Zwischen Mitteleuropa und linken Räumen

-- von Felix Dirsch

PDF der Druckfassung aus Sezession 115/ August 2023

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Den Ver­fas­sern der drei neu­en kapla­ken-Bänd­chen gelingt es, wie vie­len ihrer Vor­läu­fer, eben­so über zen­tra­le Gebie­te aktu­el­ler Debat­ten Auf­schluß zu geben, wie wider den Sta­chel des Zeit­geis­tes zu löcken.

Mit Dimi­tri­os Kis­ou­dis, Frank Lis­son und Claus Wolf­schlag behan­deln bewähr­te Autoren unter­schied­li­che Pro­blem­be­rei­che, über die zuletzt aus­gie­big dis­ku­tiert wurde.

Kis­ou­dis, Mit­ar­bei­ter im Büro des AfD-Vor­sit­zen­den Chrup­al­la, erör­tert das ­facet­ten­rei­che The­ma Mit­tel­eu­ro­pa und Mul­ti­po­la­ri­tät. Die ande­re Akzent­set­zung im Ver­gleich zu vie­len Trak­ta­ten, die in den letz­ten Jah­ren zur gegen­wär­ti­gen wie zur Gestal­tung einer künf­ti­gen Welt­ord­nung erschie­nen sind, ist offen­sicht­lich. So hat der ehe­ma­li­ge FAZ-Redak­teur Chris­ti­an Hil­ler von Gaert­rin­gen unlängst eine Stu­die über die »Neu­ord­nung der Welt« vorgelegt.

In die­ser Publi­ka­ti­on wird beson­ders der stei­gen­de Ein­fluß von Schwel­len­län­dern wie der Tür­kei und eini­gen afri­ka­ni­schen Staa­ten in den Kon­text der aktu­el­len Neu­sor­tie­rung der Welt ein­ge­ord­net. Euro­pa und ins­be­son­de­re Deutsch­land spie­len in den Über­le­gun­gen des Jour­na­lis­ten eher eine mar­gi­na­le Rolle.

Mit einer ech­ten mul­ti­po­la­ren Ord­nung, unab­hän­gig vom Aus­gang des Krie­ges in der Ukrai­ne, ist nur zu rech­nen, wenn ver­schie­de­ne Groß­räu­me ent­ste­hen, deren domi­nan­te Völ­ker nicht nur das »Inter­ven­ti­ons­ver­bot für raum­frem­de Mäch­te« (Carl Schmitt) durch­set­zen kön­nen, son­dern eben­so öko­no­misch aut­ark sind.

Kis­ou­dis nimmt nicht die amorph-tech­no­kra­ti­sche wie oft hand­lungs­un­fä­hi­ge Euro­päi­sche Uni­on in den Blick; viel­mehr ver­sucht er, einer alten Idee neue Kon­tu­ren zu geben: der Vor­stel­lung von Mit­tel­eu­ro­pa. Sie bedarf schon des­halb aus­führ­li­che­rer Über­le­gun­gen, weil man sie auf kei­ner Land­kar­te fin­det. Den­noch ist sie gera­de für die aktu­el­len Kon­tro­ver­sen wesent­lich, weil es ohne Deutsch­land kei­ne Mul­ti­po­la­ri­täts­de­bat­ten der Ver­gan­gen­heit gege­ben hätte.

Die Brü­cke zwi­schen den west­li­chen Län­dern (USA und Groß­bri­tan­ni­en) und dem Osten, die nicht nur Bis­marck vor­züg­lich gebaut hat und gegan­gen ist, ist ein blei­ben­der Fak­tor im Geschichts­ge­dächt­nis nicht nur der deut­schen Nati­on. Die­se Erin­ne­rung war gera­de in den letz­ten Jah­ren so wich­tig wie sel­ten zuvor.

Das Gebil­de Mit­tel­eu­ro­pa ist auf Gedeih und Ver­derb dem Ver­lauf der deut­schen Geschich­te aus­ge­setzt. Inso­fern kommt der Autor nicht um eine aus­führ­li­che Betrach­tung der his­to­ri­schen Gene­se her­um. Die Geschich­te des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches, sein Unter­gang, aber auch die Ent­ste­hung und der Ver­lauf des »unru­hi­gen Rei­ches« von 1870 / 71 haben Deutsch­land, Mit­tel­eu­ro­pa wie Euro­pa ins­be­son­de­re als eng ver­bun­den her­aus­ge­stellt. Die­se Zusam­men­hän­ge sind beson­ders dann zu betrach­ten, wenn die omni­prä­sent-aggres­si­ve Agi­ta­ti­on des Wer­te­wes­tens (LGBTQ-Pro­pa­gan­da, ras­sis­ti­sche Anti­ras­sis­mus-Kam­pa­gnen, »StandWithUkraine«-Fahnen und so fort) wie in den letz­ten Jah­ren immer mehr Über­ge­wicht gewinnt.

Kis­ou­dis reka­pi­tu­liert ver­schie­de­ne Vor­stel­lun­gen von Mit­tel­eu­ro­pa. Dabei spie­len die Autoren Fried­rich Nau­mann, Karl Haus­ho­fer und Gisel­her Wir­sing eine wich­ti­ge Rol­le. Um 1990 kam es, wenn auch kurz­zei­tig, zu neu­en Debat­ten über die­sen Raum. Zuletzt sorg­te das Inter­ma­ri­um-Pro­jekt in Ost­eu­ro­pa, das älte­re Wur­zeln besitzt, für Auf­se­hen. Kis­ou­dis’ enga­gier­ter Ein­wurf, der mit Blick auf die unmit­tel­ba­re Gegen­wart gera­de Deutsch­lands geschrie­ben ist, schließt mit den Wor­ten: »Erobert eure Geschich­te zurück!« Man darf hof­fen, daß die­ser Wunsch in Erfül­lung geht.

Ande­re Räu­me als Kis­ou­dis hat hin­ge­gen der Kunst­his­to­ri­ker Claus Wolf­schlag im Blick. Erst kürz­lich hat er mit sei­ner Schrift »Und altes Leben blüht aus den Rui­nen«. Rekon­struk­ti­on in Archi­tek­tur und Kunst seit 1990 (Graz 2022) einen wich­ti­gen Bei­trag zur Architektur­debatte der unmit­tel­ba­ren Gegen­wart geleis­tet. Das alte The­ma der »Unwirt­lich­keit unse­rer Städ­te« (Alex­an­der Mit­scher­lich) ist heu­te viel­leicht dring­li­cher denn je. Wolf­schlags Enga­ge­ment läßt auch eine prak­ti­sche Sei­te erken­nen. Als Frak­ti­ons­mit­ar­bei­ter der kom­mu­nal­po­li­ti­schen Grup­pie­rung »Bür­ger für Frank­furt« mach­te er sich für eine his­to­ri­sche Rekon­struk­ti­on der Frank­fur­ter Alt­stadt stark.

Die­ses Kon­zept setz­te sich schließ­lich durch, sehr zum Leid­we­sen lin­ker Archi­tek­tur­bri­ga­den, zu denen an vor­ders­ter Front der Hoch­schul­leh­rer Ste­phan Trüby zählt. Des­sen Dif­fa­mie­rungs­feld­zeug (mit Hil­fe der bewähr­ten Rechts­extre­mis­mus-Keu­le) ver­fing aber nicht. Selbst die FAZ wies sol­chen Alar­mis­mus zurück und ver­merk­te, daß der Rekon­struk­ti­ons­ge­dan­ke weder links noch rechts zu ver­or­ten sei.

Wolf­schlags jüngs­te Schrift (Lin­ke Räu­me. Bau und Poli­tik, Schnell­ro­da 2023) greift die Kon­tro­ver­se noch­mals auf und stellt sie in grö­ße­re Zusam­men­hän­ge. In Zei­ten, in denen Denk­mä­ler von his­to­ri­schen Säu­len­hei­li­gen nicht nur in den USA, son­dern auch hier­zu­lan­de geschleift wer­den, kann man nur sagen: zur rech­ten Zeit! Mit dem Dau­er­streit um das Rekon­struk­ti­ons­pro­jekt Ber­li­ner Schloß, der weit über Kup­pel­kreuz und Kup­pel­spruch hin­aus­geht, ist schon vor Jah­ren im wört­li­chen Sinn die nächs­te Bau­stel­le errich­tet wor­den, über die sich lin­ke Iko­no­klas­ten ereifern.

Die wich­tigs­te Fra­ge im archi­tek­tur­theo­re­ti­schen Kon­text lau­tet: Gibt es lin­ke Archi­tek­tur, gibt es (als Pen­dant dazu) rech­te? Der ­Autor ant­wor­tet nach­voll­zieh­bar: Es exis­tie­ren bes­ten­falls unge­fäh­re Zuord­nun­gen. Immer­hin kann man sagen, lin­ke Bau­vor­lie­ben lieb­äu­gel­ten mit Gleich­heit, Gleich­för­mig­keit, etwa der Mas­sen­pro­duk­ti­on, und optier­ten für glo­ba­lis­ti­sche Aus­tausch­bar­keit der Orte und Pro­duk­te. Den his­to­ri­schen Kon­text am bes­ten prä­sen­tiert hat immer noch der früh ver­stor­be­ne ­Archi­tek­tur­his­to­ri­ker Nor­bert Borr­mann in sei­ner Abhand­lung ­»Kul­tur­bol­sche­wis­mus« oder »Ewi­ge Ord­nung« (Graz 2009), die die Ver­bin­dung von Archi­tek­tur und Ideo­lo­gie im 20. Jahr­hun­dert so kennt­nis­reich wie mög­lich ana­ly­siert. Mit Wolf­schlag hat er nun einen jün­ge­ren und fähi­gen Erben gefunden.

Am Ende gibt der Autor sei­ner Hoff­nung Aus­druck, daß die »Maschi­ne­rie des Moder­nis­mus« frü­her oder spä­ter ins Strau­cheln gera­te und zuneh­men­de Über­sät­ti­gung deren Kon­junk­tur stop­pen werde.

Wie­der­um ande­re Räu­me nimmt der Publi­zist Frank Lis­son in sei­nen sezie­ren­den Blick: Sein Essay Im Tal der scheu­en Wöl­fe (Schnell­ro­da 2023) führt durch Ebe­nen, auf Ber­ge und in Täler. Es han­delt sich um jene wei­ten Gegen­den, die der Mensch durch­wan­dern kann. Der an ­Nietz­sche und Speng­ler geschul­te His­to­ri­ker kann an frü­he­re Publi­ka­tio­nen anknüp­fen. An Schär­fe läßt sei­ne Kul­tur­kri­tik auch dies­mal nichts zu wün­schen übrig. Es ist das Wis­sen um die rela­ti­ve Kür­ze des Lebens, das die meis­ten Men­schen dazu ani­miert, das Dasein im Sin­ne von Mitnahme­möglichkeiten zu ver­ste­hen oder mißzuverstehen.

Da die ent­spre­chen­den Gele­gen­hei­ten für vie­le Men­schen, zumin­dest der west­li­chen Welt, immer noch so gut wie sel­ten zuvor sind, erge­ben sich aus die­ser ver­brei­te­ten Hal­tung öko­lo­gi­sche Pro­ble­me. Lis­sons Schlüs­sel zur Hebung, wenigs­tens zur Mil­de­rung weit­hin bekann­ter Schwie­rig­kei­ten, ist die For­de­rung nach Ver­zicht und Aske­se – ein altes Pos­tu­lat vor allem in öko­lo­gi­schen und bestimm­ten reli­gi­ös moti­vier­ten Krei­sen, das vor allem unter ver­hält­nis­mä­ßi­gen ­Wohl­stands­be­din­gun­gen ­eini­ge Reso­nanz hervorruft.

Sol­che all­ge­mei­nen Hin­wei­se auf die Raub­tier­na­tur des Men­schen sind noch eini­ger­ma­ßen kon­sens­fä­hig. Dies läßt sich von sei­nen Anmer­kun­gen über das aktu­el­le Sta­di­um des Ver­falls der Demo­kra­tie und über die Indok­tri­na­ti­on der Kar­tell­me­di­en nicht behaup­ten. Sie wer­den (wie bei die­sem Autor gewohnt) mit Ver­ve vor­ge­tra­gen. Er ruft in Erin­ne­rung, daß das demo­kra­ti­sche Sys­tem, nun als frei­heit­lich apo­stro­phiert, in der west­li­chen Welt erst seit dem Ende der tota­li­tä­ren Erfah­rung als kon­kur­renz- und alter­na­tiv­los gilt.

Kein Gerin­ge­rer als der Emi­grant Ber­tolt Brecht hat­te auf die Gefah­ren einer faschis­ti­schen Macht­er­grei­fung in den hoch­ka­pi­ta­lis­tisch (und damit für ihn unde­mo­kra­tisch) orga­ni­sier­ten USA auf­merk­sam gemacht. Nicht zufäl­lig hat­te »Demo­kra­tie« bei ­her­aus­ra­gen­den Poli­tik­theo­re­ti­kern von links bis rechts (von Theo­dor W. Ador­no bis Carl Schmitt) kei­ne gute Reputation.

Es über­steigt die Mög­lich­kei­ten des Rezen­sen­ten, auf alle Anspie­lun­gen des aus­ge­zeich­ne­ten Essay­is­ten hin­zu­wei­sen, über des­sen exis­ten­ti­el­le Betrof­fen­heit vom Stoff sei­ner Erör­te­run­gen kein Zwei­fel besteht. Er betont die Not­wen­dig­keit für den ein­zel­nen, sein Leben vor dem Dasein zu recht­fer­ti­gen. Beson­ders gilt die­ser Auf­trag für den Lite­ra­ten. Er sol­le das schrei­ben, wozu nur er in der Lage sei. Als eines sei­ner Vor­bil­der in der Dich­tung benennt Lis­son Georg Büch­ners Lenz.

Der Aus­blick des Autors über die zivi­li­sa­to­ri­schen Bedin­gun­gen der Gegen­wart ist düs­ter: Das gro­ße Ster­ben habe längst begon­nen. Wahr­schein­lich wird er dem­nächst eine Abhand­lung mit dem The­ma »Nach der Demo­kra­tie« ver­fas­sen. Lis­sons nicht unbe­trächt­li­che Leser­schaft war­tet darauf.

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