Johannes Kleinbeck: Geschichte der Zärtlichkeit

-- von Sophie Liebnitz

Der Titel mag auf den ersten Blick befremden (hat »Zärtlichkeit« eine Geschichte?), seine Bedeutung erschließt sich aber im Fortgang der Lektüre.

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In der euro­päi­schen Auf­klä­rung ent­wi­ckelt sich ein Dis­kurs, der unter die­ser Bezeich­nung über das sexu­el­le Ver­hält­nis zwi­schen Ehe­leu­ten räso­niert. Die­ses sol­le künf­tig nicht mehr durch die Erfül­lung drö­ger »ehe­li­cher Pflich­ten« gekenn­zeich­net sein, die zu absol­vie­ren sei­en wie der Haus­putz oder sons­ti­ge Verpflichtungen.

An die Stel­le die­ser Pflicht soll nun­mehr eine Form der frei­en Aus­hand­lung bezie­hungs­wei­se der Ver­füh­rung tre­ten, die eben mit dem Begriff der »Zärt­lich­keit« gekenn­zeich­net wird. Der Autor ver­folgt die­sen Pro­zeß sowohl rechts­ge­schicht­lich als auch anhand von Fall­bei­spie­len der oben­ge­nann­ten Denker.

Offen­bar ist die­se ver­schlei­ern­de Sprach­ver­wen­dung kei­ne seman­ti­sche Eigen­heit des 18. Jahr­hun­derts, da Klein­beck aus­drück­lich dar­auf ver­weist, daß alle Genann­ten »die freie Aus­hand­lung des ehe­li­chen Bei­schlafs« als Zärt­lich­keit bezeich­net hätten.

Fas­zi­nie­rend ist, wie sich die bei Rous­se­au ange­bahn­te Men­ta­li­tät in der napo­leo­ni­schen Gesetz­ge­bung hand­fest nie­der­schlägt. Emp­find­sam­keit und sub­jek­ti­ve Stim­mung wer­den Recht – ein Vor­gang, der sich in ande­rer Wei­se auch heu­te beob­ach­ten läßt, aller­dings in For­men, die nicht nur die Auf­klä­rer mehr­heit­lich befrem­det hät­ten. »In der Rechts­auf­fas­sung vom Bei­schlaf mar­kiert der Code Civil des Fran­çais eine his­to­ri­sche Zäsur. […] In Napo­le­ons bür­ger­li­chem Ehe­recht wird der Bei­schlaf […] nicht mehr zu den ehe­li­chen Pflich­ten gezählt, selbst die zeit­ge­nös­si­schen Lehr- und Hand­bü­cher äußern sich nicht mehr zu ihm.«

Damit wird die von Pau­lus’ ers­tem Brief an die Korin­ther abge­lei­te­te Auf­fas­sung des kano­ni­schen Rechts aus den Angeln geho­ben – eine Wei­chen­stel­lung, deren gro­ße prak­ti­sche und men­ta­li­täts­ge­schicht­li­che Bedeu­tung unmit­tel­bar einleuchtet.

In der dich­ten und infor­ma­ti­ven Beschrei­bung die­ser Zäsur liegt der größ­te Wert des Buches. Die Aus­füh­run­gen zu den so unter­schied­li­chen Cha­rak­te­ren sind glän­zend geschrie­ben und ver­deut­li­chen auch sehr schön den Zusam­men­hang des Zärt­lich­keits­dis­kur­ses mit der seit der Auf­klä­rung unver­meid­li­chen Fra­ge nach der (säku­la­ren) per­sön­li­chen Frei­heit. Damit wird klar, daß es sich nicht, wie man anfangs mei­nen könn­te, um einen Spezial­aspekt des Pri­vat­le­bens han­delt, son­dern daß anhand die­ser pri­va­ten Kon­stel­la­ti­on eine Grund­fra­ge moder­ner Gesell­schaf­ten ver­han­delt wird.

Denn der Fra­ge nach der Frei­heit des Indi­vi­du­ums und danach, wie weit sie reicht, läßt sich, egal wie man sie beant­wor­tet, nicht aus­wei­chen. Aller­dings sind man­che For­mu­lie­run­gen nicht frei von einer gewis­sen Komik, so die Zwi­schen­über­schrift von der »unbe­wuß­ten Zärt­lich­keit der Natio­nal­öko­no­mie«. Und ener­viert hat die Rezen­sen­tin die Hart­nä­ckig­keit, mit der der Autor den enor­men Frei­heits­ge­winn, den die Frei­wil­lig­keit in die­ser Sache für die Frau bedeu­tet, nicht wür­digt, son­dern als eine hin­ter­häl­ti­ge Form der »patri­ar­cha­li­schen« Herr­schaft interpretiert.

Die »Zärt­lich­keit« ste­he »im Zei­chen eines spe­zi­fisch moder­nen Durch­set­zungs­me­cha­nis­mus des Patri­ar­chats, in dem die männ­li­chen Bür­ger ihre Pri­vi­le­gi­en nicht län­ger über rohe Gewalt oder die Zwän­ge des Rechts […] abzu­si­chern suchen«, son­dern ganz per­fi­de über »Mie­nen, Bli­cke, Ges­ten und Wor­te«, die nur ein schein­bar »frei­es Spiel« dar­stell­ten. Er bleibt damit kon­ven­tio­nell auf die Benach­tei­li­gung der Frau fixiert, ohne zu fra­gen, wel­chen Preis Män­ner ande­rer­seits für ihre Domi­nanz zu bezah­len hat­ten. Hier gibt es noch eini­ge Bau­stel­len für eine künf­ti­ge Geschlechtergeschichte.

Johan­nes Klein­beck: Geschich­te der Zärt­lich­keit. Die Erfin­dung des ein­ver­nehm­li­chen Sex und ihr zwie­späl­ti­ges Erbe bei Rous­se­au, Kant, Hegel und Freud, Ber­lin: Matthes & Seitz 2023. 334 S., 28 €

 

 

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