Mann und Frau und Sex

-- von Yves Strehler

PDF der Druckfassung aus Sezession 115/ August 2023

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The­ma die­ses Arti­kels ist das Ver­hält­nis zwi­schen den Geschlech­tern. Wenn dar­in von Abso­lu­tem die Rede ist, dann sind damit Ten­den­zen gemeint. Stün­de da etwa »Frau­en sind emo­tio­na­ler«, dann wäre damit »Frau­en sind ten­den­zi­ell emo­tio­na­ler« gemeint, denn selbst­ver­ständ­lich gibt es Ausnahmen.

I. Die Sexu­el­le Revolution

Die Sexu­el­le Revo­lu­ti­on, die in den 1960er Jah­ren ihren Anfang nahm und auch heu­te noch nicht abge­schlos­sen ist, hat desas­trö­se Aus­wir­kun­gen auf das Abend­land. Einer­seits ent­fal­tet sie ihre Wir­kung in den von rech­ter Sei­te typi­scher­wei­se kri­ti­sier­ten Phä­no­me­nen, also in der Zer­stö­rung der Fami­li­en, im »Femi­nis­mus« (dazu spä­ter mehr) und in der Trans­se­xua­li­tät. Ande­rer­seits ent­fal­tet sie ihre Wir­kung aber auch in Phä­no­me­nen, die von vie­len Rech­ten ent­we­der über­se­hen oder klein­ge­re­det wer­den, haupt­säch­lich im rabia­ten Coo­mer­tum (1), der Por­no­sucht, die allen­falls hin­sicht­lich ­ihrer nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf den Mann the­ma­ti­siert wird (man suche bei Goog­le bei­spiels­wei­se nach »No Nut Novem­ber«), und der Vergewaltigungsepidemie.

Ihren Ursprung hat die Sexu­el­le Revo­lu­ti­on in den Theo­rien von ­Wil­helm Reich, einem Kom­mu­nis­ten, der bereits in den frü­hen drei­ßi­ger Jah­ren in Deutsch­land die »Sex­pol« inner­halb der KPD grün­de­te, bevor er 1933 vor dem Natio­nal­so­zia­lis­mus nach Skan­di­na­vi­en floh und 1939 in die USA aus­wan­der­te. Reich zufol­ge sei­en die Abend­län­der sei­ner Zeit und der Ver­gan­gen­heit kol­lek­ti­ven Neu­ro­sen unter­wor­fen gewe­sen, die sich bil­de­ten, weil sie nicht genü­gend Geschlechts­ver­kehr in allen For­men hatten.

Wür­den sie sich hin­ge­gen sexu­ell »frei ent­fal­ten«, so könn­ten sie auch ihr krea­ti­ves und kul­tu­rel­les Poten­ti­al ent­wi­ckeln. Sein erklär­tes Ziel war es also, die­se Neu­ro­sen zu besei­ti­gen und zu einer »frei­en Gesell­schaft« zu gelan­gen, die einer sozia­lis­ti­schen Uto­pie ent­sprach – mit dem Zusatz, daß es in die­ser frei­en Gesell­schaft auch kei­ner­lei Sexu­al­mo­ral mehr geben wür­de, also jeder mit jedem und allem den Sexu­al­akt voll­zie­hen kön­ne und sol­le, solan­ge er zwang­los erfolge.

Wil­helm Reichs Men­tor Sig­mund Freud, von dem Reichs Prä­mis­sen stam­men, kam hin­ge­gen zu einem ande­ren Schluß: daß näm­lich nicht die Ent­fal­tung der Sexua­li­tät, son­dern ihre Unter­drü­ckung zu gro­ßen kul­tu­rel­len Errun­gen­schaf­ten füh­re. Er bezeich­ne­te die­ses Kon­zept als »Sub­li­mie­rung«. Für die Rich­tig­keit die­ser Theo­rie gibt es zumin­dest Indi­zen (2), eben­so für die Falsch­heit der Behaup­tung, sexu­el­le Ent­fal­tung füh­re zu Hoch­kul­tur (3) – man schaue sich den der­zei­ti­gen Zustand Deutsch­lands und des Abend­lands an und ver­glei­che ihn mit »prü­de­ren« Zei­ten. (4) Auch wer kei­ne Ahnung von der Geschich­te der Sexu­el­len Revo­lu­ti­on hat, wird begrei­fen, wel­che Sicht auf die Din­ge sich damals durch­ge­setzt hat (5): die Sicht von ­Wil­helm Reich.

Die Stich­wort­ge­ber der Sexu­el­len Revo­lu­ti­on waren Baby-Boo­mer, und am Anfang hat sie gebo­ten, was sie for­der­ten: frei­en Geschlechts­ver­kehr ohne Nach­tei­le. Der Grund dafür war jedoch, daß, wie auch auf ande­ren Fel­dern der 68er-Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, vom Bestand gezehrt wer­den konn­te. Heu­te ist die­ser Bestand auf­ge­braucht, die Gesell­schaft ist über­se­xua­li­siert, mit allen nega­ti­ven Fol­gen: Die Sub­li­mie­rung ist aus­ge­setzt, Ero­tik ist zur Sel­ten­heit gewor­den – eine Art gesamt­ge­sell­schaft­li­ches »Death Grip Syn­dro­me« hält Ein­zug  (6) –, und die Bezie­hung zur Sexua­li­tät dege­ne­riert immer wei­ter, mit offe­nen und ver­steck­ten Ver­ge­wal­ti­gun­gen, BDSM genannt (»Bon­da­ge, Disci­pli­ne, Sadism, Maso­chism«, bis zum Erfolg des Ver­kaufs­hits Fif­ty Shades of Grey als »Sado­ma­so­chis­mus« bekannt).

Die Sexu­el­le Revo­lu­ti­on hat wei­te Tei­le der Gesell­schaft erfaßt. Wer heu­te in den soge­nann­ten mitt­le­ren Jah­ren oder älter ist, macht sich viel­leicht kein Bild davon, wie es um das Sexu­al­ver­hal­ten heu­ti­ger Jugend­li­cher bestellt ist. Davon pro­fi­tie­ren weder Män­ner noch Frau­en – von Aus­nah­men abgesehen.

II. Sozio­se­xua­li­tät

 Bevor Lösungs­an­sät­ze zum Dilem­ma der Sexu­el­len Revo­lu­ti­on erar­bei­tet wer­den kön­nen, sol­len die Ver­hal­tens­un­ter­schie­de von Frau­en und Män­nern hin­sicht­lich der Sexua­li­tät beleuch­tet wer­den. Die Sozio­se­xua­li­tät ist ein guter Maß­stab dafür. Sie bezeich­net die Bereit­schaft, sich außer­halb ­einer fes­ten Bezie­hung sexu­ell zu betä­ti­gen. Sie unter­schei­det zwi­schen zwei Arten: »sozio­se­xu­ell unbe­schränkt« und »sozio­se­xu­ell beschränkt«. Sozio­se­xu­ell Unbe­schränk­te sind dabei eher bereit, soge­nann­ten casu­al sex zu haben, wäh­rend sozio­se­xu­ell Beschränk­te eher auf Bezie­hun­gen aus sind.

Die Sozio­se­xua­li­tät ist, als Spek­trum begrif­fen, nor­mal­ver­teilt. Bei Män­nern ist sie aller­dings stär­ker in Rich­tung »sozio­se­xu­ell unbe­schränkt« ver­scho­ben als bei Frau­en. Tat­säch­lich legen Stu­di­en nahe, daß die Sozio­sexualität einer der größ­ten psy­cho­lo­gi­schen Unter­schie­de zwi­schen den Geschlech­tern über­haupt ist. Män­ner haben danach im Schnitt öfter »unbe­schränk­te« Phan­ta­sien, wol­len öfter Geschlechts­ver­kehr mit Frem­den und möch­ten mög­lichst vie­le, ver­schie­de­ne Sexu­al­part­ner. Frau­en hin­ge­gen schei­nen sich eher zu den Män­nern sexu­ell hin­ge­zo­gen zu füh­len, die sie auch per­sön­lich bereits ken­nen. (7)

Die Ursa­che dafür ist in der Natur zu fin­den: Das allei­ni­ge Kri­te­ri­um, daß ein Lebe­we­sen evo­lu­tio­när erfolg­reich ist oder nicht, ist, ob es sei­nen gene­ti­schen Code an die Nach­welt wei­ter­ge­ge­ben hat, ob es sich also fort­ge­pflanzt hat. Men­schen waren und sind da kei­ne Ausnahme.

Frau­en tra­gen ein Kind neun Mona­te lang im Bauch und sind wäh­rend die­ser Zeit beson­ders anfäl­lig und ver­wund­bar. Es ist für sie also sinn­voll, sich einen Mann zu suchen, der sie wäh­rend die­ser Zeit ver­sorgt – und danach, zusam­men mit ihr, das Kind. Da Frau­en die­ser Art evo­lu­tio­när gese­hen erfolg­reich waren, hat sich die­ses Ver­hal­ten durch­ge­setzt. Des­halb sind Frau­en auf Bezie­hun­gen aus und inves­tie­ren auch emo­tio­nal in den Mann, mit dem sie den Sexu­al­akt voll­zie­hen. Zudem ist die Schwan­ger­schaft für eine Frau ein res­sour­cen­in­ten­si­ves Unter­neh­men, denn von Anfang an muß sie nicht nur sich selbst, son­dern auch das Kind ernäh­ren. Aus die­ser Gege­ben­heit resul­tiert die qua­li­ta­ti­ve Selek­ti­on des Part­ners und Vaters des zukünf­ti­gen Kin­des. Platt gespro­chen, muß es sich eine Frau »gut über­le­gen«, mit wel­chem Part­ner sie die­ses Unter­neh­men durchführt.

Die­se inhä­ren­ten Über­le­gun­gen und Risi­ko­ab­wä­gun­gen stel­len sich dem Mann beim Sexu­al­akt nicht. Sein Pro­blem ist der Kampf mit den Riva­len. Durch die Geschich­te hin­durch war es unter Män­nern durch­aus eine gewinn­brin­gen­de Stra­te­gie, so vie­le Frau­en wie mög­lich zu schwän­gern, sich aller­dings nicht an der Auf­zucht der Nach­kom­men zu betei­li­gen. (8) Des­halb sind Män­ner heu­te sozio­se­xu­ell unbe­schränk­ter und inves­tie­ren zudem auch emo­tio­nal weni­ger in Kin­der. Und des­halb fällt es Män­nern auch erheb­lich leich­ter, ihre »One Night Stand«-Partnerin zu ver­ges­sen als umge­kehrt. Die­se männ­li­che Sozio­se­xua­li­tät äußert sich im Nega­ti­ven in Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Ver­ge­wal­ti­gun­gen die­nen Män­nern der Trieb­be­frie­di­gung und gele­gent­lich der Machtdemonstration.

Im Abend­land des 21. Jahr­hun­derts, das geprägt ist durch die Sexu­el­le Revo­lu­ti­on, wird die unbe­schränk­te Sozio­se­xua­li­tät als Ide­al ange­se­hen, wäh­rend die beschränk­te Sozio­se­xua­li­tät als »demi­se­xu­ell« zu einer blo­ßen Alter­na­ti­ve unter vie­len her­ab­ge­wür­digt und als »ver­al­tet und ewig­gest­rig« ange­se­hen wird. Dem Wesen der unbe­schränk­ten Sozio­se­xua­li­tät nach kommt die­ser Umstand vor allem Män­nern zugu­te, die sich auf dem »Unbeschränkt«-Rand ihrer Nor­mal­ver­tei­lung ein­ord­nen las­sen, im Inter­net-Slang gespro­chen: Coomern.

Aber war­um gibt es dann »femi­nis­ti­sche Iko­nen« aus der Por­no­gra­phie oder ähn­li­chen Indus­trien, die Frau­en zu mehr casu­al sex raten? Maga­zi­ne wie Cos­mo­po­li­tan tun dies seit Jahr­zehn­ten, und immer­hin ist genau die­se Fra­ge Aus­gangs­punkt für einen Groß­teil der rech­ten Kri­tik am Feminismus.

III. Femi­nis­mus

Eine ein­fa­che Erklä­rung für die­sen Sach­ver­halt ist sicher, daß es immer schon auch sozio­se­xu­ell unbe­schränk­te Frau­en gab. Die­se hät­ten es heut­zu­ta­ge aller­dings genau­so­we­nig wie zu Zei­ten des Patri­ar­chats nötig, ihren Lebens­ent­wurf als gesell­schaft­li­che Norm durch­set­zen zu wol­len, weil ihnen das Wesen des Man­nes ohne­hin ent­ge­gen­kommt. Ver­mut­lich wür­de ihnen das sogar scha­den, weil sie dann eine grö­ße­re »Kon­kur­renz« hät­ten. (9)

Ein wei­te­rer Grund dafür ist, daß vie­le Femi­nis­tin­nen die Wer­te der Sexu­el­len Revo­lu­ti­on (die iro­ni­scher­wei­se von Män­nern aus­gin­gen) über­nom­men haben. Sie gehen davon aus, daß es nicht in der Natur des Man­nes lie­ge, zu ver­ge­wal­ti­gen, daß dies also nicht in ers­ter Linie sei­ner »Bedürf­nis­be­frie­di­gung« die­ne, son­dern daß Ver­ge­wal­ti­gun­gen ein rei­nes Macht­werk­zeug gegen die Frau und ihre Ver­wandt­schaft dar­stell­ten, also eine Aus­wir­kung des Patri­ar­chats sei. (10)

Auf­bau­end auf die­sem Pos­tu­lat und den ande­ren Annah­men der Sexu­el­len Revo­lu­ti­on, behaup­tet der Femi­nis­mus, daß der Aus­weg aus der Ver­ge­wal­ti­gungs­epi­de­mie nicht weni­ger sexu­el­le Frei­zü­gig­keit sei, son­dern mehr. Die Abschaf­fung des Patri­ar­chats wür­de Ver­ge­wal­ti­gung been­den. Die Kon­se­quen­ten unter ihnen set­zen das dann auch um, indem sie wil­lent­lich die Hook­up cul­tu­re (Sex ohne Bin­dung) aus­le­ben – oft­mals zu ihrem eige­nen Nach­teil (den sie sich natür­lich nicht eingestehen).

Die­se Aus­prä­gung könn­te als »libe­ra­ler Femi­nis­mus« bezeich­net wer­den. Es sind vor­wie­gend libe­ra­le Femi­nis­tin­nen, die das ver­blie­be­ne »Patri­ar­chat« abräu­men wol­len, um selbst den Sta­tus und die Ver­hal­tens­wei­se von Män­nern anzu­neh­men. (11) Im Gegen­satz dazu gibt es aller­dings auch »radi­ka­le Femi­nis­tin­nen«, die sich in der Regel kei­ne oder weni­ger gra­vie­ren­de Illu­sio­nen über das Wesen des Man­nes, der Frau und über die ­Sexu­el­le Revo­lu­ti­on machen. Das führt unter ande­rem dazu, daß sie Male-to-­fe­ma­le-Trans­se­xu­el­le als Coo­mer wahr­neh­men (was sie oft auch sind) – und als Angriff auf die Weib­lich­keit, die für sie einen inhä­ren­ten Wert hat und grund­ver­schie­den ist zur Männlichkeit.

Nicht umsonst steht das ­unter quee­ren Leu­ten heu­te so belieb­te Schmäh­wort »TERF« für »Trans-Exclu­sio­na­ry Radi­cal Femi­nism« und nicht für »Trans-Exclu­sio­na­ry ­Femi­nism /Liberal Femi­nism«. Für radi­ka­le Femi­nis­tin­nen liegt es nahe, daß Ver­ge­wal­ti­gun­gen außer der Unter­wer­fung der Frau auch der Trieb­be­frie­di­gung des Man­nes die­nen. (12) Die Demo­gra­phie der Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer lie­ße sich dadurch zumin­dest deut­lich glaub­wür­di­ger erklä­ren als durch die Theo­rien libe­ra­ler Femi­nis­tin­nen. Denn Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer sind zu rund 70 Pro­zent jun­ge Frau­en unter 35. (13)

Die Sexu­el­le Revo­lu­ti­on wur­de und wird von radi­ka­len Femi­nis­tin­nen folg­lich eben­so als nega­tiv bewer­tet (14) – wenn auch aus ande­ren Grün­den als denen, die die meis­ten Rech­ten anfüh­ren wür­den. Eine die­ser von radi­ka­len Femi­nis­tin­nen kri­ti­sier­ten Aus­wir­kun­gen ist es, daß nun­mehr gesell­schaft­lich von Frau­en erwar­tet wer­de, mit­tels Pil­le zu ver­hü­ten (obwohl der Gebrauch die Gesund­heit beein­träch­tigt) oder not­falls abzu­trei­ben: Der Mann habe kei­ne Ver­ant­wor­tung mehr für sein Ver­hal­ten. Ver­ge­wal­ti­gun­gen in der Ehe sei­en zwar weni­ger gewor­den, da sie nun straf­bar sind, aber dafür in ande­ren Berei­chen auf­ge­kom­men, die durch die Sexu­el­le Revo­lu­ti­on ermög­licht wur­den, kon­kret in den Berei­chen Por­no­gra­phie  (15) und BDSM.

In Anbe­tracht die­ser Tat­sa­chen ist es wenig ver­wun­der­lich, daß radi­ka­le Femi­nis­tin­nen mit­un­ter uto­pi­sche, neue Gesell­schafts­ent­wür­fe ent­wi­ckeln: zumeist Matri­ar­cha­te, in denen die Frau­en die gespie­gel­te Rol­le der Män­ner in Patri­ar­cha­ten ein­neh­men, in denen das Fami­li­en­er­be über die weib­li­che Linie läuft, Frau­en­ge­mein­schaf­ten die Kin­der umsor­gen und Män­ner im wesent­li­chen Beta-Pro­vi­der sind.

Frau­en, die sich im rech­ten Lager ein­fan­den, um »Schutz und Sicher­heit« zu suchen, weil sie dort klas­si­sche »Beschüt­zer« ver­mu­te­ten, und dann vom unter gera­de jun­gen rech­ten Män­nern ver­brei­te­ten Ver­hal­ten Frau­en gegen­über abge­sto­ßen wur­den, rut­schen teils in sol­che oder in ähn­li­che Krei­se. Die­se Matri­ar­chats-Uto­pien sind in zivi­li­sa­to­ri­schen Zei­ten nicht umsetz­bar. Ob eine sol­che Wunschwelt güns­tig wäre, bleibt frag­lich. Das gilt ande­rer­seits auch für Pro­phe­ti­en des Alpha-Män­ner­tums, wie sie sich in (zuge­ge­ben attrak­ti­ven) »Bron­ze Age«-Patriarchats-Utopien  (16) oder im Viri­li­täts­hype um Andrew Tate niederschlagen.

Mitt­ler­wei­le bil­den sich unter radi­ka­len Femi­nis­tin­nen auch Krei­se »kon­ser­va­ti­ver Femi­nis­tin­nen«. Die­se Femi­nis­tin­nen aner­ken­nen, daß nicht alle unter dem Patri­ar­chat geschaf­fe­nen Insti­tu­tio­nen schlecht sind oder aus­schließ­lich Män­nern zugu­te kom­men. Ein Bei­spiel dafür wäre die Ehe – ins­be­son­de­re, wenn sie mit dem Kon­zept »Sex nach / mit der Ehe oder zumin­dest lang­fris­ti­ger Bezie­hung« ver­knüpft ist. Das kann durch­aus als Femi­nis­mus bezeich­net wer­den, weil es die Inter­es­sen der Frau­en in den Mit­tel­punkt der Betrach­tun­gen rückt. Das kann außer­dem inso­fern als radi­kal bezeich­net wer­den, weil es an die Wur­zel der Din­ge geht und das Wesen des Men­schen (der Frau und des Man­nes) nicht ver­kennt, zumin­dest nicht so sehr wie der libe­ra­le Femi­nis­mus. Eine Ver­tre­te­rin die­ser Art des »Kon­ser­va­ti­ven Femi­nis­mus« ist die bri­ti­sche Autorin Loui­se Per­ry (The Case Against Sexu­al Revo­lu­ti­on, 2022).

Es ist davon aus­zu­ge­hen, daß ein »Kon­ser­va­ti­ver Femi­nis­mus« in nächs­ter Zeit unter Frau­en an Fahrt auf­nimmt. Das ist nicht zwangs­wei­se eine schlech­te Ent­wick­lung. Er könn­te abend­län­di­schen Frau­en eine authen­ti­sche Inter­es­sen­ver­tre­tung bie­ten und, auf­grund zahl­rei­cher Inter­es­sen­über­schnei­dun­gen, eine Ver­hand­lungs­ba­sis mit dem rech­ten Lager. Ein Bünd­nis mit dem »Kon­ser­va­ti­ven Femi­nis­mus« wäre kei­ne Quer­front, denn er wäre die weib­li­che Ver­si­on des rech­ten Lagers.

Mit ihrem Buch Guns n’ Rosé. Kon­ser­va­ti­ve Frau­en erobern die USA (2022) zei­gen sich die Autorin­nen Annett Mei­ritz und Julia­ne Schäub­le, die »Young Lea­ders« der Atlan­tik-Brü­cke sind, zu glei­chen Tei­len beein­druckt und besorgt über die­se Ent­wick­lung, die hier als »Kon­ser­va­ti­ver Femi­nis­mus« bezeich­net wird. Das Buch unter­sucht die­ses Phä­no­men anhand der USA. In Deutsch­land steckt es noch in den Kin­der­schu­hen. Aber alles, was im Herz­land der Pax Ame­ri­ca­na geschieht, hat die Ten­denz, auf sei­ne Pro­vin­zen über­zu­schwap­pen. Es gäbe schlech­te­re Entwicklungen.

– –

(1) –In der Inter­net-Spra­che ein Aus­druck für jun­ge Män­ner, die sex­be­ses­sen sind.

(2) – Vgl. Joseph D. Unwin: Sex and Cul­tu­re, Oxford et al. 1934.

(3) – Man muß anmer­ken, daß Reich unter »Hoch­kul­tur« sicher etwas ande­res ver­stand als Freud. Des einen Uto­pie ist eben des ande­ren Dystopie.

(4) –Den Höhe­punkt der durch sexu­el­le Unter­drü­ckung her­vor­ge­ru­fe­nen Neu­ro­sen stell­ten für Reich übri­gens die ver­schie­de­nen faschis­ti­schen Sys­te­me Euro­pas dar.

(5) – Klaus The­we­leits Werk Män­ner­phan­ta­sien (1977 / 78) gilt heu­te, gera­de in lin­ken Krei­sen, als Kon­sens. Autoren wie Mar­ga­re­te Sto­kow­ski wer­den nicht müde, die­se ihre Inspi­ra­ti­ons­quel­le über­all anzubringen.

(6) – Das »Death Grip Syn­dro­me« bezeich­net umgangs­sprach­lich den Ver­lust der sexu­el­len Befrie­di­gung, die ein Mann beim Geschlechts­ver­kehr mit einer Frau ver­spü­ren soll­te. Als Grund für die­sen Ver­lust wird ange­nom­men, daß sich der Mann durch exzes­si­ven Por­no­gra­phie­kon­sum über­sti­mu­liert hat und folg­lich abge­stumpft ist, so daß ihm der Ver­kehr mit einer »nor­ma­len« Frau nicht mehr genügt.

(7) – Vgl. Lars Pen­ke, Jens B. Asen­dorpf: »Bey­ond glo­bal socio­se­xu­al ori­en­ta­ti­ons: A more dif­fe­ren­tia­ted look at socio­se­xua­li­ty and its effects on court­ship and roman­tic rela­ti­onships«, in: Jour­nal of Per­so­na­li­ty and Social Psy­cho­lo­gy 95 (5), S. 1113 – 1135.

(8) – Das war vor allem in Afri­ka eine gewinn­brin­gen­de Stra­te­gie – und ist es auch heu­te noch.

(9) – Mög­li­cher­wei­se erklärt das auch das zumin­dest in der Wahr­neh­mung exis­ten­te Kli­schee der »Trad«-pick-me-Frau, die mehr sexu­el­le Part­ner hat­te als alle »Femi­nis­tin­nen« zusam­men – es gibt durch­aus Frau­en, die die männ­li­che Auf­merk­sam­keit genie­ßen, die sich auf sie kon­zen­triert, wenn sie »Man­gel­wa­re« sind.

(10) – Die­se Theo­rie stammt haupt­säch­lich aus dem Werk Against Our Will. Men, Women, and Rape (1975) von Sus­an Brown­mil­ler, einer ame­ri­ka­nisch-jüdi­schen Akti­vis­tin. Sie behaup­te­te, im Tier­reich gebe es kei­ne Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Die­se Behaup­tung ist fak­tisch falsch: Schim­pan­sen, Del­phi­ne und See­ot­ter sind Spe­zi­es, die ver­ge­wal­ti­gen. Brown­mil­ler ist neben­bei Vor­kämp­fe­rin für die Gleich­be­rech­ti­gung von Afro­ame­ri­ka­nern. Para­dox, wenn man bedenkt, daß Afro­ame­ri­ka­ner eine deut­lich höhe­re Ver­ge­walt­in­gungs­ra­te auf­wei­sen als Wei­ße – laut Brown­miller aber auch nur Resul­tat des »Patri­ar­chats« und der »ras­sis­ti­schen Unterdrückung«.

(11) – Des­halb gel­ten iro­ni­scher­wei­se gera­de die­je­ni­gen Frau­en als beson­ders »eman­zi­piert« bzw. »girlboss«-haft, die klas­sisch mas­ku­li­ne Wer­te ver­tre­ten und verkörpern.

(12) – Um die­se Theo­rie wie­der­um zu bewei­sen, beru­fen sie sich auf das Werk A Natu­ral Histo­ry of Rape (2000) von Ran­dy Thornhill, US-ame­ri­ka­ni­scher Evo­lu­ti­ons­bio­lo­ge, und Craig T. Pal­mer, US-ame­ri­ka­ni­scher Anthro­po­lo­ge. Im Werk wird die The­se auf­ge­stellt, Ver­ge­wal­ti­gung erfol­ge haupt­säch­lich aus Trieb­be­frie­dung und sei daher bio­lo­gisch im Mann ver­an­kert. Dem lin­ken Main­stream schmeck­te das Buch über­haupt nicht, wes­halb es zum Zeit­punkt sei­ner Ver­öf­fent­li­chung eine Kon­tro­ver­se aus­lös­te – schon ein­mal ein Hin­weis dar­auf, daß an der The­se etwas dran sein könnte.

(13) –Vgl. https://www.rainn.org/statistics/victims-sexual-violence

(14) – Man schaue sich zum Bei­spiel an, wie die Emma über die Sexu­el­le Revo­lu­ti­on berichtet.

(15) – Vgl. John D. Fou­bert: »The Public Health Harms of Por­no­gra­phy: The Brain, Erec­ti­le Dys­func­tion, and Sexu­al Vio­lence«, unter: www.researchgate.net

(16) – Bron­ze Age Per­vert (BAP) ist das Pseud­onym eines seit 2013 agie­ren­den und gera­de in rech­ten Krei­sen enorm reich­wei­ten­star­ken Autors, der nietz­schea­ni­sche Phi­lo­so­phie popu­la­ri­siert und einen ­hyper­männ­li­chen Kör­per­kult pflegt.

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