Jörg Bernig: Eschenhaus

-- von Erik Lommatzsch

Woher das Eschenhaus seinen Namen hat, erfährt der Leser so recht nicht. Allerdings wird die Überlegung aufgeworfen, daß die Welten­esche Yggdrasil hier Pate gestanden haben könnte.

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Die Idee des Ver­bin­den­den durch die Zei­ten, die Vor­stel­lung von weit über die Jahr­hun­der­te bestehen­den Zusam­men­hän­gen, die sich nicht ein­fach kap­pen las­sen und – qua­si natür­lich – ihr Recht auf Fort­be­stehen rekla­mie­ren, zieht sich durch den gan­zen Roman. Die­ser erscheint lan­ge als gro­ße Dys­to­pie. Sei­ne Hoff­nungs­vi­si­on, den etwas blau­äu­gi­gen, aber schöns­ten Teil sei­nes Wer­kes, hat Jörg Ber­nig erst kurz vor Schluß plaziert.

Ansatz‑, Aus­gangs- und Ruhe­punkt des Buches ist immer wie­der das Eschen­haus. An der wali­si­schen Küs­te steht es, am Ende der Welt. Der Name fin­det sich in deut­scher Spra­che über dem Ein­gang. Anna, 1975 in Leip­zig gebo­ren und lan­ge in Ber­lin lebend, hat es von einem ihr Unbe­kann­ten geerbt. Durch den Fund von tage­buch­ar­ti­gen Auf­zeich­nun­gen erfährt sie von der Bezie­hung, in der der Haus­be­sit­zer einst zu ihren Eltern stand, DDR-Aka­de­mi­ker, die dann aus poli­ti­schen Grün­den aus ihren Beru­fen ver­drängt wur­den und auch nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht wie­der adäquat Fuß fas­sen konnten.

Die Geschich­te, die ein Stück Lebens­welt und ‑gefühl »Klein­deutsch­lands« – Ber­nig ver­mei­det die Bezeich­nung DDR – zum Ende der 1970er Jah­re ein­fängt, hät­te auch sepa­rat erzählt wer­den kön­nen, zumal sie einen eige­nen Span­nungs­bo­gen mit über­ra­schen­der Ent­wick­lung enthält.

Ber­nig hat sie aller­dings ein­ge­bet­tet in sei­nen Eschen­haus-Roman, der in einer nicht näher bezeich­ne­ten, aber offen­sicht­lich nicht fer­nen Zukunft ange­sie­delt ist. Ein wesent­li­cher Grund für Annas Über­sied­lung ist die Auf­lö­sung ihrer Hei­mat. Deutsch­land, das nur noch Bun­des­re­pu­blik heißt, erfährt gera­de eine Re-Ter­ri­to­ri­a­li­sie­rung. Die Föde­ra­ti­on wird zur Kon­fö­de­ra­ti­on. Eini­ge Gebie­te wer­den von der »Ein­zig wah­ren Reli­gi­on« über­nom­men, »Otre­lia« (the Only true Reli­gi­on), Eng­lisch ist Ver­kehrs- und zwei­te Amtssprache.

Vie­les, was Ber­nig hier erfin­det, ist im Bereich des­sen, was man sich durch­aus als Nach­rich­ten­mel­dung unse­rer Tage vor­stel­len könn­te. Etwa, daß die Bun­des­län­der statt ihrer Namen Num­mern erhal­ten, damit sich auch die Ein­woh­ner reprä­sen­tiert füh­len, die ursprüng­lich nicht von dort stam­men. Oder daß die bal­ti­schen Staa­ten sich unter den Schutz Ruß­lands bege­ben, wider­stre­bend zwar, aber in der Hoff­nung, auf die­se Wei­se »nicht mehr in jenen gro­ßen Wan­del zur neu­en Ord­nung hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den, der den Kon­ti­nent erfaßt hat­te oder der über ihn gelegt wur­de«. Es wird betont, mit welch atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit sich die Ver­än­de­run­gen vollziehen.

Das Auf­ge­lös­te, so Ber­nigs posi­ti­ver Aus­blick, fin­det sich in alten, für über­lebt gehal­te­nen For­men, in his­to­ri­schen Land­schaf­ten wie­der zusam­men und behaup­tet schließ­lich doch das Über­lie­fer­te. Man wür­de gern dar­an glau­ben, daß es die­se Kräf­te gibt.

Jörg Ber­nig: Eschen­haus. Roman, Dres­den: edi­ti­on buch­haus losch­witz 2023. 400 S., 28 €

 

 

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