Jenseits der Zeit. Zum Tod von Fritz-Martin Schulz

von Gero Mielczarek - PDF der Druckfassung aus Sezession 117/ Dezember 2023

Am 2. April 2023 trat Fritz-Mar­tin Schulz, genannt FM, nach fast 50jähriger Regent­schaft sei­ne letz­te gro­ße Fahrt an. Mit ihm ver­liert der Nero­ther Wan­der­vo­gel als letz­ter in der unge­bro­che­nen Tra­di­ti­on des his­to­ri­schen Wan­der­vo­gels ste­hen­der Bund sei­nen cha­ris­ma­ti­schen Füh­rer und sei­nen Kat­echon vor den Wirr­nis­sen der Moder­ne in all ihren Facetten.

Vie­le ver­lie­ren, so wie ich, einen väter­li­chen Freund. Mein ers­ter Kon­takt mit dem Nero­ther Wan­der­vo­gel war lite­ra­ri­scher Art. Im Vor­wort der Neu­auf­la­ge der bei­den Bücher von Otto Rahn, Kreuz­zug gegen den Gral und Luzi­fers Hof­ge­sind, schrieb der Her­aus­ge­ber von einer Burg im Huns­rück, von der jun­ge Wan­der­vö­gel zu gro­ßer Fahrt auf­bre­chen, um von der Katharer­festung Mont­sé­gur in den Pyre­nä­en Stei­ne per Tramp zurück zur Burg zu bringen.

Aus die­sen ent­stand eine Rund­bank mit Vogel­trän­ke und umlau­fend ein­ge­mei­ßel­tem Spruch von Wolf­ram von Eschen­bach – »huet iuach da gent unkun­de wege« – sowie eine über­kon­fes­sio­nel­le Kapel­le. Die Idee geht zurück auf den Burg­ka­plan Mar­tin Kuhn, der in den 1960ern die­ses Tun als Ges­te der Ver­söh­nung für die Ereig­nis­se von 1244 anreg­te – damals waren die Katha­rer der römi­schen Kir­che unter­le­gen gewe­sen und hat­ten auf dem Schei­ter­hau­fen geendet.

Die­se Idee begeis­ter­te mich damals nach­hal­tig. Per­sön­lich wur­de ich auf FM durch sein auch heu­te noch mit gro­ßem Gewinn zu lesen­des Inter­view in der Wochen­zei­tung Jun­ge Frei­heit vom 9. Novem­ber 2001 auf­merk­sam. Auf­hän­ger war das 100jährige Grün­dungs­ju­bi­lä­um der deut­schen Wan­der­vo­gel­be­we­gung. Wei­te­re The­men waren der Nie­der­gang huma­nis­ti­scher Bil­dung, para­si­tä­res Funk­tio­närs­un­we­sen in der Jugend­pfle­ge, die Käuf­lich­keit der 68er und die Auf­blä­hung der Ver­wal­tungs­ebe­nen zur Stei­ge­rung staat­li­cher Zuschüs­se bei ande­ren Bün­den. Begeis­tert vom Schneid der For­mu­lie­run­gen, such­te ich im Netz nach wei­te­ren ­Tex­ten von FM.

Im Leser­fo­rum des eis­bre­cher, einer von Eber­hard Koe­bel, genannt »tusk«, 1932 gegrün­de­ten Zeit­schrift der Jugend­be­we­gung, wur­de das Inter­view ein­sei­tig dis­ku­tiert. Ledig­lich ein Teil­neh­mer sprach sich zustim­mend für FM aus. Wie sich her­aus­stell­te, war dies ein Alt­nero­ther, der wohl als ein­zi­ger der Dis­ku­tan­ten FM per­sön­lich kann­te und mir zur Ver­tie­fung mei­nes Inter­es­ses einen Besuch auf der Burg Wal­deck, dem Sitz des Nero­ther Wan­der­vo­gel, emp­fahl, um FM auch per­sön­lich ken­nen­zu­ler­nen. Gesagt, getan.

Ich rief bei FM an, stell­te mich vor und erhielt eine zeit­na­he Ein­la­dung auf die Burg. Ich traf einen drah­ti­gen, klei­nen Mann mit leben­di­gen Augen und ver­schmitz­tem Lächeln in Kno­bel­be­chern, der sei­ne Rol­le als Gast­ge­ber voll aus­füll­te. Er hat­te ein phä­no­me­na­les Gedächt­nis, war bele­sen und kunst­in­ter­es­siert. Wir erkann­ten vie­le Über­schnei­dun­gen bei Lek­tü­re­vor­lie­ben, tru­gen Jün­ger, ­Dávila, Ber­gen­gruen und Löns im Her­zen, die klas­si­schen Aben­teu­er- und Sol­da­ten­ro­ma­ne sowie­so. Durch FM kam ich zu Hans Domizlaff und Pierre Loti. Als Augen­mensch galt sein Inter­es­se der bil­den­den Kunst. Er mach­te mich mit dem Werk von ­Rudolf Agri­co­la, Horus Engels, Bor­ris Goetz und Hei­ner Roth­fuchs bekannt.

Bei dün­nem Mal­ven­tee und spä­ter star­kem Kaf­fee ent­wi­ckel­ten sich stun­den­lan­ge Gesprä­che über die Geschich­te des Nero­ther Bun­des, untrenn­bar ver­bun­den mit den Höhen und Tie­fen des deut­schen Vater­lan­des und mit dem Weg, den FM im Bund nahm. Nach dem Tod des Bun­des­grün­ders Robert Oel­ber­mann im KZ Dach­au 1941 und dem Ende des Krie­ges erfüll­te des­sen Zwil­lings­bru­der Karl, genannt Oelb, mit einer Bele­bung des Bun­des und der Wie­der­auf­nah­me des Burg­bau­es das Ver­mächt­nis von Robert. FM stieß 1964 zum Bund, über­nahm die Füh­rung eines Ordens (die in ihrer Gesamt­heit den Bund bil­den) und erlang­te bald als Bau­hüt­ten­füh­rer das Ver­trau­en von Oelb. Er ent­wickelte sich zum unent­behr­li­chen Beglei­ter und wur­de bei den unter­schied­li­chen Orden, die zur Burg pil­ger­ten, bekannt und geschätzt.

Mit den von der benach­bar­ten Arbeits­ge­mein­schaft Burg Wal­deck orga­ni­sier­ten Fes­ti­vals »Chan­son Folk­lo­re Inter­na­tio­nal« (ab 1964) kam es zum kul­tu­rel­len Zusam­men­stoß zwi­schen den hand­fes­ten, wert­kon­ser­va­ti­ven Nero­thern und dem eher lin­ken Lie­der­ma­cher­pu­bli­kum mit lan­gen Haa­ren und Nie­ten­ho­sen. 1968 ver­schärf­te sich der Ton, da poli­ti­sier­te Revo­luz­zer und Gamm­ler das Fes­ti­val okku­pier­ten, Künst­ler bei den Auf­trit­ten behin­der­ten, beträcht­li­che Flur­schä­den durch Müll und wil­des Par­ken sowie lin­ke Schmie­re­rei­en in den benach­bar­ten Huns­rück­dör­fern hin­ter­lie­ßen. 1969 war der Spuk zu Ende. FM erleb­te all dies haut­nah mit, und es präg­te ihn.

Als neue Gefähr­dung für das zeit­lo­se nerotha­ne Wan­der­vo­gel­ide­al zeig­ten sich im Zuge der 68er-Revol­te eine zuneh­men­de »Pro­le­ti­sie­rung« man­cher Nero­ther Grup­pen und der Ein­fall von ein­zel­nen älte­ren Män­nern, die unter dem Vor­wand des »päd­ago­gi­schen Eros« Befrie­di­gung ihrer päd­eras­ti­schen oder ephe­bi­schen Nei­gun­gen in den Grup­pen such­ten. Früh erkann­te FM die Gefahr für den Bund.

Oelb, gesund­heit­lich ange­schla­gen und als rhei­ni­sche Froh­na­tur per­sön­li­che Kon­flik­te scheu­end, hat­te nicht die Kraft, dras­ti­sche Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. So nahm sich FM des Pro­blems an und wuß­te sich mit der über­gro­ßen Schar der Nero­ther einig. Bei einer Bun­des­ver­samm­lung 1973 wur­de rei­nen Tisch gemacht, die belas­te­ten Per­so­nen wur­den des Bun­des ver­wie­sen. Spä­ter betrieb er auch den Aus­schluß von Per­so­nen, deren poli­ti­sche Betä­ti­gung Bezü­ge zu tota­li­tä­ren his­to­ri­schen Model­len auf­wies. Denn der Nero­ther Bund ist aus sei­ner Geschich­te her­aus antitotalitär.

Im Okto­ber 1974 starb Oelb auf Burg Wal­deck. FM, der den Rück­zug in die bür­ger­li­che Welt schon ange­tre­ten hat­te, kehr­te auf die Burg zurück und orga­ni­sier­te mit den Getreu­en der Bau­hüt­te die Bei­set­zung. Alt­nero­ther und Schrift­stel­ler Wer­ner Hel­wig sand­te eine Kar­te mit einem ein­zi­gen Satz: »FM, ich rech­ne mit Dir!« und schrieb ein Mani­fest an alle Alt­nero­ther, in dem er für FM warb. Der frü­he­re Kanz­ler Dr. Göt­ze schlug gemein­sam mit dem Rit­ter­ka­pi­tel FM als neu­en Bun­des­füh­rer vor, und die­ser wur­de mit fast 90 Pro­zent der Stim­men gewählt. Mit der Annah­me der Wahl auf Lebens­zeit ent­schied sich FM für die Ehe­lo­sig­keit, für den Wohn­ort Burg Wal­deck ohne zivi­li­sa­to­ri­schen Kom­fort, für ein Leben ohne bür­ger­li­ches Ein­kom­men, getra­gen durch Bei­trä­ge der Nero­ther und Spen­den von Ver­fech­tern der Bundesidee.

Der Prä­am­bel sei­nes ers­ten Rund­brie­fes als Bun­des­füh­rer stell­te er ­Imma­nu­el Kants Wor­te vor­an: »Eine Hand­lung muß mir wert sein, nicht, weil sie mit mei­ner Nei­gung stimmt, son­dern weil ich dadurch mei­ne Pflicht erfül­le.« Hier kommt sei­ne sol­da­ti­sche Grund­hal­tung zum Tra­gen. Gebo­ren 1941 in Wüns­dorf bei Zos­sen, wuchs er in einer Kaser­ne auf und flüch­te­te mit der kämp­fen­den Trup­pe 1945 im Pan­zer nach Schles­wig-Hol­stein. In sei­ner Jugend unter­nahm er Wan­der­fahr­ten durch Deutsch­land, Euro­pa und die Levan­te, als Sol­dat tat er Dienst in Auf­klä­rungs­ein­hei­ten der Luft­waf­fe. Nach einer ers­ten Begeg­nung mit Nero­thern auf Fahrt blieb er die­sen ver­bun­den, weil dort das Aben­teu­er­lich-Roman­ti­sche und Sol­da­tisch-Männ­li­che gelebt wurden.

Nach der rich­tungs­wei­sen­den Tren­nung von den Päd­eras­ten galt es, auch in der Außen­wir­kung die Signa­tur des neu­en Bun­des­füh­rers auf­zu­zei­gen. Dazu dien­te das 6. Über­bün­di­sche Tref­fen auf dem Allen­spa­cher Hof zu Pfings­ten 1977 mit 3700 Teil­neh­mern aus 66 Bün­den. Begrün­det wur­den die­se Tref­fen in den 1950ern durch die Pfad­fin­der­schaft Graue Rei­ter, wei­te­re rich­te­ten die Nero­ther auf Burg Wal­deck aus.

Das Tref­fen fand in einer Zeit der bün­di­schen Kon­so­li­die­rung statt, nach­dem sich der zer­set­zen­de Ein­fluß der 68er-Bewe­gung etwas abge­schwächt hat­te. Der Beginn war ful­mi­nant, ein Augen­zeu­ge berich­te­te in der bün­di­schen Zeit­schrift der eis­bre­cher: »Wo blie­ben die Nero­ther? Grad woll­te man zum Mah­le schrei­ten, da pas­sier­te es: Landsknechts­trommeln in der Fer­ne. Und näher und näher wälz­te sich die Heer­schau. Fah­nen so groß, so groß. Das Lager starr­te sie an: die Nero­ther. Ich wuß­te nicht, daß es so vie­le sind. Und sie zogen durch die gan­ze Län­ge des Lagers, da ihr Platz tat­säch­lich im hin­ters­ten Eck lag. Zum Schluß der Kreis, der rie­sen­gro­ße, und dann das Bun­des­lied: Hor­ri­doh!! Beb­te die Erde? Nein. Aber gekonnt hät­te sie es leicht. Mein Abend­brot hat­te ich ver­ges­sen. Faszination!«

Es blieb der letz­te gro­ße Auf­tritt bei einem über­bün­di­schen Tref­fen. Die Nero­ther nah­men weder an den Meiß­ner­la­gern 1988 und 2013 noch am Jubi­lä­ums­tref­fen »40 Jah­re Allen­spa­cher Hof« 2017 teil, weil sie nicht Teil einer staat­lich finan­zier­ten Jugend­pfle­ge sein woll­ten. FM rich­te­te nun sei­ne gan­ze Kraft als Bun­des­füh­rer in die Gestal­tung aben­teu­er­li­cher Schü­ler­groß­fahr­ten in die Wei­ten des mitt­le­ren Wes­tens von Ame­ri­ka, nach Alas­ka und Neu­me­xi­ko. Das west­li­che Ame­ri­ka wur­de ihm zur zwei­ten Hei­mat. Er schätz­te den länd­li­chen und offe­nen Men­schen­schlag, erkann­te aber auch früh die Deka­denz und die Pro­ble­me der Zivi­li­sa­ti­on, die in den USA zuta­ge tra­ten. Er präg­te eine aske­ti­sche Fahr­ten­pra­xis mit gerin­gem mate­ri­el­len Ein­satz, kar­ger Ver­pfle­gung und anspruchs­vol­len Stre­cken in unbe­rühr­ter Wild­nis. Mot­to: »Aus­hal­ten, haus­hal­ten, Maul halten!«

Ein unbe­nann­ter Berg in Alas­ka wur­de 1978 bestie­gen und Mount Oel­ber­mann getauft. Er wur­de zum Sehn­suchts­ziel beson­ders ver­we­ge­ner Nero­ther. Aben­teu­er­li­che Tramps auf Schif­fen, Schie­nen und Pneus mit ­Stre­cken von meh­re­ren hun­dert Mei­len wur­den bewäl­tigt. Die vie­len Post­kar­ten aus aller Welt von Nero­thern auf gro­ßer Fahrt, die FM auf der Burg erreich­ten, waren bered­tes Zeug­nis der Fahr­ten­sehn­sucht, die er in die Her­zen der Jun­gen gepflanzt hat­te. Par­al­lel dazu trieb er den Burg­bau vor­an. Als Auto­di­dakt im Bau­we­sen erwarb er Kennt­nis­se im Tro­cken­mau­ern und ver­knüpf­te die Visio­nen des Burg­bau­meis­ters Karl Busch­hü­ter mit sei­nen bau­lich-ästhe­ti­schen Vor­stel­lun­gen, die stark von Paul Schmit­t­hen­ner beein­flußt waren.

Dies fand sei­nen Nie­der­schlag in den Burg­ge­bäu­den, die unter sei­ner Ägi­de ent­stan­den. Nach­dem der jahr­zehn­te­lan­ge juris­ti­sche Streit um das Eigen­tum des Gelän­des ober­halb der Burg durch Nie­der­tracht, Tücke und Lüge ver­lo­ren gegan­gen war – das Gelän­de wur­de der Arbeits­ge­mein­schaft Burg Wal­deck zuge­schla­gen –, konn­te die Bas­ti­on der Burg­rui­ne erwor­ben wer­den, und dem Dienst­haus folg­ten wei­te­re Gebäu­de: das Tor­haus, die Jun­gen­blei­be und eine über­kon­fes­sio­nel­le Burg­ka­pel­le, die aus den mit­ge­brach­ten Stei­nen des Mont­sé­gur-Tramps errich­tet wurde.

Als 2008 die 1000 metal­le­nen Kreu­ze, wel­che als Zei­chen der Stein­pil­ger­schaft 1964 geprägt wor­den waren, zur Nei­ge gin­gen, ließ ich mich von einem befreun­de­ten Nero­ther vom Orden der Pach­an­ten über­re­den, gemein­sam die­sen Tramp von der Burg Wal­deck zur Mont­sé­gur und wie­der zurück anzu­ge­hen. Es wur­de eine unver­geß­li­che Fahrt, und als ich am Ende einen, in mei­nen Augen beträcht­li­chen Bro­cken bei FM ablie­fer­te, über­reich­te er mir das Katha­rer­kreuz mit den Wor­ten: »Man braucht auch klei­ne Stei­ne zum Bauen.«

Das jähr­li­che Bun­des­tref­fen über Pfings­ten fin­det nach wie vor im Her­zen Deutsch­lands in abge­schie­de­ner Natur statt und bie­tet den Jun­gen der ver­schie­de­nen Orden Begeg­nung und Aus­tausch. Zum Mitt­som­mer­fest auf Burg Wal­deck ver­sam­meln sich Alt­nero­ther und Freun­de des Bun­des. Unver­geß­lich sind FMs Feu­er­re­den zu die­sem Anlaß. Sei­ner lako­ni­schen Mah­nung, Foto­gra­fie­ren und tech­ni­sche Auf­zeich­nun­gen zu unter­las­sen, weil man sich damit des Gefühls des Augen­blicks berau­ben wür­de, folg­ten stets wohl­ge­füg­te Wor­te zum Selbst­ver­ständ­nis des Nero­ther Bun­des, das Bekennt­nis, als Wan­der­vo­gel die kul­tu­rel­le Zuge­hö­rig­keit zum deut­schen Volk zu mani­fes­tie­ren, und der Auf­ruf an die Alt­nero­ther, durch Unter­stüt­zung des ver­mö­gen­tra­gen­den Ver­eins ihrem Jugend­er­leb­nis Dank zu sagen.

FM lob­te sel­ten und wenn, dann über Drit­te. Ein Nero­ther sag­te mal zu mei­ner stil­len Freu­de: »FM meint, du wärst in Ord­nung. Dir geht es um Deutsch­land.« Als Radio­hö­rer und Zei­tungs­le­ser beklag­te FM den Sprach­ver­fall die­ser Medi­en. Anfäng­lich ver­such­te er, mit Leser­brie­fen ent­ge­gen­zu­wir­ken, spä­ter las er selbst mit Vor­lie­be Leser­brie­fe, die er oft über dem Niveau der redak­tio­nel­len Bei­trä­ge ver­or­te­te. Ich besuch­te ihn ein- bis zwei­mal im Jahr, zum Geburts­tag und zu Weih­nach­ten sand­te ich Brief- und Paket­grü­ße, die immer post­wen­dend mit selbst­ge­fer­tig­ten Bild­kar­ten beant­wor­tet wurden.

In den letz­ten Jah­ren konn­ten enge Mit­strei­ter eine gewis­se Alters­mil­de bei ihm fest­stel­len. Hat­te er sich in jun­gen Jah­ren den Ruf des »Groß­in­qui­si­tors« erar­bei­tet, lag der Schwer­punkt sei­nes Wir­kens nun in der freund­schaft­li­chen Für­sor­ge um den ein­zel­nen und sei­ne Cha­rak­ter- und Her­zens­bil­dung sowie in der For­mung eines huma­nen und red­li­chen Men­schen. Zu sei­nem letz­ten gro­ßen Vor­trag im Novem­ber 2022 kamen Nero­ther aus ganz Deutsch­land nach Mart­in­feld ins Thü­rin­gi­sche, um ihren Bun­des­füh­rer bei sei­nem mit His­tör­chen gespick­ten Vor­trag zu erle­ben und anschlie­ßend bis weit nach Mit­ter­nacht gemein­sam ihre Lie­der zu singen.

Im Dezem­ber 2022 erschien, nach 25jähriger War­te­zeit, die Bun­des­zeit­schrift Herold (Nr. 16) – vie­le Jah­re ange­kün­digt und nun end­lich voll­endet. Die Nach­richt von sei­nem Tod kam über­ra­schend. Im Rund­brief zum Jah­res­wech­sel deu­te­te nichts dar­auf hin. Die Betrof­fen­heit war groß. Die von FM gepräg­ten Nero­ther gestal­te­ten eine Beer­di­gung, die einen tie­fen Ein­druck hin­ter­ließ. Unter gro­ßer Anteil­nah­me wur­de er auf dem Fried­hof Dor­wei­ler im Huns­rück bei­gesetzt, wo auch die Bun­des­grün­der ihre letz­te Ruhe­stät­te haben. Der amtie­ren­de Kanz­ler des Nero­ther Wan­der­vo­gels, ­Sacha Bau­sti­an, sprach am Grab von der laut FM wich­tigs­ten Eigen­schaft eines Nero­thers: dem Humor, der die Skur­ri­li­tät des Lebens und manch Ver­schro­ben­heit der Men­schen als Tei­le des Daseins begreift und jeder Situa­ti­on etwas abge­win­nen kann. Bau­sti­an ende­te mit einem Gedicht, das FM anläß­lich sei­nes 70. Geburts­ta­ges bewußt in Form der Knit­tel­ver­se geschrie­ben hat­te und das ihn tref­fend beschreibt.

Der neu­ge­wähl­te Bun­des­füh­rer ist pro­mo­vier­ter Aka­de­mi­ker und aus­ge­wie­se­ner Ken­ner japa­ni­scher Kul­tur. Damit kann die Traditions­linie von den rhei­ni­schen Dra­go­nern über den aske­ti­schen Preu­ßen mit einem kon­tem­pla­ti­ven Samu­rai fort­ge­schrie­ben wer­den. Dar­auf ein kräf­ti­ges Horridoh!

 

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