Hanno Sauer: Moral. Die Erfindung von Gut und Böse

-- von Georg Nachtmann

Hanno Sauer, Jahrgang 1983, verdient sein Geld als Professor für Philosophie an der Universität Leiden, wo er Ethik unterrichtet. Mit Moral. Die Erfindung von Gut und Böse hat er ein Sachbuch vorgelegt, das die Geschichte der Moral (und nicht etwa die Geschichte der Moral theorie) erzählen möchte.

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Der Autor prä­sen­tiert sei­nen Lesern sie­ben ent­schei­den­de Ent­wick­lungs­schrit­te der Moral, die er an sie­ben idea­li­sier­te Refe­renz­zeit­räu­me kop­pelt: Vor 5 000 000 Jah­ren habe bei den Vor­fah­ren des Men­schen die Evo­lu­ti­on der Koope­ra­ti­on begon­nen, was zu einer grup­pen­ori­en­tier­ten Moral geführt habe. Vor 500 000 Jah­ren sei das Stra­fen als sozia­le Regu­la­ti­on des Ver­hal­tens hin­zu­ge­tre­ten. Vor 50 000 Jah­ren sei die kul­tu­rel­le Evo­lu­ti­on ins Rol­len gekom­men, wodurch der Mensch zuneh­mend sei­ne eige­ne Umwelt gestal­tet habe; die Moral sei dadurch »iden­ti­täts­ori­en­tiert« geworden.

Die­se Ent­wick­lung habe vor 5000 Jah­ren zu immer kom­ple­xe­ren Gesell­schaf­ten geführt, die eine hier­ar­chi­sche Struk­tu­rie­rung nötig gemacht und auf die­sem Wege Ungleich­heit erzeugt hät­ten. Die­se Ungleich­heit sei vor 500 Jah­ren zuneh­mend als Pro­blem emp­fun­den wor­den; durch wei­te­re Schrit­te kul­tu­rel­ler Evo­lu­ti­on, ins­be­son­de­re auf dem Gebiet der Wirt­schaft, sei­en die meis­ten Hier­ar­chien der Gesell­schaft durch frei­wil­li­ge Koope­ra­ti­on ersetzt wor­den: die Geburts­stun­de der moder­nen Gesellschaft.

Vor rund 50 Jah­ren sei der »sozio­po­li­ti­sche Sta­tus benach­tei­lig­ter Min­der­hei­ten […] zur mora­li­schen Prio­ri­tät gewor­den.« Und seit rund fünf Jah­ren berei­te nun der aus der Früh­pha­se der Mensch­heit stam­men­de Ata­vis­mus einer Ein­tei­lung in »wir« und »die« in Gestalt lin­ker und rech­ter Iden­ti­täts­po­li­tik Pro­ble­me. Aber, so möch­te Sau­er sei­ne Leser abschlie­ßend beru­hi­gen: »Die mora­li­schen Wer­te, die uns ver­bin­den, gehen tie­fer, als wir glau­ben, und die poli­ti­schen Grä­ben, die uns tren­nen, sind weni­ger tief, als wir denken.«

Wer erwar­tet, daß die­se holz­schnitt­ar­ti­ge Zusam­men­fas­sung des Inhalts im Buch selbst als leben­di­ge, empi­risch fun­dier­te und über­zeu­gen­de Geschich­te erzählt wird, wird ent­täuscht wer­den. Denn was die anthro­po­lo­gi­schen Fak­ten angeht, ist das Buch, wie der Autor selbst frei­mü­tig zuge­steht, pure Spe­ku­la­ti­on: Statt »Geschichts­schrei­bung im tra­di­tio­nel­len Sin­ne, bei der auf kon­kre­te, mehr oder weni­ger gut doku­men­tier­te Ereig­nis­se und Ent­wick­lun­gen Bezug genom­men wird«, gehe es hier um »eine Form der ›tie­fen Geschich­te‹, bei der nicht mit Jah­res­zah­len und Namen ope­riert, son­dern ein plau­si­bles Sze­na­rio ent­wor­fen wird, das unge­fähr so abge­lau­fen sein könn­te.« – Oder eben auch nicht.

Der halb­wegs auf­merk­sa­me Leser wird jeden­falls regel­mä­ßig über Unsin­nig­kei­ten, Wider­sprü­che und vor allem man­geln­de Bele­ge in der Dar­stel­lung des Autors stol­pern. So wird man dar­über belehrt, daß »die­je­ni­gen mensch­li­chen Gesell­schaf­ten, die nen­nens­wer­te his­to­ri­sche Spu­ren hin­ter­las­sen haben, […] immer extrem ungleich« waren, wohin­ge­gen »noma­den­haft leben­de Grup­pie­run­gen von Jägern und Samm­lern« – von denen sich sol­che Spu­ren frei­lich nicht fin­den las­sen – »fast immer ver­blüf­fend ega­li­tär orga­ni­siert waren.«

In der Urzeit sei­en sogar die Frau­en gleich­be­rech­tigt an den Ent­schei­dun­gen der Grup­pe betei­ligt gewe­sen, was der Autor »sehr löb­lich« fin­det. Woher er der­ar­ti­ges trotz feh­len­der Evi­denz weiß? Man erfährt es nicht. Über­trof­fen wird die non­cha­lan­te Fabu­lier­lust Sau­ers viel­leicht nur durch die Bla­siert­heit, mit der er etwa Nietz­sche und des­sen Genea­lo­gie der Moral schlicht als »nicht wahr« abkanzelt.

Nun ist Nietz­sche selbst für den höchst lesens­wert, der alle sei­ne Gedan­ken ablehnt. Das bringt den Rezen­sen­ten zum eigent­li­chen Skan­dal die­ses Buchs: Der Ver­fas­ser – immer­hin Berufs­phi­lo­soph – ist nicht in der Lage, ein­fachs­te Unter­schei­dun­gen zu tref­fen oder sim­pels­te Refle­xio­nen anzu­stel­len. So bleibt es bis zum Ende des Buchs unklar, ob es Sau­er um die Geschich­te der Moral oder die der mensch­li­chen Moral vor­stel­lun­gen geht. Deut­lich wird dies etwa dadurch, daß der Ver­fas­ser sich nicht nur nicht im kla­ren dar­über zu sein scheint, ob Moral erfun­den oder ent­deckt wird, son­dern daß er offen­bar nicht ein­mal den Unter­schied ver­steht: Der Unter­ti­tel des Buches spricht von der »Erfin­dung« von Gut und Böse, im Text selbst ist von der »Ent­de­ckung der Moral« die Rede.

Auch bleibt der für Sau­ers Pro­jekt ent­schei­den­de Unter­schied zwi­schen Gene­se und Gel­tung der Moral gänz­lich unre­flek­tiert. Was, so fragt man sich bei der Lek­tü­re, soll die Geschich­te der Ent­ste­hung von Moral­vor­stel­lun­gen eigent­lich über die Rich­tig­keit oder Falsch­heit die­ser Vor­stel­lun­gen aus­sa­gen? Und wenn stän­dig vom »mora­li­schen Fort­schritt« die Rede ist – ist das beschrei­bend oder doch wer­tend gemeint?

Ange­sichts die­ser schmerz­haf­ten Gedan­ken­lo­sig­keit ist es kaum ver­wun­der­lich, daß Sau­er auch das pro­gres­siv-libe­ra­le Moral­ver­ständ­nis der Gegen­wart ohne jede Begrün­dung als alter­na­tiv­lo­se Selbst­ver­ständ­lich­keit behan­delt: »Es besteht ja kein Zwei­fel dar­über, daß die mora­li­schen Zie­le inklu­si­ver Bewe­gun­gen gut und rich­tig sind. Jeder soll­te [sic!] zustim­men, daß in einer moder­nen Gesell­schaft eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit, Haut­far­be, sexu­el­le Ori­en­tie­rung, kör­per­li­che Ver­fas­sung und sozia­le Her­kunft kei­nen Ein­fluß auf das Schick­sal einer Per­son haben soll­ten.« Somit erweist sich die­ses Buch, das laut Eigen­aus­kunft eine »Genea­lo­gie 2.0« sein will, bloß als geist­lo­ser Nietz­sche-Abklatsch für Gutmenschen.

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Han­no Sau­er: Moral. Die Erfin­dung von Gut und Böse, Mün­chen: Piper 2023. 392 S., 26 €

 

 

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