Reinhart Koselleck: Geronnene Lava

Koselleck (1923 – 2006) war einer der bedeutendsten deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts. Sein Werk war dem hinter den Ereignissen stehenden gesellschaftspolitischen Wandel gewidmet. Die Hauptaufgabe des Historikers sah er darin, davon auszugehen, »daß immer alles anders war als gesagt« und »daß alles immer anders ist als gedacht«.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Mit sei­nen Arbei­ten zum »poli­ti­schen Toten­kult« hat Koselleck ein in der Bun­des­re­pu­blik lan­ge unbe­ach­te­tes Feld für die Geschichts­for­schung gewon­nen. Die wich­tigs­ten Tex­te zu die­sem The­ma sind in dem vor­lie­gen­den Band versammelt.

Eröff­net wird der Band mit Auf­sät­zen, in denen Koselleck die euro­päi­sche Denk­mal­land­schaft ana­ly­siert, was ihn seit den spä­ten 1960er Jah­ren beschäf­tig­te, als »alle Sozi­al­ge­schich­te der Kunst machen woll­ten«. Koselleck leg­te seit­dem eine 30 000 Bil­der umfas­sen­de Samm­lung von Dar­stel­lun­gen des Todes in Revo­lu­ti­on und Krieg an, wie sie sich vor allem in Denk­mä­lern zei­gen. Der Schwer­punkt liegt auf der Zeit seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, in der Denk­mä­ler der Sinn­stif­tung durch heroi­sche Sie­ger­dar­stel­lun­gen oder dem dynas­ti­schen Toten­kult dienten.

Das galt zumin­dest bis zum Ers­ten Welt­krieg, in dem das Mas­sen­ster­ben die Fra­ge nach dem Sinn des Todes selbst stell­te. Auch die ein­fa­chen Sol­da­ten wur­den denk­mal­fä­hig und damit sinn­stif­tend, was man auch heu­te noch in jedem Dorf sehen kann. ­Koselleck unter­sucht die­sen Pro­zeß an den Denk­mä­lern selbst, aber auch an Todes­dar­stel­lun­gen in der Kunst oder dem Deu­tungs­wan­del des Reiterdenkmals.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg gab es ers­te Zwei­fel an der sinn­stif­ten­den Funk­ti­on des Todes über­haupt, die sich schon vor, aber vor allem nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung in einem völ­li­gen Bedeu­tungs­wan­del der Denk­mä­ler nie­der­schlu­gen, die jetzt vor allem als »Nega­tiv­denk­mä­ler« kon­zi­piert waren. Koselleck begann sich in die öffent­li­che Dis­kus­si­on um die Umge­stal­tung der Neu­en Wache und die Kon­zep­ti­on des Holo­caust-Mahn­mals einzuschalten.

Bei ­ers­te­rer sah er in dem Kom­pro­miß, eine ver­grö­ßer­te Pie­tà von Käthe Koll­witz auf­zu­stel­len, eine unan­ge­mes­se­ne Form der Erin­ne­rung, da im Zwei­ten Welt­krieg nicht allein die Söh­ne, um die deren Müt­ter trau­er­ten, gefal­len sei­en, son­dern aus allen Bevöl­ke­rungs­tei­len gro­ße Opfer zu bekla­gen waren. Im Holo­caust-Mahn­mal sah er das Pro­blem, daß eine Opfer­grup­pe ihr exklu­si­ves Mahn­mal bekam, was zwangs­läu­fig als Unge­rech­tig­keit emp­fun­den wer­den müs­se. Koselleck for­der­te des­halb ent­we­der ein Mahn­mal für alle Opfer oder für jede Grup­pe ein extra Denkmal.

Daß sei­ne Ein­wän­de nicht gehört wur­den, hat Koselleck einer­seits frus­triert, ande­rer­seits hat es dazu geführt, daß er begann, sich all­ge­mein zur Erin­ne­rungs­kul­tur zu äußern. Damit sorg­te er in den 1990ern für Auf­se­hen, weil er dar­in sei­ne eige­ne Geschich­te in die Debat­te um die Fra­ge, ob die Deut­schen 1945 befreit wor­den sei­en, ein­brach­te: »Ich habe bis zum Schluß gekämpft, um nach Wes­ten zu ent­kom­men; zu behaup­ten, ich sei ein Opfer, wäre für mich eine Lüge. Und zu behaup­ten, ich sei befreit wor­den, als ich gefan­gen genom­men wur­de, wider­spricht völ­lig mei­ner Erfahrung.«

Die­se Tex­te fal­len in eine Zeit, in der sich die Debat­ten um erin­ne­rungs­po­li­ti­sche Fra­gen immer mehr mora­li­siert hat­ten, so daß Kosellecks dif­fe­ren­zier­te Art des Zugriffs zu wüten­den Reak­tio­nen in den Feuil­le­tons führ­te, ins­be­son­de­re sei­ne For­de­rung nach Errich­tung eines »Täter­mals«.

Im letz­ten Teil des Buches sind bis­lang unver­öf­fent­lich­te Tex­te ver­sam­melt, die Koselleck sich seit den 1960er Jah­ren in einer Map­pe notiert hat­te, die immer in der Nähe sei­nes Schreib­tischs lag. Es han­delt sich um immer wie­der­keh­ren­de Träu­me hin­sicht­lich der trau­ma­ti­schen Erleb­nis­se in rus­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft, eine Erin­ne­rung, die Koselleck nie­mals los­ge­las­sen hat. Die­se Noti­zen sind nicht nur für die Bio­gra­phie von Koselleck auf­schluß­reich, son­dern ver­ra­ten auch eini­ges über den Gene­ra­tio­nen­bruch, der zwi­schen der Kriegs- und den Nach­kriegs­ge­nera­tio­nen besteht.

Mit dem Aus­ster­ben der His­to­ri­ker­ge­nera­ti­on Kosellecks domi­niert die mora­li­sie­ren­de Geschichts­be­trach­tung das Fach, weil es kei­ner­lei Erfah­rung bei den gegen­wär­ti­gen His­to­ri­kern gibt, auf die sie zurück­grei­fen könn­ten, um Distanz zur Gegen­wart zu gewinnen.

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Rein­hart Koselleck: Geron­ne­ne Lava. Tex­te zu poli­ti­schem Toten­kult und Erin­ne­rung, hrsg. von Man­fred Hett­ling, Hubert Locher und ­Adria­na Mar­kan­to­na­tos, Ber­lin: Suhr­kamp 2023. 572 S., 38 €

 

 

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Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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