Cancel Culture: Die Leute haben so einen Schiß!

Suhrkamp-Autor Adrian Daub, vielzitiert (Cancel Culture Transfer, Rezension siehe Sezession 116) behauptet, so etwas gäbe es überhaupt nicht. Cancel Culture sei ein Gerücht! Wenn überhaupt je „gecancelt“ würde, dann träfe es nur diese ganz wenigen, die es echt verdienten.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Daubs Buch ist natür­lich Sei­te für Sei­te ein Offen­ba­rungs­eid. Es ist (auch durch sei­ne auf­ge­bläht-hoh­le „Aka­de­mi­ker­spra­che”) ein for­mi­da­bles Mus­ter­bei­spiel für das, was man „Geschwur­bel“ nen­nen sollte.

Denn logisch wird hier und heu­te per­ma­nent gecan­celt! Wie­vie­le Kon­ten des demo­kra­tie­freund­li­chen, gewalt­lo­sen Mar­tin Sell­ner wur­den mitt­ler­wei­le gekün­digt?  Paa­rund­sieb­zig, sämt­lich begründungslos.

Der Punkt ist: die Can­cel­be­ses­se­nen schie­ßen sich längst per­ma­nent ins eige­ne Bein! Über­deut­lich wur­de das ver­mut­lich beim Kampf der „Quee­ren“ gegen die „nur“ Homosexuellen.

Jeder wird es mit­be­kom­men haben: Wer als Lesbe/Schwuler nicht akzep­tiert, daß eine soge­nann­te Trans­frau (mit selbst­ge­zeug­ten Kin­dern, mit Hoden, mit männ­li­chem Namen im Per­so­nal­aus­weis) eine „ech­te Frau“ sein soll , wird über­aus rüde ange­gan­gen. Er oder sie ern­tet Shit­s­torms. Das ist für ein Indi­vi­du­um nicht nichts. Eine Frau wie Ali­ce Schwar­zer hält das natür­lich locker aus. Die ande­ren (meist) lin­ken Leu­te sind es aber nicht gewohnt, im Kreuz­feu­er zu stehen.

Wir Rech­ten dür­fen uns end­lich mal ent­span­nen und zuschau­en! Wir ken­nen es aus dem eff­eff, daß man uns schmäht. Wir haben mitt­ler­wei­le eine dicke Haut, was kann man uns schon anha­ben? Im Gegen­teil: Es nutzt uns ja nur. Wir muß­ten das Opfer­n­ar­ra­tiv nie bedie­nen, und doch wur­de zig­tau­send Leu­ten klar, daß wir es sind, die den Kopf hinhalten.

Im inner­lin­ken Dis­kurs ist es anders. Und das ist hoch­in­ter­es­sant. Die­se lin­ken Leu­te haben so einen Schiß!

Zwei aktu­el­le Bücher bestä­ti­gen das: Ein­mal der Roman Zei­ten der Lan­ge­wei­le einer Jen­ni­fer Becker, dane­ben der Essay Alles und nichts sagen der umstrit­te­nen Vor­zei­ge­intel­lek­tu­el­len Eva Menasse.

Begin­nen wir mit Becker, wobei ich die­sen „Roman“ auf­grund sei­ner aus­ge­stell­ten „Sex-Posi­ti­vi­ty“ und sei­ner Por­no-Sequen­zen lie­ber nicht emp­feh­len möch­te. Die „Wichs“-Szenen hier haben mich gelin­de geekelt.  Hier schreibt ein „Ich“, das ein­fach alles durch­hat – alles, was an Kon­sum mög­lich ist.

Das Erzäh­le­rin-Ich, und das ist der Plan des Romans, möch­te sich ganz und gar aus dem Netz löschen. Aus Angst vor Ver­fol­gung. Die­ses Vor­ha­ben stellt sich als hoch­kom­pli­ziert her­aus. Denn etli­che Web-Admi­nis­tra­to­ren reagie­ren ein­fach nicht auf ihre Löschungs­bit­ten. Die Erzäh­le­rin wird panisch ver­folgt von dem Gedan­ken, daß einer ihrer alten Tex­te, in dem sie asia­ti­sche Ste­reo­ty­pe (der Nor­mal­le­ser denkt: völ­lig nor­mal, sehr harm­los) bedien­te, wei­ter­hin online (natür­lich auf einem Forum namens Clit­lit) abruf­bar sei.

Was ich vor allem woll­te: die fun­da­men­ta­le Angst los­zu­wer­den, gecan­celt zu wer­den. Für irgend­was, was ich ein­mal getan oder gesagt hat­te, oder ein­mal tun oder sagen wür­de. Ich hat­te das Gefühl, dass mei­ne öffent­li­che Bloß­stel­lung nur noch eine Fra­ge der Zeit war. Ich war weder berühmt, noch hat­te ich irgend­ei­ne ande­re gesell­schaft­li­che Rele­vanz. Per­sön­li­che Momen­te des öffent­li­chen Ruhms bschränk­ten sich auf einen Insta­gram-Post von einer Stu­die­ren­den, der viral geteilt wur­de, weil ich Bücher von J.K. Row­ling wegen ihrer TERF-Ideo­lo­gie aus einem Semi­nar für fan­tas­ti­sche Lite­ra­tur ver­bannt hatte. (…)

Fakt war: nie­mand wuss­te, zu wel­chem Zeit­punkt ver­schie­de­ne Daten und Infos von mir oder über mich zu einem Ball des öffent­li­chen Inter­es­ses zusam­men­schmel­zen könn­ten und ich in einem digi­ta­len Infer­no gelyncht wer­den würde.

Es war die Angst vor Kon­troll­ver­lust, die Angst vor dem Urteil der ande­ren. Die Angst ver­folg­te mich wie eine Droh­ne, faust­groß, mit fein­haa­ri­gen Anten­nen und syn­the­ti­schen Tast­or­ga­nen, egal wohin ich ging oder wo ich mich aufhielt.

Ha! Wir müs­sen dabei kon­sta­tie­ren, daß wir es hier mit einer links­lin­ken Autorin zu tun haben. Sie ver­hakt sich dabei in ihrer Wort­wahl. Eine rela­tiv unbe­kann­te Autorin – wer kennt Jeni­fer Becker? – kann ja kaum „gecan­celt“ wer­den, oder? Auch nicht ihr Alter Ego Mila Mey­ring im Roman. Gemeint ist wohl die Furcht, Opfer einer Inter­net-Kam­pa­gne zu werden.

Die Angst, in den Sozia­len Medi­en oder auf Dating-Platt­for­men je mög­li­cher­wei­se etwas Inop­por­tu­nes, nicht Main­stream­för­mi­ges geäu­ßert zu haben, wächst sich bei der Prot­ago­nis­tin zur hel­len Panik aus. Sie zieht immer radi­ka­ler den Ste­cker, sie kün­digt letzt­lich auch ihre vie­len Strea­min­ga­bos und schafft ihr Smart­phone ab, sie flir­tet gar mit The­sen eines Ted Kac­zyn­ski und begibt sich inner­halb ihres smar­ten, coo­len, urba­nen Freun­des­krei­ses in eine schmerz­haf­te Außenseiterposition.

Was fängt man über­haupt mit sol­chen surf­frei­en Extra­stun­den an, die sich pro Woche rasch auf tau­sen­de Minu­ten sum­mie­ren? Das ist für Mila noch das gerings­te Pro­blem. (Natür­lich beginnt sie, Vul­ven zu malen, was sonst?)

Ihr Hor­ror ist, daß man sie outen könn­te. Sie wird schier erwürgt von dem Gedan­ken, daß man ihr „etwas anhän­gen“ könn­te. Irgend­wer in den USA hat sei­nen Job ver­lo­ren, weil der Cou­sin beim „Sturm auf das Kapi­tol“ zuge­gen war und weil sich der unbe­tei­lig­te Cou­sin nicht distan­zie­rend dazu geäu­ßert hat­te. Milas sozio­pho­bi­scher klei­ner Bru­der ist Impf­geg­ner – was, wenn das auf sie selbst zurück­fie­le?! Wäre es nicht der blan­ke Horror?

Blät­tern wir um zu Eva Men­as­se. Die (auf­grund ihrer Isra­el­kri­tik) seit je umstrit­te­ne Den­ke­rin hat mit Alles und nichts sagen einen wirk­lich ful­mi­nan­ten Essay­band zur „Digi­tal­mo­der­ne“ vor­ge­legt. Ihre Kri­tik am „digi­ta­len Urknall­cha­os“ fetzt ordent­lich rein. Sie beschreibt die Lawi­nen­haf­tig­keit des digi­ta­len Mas­sen­kon­sums mus­ter­gül­tig. Wie enor­me Emo­tio­nen seit­her viral um die Welt gehen, wie „das Inter­net“ zur bewußt­seins­ver­än­dern­den Dro­ge wur­de. Es dürf­te schwer zu wider­le­gen sein, daß vie­le Men­schen ihr Gerät län­ger anschau­en als irgend­ei­nen Artgenossen.

Wir haben ja alle ver­ges­sen, uns das bewußt­zu­ma­chen. Men­as­se ruft es zurück ins Gedächt­nis und schil­dert Gele­gen­hei­ten, wo sie selbst als „Use­rin“ Fakes auf den Leim ging. Sie wagt sich dabei sehr weit vor:

Um bloß nicht Anti­se­mit genannt zu wer­den, wür­den die meis­ten Deut­schen alles tun, also schwei­gen sie auch zu jedem Unsinn. Unbe­hag­lich und unklar beschämt hören sie den Kla­gen der Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten und den ande­ren Laut­spre­chern im Warn- und Betrof­fen­heits­busi­ness  zu, die per­ma­nent den Ein­druck erwe­cken, der Juden­hass stie­ge gera­de in exor­bi­tan­te Höhen an. Wer hier wider­spricht und ver­sucht, ein paar Din­ge in den rich­ti­gen Maß­stab zu rücken, wird min­des­tens auf die Sei­te der Anti­se­mi­tis­mus-Ver­harm­lo­ser gerückt.

Und nun schla­gen wir den Bogen zu Jeni­fer Becker: Wie Becker (anhand der Oma ihrer Prot­ago­nis­tin) beschreibt Men­as­se (anhand ihrer eige­nen Mut­ter), daß gera­de Älte­re und Grei­se eine gera­de­zu irra­tio­na­le Angst gegen­über „Com­pu­tern an sich“ hät­ten – und wie die­se Leu­te 75plus ande­rer­seits den Fakes und Phis­hings beson­ders auf den Leim gingen.

Auf­fäl­lig sind aber die gro­ßen Ängs­te der Gene­ra­ti­on nach mei­ner, Jahr­gän­ge also ab 1980. Sie sind von Anfang an viel kli­ma­be­sorg­ter, sie tren­nen sorg­fäl­ti­ger den Müll, sie neh­men selbst­ver­ständ­lich Rück­sicht auf sämt­li­che Min­der­hei­ten, sind sich ihrer Pri­vi­le­gi­en bewußt und inte­grie­ren flie­ßend alle neu­en Sprachregelungen.“

Aber:

Sie sind enor­men Ängs­ten vor Shit­s­torms und digi­ta­ler Dif­fa­mie­rung aus­ge­setzt. Ihre Ängs­te, sagen sie selbst, sei­en nicht irra­tio­nal, son­dern speis­ten sich aus Erfah­rung: ‘Wenn zehn Leu­te twit­tern, dass die NGO Sound­so transphob/antisemitisch/ ras­sis­tisch ist, dann haben wir wirk­lich ein Pro­blem’ – sol­che Sät­ze sagen sie, und manch­mal auch: ‘Die kön­nen uns fer­tig­ma­chen.´ Wenn man dann ant­wor­tet: Àber die NGO Sound­so ist doch nach­weis­lich nicht transphob/antisemitisch/rassistisch!’, dann schau­en sie sehr beküm­mert und sagen lei­se ‘Dar­um geht es nicht’.

Men­as­se sagt, sie sei bestürzt von der Ein­ge­schüch­tert­heit und Devot­heit die­ser Leu­te. Tja. Leu­te wie Men­as­se sind bestürzt, und Leu­te wie Jeni­fer Beckers Prot­ago­nis­ten haben schlicht­weg Angst. Angst, auch nur ein fal­sches Wort zu sagen, Angst davor,  gegen alle Wahr­schein­lich­keit falsch ein­ge­ord­net zu wer­den. Obwohl man doch das Gute will!

Noch ein Ein­schub aus dem aktu­el­len Essay des (Wagenknecht-)Linken Bernd Ste­ge­mann sei erlaubt. Mit sei­nem Büch­lein Iden­ti­täts­po­li­tik hat er einen Ein­wurf gewagt, der sich von vor­ne bis hin­ten gewa­schen hat!

Ziel der Can­cel Cul­tu­re ist es, das Kli­ma der Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ver­än­dern. Die freie Rede soll durch poli­tisch-mora­li­sche Regeln gesäu­bert wer­den. Im uni­ver­si­tä­ren Betrieb sind die Fol­gen der Can­cel Cul­tu­re all­täg­lich spür­bar. Nur eine woke Stim­me kann die Kom­mu­ni­ka­ti­on so ein­engen, dass all­ge­mei­ne Beklom­men­heit herrscht. Die Angst, an den Pran­ger der neu­en Moral gestellt zu wer­den und ein stig­ma­ti­sie­ren­des Eti­kett (Ras­sist, Alter wei­ßer Mann, Kli­ma­leug­ner, Coro­na­leug­ner, Russ­land­ver­ste­her etc.) umge­hängt zu bekom­men, lässt vie­le verstummen.

Die Macht der Can­cel Cul­tu­re zeigt sich weni­ger in der öffent­li­chen Viel­falt als in den ein­ge­heg­ten Räu­men von Uni­ver­si­tä­ten, Redak­tio­nen und kul­tu­rel­len Milieus. Dass oft schon eine empör­te Stim­me aus­reicht, um eine Grup­pe zum Ver­stum­men zu brin­gen, ist inzwi­schen ein häu­fi­ges Phä­no­men. Plötz­lich sit­zen Men­schen, die gera­de noch frei und kon­zen­triert gespro­chen haben, ein­ge­schüch­tert da, als wären sie Ange­klag­te, denen jedes Wort zum Ver­häng­nis wer­den kann.

Was soll man sagen? Es sind kei­ne ganz schlech­ten Vor­aus­set­zun­gen für uns. Die lin­ke Can­cel-Kul­tur erdros­selt sich selbst.  Es war vor­aus­zu­se­hen. Und das ist doch mal eine gute Nachricht.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (17)

kikl

9. Dezember 2023 14:28

Das haben Sie sehr schön geschrieben. Mich erinnert das an den alten Spruch: "die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder"
Die Feinde der Meinungsfreiheit fürchten jetzt, ihre Meinung zu sagen. So lange es nur die "Rechten" betraf, war "Cancel Culture" ihnen gerade recht. Ich kann da kein Mitleid empfinden, denn es geschieht diesen Linken gerade recht. Bemerkenswert ist diese Aussage: "Um bloß nicht Antisemit genannt zu werden, würden die meisten Deutschen alles tun, also schweigen sie auch zu jedem Unsinn." Wir alle wissen, dass es stimmt. Das Tabu ist so groß, dass es selbt ein Tabu ist, zu sagen, dass es ein Tabu ist. Wenn ein "Rechter" wie Martin Sellner es sagte, dann stünde der Verfassungsschutz wegen "Antisemitismus" vor der Tür.

Carsten Lucke

9. Dezember 2023 16:55

@ Laurenz, @ kikl
"Die Revolution frißt ihre Kinder." empfand ich schon immer als einen zumindest unlogischen Satz, auch wenn er u.a. von Büchner und nach der Wendezeit verwendet wurde. "Sie frißt ihre Eltern (Altvorderen)" müßte es doch heißen, oder?

Gleichhin : Dank für den feinen Artikel !

Ein Fremder aus Elea

9. Dezember 2023 18:35

Ach, iwo, das Ziel der Cancel-Culture ist offensichtlich, daß sich die Menschen eingestehen, daß es unverantwortlich ist, eigene Meinungen, welche nicht in einem Prozeß der Berücksichtigung verschiedener gesellschaftlicher Milieus gebildet wurden, wie ihn etwa die kommunistische Partei eines Landes organisiert, zu haben, nichts weiter als eine dumme, kindische Anmaßung, welche der wahren Zivilisiertheit im Wege steht.

Freier

9. Dezember 2023 19:29

Das meinte ich dann eigentlich mit der Aussage, die BRD wäre intellektuell tot.
Und sehr schön, wie es abseits blüht!

Umlautkombinat

9. Dezember 2023 19:32

@Carsten Lucke
 
Ich denke, die Formulierung geht tiefer. Klar, sind es auch die Ingangsetzer, die ueber den Jordan gehen. Die Revolution gebiert aber auch Leute, so wie den franzoesischen Anwalt, von dem dieser Spruch stammt.
 
Feministen verlieren gegen Transgender, die vielleicht einmal gegen Mohammedaner. Klassische Gruene, denen weiterhin jede gespritzte Tomate Koerperverletzung ist verlieren gegen aggressive Impfer, die sich den groessten Dreck spritzen lassen und das allen anderen ueberhelfen wollen. Letzteres ein Beispiel fuer die in diesen Entwicklungen immer auch als Regel sichtbaren sich exponentiell zuspitzenden inhaltlichen Absurditaeten, denn die zweite der o.g. Klientel war selbst einmal Teil der Ersten (und ist es zum ueberwiegenden Teil immer noch, mehr Dissonanz geht nicht!). Sie muesste nach Logik mit am lautesten gerade gegen diese spezielle Uebergriffigkeit auftreten. 
Wie unter Stalin werden die Absurditaeten letzlich immer schneller drehend eigentlich nicht vereinbare echte Antagonismen und die Genossen stehen jeden Tag vor der neuen Aufgabe um den Preis ihrer Unversehrtheit den Wind des Tages richtig zu interpretieren. 

Carsten Lucke

10. Dezember 2023 00:00

Gehört zwar nicht hierher - dennoch : Die Zeilen Ihres Mannes, die ich eben las, sind die erschütterndsten, wahrhaftigsten und berührendsten, welche mich je erreichten. Tiefste Verbundenheit mit dieser Haltung !

Fonce

10. Dezember 2023 00:36

Früher war das Verlagswesen die einzige Cancel Culture (im Sinne von Umerziehungszensur). Frau Menasse hat als Autorin dieser Verlage mit ihren blumigen Beschreibungen blendend in diese Culture hineingepasst. Natürlich ist Frau Menasse jetzt aufgebracht, weil ihre Wichtigkeit und Autorität als Autorin seit vollem Aufkommen des Internets (also ungefähr seit sie 40 ist) nicht mehr so zentral ist wie früher ohne Internet. 
Ich stelle mir zudem manchmal vor, was Louis-Ferdinand Céline über die Schriftstellerkarriere Frau Menasses denken würde.

ede

10. Dezember 2023 01:42

Phänomen sehr schön beschrieben. 
Umlaut hat im letzten Absatz "Wie unter Stalin..." die zutreffende historische Analogie angeführt. 
Es läuft darauf hinaus, dass die Herde nicht nur eng auf Wollfühlung in welche Richtung auch immer eilt (sie eilt immer und hat nie eine Vorstellung vom Ende des Wegs), sondern die Individuen verfallen auch noch in Gleichschritt. Spontanblöken irritiert und führt zu noch mehr Hektik. 
Ist das normal und gab's das schon immer? 
Ja schon. 
Die Autokorrektur läuft durch die kleinen Wunderbildschirme immer schneller und perfektionistischer. 
Geht's uns nicht auch so? Ich wollte nur noch, und auf die Schnelle, mal kurz in die Sezession rein gucken. Und schwupps ist es schon wieder mitten in der Nacht. 
 

RMH

10. Dezember 2023 09:37

Dieses Land braucht wieder Mut zur Anarchie. Und damit ist nicht die Anarchie gemeint, die wir uns über die ungeregelte Migration in Straßenzüge und Stadtviertel holen. Einfach auch einmal Sachverhalte, Dinge, Gegenden ungeregelt, unbeschrieben, unnormiert, un-EU-reguliert, un-genormausschusst, unbestuhlkreist, ohne Richtfunkmasten und Windspargel etc. lassen. 

Gracchus

10. Dezember 2023 16:11

Cancel Culture ist ein eigentümlicher Begriff. E. Henscheid hat mal ein Buch über "-kultur" gebracht. Mehrere hundert werden aufgezählt. Scheinbar alles kann zu "Kultur" werden. Gemeint ist wohl Pflege oder Kultivierung bestimmter Verhaltensweisen, wie eben die des Cancelns, was es schon "immer" gab, seit dem Internet aber zugenommen hat (vielleicht exemplarisch für Schwarmintelligenz), wobei sich virtuelle und reale Realität vermischen. 
 
 

Gracchus

10. Dezember 2023 16:24

Womöglich durch das virtuelle, zudem das ideologische Element sind die moralischen Maßstäbe ziemlich verrutscht. Eine irgendwie rassistische bzw. so gedeutete Äußerung kann größere Empörung hervorrufen und sich als schlimmer darstellen als eine Körperverletzung oder gar ein Mord. Solche Taten, wie Körperverletzung bis hin zu Mord, zählen überhaupt nur, wenn sie aus der vermeintlich falschen ideologischen Gesinnung heraus begangen werden. 
 

ofeliaa

11. Dezember 2023 01:25

Jeder Mensch braucht einen Rückzugsort an dem er sein kann, wie er ist. Ich kann die Angst vor einem digitalen Shitstorm verstehen. Dadurch dass die digitalen Medien mittlerweile unser Leben 24/7 penetrieren, ist man nirgends mehr wirklich frei. Das Internet und das private Leben sind regelrecht ineinander übergegangen. Das nimmt einem auf Dauer das Sicherheitsgefühl (bewusst wie auch unbewusst) und es gibt auch Studien, die zeigen, dass der aktive Konsum (das heisst auch selbst etwas zu veröffentlichen/kreieren/zu teilen) ängstlich bis hin zu paranoid machen kann. Wir brauchen Räume in denen Menschen zur Ruhe kommen können. Es muss irgendwelche Räume geben, in denen Menschen, das was sie wirklich denken und das, was ihnen auf der Seele brennt, aussprechen können. Das ist im Übrigen meiner Meinung nach das größte Geschenk, das sich Menschen gegenseitig machen können. Wertfreien und sicheren Raum füreinander schaffen. 

Dieter Rose

11. Dezember 2023 08:44

@Carsten Lucke
Vollste Zustimmung - und mittun! (sh. Abendhymnos)

Laurenz

11. Dezember 2023 09:40

@Ofeliaa ... Es existiert kein sicherer Raum. Dieser existierte nie, für niemanden & niemandes. Castaneda schreibt, es ist immer Krieg. Wir nehmen ihn nur nicht immer wahr. Das Urvertrauen, welches Sie meinen, entsteht wenn, im Mutterleib & Kindheit an unbedingter Liebe der Eltern oder Großeltern. Auch das ist nicht jedem beschieden. @EK hat das aus unserer Sicht mit der Dicken Haut völlig korrekt beschrieben. Es gehört, wie der Tod, zum Leben dazu. Schon morgen kann die eigene Haltung, trotz Dicker Haut, das Leben kosten. Und? Don Juan sagt zu Castaneda: "Wie kann man für etwas leben, wenn man nicht bereit ist, dafür zu sterben"? Eingedenk dieser Logik wird klar, daß die Linke nicht für irgendwelche Inhalte lebt. Linke Inhalte sind nur aufgesetzt. Entweder kalkuliert aus niederen Beweggründen oder aus Dummheit.

RMH

11. Dezember 2023 15:28

und der nächste "Cancel"-Fall:
https://www.bild.de/unterhaltung/leute/leute/promi-big-brother-star-jeremy-fragrance-so-redet-er-seine-fotos-mit-rechtsextrem-86390048.bild.html
Kein Wunder, dass es ihn erwischt, ist er doch stets weiß gekleidet und Unternehmer.

Pferdefuss

11. Dezember 2023 17:49

Cancel culture - wieder mal ein aus dem Englischen eingedampfter Begriff, ein Etikett(enschwindel), ein Stempel - immaterielle Inquisition. - Was hält unsere Muttersprache für verwandte Wörter und Wendungen (aus beliebigen Herkunfts-/Synonymenwörterbüchern) für das Subjekt und das Objekt dieses Vorgangs bereit?
 
Eine Auswahl:
verdammen; auf jemanden einen Stein werfen; schuldig sprechen; für schuldig erklären; den Stab brechen; jemanden in Grund und Boden stampfen; verdonnern, abkanzeln; verwünschen, verfluchen; (im voraus) verurteilen, eine Gardinenpredigt halten; geringschätzen; verunglimpfen, diskreditieren, verteufeln, anschwärzen, in Misskredit/Verruf bringen; umg. heruntermachen, fertig/madig machen, kein gutes Haar lassen, in den Dreck ziehen/treten, verdächtigen, keinen guten Faden lassen, mit Dreck bewerfen, besudeln, verleumden, diffamieren, anschwärzen, Rufmord, schlehtmachen, herabwürdigen, beleidigen... das Wortfeld Cancel culture ist riesengroß!   

Kurativ

12. Dezember 2023 21:07

Den Begriff der Inquisition und seine Ableitungen finde ich am besten. Die Bestrafungen ("gesellschaftliche Folter") ist das derzeit maximal mögliche.
Bemerkenswert ist, dass das die jeweiligen aktuellen Kriterien für ein inquisitorisches Vorgehen über die Zeit nicht gleich bleiben, sondern sich immer weiter verschärfen müssen. Sonst wird es langweilig. Und da sieht man auch den Hintergrung: Die Auslebung von Hass, Gewalt und Vernichtung als Reaktion auf das eigene erlebte Unvermögen gegenüber den Widerfahrnissen der Realwelt.