Lesen, Lernen, Schauen: Weihnachtsempfehlungen Teil V

In aller Kürze auch von mir Weihnachtsempfehlungen. Es handelt sich um Bücher, die nicht ganz in die vorgegebenen Kategorien passen. Aber bei allen lernt man etwas, wenn man sie liest.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Lesen I

Zu mei­ner Schan­de muß ich geste­hen, daß ich erst in die­sem Jahr ein Buch von Fritz Reu­ter (1810–1874) gele­sen habe. War­um ist das eine Schan­de? Weil zu mei­nen Vor­fah­ren Meck­len­bur­ger gehö­ren, deren Platt­deutsch Reu­ter in sei­nen Büchern ver­schrift­licht hat, und die außer­dem ganz in der Nähe der Fes­tung Dömitz wohn­ten, wo Reu­ter eini­ge Jah­re sei­ner Haft absaß. Die­se Fes­tungs­haft stell­te einen Gna­dener­weis dar, denn ursprüng­lich war Reu­ter als Mit­glied einer Bur­schen­schaft wegen Hoch­ver­rats zum Tode ver­ur­teilt worden.

Nach sei­ner Haft­ent­las­sung begann Reu­ter Mit­te der 1840er Jah­re zu schrei­ben, wur­de Mit­be­grün­der der nie­der­deut­schen Lite­ra­tur und einer der erfolg­reichs­ten Autoren sei­ner Zeit. Im Nie­der­deut­schen liegt die größ­te Hür­de, Fritz Reu­ter zu lesen, da es für Unkun­di­ge nur schwer ver­ständ­lich ist. Es gab zwar schon vor über 100 Jah­ren Über­set­zun­gen sei­ner Wer­ke ins Hoch­deut­sche, die mich aber, als mir eins in die Hän­de fiel, eher von der Lek­tü­re abschreckten.

Vor ca. 50 Jah­ren hat aber ein Enthu­si­ast, Fried­rich Mins­sen, gemein­sam mit sei­ner Frau die Haupt­wer­ke von Reu­ter so über­setzt, daß sie ein Lese­ver­gnü­gen sind. Glück­li­cher­wei­se hat der Manu­scip­tum-Ver­lag die Über­set­zung von Reu­ters Haupt­werk, erst­mals 1862 erschie­nen, in neu­er Auf­la­ge her­aus­ge­bracht, die zumin­dest bei mir dazu geführt hat, daß ich die­ses Werk mit gro­ßem Ver­gnü­gen gele­sen habe.

Reu­ter gilt zwar heu­te ledig­lich als Humo­rist, und er ver­fügt auch über einen men­schen­freund­li­chen Humor, aber er kann eben­so als Vor­läu­fer der gro­ßen Rea­lis­ten wie Fon­ta­ne oder Raa­be gel­ten. Der hoch­deut­sche Titel, Das Leben auf dem Lan­de, paßt daher auch viel bes­ser zu dem Buch als der ori­gi­na­le, Ut mine Stromt­id, was über­setzt soviel wie „aus mei­ner Zeit als land­wirt­schaft­li­cher Ele­ve“ bedeu­tet. Reu­ter kann­te das meck­len­bur­gi­sche Land­le­ben der 1840er Jah­re aus eige­ner Anschau­ung und kann die in dem Roman ver­sam­mel­ten Typen daher mit einer Lebens­nä­he aus­stat­ten, die sel­ten sein dürf­te. Die Haupt­fi­gur ist der „Ent­spek­ter“ Brä­sig, der als guter Geist die Hand­lung des Buches beglei­tet und mit allen Was­sern gewa­schen ist. Es geht um drei klei­ne Güter und die Lebens­schick­sa­le der dort leben­denden Men­schen, die Reu­ter zu einem groß­ar­ti­gen Roman verwebt.

Fritz Reu­ter: Das Leben auf dem Lan­de. Aus dem Platt­deut­schen über­tra­gen und mit Anmer­kun­gen ver­se­hen von Fried­rich und Bar­ba­ra Mins­sen, Lüding­hau­sen: Manu­scrip­tum 2022, 875 Sei­ten, 24 Euro – hier bestel­len.

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Lesen II

Dys­to­pien haben oft etwas Bemüh­tes, weil durch Bra­ve new world und 1984 die Lat­te so hoch gelegt wur­de, daß es kaum jeman­dem gelingt, sie zu über­sprin­gen. Das gelingt auch Tho­mas Eisin­ger mit sei­nem Roman Hin­ter der Zukunft nicht ganz. Es han­delt sich nicht um ganz gro­ße Lite­ra­tur, aber eine unbe­dingt lesens­wer­te und unter­halt­sa­me Anwen­dung des Gen­res auf die gegen­wär­tig gras­sie­ren­de Klimareligion.

Spä­tes­tens seit es „Kli­ma­leug­ner“ gibt, wis­sen wir, daß wir es dabei mit einer ernst­haf­ten Sache zu tun haben, und daß ihre Prot­ago­nis­ten so ziem­lich alles tun, um ihren Glau­ben an den men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del in den Stand einer unhin­ter­frag­ba­ren Wahr­heit zu heben. Und natür­lich gehört dazu, Ungläu­bi­ge aus der Gemein­schaft aus­zu­sto­ßen und sie für irre oder kri­mi­nell zu erklären.

Eisin­ger sie­delt sei­nen Roman in einer Zeit an, in der die Kli­ma­re­li­gi­on zum ver­bind­li­chen Glau­ben gewor­den ist, der sich mit Mit­teln zu schüt­zen weiß, die jedem tota­li­tä­ren Sys­tem eigen sind. Strom ist regle­men­tiert, eine Art frei­wil­li­ger Bür­ger­wehr über­wacht der Ein­hal­tung der Kli­ma­re­geln, es gibt ein Schuld­mi­nis­te­ri­um, in das man bei Ver­feh­lun­gen zur Buße vor­ge­la­den wird, jeden Mor­gen und Abend gibt es eine Andacht, an der alle teil­neh­men müs­sen, jeder hat ein Arm­band, das ihn jeder­zeit ort­bar macht. Jeder hat ein CO2-Kon­to, das mit jedem Tag abnimmt. Die­je­ni­gen, die ihr Gut­ha­ben auf­ge­braucht haben, wer­den abge­holt und in Lager verbracht.

Als sein Opa eines Tages abge­holt wird, begin­nen sich bei der Haupt­fi­gur des Romans, Robin Hoch­waldt, ers­te Zwei­fel zu rüh­ren. Es han­delt sich um einen „Gamer“, des­sen Spie­le Mil­lio­nen Zuschau­er im Inter­net ver­fol­gen und der dadurch in die Gele­gen­heit kommt, auf Lis­ten­platz eins einer neu­en Par­tei zu lan­den und schließ­lich selbst Kanz­ler zu wer­den. Daß die­se Lis­te die Wah­len gewinnt, ist ein Betriebs­un­fall, den das Sys­tem mög­lichst rasch und sub­til wie­der rück­gän­gig machen will. Aber es regt sich Wider­stand auf ver­schie­de­nen Ebe­nen, weil die Men­schen das freud­lo­se Leben im kli­ma­neu­tra­len Deutsch­land satt haben.

Tho­mas Eisin­ger: Hin­ter der Zukunft. Roman, Augs­burg: Tho­mas Eisin­ger 2021, 548 Sei­ten, 16,90 Euro (liegt mitt­ler­wei­le in der 5. Auf­la­ge vor, obwohl es im Selbst­ver­lag erschie­nen ist) – hier bestel­len.

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Ler­nen

Die Lebens­er­in­ne­run­gen des hier­zu­lan­de weit­ge­hend unbe­kann­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Phi­lo­so­phen Ray­mond Geuss (geb. 1946) sind eine Varia­ti­on des The­mas der „zwei­ten Geburt“, die Moh­ler ja als Grund­vor­aus­set­zung der Rechts­wer­dung in einer links­do­mi­nier­ten Welt sah.

Geuss wun­dert sich, wie es ihm gelin­gen konn­te, in einer Welt, die völ­lig vom Libe­ra­lis­mus domi­niert wird, selbst nicht libe­ral zu wer­den, und macht dafür sei­ne Schul­zeit in einem katho­li­schen Inter­nat, sei­ne phi­lo­so­phi­schen Leh­rer und eini­ge Lek­tü­re­er­fah­run­gen ver­ant­wort­lich. Der Grund­stein wur­de aber zwei­fel­los in der Schu­le gelegt, einer von aus Ungarn geflo­he­nen Pries­tern gelei­te­ten Anstalt, die ihren Zög­lin­gen nicht zuletzt auf­grund ihres Glau­bens eine Distanz zum Libe­ra­lis­mus aner­zie­hen wollte.

Der Plan ist bei Geuss inso­fern nicht auf­ge­gan­gen, weil er dem Libe­ra­lis­mus nicht aus reli­giö­sen Grün­den ableh­nend gegen­über­steht, son­dern sich selbst als Athe­is­ten bezeich­net. Aber den­noch ist es natür­lich die Skep­sis gegen­über inner­welt­li­chen Letz­t­er­klä­run­gen, zu denen der Libe­ra­lis­mus gehört, wenn er das auto­no­me Sub­jekt als das Maß aller Din­ge pro­pa­giert, die Geuss‘ Leben in die­se Bah­nen lenk­te. Die­se Skep­sis ließ sich nur durch Leh­rer errei­chen, die dem Libe­ra­lis­mus nicht ein­fach ihre Wahr­heit ent­ge­gen­setz­ten, son­dern die gro­ßen Wert dar­auf leg­ten, die Schü­ler zum eige­nen Den­ken anzu­lei­ten. Skep­sis bedeu­tet immer dann auch Demut, wenn sie nicht zum Selbst­zweck wird, son­dern als Denk­an­stoß fungiert.

Das Buch mag für die­je­ni­gen, der sich ein Gegen­ent­wurf zum Libe­ra­lis­mus davon erhof­fen, etwas ent­täu­schend sein. Geuss ist kein Ideo­lo­ge, und auch kein Rech­ter. Aber er ist ein red­li­cher Den­ker, der sich auf die Kri­tik beschränkt, weil er die Heils­leh­re Libe­ra­lis­mus nicht durch eine neue erset­zen will. Das Buch ist damit eher eine Ein­la­dung zum Gespräch, da Geuss den argu­men­ta­ti­ven Schlag­ab­tausch grund­sätz­lich ablehnt. Ein halb­wegs intel­li­gen­ter Mensch wird für jede Welt­an­schau­ung die pas­sen­den Argu­men­te fin­den. Dar­um geht es aber bei der „zwei­ten Geburt“ nicht, son­dern um die Immu­ni­tät gegen inner­welt­li­che Erlösungen.

Ray­mond Geuss: Nicht wie ein Libe­ra­ler den­ken, Ber­lin: Suhr­kamp 2023, 267 Sei­ten, 28 Euro – hier bestel­len.

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Schau­en

Schließ­lich noch ein Hin­weis auf ein Buch, das Geschich­te anhand von Kar­ten dar­stellt. Zwar hat ver­mut­lich fast jeder den dtv-Atlas zur Welt­ge­schich­te zu Hau­se oder viel­leicht auch eine Aus­ga­be des Putz­gers.

Die Geschich­te der Welt von Chris­ti­an Gra­ta­loup ist aber gera­de dann eine sinn­vol­le Ergän­zung. Wer also Freu­de an sol­chen Kar­ten­wer­ken hat, wird hier auf sei­ne Kos­ten kom­men. Das Buch, das inner­halb eines Jah­res sie­ben Auf­la­gen erleb­te, umgreift die gan­ze Mensch­heits­ge­schich­te, von den Vor­men­schen­fun­den und Aus­brei­tung des Men­schen auf der Erde bis zu Chi­nas neu­em Sei­den­stra­ßen­pro­jekt und dem Bür­ger­krieg in Syri­en. Auch Zeit­geis­ti­ges ist dem Buch nicht fremd, es gibt bei­spiels­wei­se eine Kar­te, die welt­wei­te „Kli­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen“ der letz­ten 150 Jah­re zusammenfaßt.

Es liegt in der Natur des Zeit­geis­tes, daß die­ser Dar­stel­lung kei­ne der letz­ten Warm­zeit gegen­über­ge­stellt wird (Han­ni­bal scheint ja tro­cke­nen Fußes über die Alpen gekom­men zu sein). Das Buch ist eine gute Mischung aus Über­sichts­kar­ten, die man schon ein­mal gese­hen hat, wie z.B. „Euro­pa nach dem Ers­ten Welt­krieg“, die der Autor aber noch durch Din­ge ergänzt hat, die man auf vie­len Kar­ten nicht findet.

In dem Fall hat er auf der Kar­te Gebie­te mar­kiert, in denen durch „Frie­dens­ver­trä­ge“ neue Kon­flik­te aus­ge­bro­chen waren. Neben den Über­sichts­kar­ten gibt es aber auch Detail­plä­ne ein­zel­ner Schlach­ten oder von Städ­ten, in denen sich Ent­schei­den­des ereig­ne­te. Die Kar­ten sind groß genug, über­sicht­lich gestal­tet und mit kur­zen Erläu­te­run­gen ver­se­hen. Wer also schon immer wis­sen woll­te, wie die „geo­po­li­ti­sche Lage“ im Mit­tel­meer des 3. Jahr­hun­derts vor Chris­tus aus­sah, wann dort im Mit­tel­al­ter die Erde beb­te oder was dort im Zwei­ten Welt­krieg geschah, wird hier fündig.

Chris­ti­an Gra­ta­loup: Die Geschich­te der Welt. Ein Atlas, Mün­chen: C.H. Beck 2022, 639 Sei­ten, 38 Euro – hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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