Das Jahr 1923 und wir

PDF der Druckfassung aus Sezession 115/ August 2023

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Weil man nicht alles mit­ein­an­der ver­glei­chen darf, ist der his­to­ri­sche Ver­gleich in Deutsch­land eine heik­le Ange­le­gen­heit. Was Deut­sche ent­las­ten könn­te, ist »Rela­ti­vie­rung«, alles ande­re ist erlaubt.

Auf die­se Wei­se eig­net sich der his­to­ri­sche Ver­gleich, rich­tig ange­wen­det, beson­ders gut dazu, den poli­ti­schen Feind zu dis­kre­di­tie­ren. Feind ist heu­te jeder, der eine ande­re Ant­wort auf die aktu­el­len Pro­ble­me hat als das Estab­lish­ment. Das Ergeb­nis des Ver­gleichs lau­tet in der Regel: Wenn wir dem poli­ti­schen Feind nicht das Hand­werk legen, sind wir bald »wie­der soweit«.

Wir ste­hen also immer kurz vor dem Rück­fall in das Drit­te Reich. Die­se reflex­ar­ti­ge Fest­stel­lung kann sich auf eine bald acht­zig­jäh­ri­ge Kon­di­tio­nie­rung ver­las­sen. In Mit­tel­deutsch­land sind es erst 33 Jah­re, so daß die Refle­xe dort noch nicht so gut funk­tio­nie­ren, wie das in den alten Bun­des­län­dern, die von Anfang an der alli­ier­ten Umer­zie­hung unter­wor­fen waren, der Fall ist.

Der Hin­weis auf die­se Zeit­dif­fe­renz genügt eigent­lich, um die Unter­schie­de zwi­schen Ost und West zu erklä­ren. Nie­mand Gerin­ge­res als der His­to­ri­ker Hein­rich August Wink­ler hat­te die feh­len­de Indok­tri­na­ti­on durch das West­fern­se­hen dafür ver­ant­wort­lich gemacht, daß in Sach­sen die Pegi­da-Bewe­gung ent­stan­den sei. (1) Wir soll­ten uns von die­ser Ein­sicht auch nicht von einem bri­ti­schen His­to­ri­ker abbrin­gen las­sen, der die Ursa­chen für die­sen anti­west­li­chen Affekt bereits im zwölf­ten Jahr­hun­dert aus­ma­chen zu kön­nen glaubt und damit eine qua­si gene­ti­sche Dis­po­si­ti­on der Mit­tel­deut­schen zur AfD behaup­tet. (2)

Aber so ein­fach, wie Wink­ler und Hawes es sich machen, ist es selbst­ver­ständ­lich nicht. Wir kön­nen uns kei­nes­wegs sicher sein, daß der Poli­tik­wech­sel in den öst­li­chen ­Bun­des­län­dern ein Selbst­läu­fer ist. Wie die letz­ten 30 Jah­re gezeigt haben, braucht es auch hier die gra­vie­ren­den Feh­ler der ande­ren, damit sich »das Volk« nach ­Alter­na­ti­ven umzu­schau­en beginnt.

Es sind jedoch aus­ge­rech­net die­se Alter­na­ti­ven, die sich laut offi­zi­el­lem Geschichts­bild der Bun­des­re­pu­blik als Irr­weg erwie­sen haben und schuld am Drit­ten Reich und am Zwei­ten Welt­krieg sein sol­len. Das ist die übli­che Hin­ter­grund­mu­sik. Sie wird gegen­wär­tig dadurch ver­stärkt, daß wir uns im Jahr 2023 befin­den, also 100 Jah­re nach dem deut­schen Schick­sals­jahr von 1923 leben.

Die Wei­ma­rer Repu­blik stand damals kurz vor dem Kol­laps – was angeb­lich repu­blik­feind­li­chen Mäch­ten zu ver­dan­ken war. Schon im ver­gan­ge­nen Jahr haben die Ver­la­ge zu die­sem Jubi­lä­um ihre Bücher publi­ziert, und nicht zu früh: Denn das Jahr 1923 wur­de nicht erst am 9. Novem­ber, als Hit­lers Putsch­ver­such in Mün­chen schei­ter­te, zum dra­ma­ti­schen Jahr, son­dern bereits am 11. Janu­ar, als fran­zö­si­sche und bel­gi­sche Trup­pen das deut­sche Ruhr­ge­biet besetzten.

Auf den Klap­pen­tex­ten der Jubi­lä­ums­bü­cher ist der Ver­gleich der Gegen­wart mit 1923 all­ge­gen­wär­tig: Eine Zeit, heißt es da, »die unse­rer heu­ti­gen mehr gleicht, als es uns lieb ist«. (3) Oder: »Geschich­te eines Ver­trau­ens­ver­lusts, die in man­chem fatal an die Gegen­wart erin­nert.« (4) Und wei­ter: »Geschich­te die­ses Jahrs am Abgrund, das in man­chem auf fata­le Wei­se an die heu­ti­ge Gegen­wart erin­nert«. (5)

Ein biß­chen schnei­di­ger: »Die Wei­ma­rer Repu­blik wie­der­holt sich nicht, aber wer die digi­ta­len Bier­kel­ler der Gegen­wart ver­ste­hen will, wird aus dem Popu­lis­mus die­ser Zeit viel ler­nen.« (6) Und zuletzt geht es um die »Geschich­te die­ses deut­schen Schick­sals­jahrs, die nicht zuletzt auch ein Lehr­stück für die Gegen­wart ist.« (7) Die Ten­denz ist klar: 1923 ist eine War­nung für heu­te, 1923 kann sich jeder­zeit wie­der­ho­len, wenn wir nicht auf­pas­sen und uns nicht von den beru­fe­nen Mün­dern die Geschich­te erklä­ren lassen.

Was ist damals gesche­hen? War­um ist das Jahr so wich­tig und war­um soll es als unheil­vol­le War­nung für heu­te gel­ten? Das liegt, kurz gesagt, laut den Autoren der Bücher weni­ger an dem fran­zö­si­schen Ein­marsch in das Ruhr­ge­biet als an der deut­schen Reak­ti­on dar­auf, die letzt­lich Ursa­che für alles Fol­gen­de gewe­sen sei. Der Ein­marsch wur­de mit der deut­schen Wei­ge­rung begrün­det, den Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen der Alli­ier­ten in der gewünsch­ten Höhe nachzukommen.

Die Fran­zo­sen woll­ten die Ablie­fe­rung sicher­stel­len und ver­leg­ten dazu eine Inge­nieur­mis­si­on, geschützt von 100 000 Sol­da­ten, ins Ruhr­ge­biet, das zur ent­mi­li­ta­ri­sier­ten Zone gehör­te. Sie zog sich von Emme­rich bis Karls­ru­he beid­sei­tig des Rheins ent­lang. Die dar­an anschlie­ßen­den links­rhei­ni­schen Gebie­te waren ent­we­der bereits von den Alli­ier­ten besetzt, stan­den unter Ver­wal­tung des Völ­ker­bunds (Saar­land) oder waren bereits abge­trennt (Eupen-Mal­me­dy, Elsaß-Loth­rin­gen). Die Ruhr­be­set­zung betraf das Gebiet zwi­schen Essen und Dort­mund, war aber nicht die ers­te Beset­zung, die sich Frank­reich erlaub­te: Bereits 1921 hat­te man die Land­stri­che um Duis­burg, Düs­sel­dorf, Frank­furt und Darm­stadt zu Sank­ti­ons­ge­bie­ten erklärt und unter Kon­trol­le gebracht.

Die Vor­ge­schich­te die­ser Beset­zung fin­det in den genann­ten Büchern nicht die Beach­tung, die sie ver­dient. Es wird zwar auf die zähen Ver­hand­lun­gen zwi­schen Deutsch­land und den Alli­ier­ten wegen der Höhe der Repa­ra­tio­nen hin­ge­wie­sen, jedoch nicht auf die Ursa­che, das Dik­tat von Ver­sailles, in dem Deutsch­land die Allein­schuld am Ers­ten Welt­krieg und damit auch die ent­stan­de­nen Schä­den auf­ge­bür­det wur­den. Ohne die­sen Kne­bel­ver­trag, der unter den übli­chen Flos­keln von Selbst­be­stim­mung, Frei­heit und Demo­kra­tie zustan­de kam, wäre es nie zu der Eska­la­ti­on des Jah­res 1923 gekommen.

Mehr als in jedes der aktu­el­len Bücher lohnt sich ein Blick in Carl Schmitts Auf­satz­samm­lung Posi­tio­nen und Begrif­fe. Im Kampf mit Wei­mar – Genf – Ver­sailles, die erst­mals 1940 erschien. Dort sind zahl­rei­che Hin­wei­se zu fin­den, die von der heu­ti­gen Inter­pre­ta­ti­on völ­lig abwei­chen. Am 28. Juni 1919 wur­de nicht nur der Ver­sailler Ver­trag unter­zeich­net, son­dern auch das Rhein­lan­d­ab­kom­men, auf das die soge­nann­te ent­mi­li­ta­ri­sier­te Zone zurück­geht, die tat­säch­lich nur frei von deut­schem Mili­tär war, nicht aber von alliiertem.

Im Gegen­teil: Links des Rheins hiel­ten Fran­zo­sen, Bel­gi­er und Eng­län­der ihre jewei­li­gen Zonen besetzt. Damit hat­te man ein Druck­mit­tel für den Fall, daß die Deut­schen den For­de­run­gen nicht nach­kom­men wür­den. Das ein­zu­schät­zen oblag den Feind­mäch­ten, ins­be­son­de­re Frank­reich, das die­se Kon­stel­la­ti­on im Zusam­men­spiel mit dem Völ­ker­bund weid­lich aus­nutz­te. (8)

Carl Schmitt, der katho­li­sche Rhein­län­der, wur­de, so hat Gün­ter Maschke ein­mal fest­ge­stellt, durch die Okku­pa­ti­on von Rhein und Ruhr, die er als Pro­fes­sor in Bonn haut­nah mit­er­leb­te, zum deut­schen Natio­na­lis­ten. Von die­sem Erleb­nis führt ein gera­der Weg zum Begriff des Poli­ti­schen, einer Schrift, die mit der Freund-Feind-For­mel die Begriff­lich­kei­ten zum natio­na­len Wider­stand lie­fer­te. (9) Die ers­te Fas­sung des Begriffs des Poli­ti­schen fin­det sich in Posi­tio­nen und Begrif­fe, dar­über hin­aus ent­hält der Band aber eini­ge Auf­sät­ze, die sich ganz kon­kret mit der Situa­ti­on an Rhein und Ruhr beschäftigen.

Carl Schmitt ging es vor allem dar­um, den Ver­lust der Sou­ve­rä­ni­tät, der durch unter­schied­li­che Ver­trags­kon­struk­te ver­schlei­ert wur­de, auf­zu­zei­gen. »Die For­men und Metho­den, mit denen ein Land und Volk zum Objekt inter­na­tio­na­ler Poli­tik gemacht wird, haben sich […] gewan­delt und sind nicht mehr die­sel­ben wie im 19. Jahr­hun­dert.« (10) Denn im Gegen­satz zu damals wer­de seit 1919 die offe­ne poli­ti­sche Anne­xi­on oder Anglie­de­rung ver­mie­den, statt des­sen wer­de ein Sys­tem von Inter­ven­ti­ons­rech­ten geschaf­fen. Die Aus­deu­tun­gen der Ver­trä­ge und das Zusam­men­fal­len von Rich­ter und Anklä­ger in einer Feind­na­ti­on führ­ten zu einem »Abgrund an Unbe­stimmt­heit« auf Kos­ten Deutschlands.

Carl Schmitt sieht in der Neu­tra­li­sie­rung, die ja kei­ne ist, nur den Sinn, »alle Mög­lich­kei­ten der Ver­tei­di­gung zu besei­ti­gen und dadurch ein prä­de­sti­nier­tes Kriegs­ge­biet zu schaf­fen«, das den fran­zö­si­schen Trup­pen völ­lig wehr­los aus­ge­lie­fert sei und dazu die­ne, »14 Mil­lio­nen Deut­sche zu Opfern etwa­iger Kriegs­maß­nah­men und einer unge­heu­er­li­chen Art von Gei­seln zu machen«. (11)

Schmitt beob­ach­te­te schon damals bei eini­gen Deut­schen die Nei­gung, alles zu ver­su­chen, »um der poli­ti­schen Ent­schei­dung zu ent­wi­schen und sich in ein pro­blem­lo­ses, wehr­lo­ses, geschichts­lo­ses Glück hin­ein­zu­la­vie­ren«, etwa durch die »Poli­tik des toten Käfers«, des­sen ver­meint­li­cher Schutz in sei­ner Wehr­lo­sig­keit lie­ge, die aber oft nur dazu füh­re, daß der Käfer ein­fach zer­tre­ten wer­de. (12) Von hier aus gewinnt man eine ande­re Per­spek­ti­ve auf die Ereig­nis­se des Jah­res 1923, die es uns, von dort aus gese­hen, durch­aus erlau­ben, eini­ge Gemein­sam­kei­ten mit der Gegen­wart festzustellen:

 

1. die unaus­rott­ba­re Illu­si­on, daß die ande­ren Mäch­te ihre heh­ren Wor­te bezüg­lich Demo­kra­tie und Selbst­be­stim­mungs­recht ernst meinen;

2. die Ten­denz zur Ver­zwer­gung, wenn es dar­um geht, poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen zu treffen;

3. die ver­lo­re­ne Sou­ve­rä­ni­tät, die heu­te ähn­lich wie damals hin­ter Ver­trä­gen und Bünd­nis­sen ver­schlei­ert wird.

 

Neben die­sen all­ge­mei­nen Ein­sich­ten ist aber auch dar­an zu erin­nern, daß die Ruhr­be­set­zung kei­ne harm­lo­se Feld­dienst­übung oder rein sym­bo­li­schen Cha­rak­ters war, son­dern von den Deut­schen damals als unaus­ge­spro­che­ne Kriegs­er­klä­rung ver­stan­den wur­de. (13) Im Zuge der Ruhr­be­set­zung kam es zur Über­nah­me von Ver­wal­tung und Infra­struk­tur durch die Fran­zo­sen, zu Mas­sen­ver­haf­tun­gen und zur Aus­wei­sung von rund 150 000 Deut­schen, ins­be­son­de­re Beam­ten, die nicht mit der Besat­zungs­macht kooperierten.

Es gab an der Ruhr mehr als 200 Tote, gewalt­sa­me Plün­de­run­gen, offe­nen Ter­ror, zahl­rei­che Ver­ge­wal­ti­gun­gen und dra­ko­ni­sche Stra­fen für Wider­stands­kämp­fer. »Dies alles wird heu­te«, so Gün­ter Maschke, »en pas­sant behan­delt: Die Deut­schen ver­ges­sen gern ihre Lei­den, die deut­schen His­to­ri­ker igno­rie­ren sie, und das ›Welt­ge­wis­sen‹ inter­es­sier­te sich schon damals für die Lei­den der Deut­schen über­haupt nicht.« (14)

Die­se zwan­zig Jah­re alten Sät­ze haben nichts von ihrer Gül­tig­keit ver­lo­ren, wenn wir die aktu­el­len Ver­öf­fent­li­chun­gen zu den Ereig­nis­sen von 1923 durch­blät­tern. Der ein­zi­ge Autor, der vom deut­schen Leid etwas aus­führ­li­cher berich­tet, ist der iri­sche His­to­ri­ker Mark Jones, der den Ver­ge­wal­ti­gun­gen ein eige­nes Kapi­tel wid­met und nicht ver­schweigt, daß die­ser Ter­ror von den offi­zi­el­len Stel­len der Fran­zo­sen oft­mals noch befeu­ert wur­de, indem sol­che Ver­ge­hen kaum bestraft wur­den. (15)

Die deut­sche Reak­ti­on auf die Ruhr­be­set­zung bestand im Ruhr­kampf: Mit­tels pas­si­ven Wider­stands hoff­te man den Fran­zo­sen die Sinn­lo­sig­keit ihres Unter­fan­gens und der Welt die unge­rech­te Behand­lung Deutsch­lands vor Augen zu füh­ren. Tat­säch­lich beka­men die Fran­zo­sen jetzt weni­ger Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen als vor der Beset­zung. Aber deren eigent­li­ches Ziel war ja ein ande­res, näm­lich die dau­er­haf­te Kon­trol­le von Rhein und Ruhr, mit der die Fran­zo­sen ihre Ansprü­che für alle Zei­ten gel­tend machen woll­ten. Zu ver­hin­dern ver­moch­ten dies nur die Eng­län­der und die Ame­ri­ka­ner, die kein Inter­es­se an einem über­mäch­ti­gen Frank­reich haben konn­ten und nach eini­gen Mona­ten des Zau­derns ent­spre­chen­de Signa­le in Rich­tung Frank­reich schickten.

Das Pro­blem der Deut­schen war neben­bei fol­gen­des: Der pas­si­ve Wider­stand muß­te finan­ziert wer­den. Die Beam­ten, aber auch die strei­ken­den Arbei­ter muß­ten leben, die Infra­struk­tur wei­ter finan­ziert und die still­ste­hen­den Fabri­ken ent­schä­digt wer­den. Die Finan­zie­rung die­ses Wider­stands mit der Geld­pres­se führt uns zum zwei­ten Ereig­nis, das die­ses Jahr zu einem Syn­onym für den nahen­den Unter­gang macht: zur Hyper­in­fla­ti­on. Deren Vor­ge­schich­te läßt sich mit dem Buch von Vol­ker Ull­rich ganz gut nach­voll­zie­hen. (16)

Den Ers­ten Welt­krieg finan­zier­te Deutsch­land nicht durch Steu­er­erhö­hun­gen, son­dern durch inlän­di­sche Anlei­hen und durch eine locke­re Kre­dit­po­li­tik, so daß sich der Geld­um­lauf wäh­rend des Krie­ges ver­sechs­fach­te. Die Gesamt­ver­schul­dung des Rei­ches betrug bei Kriegs­en­de 156 Mil­li­ar­den Mark. Als Kriegs­ver­lie­rer konn­te man die­se Sum­me nie­man­dem in Rech­nung stel­len. Bis 1921 stie­gen die Schul­den um wei­te­re 100 Mil­li­ar­den Mark, weil man die locke­re Geld­po­li­tik fort­setz­te, um die Kriegs­fol­ge­kos­ten zu bewäl­ti­gen und die Arbei­ter mit Lohn­erhöhungen ruhig­zu­stel­len, damit nicht gleich Zwei­fel an der neu­en Demo­kra­tie wach­sen wür­den. Gleich­zei­tig begüns­tig­te die schwa­che Mark den Export, so daß Deutsch­land, anders als die ande­ren euro­päi­schen Natio­nen, nach dem Krieg zunächst kei­ne Rezes­si­on durch­ma­chen muß­te, son­dern einen klei­nen Auf­schwung erlebte.

Maß­stab für die Infla­ti­on war der Kurs der Mark zum Dol­lar, da die Mark kurz nach Kriegs­be­ginn von Gold ent­kop­pelt wor­den war. Aller­dings blieb die Gold­mark als Bezugs­grö­ße wei­ter­hin erhal­ten, auch wenn es sie nicht mehr gab. Vor dem Krieg muß­te man für einen Dol­lar 4,20 Mark bezah­len, im Mai 1919 13,50 Mark, im Febru­ar 1920 bereits 90 Mark. Dann sta­bi­li­sier­te sich der Kurs etwas und betrug im Juli 1920 nur noch 1 : 37,95.

Aber ab Mai 1921, nach Ver­öf­fent­li­chung der kon­kre­ten Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen also, fiel er unauf­halt­sam, und im Dezem­ber 1921 waren es bereits 217 Mark, die man für einen Dol­lar bezah­len muß­te. Spä­tes­tens nach dem Schei­tern der Kon­fe­renz von Genua im Mai 1922 fiel der Kurs immer stär­ker und schnel­ler, so daß im Novem­ber 1922 der Dol­lar fast 10.000 Mark kos­te­te. Der pas­si­ve Wider­stand führ­te dann zur Hyper­in­fla­ti­on. Ende Juli 1923 lag der Dol­lar bei einer Mil­li­on Mark, der Höhe­punkt war Ende Novem­ber 1923 erreicht, als der Dol­lar mehr als vier Bil­lio­nen Mark kostete.

Hin­ter die­sen absur­den Zah­len ver­birgt sich eine trau­ma­ti­sche Erfah­rung für wei­te Tei­le des deut­schen Vol­kes. Erspar­nis­se und Ren­ten­pen­sio­nen lös­ten sich in Luft auf, eine all­ge­mei­ne Ver­elen­dung setz­te ein, das Ver­trau­en, sich auch in Zukunft auf etwas ver­las­sen zu kön­nen, ver­schwand. Wer spar­te, konn­te sich auf ein­mal nichts mehr leis­ten, son­dern sein Geld ver­lor auch noch das weni­ge an Wert, das aktu­ell vor­han­den war.

Geld bestimm­te in einer nie dage­we­se­nen Wei­se den All­tag, das mora­li­sche Fun­da­ment begann deut­li­che Ris­se zu bekom­men. Alles das ist nicht nur in den Brie­fen und Tage­bü­chern der Zeit nach­zu­le­sen, son­dern auch in einem Roman wie Wolf unter Wöl­fen von Hans Fal­la­da, der von einer »zer­fal­len­den, irren, kran­ken Zeit« sprach. (17) Und bereits Tho­mas Mann sah rück­bli­ckend in der Hyper­in­fla­ti­on eine Ursa­che für die Ereig­nis­se des Jah­res 1933. (18)

Nutz­nie­ßer der Infla­ti­on waren, neben Immo­bi­li­en­be­sit­zern, die schlag­ar­tig ihre Schul­den los waren, Groß­un­ter­neh­men, die sagen­haf­te Kon­zer­ne zusam­men­kauf­ten, und Devi­sen­be­sit­zer, die sich alles leis­ten konn­ten, vor allem aber der Staat, des­sen Schul­den sich eben­falls gleich­sam in Luft auf­lös­ten. Die gesam­ten Kriegs­schul­den von 154 Mil­li­ar­den Mark belie­fen sich bei Ein­füh­rung der Ren­ten­mark am 15. Novem­ber 1923, mit der die Hyper­in­fla­ti­on bald been­det wur­de, auf eine Sum­me von ledig­lich 15,4 Pfennigen.

Es liegt nahe, daß die­se Erfah­rung nicht fol­gen­los blieb, was das Ver­trau­en in die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen betraf, von denen der Deut­sche tra­di­tio­nell die Garan­tie der Sta­bi­li­tät, wenn nicht des Fort­schritts erwar­te­te. Damit ist die drit­te Kri­se des Jah­res 1923 benannt: die Ver­trau­ens­kri­se in die Demo­kra­tie, die man von allen drei Kri­sen natür­lich am liebs­ten auf die heu­ti­gen Ver­hält­nis­se bezieht.

Die Ursa­chen die­ser Ver­trau­ens­kri­se sind bereits erwähnt wor­den: Der Ver­sailler Ver­trag und die Hyper­in­fla­ti­on waren Ursa­che und Aus­lö­ser zugleich. Die Kri­se zeig­te sich zunächst dar­in, daß im Reich kei­ne sta­bi­le Regie­rung mehr gebil­det wer­den konn­te, weil die soge­nann­te Wei­ma­rer Koali­ti­on aus SPD, katho­li­schem Zen­trum und links­li­be­ra­ler DDP kei­ne Mehr­heit im Par­la­ment mehr hat­te. Allein im Jahr 1923 gab es des­halb vier Kabi­net­te, ohne daß es zu Neu­wah­len gekom­men war, weil sich immer wie­der jemand fand, der den Auf­trag zur Regie­rungs­bil­dung annahm. Nicht nur die Ruhr­be­set­zung und die stei­gen­de Infla­ti­on sorg­ten für einen Ent­schei­dungs­druck, dem die Koali­tio­nen oft­mals nicht stand­hiel­ten, weil sie poli­tisch völ­lig ver­schie­de­ne Lösungs­kon­zep­te ver­tra­ten, son­dern auch die Ent­wick­lun­gen in ein­zel­nen deut­schen Ländern.

Dabei sind fol­gen­de Pro­ble­me zu unterscheiden:

 

1. rech­te Ver­su­che, durch einen Putsch die Macht­ver­hält­nis­se zu ver­än­dern, wie zum Bei­spiel der Küs­tri­ner Putsch der Schwar­zen Reichs­wehr am 1. Okto­ber oder Hit­lers Putsch am 9. Novem­ber in München;

2. sepa­ra­tis­ti­sche Bestre­bun­gen im Rhein­land, wo Abtrün­ni­ge Mor­gen­luft wit­ter­ten und die Anwe­sen­heit der Fran­zo­sen nutz­ten, um unter ande­rem am 21. / 22. Okto­ber die Rhei­ni­sche Repu­blik aus­zu­ru­fen (was Mit­te Novem­ber zur Schlacht am Sie­ben­ge­bir­ge führte);

3. kom­mu­nis­ti­sche Umsturz­ver­su­che, die sich die Not­la­ge zunut­ze machen woll­ten, um in Deutsch­land eine bol­sche­wis­ti­sche Revo­lu­ti­on her­bei­zu­füh­ren. Sicht­bars­ter Aus­druck war der Auf­stand in Ham­burg am 23. Okto­ber, aber auch die Regie­rungs­be­tei­li­gung der KPD in Sach­sen und Thü­rin­gen, die zur Reichs­exe­ku­ti­on und Abset­zung der Regie­run­gen führte.

 

Bereits am 27. Sep­tem­ber hat­te das Reich den Aus­nah­me­zu­stand erklärt, um damit auf den Son­der­weg in Bay­ern zu reagie­ren, wo nach Abbruch des Ruhr­kamp­fes Gus­tav von Kahr zum Gene­rals­staats­kom­mis­sar mit dik­ta­to­ri­schen Voll­mach­ten ernannt wor­den war. Von hier aus soll­te eine natio­na­le Dik­ta­tur in ganz Deutsch­land errich­tet wer­den, was auf­grund man­geln­der Unter­stüt­zung durch die Insti­tu­tio­nen des Rei­ches, anders als beim Kapp-Putsch 1920, nicht gelin­gen konn­te. Aller­dings gab es auch auf ande­rer Sei­te, unter ande­rem bei Gene­ral von Seeckt, Plä­ne, die demo­kra­ti­sche Ord­nung zumin­dest über­gangs­wei­se außer Kraft zu setzen.

Die­se fra­gi­le Situa­ti­on wird durch ein so merk­wür­di­ges Doku­ment wie die Rede von Karl Radek, (19) dem Sekre­tär für Deutsch­land im Exe­ku­tiv­ko­mi­tee der Kom­in­tern, beleuch­tet, die er im Juni 1923 auf Schla­ge­ter hielt. Albert Leo Schla­ge­ter war von den Fran­zo­sen als Wider­stands­kämp­fer hin­ge­rich­tet wor­den und galt seit­dem als Sym­bol für ein ande­res Deutsch­land, für eines, das sich nicht mit der Nie­der­la­ge und Ver­sailles abfin­den wollte.

Radek sprach vor sei­nen kom­mu­nis­ti­schen Genos­sen davon, daß die Genos­sen Schla­ge­ters in eine Ein­heits­front der Arbei­ten­den inte­griert wer­den müß­ten. Gemein­sam mit ihnen wol­le man für die Befrei­ung des Pro­le­ta­ri­ats kämp­fen, die iden­tisch mit der Frei­heit des gan­zen Vol­kes sei. So durch­sich­tig die Argu­men­ta­ti­on Radeks war, der den natio­na­len Impuls in den Dienst des kom­mu­nis­ti­schen Kamp­fes stel­len woll­te, so sehr zeigt die­ses Ange­bot, wie man die Lage einschätzte.

Kein Wun­der, daß die Repu­blik, vom Aus­nah­me­zu­stand bis zu Ermäch­ti­gungs­ge­set­zen und dem Ver­bot von KPD und NSDAP, alle Regis­ter zog, um Herr der Lage zu wer­den. Daß dies tat­säch­lich gelang, wird heu­te gern als das eigent­li­che Wun­der von 1923 bezeich­net. Damit soll die Wehr­haf­tig­keit einer Demo­kra­tie beschwo­ren und gleich­zei­tig unter­stri­chen wer­den, daß der Erhalt der demo­kra­ti­schen Ord­nung und die Ver­mei­dung des Bür­ger­kriegs alle Mit­tel recht­fer­ti­gen, damals wie heute.

Peter Lon­ge­rich fragt in sei­nem Buch nach Leh­ren aus dem Jahr 1923, die auf ande­re Fäl­le anwend­bar sei­en. (20) Er sieht zwei Erkennt­nis­se, die in Fra­ge kom­men (aus­drück­lich aber nicht die erfolg­rei­che Bewäl­ti­gung der Krise):

 

1. die Eigen­dy­na­mik und die Unbe­herrsch­bar­keit von Kri­sen durch das rela­tiv rasche Auf­bre­chen von Kon­flik­ten, ihre Zuspit­zung und Entladung;

2. die all­ge­mei­ne Erleich­te­rung, die nach der Kri­se mit der Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät ein­kehrt und die von den wei­ter­exis­tie­ren­den eigent­li­chen Kri­sen­ur­sa­chen ablen­ke und zu einer Sta­bi­li­täts­il­lu­si­on führe.

 

Dabei ver­steht Lon­ge­rich unter Kri­sen Pro­zes­se, die durch Stö­run­gen in einem zuvor funk­tio­nie­ren­den poli­tisch-sozia­len Sys­tem ent­ste­hen und die mit sys­tem­spe­zi­fi­schen Steue­rungs­ka­pa­zi­tä­ten nicht mehr über­wun­den wer­den kön­nen. Mit ande­ren Wor­ten, es han­delt sich um den Ernst­fall oder den Aus­nah­me­zu­stand, der so etwas wie der Lack­mus­test für ein poli­ti­sches Gemein­we­sen ist. (21) Inso­fern soll­te die Rech­te, die sich durch unan­ge­mes­se­ne Ver­glei­che nicht davon abhal­ten las­sen darf, das Rich­ti­ge zu tun, zumin­dest drei Leh­ren aus den Gescheh­nis­sen des Jah­res 1923 ziehen:

Eine kri­sen­haf­te Zuspit­zung ist noch kein Garant für einen poli­ti­schen Wan­del. Der muß erar­bei­tet werden.

Solan­ge das Estab­lish­ment in der Lage ist, an sei­ner rech­ten Alter­na­ti­ve eine Feind­mar­kie­rung vor­zu­neh­men, bestimmt es letzt­lich auch dar­über, was unter einem Ernst­fall zu ver­ste­hen ist.

Die immer wie­der ein­set­zen­de Sta­bi­li­täts­il­lu­si­on läßt den Wil­len zum poli­ti­schen Wan­del erlah­men; daher muß die­se Illu­si­on durch Ori­en­tie­rung an der Lösung zer­stört werden.

– – –

(1) – Vgl. Inter­view mit Hein­rich August Wink­ler: »Die Geschich­te des Wes­tens ist eine Geschich­te von Kämp­fen«, in: wiwo.de vom 25. Janu­ar 2015.

(2) – Vgl. Inter­view mit James Hawes: »Ich wür­de den Deut­schen raten, sich zu beru­hi­gen«, in: nzz.ch vom 2. Juli 2023.

(3) – Jut­ta Hof­fritz: Toten­tanz – 1923 und sei­ne Fol­gen, Ham­burg 2022.

(4) – Peter Lon­ge­rich: ­Außer Kon­trol­le. Deutsch­land 1923, Wien 2022.

(5) – Vol­ker Ull­rich: Deutsch­land 1923. Das Jahr am ­Abgrund, Mün­chen 2022.

(6) – Mark Jones: 1923. Ein deut­sches Trau­ma, aus dem Eng­li­schen von Nor­bert ­Jura­s­chitz, Ber­lin 2022.

(7) – Ralf Georg Reuth: 1923. Kampf um die Repu­blik, Mün­chen 2023.

(8) – Vgl. Carl Schmitt: »Völ­ker­recht­li­che Pro­ble­me im Rhein­ge­biet« (1928), in: ders.: Posi­tio­nen und ­Begrif­fe im Kampf mit ­Wei­mar – Genf – Ver­sailles, Ber­lin ³1994, S. 111 – 123, hier S. 115 f.

(9) – Vgl. Gün­ter Maschke: »Der ent-kon­kre­ti­sier­te Carl Schmitt und die Beset­zung der Rhein­lan­de«, in: Etap­pe XIX (2006/07).

(10) – Carl Schmitt: »Die Rhein­lan­de als Objekt inter­na­tio­na­ler Poli­tik« (1925), in: Posi­tio­nen und Begrif­fe, S. 29 – 37, hier S. 30.

(11) – Schmitt: Völ­ker­recht­li­che Pro­ble­me, S. 115.

(12) – Vgl. ebd., S. 121.

(13) – Vgl. Hän­de weg vom Ruhr­ge­biet! Die Ruhr­be­set­zung 1923 – 1925, Kata­log­buch zur gleich­na­mi­gen Aus­stel­lung im Ruhr Muse­um, hrsg. von Hein­rich Theo­dor Grüt­ter, Ingo Wut­t­ke und Andre­as Zol­per, Essen 2023. Der Kata­log ent­hält eini­ge Pla­ka­te und Flug­schrif­ten aus der Beset­zungs­zeit, die einen Ein­druck davon ver­mit­teln, wie grund­sätz­lich der Kampf geführt wurde.

(14) – Maschke: Der ent-kon­kre­ti­sier­te Carl Schmitt.

(15) – Vgl. Jones: 1923, S. 144 – 163.

(16) – Vgl. Ull­rich: Deutsch­land 1923, S. 71 – 104.

(17) – Hans Fal­la­da: Wolf unter Wöl­fen, Vor­wort, Bd. 1, Ber­lin 1937.

(18) – »Es geht ein gera­der Weg von dem Wahn­sinn der deut­schen Infla­ti­on zum Wahn­sinn des Drit­ten Reichs.« (Tho­mas Mann: »Erin­ne­run­gen aus der deut­schen Infla­ti­on« (1942), zit. nach: Ull­rich: Deutsch­land 1923, S. 351)

(19) – Vgl. Karl Radek: »Leo Schla­ge­ter, der Wan­de­rer ins Nichts« (Juni 1923), in: Herr­mann Weber (Hrsg.): Der deut­sche Kom­mu­nis­mus, Doku­men­te 1915 – 1945, Köln 1972, S. 142 – 147.

(20) – Vgl. Lon­ge­rich: Außer Kon­trol­le, S. 272 f.

(21) – »Sou­ve­rän ist, wer über den Aus­nah­me­zu­stand ent­schei­det.« (Carl Schmitt: Poli­ti­sche Theo­lo­gie. 4 Kapi­tel zur Leh­re von der ­Sou­ve­rä­ni­tät, Mün­chen 1922, S. 8)

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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