Matthias Matussek: Armageddon

-- von Eva Rex

Wer neugierig ist, zu erfahren, was Matthias ­Matussek bei Lidl einkauft, wie hoch seine Blutdruckwerte sind und welche Diagnose ihm seine Psychotherapeuten ausgestellt haben, dem sei Armageddon ans Herz gelegt.

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Der Leser soll­te aller­dings nicht auf den Eti­ket­ten­schwin­del »Roman« rein­fal­len. Eher han­delt es sich um eine Anek­do­ten­samm­lung über das wil­de Leben des Rock’n’Rol­lers unter den deut­schen Jour­na­lis­ten und dar­über, wie die  Kar­rie­re des Ex-Kul­tur­chefs beim Spie­gel ein jähes Ende fand.

Prota­gonist und Autor sind nicht von­ein­an­der zu unter­schei­den, so wie fast alle Per­so­nen in die­sem Buch unter ihrem Klar­na­men vor­ge­stellt wer­den und mit sich selbst iden­tisch sind. Das vor­ge­ge­ben Roman­haf­te dient als Fei­gen­blatt, um die Freu­de des Autors an exhi­bi­tio­nis­ti­scher Selbst­dar­stel­lung zu kaschie­ren. Ledig­lich das dür­re Hand­lungs­ge­rüst ist fik­tio­nal: Rico Haus­mann, 69 Jah­re alt, hat sich vom Medi­en­rum­mel zurück­ge­zo­gen und lebt beschau­lich in einem Dorf an der Ostsee.

Von dort berich­tet er über die ver­hee­ren­den Zustän­de des Lan­des, nun durch das alter­na­ti­ve Sprach­rohr »Kon­tra­funk«. Die Ruhe und die Abge­schie­den­heit, die er gesucht hat, fin­det er jedoch nicht. Er wird auf­ge­stö­bert von »Put­zer«, einem Anti­fa-Hel­den und Kra­wall­ma­cher der G20-Pro­tes­te, der ihn als »Scheiß Fascho« iden­ti­fi­ziert und den fins­te­ren Plan gefaßt hat, ihn aus der Welt zu schaffen.

Am Kar­frei­tag ist es soweit: Auf einem Fried­hof lau­ert Put­zer ihm auf, legt sein Scharf­schüt­zen­ge­wehr an und zielt. Das Schick­sal indes zeigt sich gnä­dig mit Haus­mann, er kommt mit einer Fleisch­wun­de davon. Der an den Haa­ren her­bei­ge­zo­ge­ne Plot folgt kei­ner erkenn­ba­ren Dra­ma­tur­gie, ein Span­nungs­bo­gen wird nicht auf­ge­baut, von einer Ent­wick­lung der Haupt­fi­gur ganz zu schwei­gen. Statt des­sen bekom­men wir einen wüten­den Rund­um­schlag prä­sen­tiert gegen alles, was in der rot-grü­nen Poli­tik falsch läuft – alles rich­tig, und doch so erwart­bar wie längst bekannt.

Eine säbel­ras­seln­de Abrech­nung mit dem Wahn­sinn unse­rer Zeit, ohne Tie­fen­aus­lo­tung und ohne ana­ly­ti­schen Mehr­wert. Ob Corona‑, Migrations‑, Kli­ma- oder Ukrai­ne-Kri­se, ob Gen­der- oder die trans­hu­ma­nis­ti­sche Agen­da: alles wird schlagwort­artig ange­tippt und phra­sen­haft abge­han­delt. So rutscht unter der Sturz­flut von Schimpf­ti­ra­den das wah­re Aus­maß der aktu­el­len Bedro­hungs­la­ge aus dem Blickfeld.

Epi­zen­trum der Erre­gung ist die Par­ty, die Matus­sek anläß­lich sei­nes 65. Geburts­ta­ges stei­gen ließ. Ein­ge­la­den waren neben ­pro­mi­nen­ten Kol­le­gen auch Akteu­re der Neu­en Rech­ten. Ja: sogar ein »jun­ger Iden­ti­tä­rer« fand sich auf der Gäs­te­lis­te. Die Medi­en beka­men Wind davon, der Skan­dal war da, die Empö­rungs­eli­te hyper­ven­ti­lier­te. Freun­de wand­ten sich von »Haus­mann« ab, sein ohne­hin ange­knacks­ter Ruf war end­gül­tig dahin. Die erlit­te­ne Krän­kung, nicht mehr »Star-Jour­na­list«, ein Platz­hirsch unter den ganz Gro­ßen (»Zwölf­ender«) zu sein, hat der Ich-Erzäh­ler trotz gegen­tei­li­ger Beteue­run­gen nicht verwunden.

Eben­so­we­nig den Ver­lust der damit ver­bun­de­nen Annehm­lich­kei­ten. In wel­chem Luxus er frü­her gewohnt hat! In Ham­burg war es ein Quar­tier in Als­ter­nä­he, »250 Qua­drat­me­ter mit Dach­ter­ras­se«, in Man­hat­tan ein »Duplex mit Dach­gar­ten am Cen­tral Park«, in Rio »eine tos­ka­ni­sche Vil­la mit Säu­len und por­tu­gie­si­schen Azu­le­jo-Kacheln und Köchin und Chauf­feur und Wach­dienst«. Nun ist auch das alles hin.

Der Pol­te­rer Matus­sek ist dafür bekannt, daß er für sei­ne Pole­mi­ken kein fei­nes Besteck ver­wen­det, aber muß es so hemds­är­me­lig sein? Sein Ein­dre­schen auf die all­ge­mei­ne »Dumm­heit« und die »tota­le Ver­blö­dung« und die »Scheiß­re­pu­blik« gerät all­zu grob geschnitzt. Das fal­sche Spiel im Medi­en­be­trieb hin­ge­gen, das Denunzianten­tum mit all sei­nen Mit­läu­fern und Oppor­tu­nis­ten, die sich in der Are­na der Eitel­kei­ten gegen­sei­tig die Höl­le heiß machen – das ist durch­aus fes­selnd beschrie­ben. Doch wäre es über­zeu­gen­der, wenn der Ver­fas­ser sich nicht als der Eitels­te von allen her­vor­tä­te. Zumal er sich von der glei­chen apo­ka­lyp­ti­schen Stim­mung hin­rei­ßen läßt wie sei­ne erklär­ten Geg­ner, die Kli­ma-Ter­ro­ris­ten und radi­ka­len Welt­ver­bes­se­rer: Für »Haus­mann« steht die Welt am Abgrund, für Put­zer ist »die Welt im Arsch«. Frap­pie­rend, wie bei­de Kon­tra­hen­ten sich ähneln!

Rico Haus­mann ali­as Matus­sek ist der auf dem Buch­co­ver abge­bil­de­te rasen­de Mönch in der Kut­te, der mit erho­be­nem Kru­zi­fix gegen die »Kul­tur des Todes« und den »Ver­lust der christ­li­chen Wer­te« ankämpft. Es ist bit­ter, mit anzu­se­hen, wie es ihm gelingt, sich selbst zur Kari­ka­tur des zor­ni­gen alten Man­nes zu machen. Er ver­schenkt jede Men­ge Poten­ti­al an sub­stan­ti­el­ler Sys­tem­kri­tik. Als Wut­ber­ser­ker bie­tet er bes­te Angriffs­flä­che für sei­ne poli­ti­schen Feinde.

Über­dies will man ihm die Besorg­nis über die Fol­gen der beschrie­be­nen Fehl­ent­wick­lun­gen nicht recht abneh­men. Viel­mehr beschleicht einen das Gefühl, daß er es genießt, sei­nen Lebens­abend damit zu krö­nen, ein bekämpf­ter Dis­si­dent, ein »Paria« zu sein – was für ein Aben­teu­er! (»Man kann sagen, daß sich Rico in die­sen Tagen in einer deli­ka­ten und durch­aus sti­mu­lie­ren­den jour­na­lis­ti­schen Dau­er­er­re­gung ein­ge­rich­tet hatte«.)

Dem Autor sei emp­foh­len, lie­ber bei Repor­ta­gen und scharf­zün­gi­ger Essay­is­tik zu blei­ben, denn da gelin­gen ihm wun­der­ba­re Pas­sa­gen von Tie­fe und gro­ßem Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Zum Schluß sei ange­merkt: Nicht an allem, was man sich an per­sön­li­cher Kri­tik ein­han­delt, ist zwangs­läu­fig die poli­ti­sche Posi­ti­on schuld.

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Mat­thi­as Matus­sek: Arma­ged­don. Roman, Mün­chen: Euro­pa 2023. 288 S., 22 €

 

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