Peter Hacks zum 20. Todestag

PDF der Druckfassung aus Sezession 115/ August 2023

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

»Poli­tisch bin ich preu­ßi­scher Sezes­sio­nist«, bekann­te Peter Hacks (1928 – 2003) im Zuge der deut­schen Ein­heit 1989 / 90. Der Dra­ma­ti­ker, Schrift­stel­ler und Essay­ist ver­ab­schie­de­te sich damit nicht von sei­nem Lebens­the­ma, dem Sozialismus.

Er rich­te­te es nur ent­lang den gewan­del­ten Gege­ben­hei­ten neu aus. Sezes­sio­nist wur­de er, weil ihm die BRD nicht lag; eine um das Gebiet der DDR ver­grö­ßer­te um so weniger.

Hacks, aus Bres­lau 1945 nach Süd­deutsch­land ver­trie­ben, ver­ließ die Ade­nau­er-Bun­des­re­pu­blik 1955 nach Ost-Ber­lin. Er reis­te bewußt in die DDR aus. Dort, unter Wal­ter Ulb­richts links­au­to­ri­tä­rer Regie­rung, bezog er sei­ne Stel­lung als sozia­lis­ti­scher Soli­tär, der das alte Kunst­ide­al der Klas­sik mit dem ewi­gen Stre­ben nach Huma­ni­tät und Gemein­schaft­lich­keit ver­bin­den woll­te. Hacks heg­te dabei nicht nur irri­tie­ren­de Sym­pa­thien für Josef Stalin.

Er ver­tei­dig­te auch den Mau­er­bau 1961 im beson­de­ren und idea­li­sier­te die frü­he DDR im all­ge­mei­nen – das heißt die DDR vor der Macht­über­nah­me Erich ­Hon­eckers 1971. In sei­nen Augen war die SED bestrebt, den Auf­bau des Lan­des mit einer posi­ti­ven Groß­erzählung über die deut­sche Geschich­te – kon­kret in Form der revo­lu­tio­nä­ren Bau­ern­krie­ge – zu verbinden.

Män­gel sah Hacks wohl, nicht aber die Ver­ant­wort­lich­keit dafür bei Ulb­richt. Als die­ser von sei­nem Zieh­sohn Hon­ecker gestürzt wur­de und zwei Jah­re spä­ter starb, litt Hacks: »Ulb­richt ist lei­der tot und Schluß mit der Staats­kunst in Deutsch­land. Immer mäch­ti­ger treibts mich in den Goe­the hin­ein.« Nach Ulb­richt sah Hacks – der als rela­tiv pro­mi­nen­ter Autor Son­der­frei­hei­ten besaß, aber doch zahl­rei­che Kom­pli­ka­tio­nen mit der poli­ti­schen Büro­kra­tie hat­te – nur noch Unter­gangs­sze­na­ri­en auf die DDR zukom­men. In den 1970er und 1980er Jah­ren erkann­te er kei­nen Ret­tungs­weg für den ost­deut­schen Staat mehr, aus der »libe­ra­lis­ti­schen Schei­ße« (Hacks dixit) wie­der her­aus­zu­fin­den, die sei­ner Mei­nung nach Hon­eckers Kurs bedeutete.

War Hacks auch als »preu­ßi­scher Sozia­list« von links ätzend anti­li­be­ral, war er des­we­gen kein Ega­li­ta­rist. Ent­spre­chen­den Ideen in der Wirt­schaft brach­te er kei­ne Sym­pa­thien ent­ge­gen. Er stand der­weil Ulb­richts (zu) spä­ten Refor­men mit Tei­l­öff­nun­gen des Mark­tes für klei­ne und mitt­le­re Pri­vat­be­trie­be posi­tiv gegen­über; Hon­eckers unwi­der­ruf­li­cher Bruch mit ihnen war für Hacks ein Skan­dal. »War­um«, zeig­te sich Hacks ver­zwei­felt, »gibt es kei­nen wirk­li­chen Sozia­lis­mus mit schar­fen Unter­schie­den, wo jeder tat­säch­lich nach sei­ner Leis­tung bezahlt wird?

Das war es, was Ulb­richt woll­te und ein­führ­te und was den Auf­stieg der DDR gesi­chert hat.« Doch damit war Schluß, Ulb­richts Kurs ad acta gelegt. Für Hacks schien es früh erwie­sen, daß mit Hon­ecker die DDR unter­ge­he: »Jetzt kommt die Ein­heits­sauce, die Schlam­pe­rei und der Vulgärmaterialismus.«

Hacks ver­trat über­dies, obschon Anhän­ger sozia­lis­ti­scher Idea­le, ein rea­lis­tisch-skep­ti­sches Men­schen­bild. Das ging so weit, daß er sogar die Axt an das­je­ni­ge von Karl Marx leg­te. »Das gan­ze Mar­xi­sche Wunsch­bild vom all­tüch­ti­gen Men­schen«, düpier­te Hacks den Alt­meis­ter des Kom­mu­nis­mus, »ist die links­ro­man­ti­sche, anarcho-demo­kra­ti­sche Ver­klä­rung […]. Nur der­je­ni­ge ist in jeder Rich­tung gleich tüch­tig, der in kei­ner Rich­tung tüch­tig ist.«

Hacks posi­tio­nier­te sich damit im Sin­ne eines leis­tungs­be­zo­ge­nen, hier­ar­chi­schen Sozialis­musmodells, das mit nivel­lie­ren­den Ansät­zen nicht zu ver­ei­nen war. Aber auch ande­re Stand­punk­te wichen erheb­lich von dem ab, was man land­läu­fig mit dem büro­kra­tisch-admi­nis­tra­ti­ven Sozia­lis­mus der DDR-Nomen­kla­tu­ra ver­band. Hacks glaub­te auch nicht an die »Eine Welt« und war kein Für­spre­cher einer abs­trak­ten Soli­da­ri­tät. Für ihn waren kon­kre­te Ver­bes­se­run­gen für die Mehr­heit des Vol­kes nur im Rah­men des Greif­ba­ren denk­bar. In einem Auf­satz teil­te Hacks zum Ärger­nis der lin­ken Welt­staats-Apo­lo­ge­ten mit: »Es gibt kei­ne Staa­ten­ge­sell­schaft. Für eine bes­se­re Gesell­schaft geht zu kämp­fen, nicht für eine bes­se­re Welt.«

Erst Jah­re spä­ter, anhand der Publi­ka­ti­on des Hacks-Brief­wech­sels mit einem der füh­ren­den DDR-His­to­ri­ker, Kurt Goss­wei­ler, wur­de der Öffent­lich­keit bewußt, daß Hacks die­se Ten­denz sogar noch zuge­spitzt hat­te: Er bezeich­ne­te »das Natio­na­le« als »mit dem Sozia­lis­ti­schen ver­mit­tel­bar«. Bei der Ver­öf­fent­li­chung war Hacks indes bereits tot; er konn­te nicht mehr aus der Lin­ken ver­sto­ßen wer­den, die ihn – nota­be­ne – ohne­hin kaum noch liest. Das mag auch dar­an lie­gen, daß sich Hacks nicht um den­ke­ri­sche Tabus scher­te. Auch dies wird ver­schie­dent­lich in Tex­ten und Brie­fen deut­lich, denn Hacks scheu­te sich nicht davor, »Anders­den­ken­de« zu rezi­pie­ren. Das stieß sei­nen ideo­lo­gi­schen Zeit­ge­nos­sen nega­tiv auf. Goss­wei­ler, Mar­xist-Leni­nist von dog­ma­ti­schem Schla­ge, war geschockt, als Hacks auf Carl Schmitt rekurrierte.

Hacks ent­geg­ne­te auf Goss­wei­lers dies­be­züg­li­chen Tadel so gelas­sen wie spitz­fin­dig: »Was das Recht auf den Aus­nah­me­zu­stand betrifft, wür­de ich in kei­nem so star­ken Ton dar­auf schel­ten, daß Carl Schmitt ein Nazi war. Ich den­ke, was er sagt, stimmt; war­um soll, was ein Nazi sagt, nicht stim­men?« Und wenn Hacks im Zuge sei­ner Gene­ral­ab­rech­nung mit der Epo­che der Roman­tik den Plu­ra­lis­mus-Begriff der Moder­ne ins Visier nimmt, spricht womög­lich eben­falls ein wenig Schmitt aus ihm, frei­lich in Hacksscher Ver­bal­ra­di­ka­li­tät: »Das Trick­wort Plu­ra­lis­mus hat einen genau­en deut­schen Sinn. Plu­ra­lis­mus, das bedeu­tet die ­Allein­herr­schaft der schlech­ten Seite.«

Einen »deut­schen Sinn« suchen war für Sozia­lis­ten jener Tage unty­pisch. Nicht für Hacks, der fest auf deut­schem Geis­tes­bo­den stand. »Die Auto­ri­tä­ten, die ich her­an­zie­he«, führ­te der ers­te ideen­po­li­tisch-kul­tu­rel­le Leh­rer Sahra Wagen­knechts sei­ne geis­ti­gen Hero­en ein, »sind ­Goe­the, Hegel und Hei­ne. Die drei, sonst kei­ne. Es sind die größ­ten Geis­ter unse­rer Nati­on.« An ande­rer Stel­le erwei­ter­te er dann den Kreis der Ido­le und ver­knüpf­te sie bewußt mit dem Schre­cken vie­ler Anti­fa­schis­ten: Preu­ßen. »Alle Deut­schen«, so Hacks unty­pisch pathe­tisch, »die wir groß fin­den, Luther, Fried­rich, Goe­the, Hegel, Bis­marck, waren täti­ge und über­zeug­te Ver­fech­ter des Fürs­ten­staats als der Woh­nung des Welt­geists auf deut­schem Boden, und der Gedan­ke, daß Preu­ßen eigent­lich für Deutsch­land sich ins Zeug leg­te, ist weder neu noch aus dem Nach­he­r­ein, selbst der jun­ge Engels hat­te eine Ahnung davon.«

Der spä­te Hacks – ein ost­deutsch-preu­ßi­scher Patri­ot. »Deutsch ist«, defi­nier­te Hacks, »was ver­nünf­tig ist.« Im Zuge der Ein­heits­de­bat­ten ab 1988, die Hacks bei­ßend kom­men­tier­te, sin­nier­te er gar über die Rück­kehr des Reichs­be­grif­fes für eine zu bewah­ren­de (nicht: abzu­schaf­fen­de) DDR. Er sah sie als »deut­sche­ren« Staat als die ver­west­lich­te US-Kolo­nie BRD: »Die Hegel­sche Grund­le­gung gäbe uns bei­des, die geschicht­li­che Ablei­tung und die phi­lo­so­phi­sche Gedie­gen­heit, die DDR ein­fach in ›Deut­sches Reich‹ umzu­be­nen­nen. (Ganz unan­fecht­bar wäre: ›Deut­sches Reich Sachsen-Preußen‹.)«

Aus die­sem Son­der­be­wußt­sein für das Deut­sche erwuch­sen kei­ner­lei Res­sen­ti­ments, son­dern expli­zi­tes Inter­es­se für ande­re Völ­ker. So dia­gnos­ti­zier­te Hacks etwa Gemein­sam­kei­ten zwi­schen dem preu­ßi­schen und dem fran­zö­si­schen Staats­ge­dan­ken. Das ging so weit, daß Hacks befand, »Preu­ßen ähnelt nach Art und Halt Frank­reich«. Bei­de Län­der wür­den »den Staat als ver­nünf­ti­ge Form des Zusam­men­le­bens« begrei­fen und in Ehren hal­ten, ein Ethos des Diens­tes sei die Folge.

Peter Hacks’ Staats­af­fir­ma­ti­on war das blan­ke Gegen­teil der urmar­xis­ti­schen The­se vom »Abster­ben des Staa­tes«. Sehr zum mög­li­chen Ärger­nis des toten Marx bekann­te er sich zu einer »abso­lu­tis­ti­schen« Macht­fül­le für den Staats­ap­pa­rat: »Der Staat, so wur­de und wird immer wie­der ent­geg­net, sol­le doch bes­ser nicht jede Ein­zel­heit regeln. Aber was der Staat nicht regelt, regeln ande­re. Der Irr­tum der Staats­ängst­li­chen besteht in der Annah­me, daß, wo der Staat nicht ist, die Frei­heit sein müs­se. In Wirk­lich­keit sind dort die Böcke, die dort die Gärt­ner sind.« Die­se Apo­dik­tik und die­se tona­le Schär­fe sind typisch für das (wie­der) zu ent­de­cken­de Werk von Peter Hacks, der seit nun­mehr 20 Jah­ren auf dem Fried­hof II der Fran­zö­sisch-Refor­mier­ten Gemein­de in Ber­lin ruht.

In einem Punkt war der radi­ka­le sozia­lis­ti­sche Preu­ße übri­gens ganz gemä­ßigt: im Über­lie­fern des Bestehen­den. »Wie«, frag­te sich Hacks rhe­to­risch, »will einer anstel­len, fort­schritt­lich und dabei nicht kon­ser­va­tiv zu sein?« Das gehe nicht: »Wor­auf es doch ankommt, ist, beim Lauf nach dem Glück nicht das Gute, das man schon hat oder hat­te, aus dem Korb zu ver­lie­ren.« Das müß­te ein »preu­ßi­scher Sezes­sio­nist« von rechts auch nicht anders formulieren.

Benedikt Kaiser

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