100 Jahre türkische Republik

-- von Stefan Scheil

PDF der Druckfassung aus Sezession 115/ August 2023

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In frü­he­ren Zei­ten grif­fen His­to­ri­ker ger­ne zu Ver­glei­chen aus der Biologie.

Dies tat auch der damals schon welt­be­rühm­te Arnold Toyn­bee, als er den erstaun­li­chen Auf­stieg der Sowjet­uni­on und der Tür­kei aus den Nach­kriegs­wir­ren des Ers­ten Welt­kriegs mit deren robus­ter orga­ni­scher Natur erklär­te: »Es war kein Zufall, daß von allen besieg­ten Mäch­ten die Tür­kei und Ruß­land, die wäh­rend des Krie­ges am schänd­lichs­ten zusam­men­bra­chen, bei­de fast unmit­tel­bar nach dem Krieg imstan­de waren, wie­der­um einen Krieg zu füh­ren. Ein nie­de­rer Orga­nis­mus ist untüch­ti­ger, aber man kann ihn nicht so leicht wie einen höhe­ren über­wäl­ti­gen oder töten.«

Über den ana­ly­ti­schen Wert sol­cher Ana­lo­gien, deren bekann­tes­ter Aus­druck Oswald Speng­lers bio­lo­gisch inspi­rier­te Umris­se einer Mor­pho­lo­gie der Welt­ge­schich­te gewor­den sind, läßt sich strei­ten. Sie sind dann ja in spä­te­ren Jahr­zehn­ten auch aus der Mode gekom­men. Unbe­streit­bar tat sich jedoch in bei­den genann­ten Staats­ge­bil­den nach 1918 jeweils eine völ­lig neue Welt auf, mit deren Wider­stands­kraft das im Welt­krieg gegen fili­gra­ne­re Orga­nis­men gera­de sieg­reich gewe­se­ne west­li­che Lager über­haupt nicht gerech­net hatte.

Sowohl das revo­lu­tio­nä­re Ruß­land als auch das zusam­men­ge­bro­che­ne tür­kisch-osma­ni­sche Reich waren eigent­lich zur Über­nah­me, Ver­tei­lung und Aus­beu­tung durch west­li­che Staa­ten und Fir­men vor­ge­se­hen. Die­se Plä­ne zer­schlu­gen sich.

»Schänd­lich« oder nicht, in der Tat schied die Tür­kei als ers­ter bedeu­ten­der deut­scher Ver­bün­de­ter aus dem Welt­krieg aus. Sie bekam einen Waf­fen­still­stands­ver­trag mit den Alli­ier­ten bereits am 30. Okto­ber 1918 auf­ge­nö­tigt und zog den ent­spre­chen­den deut­schen und öster­rei­chi­schen Schritt also eini­ge Tage vor. Die Bedin­gun­gen gerie­ten auch hier dra­ma­tisch. Schließ­lich hat­ten die Alli­ier­ten das osma­ni­sche Staats­ge­biet bereits wäh­rend des Krie­ges umfas­send unter sich auf­ge­teilt und teils mehr­fach auch ande­ren versprochen.

Der bekann­tes­te Fall ist sicher Paläs­ti­na, das man sowohl als »jüdi­sche Heim­statt« als auch als Teil eines ara­bi­schen Staa­tes ver­ge­ben hat­te. Der heu­ti­ge Irak ging im wesent­li­chen an Groß­bri­tan­ni­en, Syri­en an Frank­reich, die osma­ni­schen Tei­le der ara­bi­schen Halb­in­sel nebst den hei­li­gen Stät­ten in Mek­ka an das heu­ti­ge Sau­di-Ara­bi­en. Auch Ita­li­en wur­de nicht ver­ges­sen, des­sen Kriegs­ein­tritt 1915 nicht nur mit dem Ver­spre­chen auf Süd­ti­rol und die kroa­ti­sche Küs­te, son­dern auch auf einen nicht näher prä­zi­sier­ten, aber »gerech­ten Anteil an dem Mit­tel­meer­ge­biet, das an Anta­lya grenzt«, gekauft wor­den war. Die Haupt­stadt Konstantinopel/Istanbul hat­te eigent­lich das zaris­ti­sche Ruß­land für sich rekla­miert, nun zogen west­li­che Trup­pen dort ein. Zur Durch­set­zung die­ser For­de­run­gen wur­de die Tür­kei umfas­send besetzt.

Nie­der­la­ge wie Auf­tei­lung und Demü­ti­gung lös­ten zusam­men in der Tür­kei einen rasant ver­lau­fen­den Pro­zeß der Nati­ons­bil­dung aus. Das alte Osma­ni­sche Reich hat­te sich als isla­mi­scher Viel­völ­ker­staat und Wäch­ter von Mek­ka ver­stan­den, des­sen Staats­ober­haupt beim Kriegs­ein­tritt 1914 noch die isla­mi­sche Welt zum »Dji­had« gegen den Wes­ten auf­ge­ru­fen hat­te. Die erhoff­te isla­mi­sche Bin­de­wir­kung fiel jedoch schwach aus.

Am Ende betei­lig­ten sich die jahr­hun­der­te­lang von Kon­stan­ti­no­pel aus beherrsch­ten Ara­ber in gro­ßer Zahl am Auf­stand gegen die Tür­ken. Daher schie­nen sich der Islam und die Herr­schaft über die damals wirt­schaft­lich rück­stän­di­gen ara­bi­schen Gebie­te als ana­chro­nis­tisch ­erwie­sen zu haben. Es brach sich Bahn, was als »Jung­tür­ken­tum« bereits seit Jah­ren poli­tisch aktiv gewe­sen war: ein säku­la­rer und tür­ki­scher Nationalismus.

Auf die Beset­zung Istan­buls und die Auf­lö­sung des dor­ti­gen osma­ni­schen Par­la­ments durch die West­mäch­te reagier­te Mus­ta­fa ­Kemal, die Leit­fi­gur die­ses tür­ki­schen Natio­na­lis­mus, mit der Eröff­nung eines eige­nen Par­la­ments in Anka­ra im April 1920. Als des­sen Par­la­ments­prä­si­dent und Regie­rungs­chef tat er Anfang Juni 1920 den ent­schei­den­den Schritt: Er erklär­te alle Ver­trä­ge des Osma­ni­schen Rei­ches mit dem Wes­ten für ungül­tig. Die­sen Schritt hat­ten in der Tat auch die Sowjets nach der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on voll­zo­gen, und aus Mos­kau nun kamen 1920 wich­ti­ge Waf­fen­lie­fe­run­gen, um die neu­for­mier­te tür­ki­sche Armee auszustatten.

Da ande­re Ver­bün­de­te vor­läu­fig nicht in Sicht waren, erklär­te sich Kemal Pascha zum Gefolgs­mann Lenins und schrieb ihm im April 1920: »Wir ver­pflich­ten uns, unse­re gan­ze Arbeit und alle unse­re mili­tä­ri­schen Ope­ra­tio­nen mit den rus­si­schen Bol­sche­wi­ki zu ver­bin­den, deren Ziel es ist, die impe­ria­lis­ti­schen Regie­run­gen zu bekämp­fen und alle Unter­drück­ten von ihrer Herr­schaft zu befreien.«

Aller­dings dau­er­te die­ser Flirt mit dem Bol­sche­wis­mus nicht lan­ge und blieb ober­fläch­lich. Kemal Paschas tür­ki­sche Revo­lu­ti­on rich­te­te sich auf natio­na­le und säku­la­re Zie­le, nicht auf kom­mu­nis­ti­sche. Im Novem­ber 1922 schaff­te er das Sul­ta­nat offi­zi­ell ab, ab Sep­tem­ber 1923 gab es in der Tür­kei eine Ein­heits­par­tei, im Okto­ber 1923 wur­de die tür­ki­sche Repu­blik aus­ge­ru­fen und im März 1924 dem Kali­fat auch for­mell ent­sagt, also dem tür­ki­schen Anspruch auf Füh­rung der isla­mi­schen Welt.

Dies ging ein­her mit wenig schmei­chel­haf­ten Äuße­run­gen Mus­ta­fa Kemals über den Islam und des­sen Rück­stän­dig­keit im all­ge­mei­nen. Jene wur­de in der tür­ki­schen Repu­blik auf allen Ebe­nen bekämpft, mit gegen die Scha­ria gerich­te­ten Jus­tiz­re­for­men eben­so wie mit Maß­nah­men zur Erwei­te­rung der Frau­en­rech­te, der Ein­füh­rung der christ­lich-west­li­chen Zeit­rech­nung und der latei­ni­schen Schrift. Ab 1925 beleg­te eine Beklei­dungs­re­form tra­di­tio­nell isla­mi­sche Klei­dung und Kopf­be­de­ckun­gen umfas­send mit Verboten.

Unter­des­sen konn­ten die Kon­flik­te mit den west­li­chen Erobe­rungs­an­sprü­chen wei­ter­ge­führt wer­den. Die Fol­gen tra­fen vor allem die grie­chi­schen und arme­ni­schen Nach­bar­völ­ker, die sich mit west­li­cher Hil­fe grö­ße­re Tei­le von Klein­asi­en sichern woll­ten. Sie wur­den zum Spiel­ball von inter­na­tio­na­len Kom­pro­mis­sen, die sich nach und nach abzeich­ne­ten. Auch die West­mäch­te woll­ten kei­ne grö­ße­ren Krie­ge mehr füh­ren, um Ansprü­che in der Tür­kei durch­zu­set­zen. Die klein­asiatischen Grie­chen wur­den Opfer einer auch von Groß­bri­tan­ni­en aus­ge­han­del­ten eth­ni­schen Säu­be­rung, bei der ande­rer­seits etwa eine hal­be Mil­li­on Tür­ken von den grie­chi­schen Inseln ver­trie­ben wur­de. In die­sem Zusam­men­hang soll Kemal den viel­zi­tier­ten Spruch »Tür­ki­ye Tür­kler­indir« geprägt haben, »die Tür­kei den Türken«.

Im poli­ti­schen Rom erkann­te man, daß der »gerech­te Anteil« an Anta­lya nicht durch­zu­set­zen sein wür­de, und fühl­te sich noch ein Stück mehr um die Früch­te des Kriegs­ein­tritts von 1915 betro­gen. Ande­rer­seits begrenz­te der anti­im­pe­ria­lis­tisch-natio­na­lis­ti­sche Grund­zug der neu­en Tür­kei auch deren Gebiets­an­sprü­che, was nun wie­der­um einem Kom­pro­miß mit Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en zugu­te kam.

Deren frisch erwor­be­nen Rech­te über jene Gebie­te, aus denen sie damals »Man­da­te« des Völ­ker­bun­des her­aus­schnit­ten, die zuerst fak­tisch Kolo­nien waren und spä­ter die heu­ti­gen Staa­ten des Nahen Ostens wie Syri­en und der Irak wur­den, erkann­te die tür­ki­sche Sei­te schließ­lich an. Man hat­te sich in Anka­ra zur Auf­ga­be der ara­bi­schen Län­de­rei­en ent­schlos­sen und hielt dar­an fest, ver­zich­te­te zugleich auf jed­we­de Rech­te in Afri­ka und auf den Mittelmeerinseln.

An einem Punkt kam es noch ein­mal zu Kon­flik­ten, denn die Tür­kei ver­stand sich auch damals wei­ter­hin als der Sou­ve­rän über die »Berg­tür­ken«, wie die Kur­den in Anka­ra bezeich­net wur­den. Kon­se­quen­ter­wei­se ver­such­te man die Herr­schaft über den nörd­li­chen Teil des heu­ti­gen Irak und die sons­ti­gen, süd­lich der heu­ti­gen tür­ki­schen Gren­ze lie­gen­den Kur­den­ge­bie­te durch­zu­set­zen. Das miß­lang, wur­de aber erst nach wei­te­ren mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Jahr 1926 durch einen Drei­ver­trag zwi­schen dem bri­ti­schen Man­dats­ge­biet Irak, Groß­bri­tan­ni­en selbst und eben der Tür­kei gere­gelt, der die heu­ti­gen Gren­zen festschrieb.

Über­haupt erwie­sen sich die mit der Tür­kei nach deren natio­nal-säku­la­rer Wie­der­ge­burt schließ­lich getrof­fe­nen Rege­lun­gen mit als die dau­er­haf­tes­ten der Nach­kriegs­zeit. Der Grund: Sie waren aus einem Ver­hand­lungs­pro­zeß auf Augen­hö­he ent­stan­den, was sie von den Pari­ser Frie­dens­ver­trä­gen des Jah­res 1919 in Ver­sailles oder St. Ger­main unter­schied. Dort zer­leg­ten die Sie­ger Deutsch­land und Öster­reich-Ungarn per Dik­tat. Beson­ders die Ber­li­ner Regie­rung beging mit der aner­ken­nen­den Unter­schrift in Ver­sailles einen nie wie­der zu kor­ri­gie­ren­den Feh­ler, der auch gleich das Schick­sal der »Wei­ma­rer« Repu­blik entschied.

Die neue deut­sche Repu­blik hat­te in der ent­schei­den­den Stun­de ver­sagt, die neue tür­ki­sche Repu­blik stell­te die Nati­on in die­ser Stun­de wie­der her. Vor hun­dert Jah­ren wur­de sie im Okto­ber 1923 aus­ge­ru­fen. Ob der Unter­schied in der Hoch­ent­wick­lung des deut­schen Orga­nis­mus begrün­det lag, soll an die­ser Stel­le nicht ent­schie­den werden.

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