Michael Böhm: Versuch über das Scheitern

-- von Felix Dirsch

Der menschliche Daseinshorizont, seine Chancen und Grenzen sind schwer auszuloten. Selbst einer bahnbrechenden Existenzanalyse wie derjenigen Martin Heideggers ist ein solches Unternehmen nur in Ansätzen gelungen. Nicht zufällig ist sein Hauptwerk Sein und Zeit unvollendet geblieben.

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Heid­eg­gers Phä­no­me­no­lo­gie von Ver­fal­len­heit, Eigent­lich­keit, Zeit­lich­keit und Vor­läu­fen zum Tode prägt den­noch bis heu­te die her­me­neu­ti­schen Wis­sen­schaf­ten. Die Kon­tin­genz mit allen For­men von Glück und Unglück ist ein Kon­sti­tu­ens des mensch­li­chen Daseins und sei­nes Vollzugs.

Die Viel­falt der For­men des Schei­terns zwingt jeden, der sich damit aus­ein­an­der­setzt, fast not­wen­di­ger­wei­se zur essay­is­ti­schen Betrach­tung. Die ent­spre­chen­den Erschei­nun­gen sind bes­ten­falls gedank­lich zu umkreisen.

Vor dem Hin­ter­grund ist es beacht­lich, wie sich der Publi­zist Micha­el Böhm dem The­ma nähert. Miß­lin­gen ist immer eine Ange­le­gen­heit des indi­vi­du­el­len Daseins­voll­zugs, aber auch gesell­schaft­li­cher Vor­aus­set­zun­gen. In Epo­chen, in denen die Frei­heit des ein­zel­nen gering­ge­schätzt wird – zahl­lo­se Bele­ge gibt es exem­pla­risch in der anti­ken Tra­gö­die –, hat das Indi­vi­du­um weni­ger die Fol­gen zu tra­gen als in Zeit­al­tern, in denen die Über­macht kol­lek­ti­ver Mecha­nis­men und Regu­la­ri­en vorherrscht.

In der west­li­chen Welt sind Frei­heit und Indi­vi­dua­lis­mus zwei Grund­wer­te, die ein­mal mehr, ein­mal weni­ger in der Pra­xis ein­ge­löst wer­den. Sie las­sen wich­ti­ge Vor­läu­fer erken­nen, etwa das Chris­ten­tum. Jeden­falls las­ten die neu­en Erschei­nungs­mög­lich­kei­ten dem ein­zel­nen mehr Ver­ant­wor­tung auf. Anhand vie­ler Bei­spie­le aus Lite­ra­tur, Kul­tur und all­täg­li­cher Gesell­schaft ana­ly­siert Böhm die Kehr­sei­te der Medail­le. Der Schmied kann sein viel­zi­tier­tes Glücks­ei­sen auch so ver­for­men, daß es bricht.

Zu den Kon­se­quen­zen west­li­cher Frei­heits­kul­tur gehö­ren neben posi­ti­ven Aspek­ten eine Zunah­me der Depres­sio­nen, der sozia­len Ängs­te, der Unsi­cher­hei­ten und vie­les mehr. Eine wich­ti­ge Stu­die, die die­sen Pro­blem­kom­plex unter­sucht, ist eine grund­le­gen­de, von Alain Ehren­berg über das »erschöpf­te Selbst« ver­faß­te Abhand­lung. Böhm arbei­tet sich an die­ser Publi­ka­ti­on ab. Die zuneh­mend feh­len­de Ein­bet­tung in sozia­le Kon­tex­te, ins­be­son­de­re die Ten­denz zur Ver­sin­ge­lung, hat durch­aus ihren Preis. Frei­heits­kri­ti­sche Ansät­ze in der Wis­sen­schaft, wie sie etwa vom Neu­ro­bio­lo­gen Wolf Sin­ger vor­ge­bracht wer­den, ent­las­ten den Men­schen von sei­ner Ver­ant­wor­tung für Fehl­ver­hal­ten, das bei­spiels­wei­se poin­tiert in der Erzie­hung und in kri­mi­nel­len Ver­hal­tens­wei­sen offen­kun­dig wird.

Die Prä­sen­ta­ti­on indi­vi­du­el­ler Lebens­läu­fe gibt Böhms Schrift ihre beson­de­re Wür­ze. Chris­tia­ne F. (Fel­sche­ri­now), eine Kind-Pro­sti­tu­ier­te, wur­de in den frü­hen 1980er Jah­ren durch die Ver­fil­mung ihrer Erfah­run­gen im Ber­li­ner Kiez- und Dro­gen­mi­lieu (Wir Kin­der vom Bahn­hof Zoo) bekannt. Daß die in pre­kä­re Fami­li­en­ver­hält­nis­se hin­ein­ge­bo­re­ne Deklas­sier­te nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten ist, zeigt der Erfolg ihrer vor weni­gen Jah­ren ver­öf­fent­lich­ten Biographie.

Sie ver­rät auch, daß ihre zeit­wei­li­ge Pro­mi­nenz nicht alles in ihrem Leben hat gut wer­den las­sen. Der durch einen TV-Auf­tritt 2009 öffent­lich gewor­de­ne Absturz des vor­her wohl­si­tu­ier­ten Wal­ter Thrun in die Obdach­lo­sig­keit erhielt nicht zuletzt des­halb Applaus, weil er sei­nen Aus­stieg mit Wider­stand gegen die »ver­lo­ge­ne Kon­sum­ge­sell­schaft« begründete.

Völ­lig anders hin­ge­gen stellt sich das Schei­tern des ehe­ma­li­gen hes­si­schen Finanz­mi­nis­ters Tho­mas Schä­fer dar. Er sah sich wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie sei­nen Auf­ga­ben nicht mehr gewach­sen und setz­te wohl des­halb sei­nem Leben ein Ende. Ein gera­de­zu mus­ter­haf­tes Miß­lin­gen erken­nen wir im gesam­ten Lebens­lauf des däni­schen Phi­lo­so­phen Søren Kier­ke­gaard, der sein abseh­ba­res frü­hes Lebens­en­de durch einen exis­ten­ti­el­len Ent­wurf überhöhte.

Daß Fehl­schlä­ge und Glü­cken des Daseins nicht getrennt wer­den kön­nen, soll­te kei­nes­wegs ent­mu­ti­gen. Im Augen­blick dun­kels­ter Schat­ten wird gele­gent­lich das hells­te Licht sicht­bar. Kein Gerin­ge­rer als der Stif­ter des Chris­ten­tums steht dafür para­dig­ma­tisch. Der Evan­ge­list Lukas hat es, gül­tig für alle Zei­ten, for­mu­liert: Muß­te nicht der Chris­tus also lei­den und in sei­ne Herr­lich­keit ein­ge­hen? Arbeit am Glau­ben gehört eben­so zen­tral zu unse­rer Kul­tur wie die von Böhm ein­ge­for­der­te Arbeit an der Mythi­sie­rung der Welt.

– –

Micha­el Böhm: Ver­such über das Schei­tern. Betrach­tun­gen eines unan­ge­neh­men Phä­no­mens, Lüding­hau­sen: Manu­scrip­tum 2023. 192 S., 22 €

 

 

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