Lesen, Lernen, Schauen: Weihnachtsempfehlungen, Teil II

Nach Ellen Kositza, die hier ihre drei Weihnachtsempfehlungen aussprach, bin nun ich an der Reihe. Ich beschränke mich in diesem Jahr auf zwei Bücher:

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Lesen und Schauen

Ich nen­ne inzwi­schen eine klei­ne Samm­lung von vor­kon­zi­lia­ren deut­schen Bibel­über­set­zun­gen mein Eigen: die­je­ni­gen von Riessler/Storr und von Pius Parsch, die „Pattloch“-Bibel (Hamp/Stenzel/Kürzinger) und die alte Her­der-Bibel. Die vier­tau­send Sei­ten star­ke Allio­li-Über­set­zung habe ich nur in digi­ta­ler Form auf­grund des stol­zen Preises.

Alex­an­der Zwett­lers Über­set­zung des Neu­en Tes­ta­ments taug­te mir bis­her hap­tisch am meis­ten: auch von der Ein­band­far­be her ein ech­ter Zie­gel, 60-er-Jah­re-Schrift­ty­pe und klu­ge Fuß­no­ten. Doch auch die­ses gute Stück krankt trotz knapp vor­kon­zi­lia­rem Erschei­nungs­da­tum leicht an Modernismus.

Und nun hat der Sar­to-Ver­lag im letz­ten Jahr etwas Wun­der­ba­res getan: die Schöningh’sche Bibel neu her­aus­ge­ge­ben! Die­se Über­set­zung, die in den 30er und 40er Jah­ren die kirch­li­che Druck­erlaub­nis erhal­ten hat (1936 für die Über­set­zung des AT durch P. Dr. Eugen Hen­ne und 1946 für die Über­set­zung des NT durch P. Dr. Kon­stan­tin Rösch) und seit­dem in meh­re­ren Auf­la­gen im Schö­ningh-Ver­lag erschie­nen ist, war ewig vergriffen.

Der Sar­to-Ver­lag hat alle Mühe wal­ten las­sen, das Hei­li­ge auch in einer Gestal­tung dar­zu­bie­ten, die auf alle drei See­len­ver­mö­gen des Lesers wir­ken kann. Der Ver­stand (auf der Suche nach dem Wah­ren) sucht nach Erläu­te­run­gen sol­cher Bibel­stel­len, die sich ihm – oft ganz allein­ge­las­sen, unge­schult und anfäl­lig für aktua­li­sie­ren­des „Beweis­stü­cke­sam­meln“ – nicht von selbst erschlie­ßen kön­nen. Ihm sind die alten, nun neu durch­ge­se­he­nen Fuß­no­ten da oft Gold wert.

Ich kann allein noch so sehr „die Bibel lesen wol­len“, es geht nicht ohne kun­di­ge Füh­rung bei der Suche nach dem Guten. Die Wahl einer geeig­ne­ten Aus­ga­be (mög­lichst unver­fälscht und unmo­der­ni­siert, dabei lai­en­taug­lich und in geschlif­fe­nem, nur leicht aus der Zeit gefal­le­nem Deutsch) ist schon ein­mal das ers­te Gelän­der, zu dem der Leser dank­bar grei­fen kann. Sodann benö­tigt er beim Lesen selbst Glie­de­rung und Struk­tur, die in der vor­lie­gen­den neu­en „Schöningh“-Bibel durch kar­di­nal­ro­te Zwi­schen­über­schrif­ten in Groß­buch­sta­ben  und äußerst über­sicht­li­chem zwei­spal­ti­gem Satz gebo­ten werden.

Der Wil­le zum Lesen und „Dran­blei­ben“ braucht aber bei uns, die wir leicht ablenk­ba­re Sin­nen­we­sen sind, nun ein­mal noch ein zusätz­li­ches Motiv, und das ist die Suche nach dem Schö­nen. Und wie die hier belohnt wird! Die 120 Illus­tra­tio­nen sind kei­ne gerin­ge­ren als die berühm­ten Sti­che von Paul Gust­ave Doré (1832–1883).

Wür­de man sei­nen Kin­dern erlau­ben, die­se Bibel durch­zu­blät­tern, sie wür­den sich wohl für immer die­se Bil­der mer­ken. Daß man aber ihnen bes­ser lie­be­voll etwas vor­blät­tert, ver­steht sich von selbst, sobald man das Dünn­druck­pa­pier, den rund­um­lau­fen­den Gold­schnitt und das Gewicht in Hän­den hält. Der fes­te, aber nicht har­te Balacron-Umschlag ist wein­rot und zeigt vorn ein ein­ge­präg­tes sti­li­sier­tes Kreuz.

In jedem Fall lehrt mich die­se glei­cher­ma­ßen wah­re, gute und schö­ne Bibel eines: wirk­lich ehr­fürch­ti­ges Lesen.

Die Hei­li­ge Schrift des Alten und Neu­en Tes­ta­ments, Sar­to 2022,  2.240 Sei­ten, 59€ – hier ein­se­hen und erwer­ben.

– – –

Ler­nen

Mein gan­zes Jahr stand im Zei­chen Ruß­lands. Die Tages­po­li­tik des Krie­ges war mir dabei stets nur Sym­ptom von etwas Grö­ße­rem, Älte­rem, Schwie­ri­ge­rem. Geo­po­li­tik und Geschich­te lie­gen so dazwi­schen, ich lern­te, Kon­tu­ren abzu­ste­cken, maß­zu­neh­men an nur schein­bar Über­wun­de­nem, die Zukunft Euro­pas pro­be­hal­ber „rus­sisch“ zu denken.

Inne­hal­ten las­sen hat mein tas­ten­des Den­ken dabei ein eigen­ar­ti­ges, fast kau­zi­ges Buch: Kon­stan­tin Leont­jews Der Durch­schnitt­s­eu­ro­pä­er: Ide­al und Werk­zeug uni­ver­sa­ler Zer­stö­rung. Zack, der Titel saß. Genau­so wie sein ter­mi­nus tech­ni­cus „sekun­dä­re sim­pli­fi­zie­ren­de Ver­mi­schung“ – die­ser klingt viel­leicht erst­mal recht sozio­lo­gisch, gibt aber mes­ser­scharf an, was das Urübel des seit zwei Jah­ren in den alter­na­ti­ven Medi­en so genann­ten „kol­lek­ti­ven Wes­tens“ ist. Der „ega­li­tär libe­ra­le Pro­zeß“ der Nivel­lie­rung ist auf einer abschüs­si­gen Zeit­ach­se unter­wegs seit der Fran­zö­si­schen Revolution.

Leont­jews Buch ist auch des­halb eigen­ar­tig, weil er im Grun­de lau­ter Bücher refe­riert, die er gele­sen hat. Die­se Vor­ge­hens­wei­se läßt schwe­re aka­de­mi­sche Drög­heit befürch­ten, was aber kei­nes­wegs der Fall ist, ein­fach des­halb, weil der Ver­fas­ser der­ar­tig sar­kas­tisch über all jenen Zeit­ge­nos­sen steht, die „über­aus zufrie­den mit der Tat­sa­che (sind), daß alles in eine Rich­tung geht, zum Mittelmaß“.

Sol­che Lek­tü­ren müs­sen wir west­li­chen Gegen­warts­be­woh­ner ja auch dau­ernd ertra­gen, gestei­gert noch durch den­sel­ben Tenor in den sozia­len und aso­zia­len Mas­sen­me­di­en. Leont­jew dazu pas­send: „Ich wie­ge mich in der Hoff­nung, daß neue Gesell­schaf­ten zu dem Zweck ent­ste­hen wer­den, die geis­ti­ge Atmo­sphä­re zu rei­ni­gen, einer Art phi­lo­so­phisch-ästhe­ti­scher Zen­sur, die eher ein grau­sa­mes Buch (zur streng begrenz­ten Ver­brei­tung) erlau­ben wird, als ein farb- und charakterloses.“

Wir ste­hen nun zwi­schen die­sen bei­den asia­ti­schen Wel­ten, zwi­schen den grau­sam-eta­tis­ti­schen Rie­sen Chi­na und dem tief mys­ti­schen Unge­heu­er Indi­en einer­seits und der wach­sen­den Hydra der kom­mu­nis­ti­schen Rebel­li­on im Wes­ten, jenem zwei­fels­oh­ne ‚ver­faul­ten‘ Wes­ten, der aller­dings noch über­aus imstan­de ist, uns anzu­ste­cken und vie­les mit sei­nen Kon­vul­sio­nen der Ago­nie kaputtzumachen…

Die­se Zeit­dia­gno­se stell­te Kon­stan­tin Niko­la­je­witsch Leont­jew im Jah­re 1912. Woher nahm er die pro­phe­ti­sche Gabe? Ich den­ke, er brauch­te über­haupt kein Pro­phet zu sein, denn er hat­te die Gabe, Lini­en gedank­lich zu ver­län­gern – Lini­en, deren Ursprungs­punkt er in allen Wer­ken west­lich-libe­ra­ler Den­ker, deren er irgend­wie hab­haft wer­den konn­te, auf­ge­spürt hat. Intui­tiv ver­län­gert er die Lini­en weit über sei­ne Gegen­wart hin­aus, und wir Heu­ti­gen sehen, wohin sie füh­ren soll­ten: und kön­nen sie beim Lesen wie­der zurück­ge­hen bis zu Leont­jews punkt­ge­nau­er Dia­gno­se des „Durch­schnitt­s­eu­ro­pä­ers als Ide­al und Werk­zeug uni­ver­sa­ler Zerstörung“.

Der Karo­lin­ger Ver­lag hat­te den Durch­schnitt­s­eu­ro­pä­er bereits 2001 auf Deutsch in der Über­set­zung von Jurij Archipow her­aus­ge­bracht. Damals wur­de das Buch noch in der NZZ  und in der FAZ  bespro­chen. Die Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin Sig­rid Löff­ler reg­te die­se Neu­erschei­nung zu dem unver­ges­se­nen Ver­dikt an, Karo­lin­ger sei ein „Ver­lag für Dun­kel­män­ner“. In Zei­ten der can­cel cul­tu­re wer­den sol­che „Doku­men­te unge­zü­gel­ten reak­tio­nä­ren Den­kens, das jeg­li­che poli­ti­sche Kor­rekt­heit ver­mis­sen läßt“ (Felix Phil­ipp Ingold in der NZZ) wohl­weis­lich totgeschwiegen.

Die aktu­el­le, durch­ge­se­he­ne Aus­ga­be ist erwei­tert um einen zwei­ten Essay Leont­jews, näm­lich „Natio­nal­po­li­tik als Werk­zeug der Welt­re­vo­lu­ti­on“ (in einer hun­dert Jah­re alten Über­set­zung von Hans von Ehren­berg), den sich die Ver­tei­di­ger des Natio­nal­staats ein­mal neben­bei zu Gemü­te füh­ren soll­ten, um wenigs­tens zu ahnen, wem sie als Werk­zeug die­nen könn­ten. Viel­leicht etwas Grö­ße­rem, Älte­rem, Schwierigerem …

Kon­stan­tin Niko­la­je­witsch Leont­jew: Der Durch­schnitt­s­eu­ro­pä­er. Ide­al und Werk­zeug uni­ver­sa­ler Zer­stö­rung. Karo­lin­ger  2023, 168 Sei­ten, 18 € – hier bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (22)

Gracchus

28. November 2023 18:18

Wie der Zufall will, schaue ich mich derzeit auch nach Bibel-Übersetzungen um, speziell der Psalmen, und hatte just vorgestern nach der Allioli-Übersetzung gesucht, welche Robert Spaemann als unvergleichlich bezeichnet. Ich nutze ehrlich gesagt derzeit hauptsächlich die Luther-Übersetzung. Ob Modernismus ein Kriterium ist? Empörend finde ich jedenfalls, dass für das Stundengebet die Psalmen von den Gewaltphantasien bereinigt wurden, so in einem Kloster erlebt. 

Kommentar Sommerfeld: Modernismus ist ein Kriterium, wenn man veranschlagt, daß nicht erst eklatante revolutionäre Eingriffe wie "Gendersprache", "gerechte" oder "einfache" Sprache usw.hier zu Buche schlagen, sondern beispielsweise die "Einheitsübersetzung" den Hl. Paulus an "Brüder und Schwestern" schreiben läßt, Christus "Machttaten" statt "Wunder" vollbringt und die Evangelien laut Vorwort lange nach dem Jahre 70 n. Chr. von irgendwelchen Unbekannten niedergeschrieben und erst später den vier Evangelisten zugesprochen worden sind. Die auffälligste Veränderung in der neuen Einheitsübersetzung ist wohl, daß Gott nicht mehr "Jahwe" genannt wird, sondern "HERR" aus Respekt davor, daß im Judentum der Name Gottes nicht ausgesprochen werden darf.
Solche scheinbaren Details entgehen selbst vielen gläubigen Lesern, weil man logischerweise nicht ständig nur am Textvergleichen ist bei der Erbauungslektüre.

Maiordomus

28. November 2023 18:58

@Gracchus. Wollen Sie freie Brutalo-Übersetzungen der Psalmen, dann müssen Sie sich die ausgewählten Psalmenübersetzungen von Arnold Stadler anschaffen, mit grösstem Vergnügen zu lesen, im Kierkegaardschen Sinn ein Gott, der weder den Unfrommen noch erst recht den Frommen recht gibt. Das mit dem Modernismus meint wohl gemäss Sommerfeld vermutlich die Neigung, den Text für moderne sich aufgeklärt wähnende Leser und Hörer "geniessbar" zu machen, oder dann ideologisch anpassen, so wie bei Paulustexten, wo die Frau dem Manne statt gehorsam "partnerschaftlich zugeordnet" sein muss oder dergleichen.

Adler und Drache

28. November 2023 20:05

Jede Übersetzung hat zugleich Bedeutungsverlust und Bedeutungserweiterung zur Folge. Jede Übersetzung ist nur Annäherung. Das lässt sich nicht vermeiden, auch nicht, wenn man den "Urtext" liest - denn auch in diesem Fall muss man entscheiden, in welche Richtung man etwas verstehen will. Es schwingen immer viele Nuancen mit, die im Wort selbst liegen (vor allem das Griechische ist ja doch sehr schillernd), sich außerdem durch den Kontext und die "theologische Aufladung" ergeben. Wenn man "Wunder" mit "Machttat" wiedergibt, ist das nicht falsch, es ist Auswahl aus einem Spektrum. Auch Luther hat man ja Ungenauigkeit vorgeworfen, er legte Rechenschaft im sehr lesenswerten "Sendbrief vom Dolmetzschen" darüber ab. 
Das christliche Verständnis vom "Wort Gottes" schließt dieses Spektrum und diese Auswahl durchaus ein. "Wort Gottes" war vorrangig die Predigt, die lebendige Ansprache. Schon Paulus reagierte auf die allzu textfixierten Ausleger mit dem Diktum "Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig", und Luther nannte sie etwas herablassend "Buchstabilisten". Es verhält sich mit der Bibel eben anders als mit dem Koran, der nicht übersetzt werden darf. 
Auch möchte ich die Datierung der Evangelien verteidigen, es gibt dafür ausgezeichnete Gründe. Die "moderne" Exegese hat zu Ergebnissen geführt, die ich als zuverlässig erachte und hinter die ich guten Gewissens nicht zurückgehen würde.   

RMH

28. November 2023 20:39

"daß Gott nicht mehr "Jahwe" genannt wird, sondern "HERR" aus Respekt davor, daß im Judentum der Name Gottes nicht ausgesprochen werden darf."
Das ist nichts neues und der hebräische Urtext - der ja der Maßstab ist - gibt es ja eigentlich auch so vor, weil dort entweder kurz von JHWH oder Adonai (Herr) geschrieben werden soll (kann ich auch nur aus Sekundärquellen wiedergeben, da ich des Hebräischen nicht mächtig bin) - warum soll dann der Übersetzer auf einmal "Jahwe" ausschreiben? Das wäre dann ja auch wieder eine Art Anmaßung. Die im evangelikalen Bereich beliebten "Übersetzungen" in Form der sog. Schlachter und Elberfälder Bibeln machen das nach Überarbeitungen seit einiger Zeit genauso, wohl auch, weil das früher verwendete "Jehova" eine Fehlinterpretierung der hebräischen Schriften war. Im Grunde ein Streit um des Kaisers Bart. Da finde ich inhaltliche Korrekturen, wie sie @Gracchus nennt, schwerwiegender. Insgesamt ist meine häufigere Bibelleserei schon lange vorbei. Ertrage hier mit zunehmenden Alter nur das neue Testament und oute mich damit faktisch als "Antisemit" - so der neuere Vorwurf an Menschen, die ihren Glauben im wesentlichen auf das, was im neuen Testament steht, gründen. Der Tipp ist aber gut, da ich feststelle, dass wir eigentlich nur runtergeschrappte, alte Exemplare des "Buchs der Bücher" im Haushalt haben.

Adler und Drache

28. November 2023 21:53

Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort!Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,Ich muss es anders übersetzen,Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.Bedenke wohl die erste Zeile,Dass deine Feder sich nicht übereile!Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.Mir hilft der Geist! Auf einmal seh' ich RatUnd schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Gracchus

29. November 2023 00:45

@C. S., Modernismus
Also bei der Tradi-Gemeinde, zu der ich eine Zeitlang ging, sprach einer der dort zelebrierenden Priester, und zwar welcher wohl zum Sedisvakantismus neigte, immer von "Machttaten", wo ich, natürlich unwissenschaftlich, dachte,  von Wunder zu sprechen, sei schöner. Bei Robert Spaemann im Psalmen-Buch las ich, dass Papst Benedikt XVI die Verwendung von Jahwe, welche - so Spaemann - bei modernen Übersetzungen wieder verwendet werde, für den liturgischen Gebrauch verboten habe.
Überspitzt gesagt war mein Eindruck, dass der Begriff "Modernismus" in Tradi-Kreisen ungefähr so verwendet wird wie in linken Kreisen "Rassismus"; man kann eigentlich nicht nicht modernistisch sein. Die historisch-kritische Exegese habe ich bislang weitgehend ignoriert. Es ist ja auch nicht möglich, seinen Glauben auf Hypothesen zu stützen. Wenn ich lese, wer Telefon benutze, könne nicht an die biblischen Wunder glauben, vergeht mir schon alles. Der von @MD erwähnte Arnold Stadler lässt in dem Roman "Salvatore" auch gegen Bultmann wettern. 
 
 

Kommentar Sommerfeld: Modernismus ist, wenn die katholische Kirche protestantisch wird. Wenn also u.v.a. Bibelübersetungen und -kommentare das Imprimatur bekommen, die exegetisch, sprachlich/sprachhistorisch und didaktisch eigentlich "evangelisch" wirken wollen. Das ist seit dem II. Vatikanum so gut wie flächendeckend der Fall. Als protestantischer Leser findet man das naturgemäß nicht schlimm, eher im Gegenteil, als katholischer Leser sollte man es zumindest wissen und kritisch hinterfragen. Ich halte mich daher an vorkonziliare Bibeln und sonstige Bücher, z.B. wärmstens zu empfehlen ist in diesem Sinne die Übertragung der "Nachfolge Christi" durch Johann Michael Sailer.

Gracchus

29. November 2023 01:04

@H. M. Richter, Maiordomus: Buber/Rosenzweig habe ich auch, muss ich mich erst einlesen. Der im Text erwähnte Hans v. Ehrenberg war mit Rosenzweig, meine ich, befreundet. Ich habe auch gerade Rosenzweigs Stern der Erlösung wieder gelesen; krasses Buch. 
Ausserdem habe ich noch ausgewählte Psalmen-Übersetzungen von Friedolin Stier, der Jahwe verwendet. Arnold Stadler ist vorgemerkt. 
Die Einheitsübersetzung finde ich halt sprachlich etwas farblos. 
 

Maiordomus

29. November 2023 09:42

@Gracchus. Fridolin Stier habe ich zur Blütezeit der Reinhold Schneider-Geselllschaft in Freiburg noch persönlich kennenlernen dürfen, also vor bald 50 Jahren,  er hatte als Redner und Vortragender das Auftreten eines Propheten. 

Adler und Drache

29. November 2023 09:54

zu Jahwe/Jehova:
Der alttestamentliche Text bestand ursprünglich nur aus Konsonanten, erst im 8.-10. Jhd wurden von den Masoreten unter den Konsonanten mit Hilfe von Punkten und Strichen Vokale eingetragen, um die überlieferte Aussprache zu sichern. (Der Text wurde laut gelesen oder gemurmelt, er war zum Hören bestimmt, beim Lesen hörte man sich also selbst zu.) Da es für Juden verboten ist, den Eigenname Gottes "Jahwe" auszusprechen, stattdessen "Elohim" ("Gottheit") zu sagen war, wurde JHW nicht mit den richtigen Vokalen, sondern mit denen für "Elohim" unterlegt. Also, geschrieben steht da nun wirklich "Jehova", gesagt wurde vom Vorleser "Elohim", gemeint aber "Jahwe". Was ist nun die "richtige" Variante? 
Buber/Rosenzweig halte ich für die sprachgewaltigste Übersetzung seit Luther. Wer etwas von der Fremdheit des AT erspüren will, ist damit gut beraten. 
@Gracchus: Die historisch-kritische Methode ist nicht dazu da, Glauben zu begründen, sondern Erkenntnisse zu gewinnen. Man kann, wie mit jedem Mittel, eine Menge Unsinn damit anstellen (was dann andererseits zur Ablehnung führt), aber für die ernsthafte Arbeit am Text ist sie unerlässlich. Man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. 

Monika

29. November 2023 10:36

@Adler und Drache
Es ist witzig, wie man hier immer wieder vom Hundersten ins Tausendste kommt. Der Theologe und ChinaMissionar Richard Wilhelm (1873-1930) übersetzt die berühmteste Schrift der chinesischen Weisheit, das TAO TE KING mit "Das Buch vom Sinn und Leben" . Das Wort TAO wird in europäischen Sprachen verschieden übersetzt (Gott, Weg, Wort, logos). Wilhlem wählt im Anschluß an die genannte Stelle in FAUST I , wo Faust sich an die Übersetzung des NT macht, die Bedeutung SINN für das Wort TAO. Im Anfang war der Sinn. Im chinesischen wir TAO mit Weg wiedergegeben. Das ergibt auch einen Sinn. 
Ein Übersetzung der Psalmen gibt es auch von Romano Guardini. Sie ist vor der Einheitsübersetzung entstanden und sollte den Text für gregorianische Gesänge singbar machen. Siehe auch Münterschwarzacher Psalter .

Kommentar Sommerfeld: Die Psalmenübersetzung von Guardini ist wirklich verehrungswürdig! Zum "Tao" wäre noch dieser anthroposophische, natürlich irgendwie ebenfalls den Begriff "vereinnahmende", kulturgeschichtlich hellsichtige, viele Zusammenhänge herausarbeitende Kommentar lesenswert.

Fortis fortuna adiuvat

29. November 2023 11:30

Nur eine nebensächliche Anmerkung: Konstantin Nikolajewitsch Leontjew lebte - nach diversen Quellen - von 1831 bis 1891. Die zitierte Zeitdiagnose aus dem Jahre 1912 scheint mir daher falsch datiert zu sein.
Frau Sommerfeld ist wie immer sehr inspirierend. Ich werde den "Durchschnittseuropäer" lesen!
 

Kommentar: Der erste Text in dem Band, eben der "Durchschnittseuropäer", ist ca. 1875 auf Russisch, 1912 auf Deutsch erschienen, der zweite Text nochmals zehn Jahre später in einem deutschsprachigen Sammelband. Danke für die Korrektur!

Gracchus

29. November 2023 21:03

@C.S. Die Guardini-Übersetzung habe ich mir nun bestellt. 
@Adler und Drache: Theologie im christlichen Sinne soll doch schon den Glauben begründen. Oder wie würden Sie Theologie definieren? Ich schütte ja nichts aus; wende mich nur gegen Bultmanns hermeneutischen Ansatz oder vergleichbare Ansätze, die des Glaubens liebstes Kind aufgrund ihrer Vorannahmen ausschließen. 

Adler und Drache

30. November 2023 09:46

@Gracchus
Ich verstehe Theologie als Reflexion des Glaubens. Die Orthodoxen würden mir da wahrscheinlich widersprechen, nicht ganz zu Unrecht: glaubensbegründend ist die Verkündigung des Evangeliums, die Predigt, die ja auch Theologie ist. 

Gracchus

30. November 2023 20:12

@C. S.: Ihren weiteren Modernismus-Kommentar habe ich erst jetzt gesehen. Natürlich sind protestantisierende Tendenzen hierzulande unverkennbar, worin ich einfach einen Glaubensverlust sehe, der bei den Evangelen anscheinend schneller voranschreitet. Der Modernismus-Begriff ist mir dennoch zu schwammig. Auch weiß ich nicht und bezweifle, ob die vorkonziliare Verklärung - eher die vor Vaticanum I? - berechtigt ist. Die Misere kommt daher, dass in der Neuzeit (Moderne) die Offenbarung vor das Tribunal des menschlichen Durchschnittsverstands gezerrt wird, der nur gelten lässt, worauf er auch ohne gekommen wäre; Gott hätte sich sozusagen sich zu offenbaren ersparen können. 
Daher @Adler und Drache: Theologie ist auch Reflexion, aber sie muss ja das Licht Christi reflektieren, nicht das wissenschaftliche Funzeln. Oder anders: Es ist so, als würde der Mond behaupten, die Sonne empfange sein Licht von ihm.

Gracchus

30. November 2023 20:44

"Durchschnittsverstand" - vielleicht hängen ja beide Empfehlungen darin zusammen, dass Leontjews Durchschnittseuropäer seinen Durchschnittsverstand über die Offenbarung stellt. Es ist derselbe Verstand, der Paulus auf dem Aeropag entgegenschlägt, als er den Athenern, nachdem er ihnen goldene Brücken gebaut hat, die leibliche Auferstehung verkündet; das will man nicht hören. Es ist also nichts Neues unter der Sonne; neu ist nur, dass sich dieser Verstand als neu und aufgeklärt aufspielt und sich wissenschaftlich verbrämt, besser gesagt immunisiert. 
Die dt. Rechtsprechung kennt übrigens auch den Durchschnittsverbraucher, sie hat ihn ersonnen - und, ihr zufolge muss dieser Durchschnittsverbraucher schwachsinnig sein. 
 

Adler und Drache

1. Dezember 2023 09:40

@Gracchus: Die Methodik ist rational, und das ist nichts modernistisches, so haben ja auch die Apologeten oder Thomas von Aquin gearbeitet. Die Reflexion soll den Glauben vor dem Verstand verantworten. Ich halte das schon für wichtig.   

Heinrich Loewe

4. Dezember 2023 11:49

Liebe Frau Sommerfeld, Ihre Empfehlungen gefallen mir bisher am Besten! Weil sie auf-den-Punkt sind; keine Ablenkungen, Nebensächlich- oder Drittrangigkeiten. Wir sind hier jeden Tag im Überlebenskampf, im Westen (um das andere K-Wort zu vermeiden...).
Ohne aktiven Wieder-Anschluß an unser 2000jährige spirituelles Erbe als Grundlage, was nun mal das traditionelle Christentum in seiner katholischen Form ist - ohne Neu-Evangelisierung- wird es nicht gehen. Das ist meine tiefste Überzeugung.

fw87

5. Dezember 2023 17:13

Die Anschaffung einer vorkonziliaren Bibelübersetzung lohnt in jedem Fall.
Persönlich finde ich die Übersetzung von Josef Kürzinger am besten. Ich habe mir sagen lassen, dass diese auch nach heutigen Maßstäben wissenschaftlich im Grunde am besten ist. In jedem Fall sind dort die Anmerkungen sehr einfach und gut verständlich gehalten, sie helfen sehr bei den Fragen, die beim Lesen ganz automatisch auftauchen. Bei der Einheitsübersetzung sind die Anmerkungen oft eher nichtssagend oder werden an entscheidenden Stellen sogar ganz weggelassen.
Auch zu empfehlen sind natürlich die vorkonzilaren Katechismen (Den Katechismus von Basel kann man frei herunterladen z.B). Gerade heute ist es besonders wichtig, den Glauben klar und unverwässert kennenzulernen. Wer genauer wissen will, was Modernismus ist,  dem kann man die Enzyklika "Pascendi" von Pius X. empfehlen, da wird das systematisch entfaltet. Allein schon die Einleitung ist hoch interessant und aufschlussreich.

zeitschnur

6. Dezember 2023 10:01

Im Grunde ist @Adler und Drache rechtzugeben: Übersetzungen weisen immer Tendenzen auf, ohne deswegen gleich als falsch eingestuft werden zu müssen. Mir erscheint die große Argumentationslinie im Artikel bzgl der Bibelübersetzungen zu eng geführt zu werden und damit zugleich auch zu vage zu sein angesichts des literargeschichtlichen Befundes: 
Mal ganz böse gefragt: Hat denn Hieronymus den Begriff JHWH stehen gelassen?! Fragen wir noch böser: Warum taucht der Begriff JHWH (wie er ausgesprochen wird, steht auf einem ganz anderen Blatt!) nicht einmal mehr im NT auf?! War das etwa auch schon "modernistisch"?
Und was genau ist "Modernismus"?
Den Begriff hat der voreingenommene Pius X. eingeführt und damit pauschal alles und jedes gemeint, das sich irgendwie für das öffnet, was von Pius IX. und seinem rabiaten Jesuitenkurs abweicht. Er unterstellte dabei stets innere Leere und bloßes Neu-Herum-Tun-Wollen. Die Tradis haben sich ja inzwischen derart verstrickt in diesen Antimodernismus-Wahn, dass manche selbst ihr Idol, den Sarto-Papst des Modernismus verdächtigen (von wegen "participatio actuoso" ...).

zeitschnur

6. Dezember 2023 10:21

Wer sich eingehend mit dem Modernismus befassen will bzw der Hetzkampagne gegen alle möglichen theologischen Einwände gegen die "Cancel-Culture" der pianischen Epoche", die mit Pius V. losging und mit allen üblen Tricks und Kniffen arbeitete, die wir heute sattsam von den selbsternannten "Eliten" mit ihren Konzernen, den mafiosen NGOs und den eingekauften Journalisten und Politikern kennen, dem seien folgende Literaturhinweise zum ausführlichen und ehrlichen Studium gegeben:
August Bernhard Hasler: Pius IX. (1846-1878), päpstliche Unfehlbarkeit und 1. Vatikanisches Konzil. Stuttgart 1977 (Hiersemann). In zwei Bänden, eine bestürzende Dokumentation über die katasirophalen Vorgänge vor, während und nach dem Vaticanum I
Otto Weiß: Der Modernismus in Deutschland Regensburg 1995 (Pustet)
Und einen Artikel von mir selbst: Ideologie des Traditionalismus und Sedisvakantismus (2016, Bloartikel). https://zeitschnur.blogspot.com/2016/09/ideologie-des-traditionalismus-und.html

zeitschnur

6. Dezember 2023 11:28

Korrektur: participatio actuosa - mit a natürlich ...Eingeführt von Pius X. in "Tra le sollicitudini" und fortgeführt vom Vaticanum II. Wichtig aber: Es waren nicht "Modernisten", die das ein halbes Jahrhundert vor dem Vaticanum II dann auch, teilweise mit Indulten, in Gestalt von "Gemeinschaftsmessen" durchführten, sondern ultramontan-integralistische Kreise wie zB der Bischof von Breslau. Sie führten die neuen Liturgien ein! Genau die antimodernistische Fraktion, die auch erst mal den großartigen Hitlerstaat begrüßte und durchaus faschistisch schwärmte, übrigens über Gestalten wie Benigni mit der pianischen Fraktion in Rom verbunden. Benigni, der von Benedikt XV. entlassen wurde, aber für Pius X. einen mehrbödigen Geheimdienst ("sodalitium pianum") aufgebaut hatte und später für die italienischen Faschisten wirkte ...
Nein, nein, man sollte der Propaganda der FSSPX mit einiger Distanz gegenüberstehen, denn sie sagen entweder nicht die Wahrheit, oder sie sind schlicht unwissend und plappern nur irgendwelche Vorurteile und alte Cancel-Culture-Parolen nach. Die Sachlage ist erheblich komplexer und oft geradezu umgekehrt, wie sie sie darstellen.

Kommentar Sommerfeld:
Ich schalte das frei, da auf der Ebene der Kirchen-/Institutionenkritik jede Meinung in den Ring geworfen werden sollte. Auf der Ebene des Glaubens und seiner menschenmöglichst treuen Überlieferung gehe ich fest davon aus, daß die FSSPX richtig handelt. Zu Pius XII. sind unlängst zwei Bücher erschienen, die am Mythos von "Hitlers Papst" gehörig rütteln, und zwar hier und hier.

FraAimerich

11. Dezember 2023 03:22

Hinter so mancher "Fehlinterpretierung" hebräischer Begriffe stehen vergessene "esoterische" Zusammenhänge. So birgt "Jehovah" (statt Jahwe) die Vokalreihe I-E-O-U-A als Hinweis auf die eigentliche Lautordnung bzw. deren "Zeugungsstufen" sowie den Schlüssel zur Deutung der "(Gottes-)Sohnschaft" des "Jehoshua".

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