­thi­san­ten­sze­ne und sorg­te für neue Mit­glie­der im Unter­grund der zwei­ten RAF-Generation.

Otto Schi­ly, spä­ter Bun­des­in­nen­mi­nis­ter der SPD, schrieb als Ver­tei­di­ger von Gud­run Ens­slin von einer »Ver­we­sung bei leben­di­gem Lei­be«. Zu die­sem Zeit­punkt war die RAF-Spit­ze im sieb­ten Stock von Stamm­heim bereits mit umfas­sen­den Pri­vi­le­gi­en – teils erzwun­gen durch Hun­ger­streiks – aus­ge­stat­tet. Meh­re­re Stun­den am Tag durf­ten sie zusam­men ver­brin­gen, wobei die sonst strik­te Tren­nung der Geschlech­ter miß­ach­tet wur­de. Die Häft­lin­ge ver­füg­ten in ihrer angeb­li­chen »Iso­la­ti­ons­haft« über Radi­os, Plat­ten­spie­ler und Fern­se­her in ihren Zel­len. Es gab sogar eine Sport­zel­le sowie eine eige­ne Ter­ras­se für den Freigang.

Im Dezem­ber 1974 gelang ­Baa­der der nächs­te »PR-Coup«, indem er den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Jean-Paul Sart­re für ein Gespräch nach Stamm­heim holen ließ. Der Besuch wur­de gericht­lich geneh­migt und war ein gro­ßer Erfolg der RAF-Pro­pa­gan­da. Sart­re ver­wech­sel­te die kaum ein­ge­rich­te­te Besu­cher­zel­le mit der von Baa­der und bestä­tig­te anschlie­ßend auf einer Pres­se­kon­fe­renz die Lüge der »Iso­la­ti­ons­fol­ter«.

Nach dem Sui­zid Mein­hofs im Mai 1976 wur­de von den Anwäl­ten und der Unterstützer­szene die The­se ver­brei­tet, sie sei durch die Haft­be­din­gun­gen in den Tod getrie­ben wor­den. Dies ent­sprach exakt der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie der RAF; die Mord­vor­wür­fe kamen hin­ge­gen erst spä­ter auf. Im Okto­ber 1977 ver­üb­ten auch Bader, Ens­slin und Ras­pe Selbst­mord, da die Chan­ce auf eine Frei­las­sung nach der Befrei­ung der ent­führ­ten Luft­han­sa-Maschi­ne »Lands­hut« fak­tisch unmög­lich gewor­den war.

Durch die Mord­be­haup­tung von Irm­gard Möl­ler, die ihren Sui­zid­ver­such als ein­zi­ge über­leb­te, und die Tat­sa­che, daß sich Pis­to­len in den Haft­räu­men fan­den, war die nächs­te Pro­pa­gan­da­lü­ge (»Staats­mord« in Stamm­heim) gebo­ren. Sie konn­te zwar wie­der zur Rekru­tie­rung neu­er Mit­glie­der genutzt wer­den, setz­te sich aber nicht über die links­extre­me Sze­ne hin­aus fest. Die Legen­de von der »Iso­la­ti­ons­fol­ter« fin­det sich hin­ge­gen bis heu­te immer wieder.

RAF-Aus­stei­ger Horst Mahler, der spä­ter bekannt­lich ande­re Irr­we­ge fand, erkann­te die Stra­te­gie schon früh und ent­geg­ne­te 1978 dem eben­falls inhaf­tier­ten Links­extre­mis­ten Peter-Paul Zahl: »Das Geschrei über die Haft­be­din­gun­gen war und ist Stoff, mit dem Mit­leids­kam­pa­gnen gefüt­tert wer­den, die nichts ande­res sind als Rekru­tie­rungs­un­ter­neh­men der RAF und ihrer Able­ger. Dar­an will ich mich in kei­ner Wei­se betei­li­gen. Ob du an den gege­be­nen Haft­be­din­gun­gen kaputt gehst oder nicht, hängt nicht von die­sen Bedin­gun­gen ab, son­dern allein von dir. Die Leu­te drau­ßen kön­nen dir das nicht sagen, weil sie uns gegen­über an Schuld­ge­füh­len lei­den und sol­che Über­le­gun­gen in sich unterdrücken.«

Aber Mahler blieb mit sei­ner ange­ekel­ten Ein­schät­zung und sei­nem Hin­weis auf die Unehr­lich­keit und den psy­chi­schen Druck eine Aus­nah­me – und wäre es heu­te wieder.

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