Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister

-- von Michael Beleites

Dank der Corona-bedingten ­Einschränkungen des Universitätsbetriebs hat sich der Tübinger Professor für Neuere Geschichte, Ewald Frie, einen langgehegten Wunsch erfüllt: Er hat ein vernachlässigtes Stück bundesrepublikanischer Zeitgeschichte anhand der eigenen Familiengeschichte erforscht.

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Der Autor ist ein müns­ter­län­di­scher Bau­ern­sohn, und er erzählt die Geschich­te sei­ner Her­kunfts­fa­mi­lie, in der sich der Nie­der­gang des Bau­ern­stan­des in West­deutsch­land spie­gelt. »1980 ver­ließ die letz­te Kuh und mit ihr der letz­te land­wirt­schaft­li­che Betrieb den Ort.«

Als Leser merkt man sofort, daß hier einer schreibt, der eine enge Bezie­hung zu sei­nem The­ma hat. Er selbst sieht das Buch als einen Grenz­fall zwi­schen Wis­sen­schaft und Fami­li­en­sinn. Genau hier­in liegt die beson­de­re Stär­ke des Wer­kes. Es ist sowohl per­sön­lich authen­tisch als auch fach­lich soli­de – und damit bei­spiel­ge­bend für eine gelin­gen­de Ver­mitt­lung his­to­ri­scher Zusammenhänge.

Nicht reprä­sen­ta­tiv für deut­sche Ver­hält­nis­se, aber viel­leicht gera­de des­we­gen aus­sa­ge­kräf­tig, ist der Ort des Gesche­hens: Er liegt im Müns­ter­land, zwi­schen den Städ­ten Coes­feld und Lüding­hau­sen. Hier fin­den wir eine länd­li­che Sied­lungs­struk­tur vor, von Ein­zel­ge­höf­ten bestimmt, die hier »Bau­er­schaf­ten« hei­ßen. Frie beschreibt sehr plas­tisch die har­te, aber auch erfül­len­de Arbeit der Eltern sowie das bäu­er­li­che Fami­li­en­le­ben – jeweils ein­ge­bet­tet in die his­to­ri­schen und poli­ti­schen Rahmenbedingungen.

Er schil­dert die länd­li­chen Tra­di­tio­nen und das Glau­bens­le­ben. Ritua­le, die Gemein­schaft stif­ten, Halt geben und den Fort­schritt ein­he­gen. Aus dem erfolg­rei­chen und viel­sei­ti­gen Bau­ern­hof des Vaters mit sei­nem Schwer­punkt auf die Zucht des Rot­bun­ten Milch­rinds wird ein moder­ner Betrieb. Die vom ältes­ten Sohn vor­ge­nom­me­ne Spe­zia­li­sie­rung auf Schwei­ne­zucht und Fer­kel­pro­duk­ti­on schützt nicht davor, daß der Hof wirt­schaft­lich unter Druck gerät.

Der Wan­del der wirt­schaft­li­chen und sozia­len Ver­hält­nis­se auf den Bau­ern­hö­fen voll­zieht sich so rasant, daß sich aus den Inter­views des Autors mit sei­nen Geschwis­tern ganz ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven her­aus­kris­tal­li­sie­ren. Eines jedoch ändert sich kaum. So wie sei­ne Eltern der Über­zeu­gung waren, »daß Poli­tik ein Schick­sal sei, das man kaum ändern kön­ne«, mei­nen auch er und sei­ne Geschwis­ter, Poli­tik sei nicht ihr Feld: »Wir gehen wäh­len. Aber wir packen da an, wo wir die Fol­gen unse­res Han­delns abschät­zen und sehen können.«

Frie schil­dert den »stil­len Abschied vom bäu­er­li­chen Leben« ohne Weh­mut und ohne Wer­tung, »frei von Nost­al­gie, mit kla­rem Blick«, wie es in einer Spie­gel-Rezen­si­on heißt. Das mag dem aka­de­mi­schen Anspruch des His­to­ri­kers geschul­det sein. Bei genaue­rer Betrach­tung ist dies aber eine ahis­to­ri­sche Sicht, die manch kla­ren Blick scheut. Hier unter­schlägt näm­lich der Autor die wah­re his­to­ri­sche Dimen­si­on des Gesche­hens. Seit dem Aus­tritt mensch­li­cher Gesell­schaf­ten aus ihrem Leben als Jäger und Samm­ler, seit dem Seß­haft-Wer­den und dem Erschei­nen von Kul­tur im enge­ren Sin­ne ist das Bau­ern­tum die Grund­la­ge jeder geschicht­li­chen Entwicklung.

Nicht umsonst heißt die­se vor über fünf­tau­send Jah­ren begon­ne­ne Epo­che, zu der auch unse­re Indus­trie­ge­sell­schaft gerech­net wird, »Acker­bau­kul­tur«. Ein kla­rer Blick wür­de auch zuta­ge för­dern, daß die Zer­schla­gung des Bau­ern­stan­des im kapi­ta­lis­ti­schen Wes­ten eben­so wie im kom­mu­nis­ti­schen Osten poli­tisch betrie­ben wur­de und Fol­gen hat, die weit über unse­ren Hori­zont hinausreichen.

Schon Oswald Speng­ler hat­te dar­auf hin­ge­wie­sen, daß der Dege­ne­ra­ti­ons­pro­zeß einer Kul­tur dadurch gekenn­zeich­net sei, die länd­li­chen Räu­me zur Pro­vinz her­ab­zu­sto­ßen: »statt eines form­vollen, mit der Erde ver­wach­se­nen Vol­kes ein neu­er Noma­de, ein Para­sit […] mit einer tie­fen Abnei­gung gegen das Bau­ern­tum«. Das von Speng­ler ent­wor­fe­ne zykli­sche Geschichts­bild vom Wer­den und Ver­ge­hen der Kul­tu­ren stif­tet aber auch Hoff­nung. Hoff­nung auf eine Wie­der­ge­burt des bäu­er­li­chen Lebens, auf des­sen Grund eine Kul­tur gedei­hen kann, die die­sen Namen verdient.

Das heu­te vor­herr­schen­de und auch von Frie ver­mit­tel­te linea­re Geschichts­bild ist inso­weit ein fata­lis­ti­sches, als es eine mehr oder weni­ger kon­ti­nu­ier­li­che Fort­ent­wick­lung meint (und her­bei­zu­füh­ren hilft), deren Lauf von einer glo­ba­len öko­no­mi­schen Zwangs­läu­fig­keit bestimmt wird. Für pro­gres­si­ve Geis­ter ist das Ende der Bau­ern unwi­der­ruf­lich und ein not­wen­di­ger Teil des Fort­schritts, der zu begrü­ßen oder zumin­dest hin­zu­neh­men sei.

Ein sol­ches Nar­ra­tiv läuft auf einen end­gül­ti­gen Ver­lust von Behei­ma­tung und schließ­lich auf kul­tu­rel­len Nie­der­gang hin­aus. Wer eher kon­ser­va­tiv fühlt und in der genann­ten Zwangs­läu­fig­keit ein destruk­ti­ves Gesche­hen erkennt, sieht dar­in viel­mehr eine »Him­mel­fahrt ins Nichts«, vor der der Öko­lo­ge und Grü­nen-Mit­grün­der Her­bert Gruhl (1921 – 1993) warnte.

So oder so, ein Geschichts­fa­ta­lis­mus lähmt gera­de die­je­ni­gen, die noch ahnen, daß die bäu­er­li­che Arbeit auch Kräf­te frei­setzt; daß es einen Wert an sich hat, dort, wo man lebt, ein Stück Erde zu bear­bei­ten, das man selbst gestal­ten kann. Wer sich die Hoff­nung auf eine neue gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­de Boden­stän­dig­keit nicht neh­men las­sen will, braucht anschau­li­che Vor­stel­lun­gen von dem, was bäu­er­li­ches Leben aus­macht. Dafür ist Ewald Fries zu Recht preis­ge­krön­tes Buch eine ergie­bi­ge Quelle.

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Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwis­ter. Der stil­le Abschied vom bäu­er­li­chen Leben, Mün­chen: C. H. Beck 2023. 191 S., 23 €

 

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