G.-Arthur Goldschmidt: Heidegger und die deutsche Sprache

-- von Jörg Seidel

Heideggers Denken scheint heute tot zu sein, kaum noch eine Veröffentlichung in einem Publikumsverlag, die nicht seine »Verstrickung« thematisiert und sich dabei aus einem schmalen Pool immer wieder zitierter, fragwürdiger Aussagen bedient, der, am hundertbändigen Werk gemessen, eigentlich wie ein Vogelschiß wirkt.

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Auch Gold­schmidts Annä­he­rung an Heid­eg­gers Spra­che als deut­sche Spra­che macht da kei­nen Unter­schied. Sei­ne Tex­te haben den­noch eini­gen Wert. Zum einen sind sie noch vor Emma­nu­el ­Fayes Heid­eg­ger-Buch – also selb­stän­dig – ent­stan­den, zum ande­ren wid­men sie sich einer Fra­ge, die tat­säch­lich brei­tes Inter­es­se ver­dient: Inwie­weit ist die deut­sche Spra­che phi­lo­so­phisch, mög­li­cher­wei­se phi­lo­so­phi­scher als ande­re Spra­chen, aber auch, wel­che intrin­si­sche Ver­füh­rung schlum­mert in ihr, wel­che inne­re Kraft und Gewalt und wel­che Anla­gen prä­de­sti­nie­ren gera­de sie zum Mißbrauch?

Sie sei zum Bei­spiel vom Raum beses­sen, sagt Gold­schmidt, von Hori­zon­ta­li­tät und Ver­ti­ka­li­tät, vor allem von letz­te­rer, also dem »Stand«, dem Auf­rech­ten. Ihre Fähig­keit zur Agglu­ti­na­ti­on ver­leiht ihr ein kon­struk­ti­ves Ele­ment, das einer bestimm­ten Form der Phan­ta­sie kei­ne Gren­zen setzt. Sie ist wort­schöp­fe­risch, und ihre Fixie­rung auf Prä­fi­xe (ver‑, zer‑, ent- usw.) und Suf­fi­xe (-keit, ‑heit, ‑nis usw.) ver­leiht ihr Sinn­über­schuß und Geheim­nis­vol­les. Ihre Vor­lie­be für Kom­po­si­ta oder die »ener­ge­ti­sche Auf­la­dung« durch Bin­de­strich-Ver­bin­dun­gen, die Sub­stan­ti­vie­rung von Ver­ben, die Wie­der­ho­lung und Dif­fe­renz von Wör­tern, ihre Viel­deu­tig­keit, die Auto­ri­tät des bestimm­ten Arti­kels und all das, dar­in sieht der Kri­ti­ker nahe­zu unüber­setz­ba­res Poten­ti­al, aber auch rie­si­ge Gefahren.

Die­se haben sich sowohl im Natio­nal­so­zia­lis­mus wie auch in Heid­eg­gers Spra­che und Den­ken mate­ria­li­siert. Gold­schmidt, der als Deut­scher in Frank­reich und fran­zö­sisch schrei­bend aus sei­ner Aver­si­on der Mut­ter­spra­che gegen­über kein Geheim­nis macht – bei­na­he hät­te ich »Hehl« geschrie­ben, doch dar­in hät­te er sofort Anti­se­mi­tis­mus gewit­tert, ich mei­ne ver­mu­tet –, über­sieht geflis­sent­lich, daß ande­re Spra­chen über ähn­li­che Mög­lich­kei­ten ver­fü­gen und den­noch weder eine Ver­nich­tungs­ma­schi­ne noch einen Heid­eg­ger her­vor­ge­bracht haben, oder daß vie­le sei­ner besorg­ten Sät­ze eben­so auf fran­zö­si­sche Den­ker (z. B. Der­ri­da) zuträfen.

Indem der Autor die deut­sche Spra­che für das Poli­ti­sche – etwa das Raum­grei­fen­de – ver­ant­wort­lich macht und Heid­eg­gers Den­ken als ein kon­se­quen­tes Ende die­ser Spra­che auf­zeigt, gibt er dem Seins­den­ker gera­de dort recht, wo er ihn an sei­ner ver­meint­lich schwächs­ten Stel­le angrei­fen möch­te, am: Die Spra­che denkt. Offen bleibt immer die Fra­ge, inwie­weit der jewei­li­ge Vor­wurf bei der Quel­le oder beim Rezi­pi­en­ten zu suchen ist: Wo, bei wem, liegt der unter­stell­te Anti­se­mi­tis­mus bei Begrif­fen wie »rech­nen­des Den­ken« oder »Gere­de«?

Trotz sol­cher Para­do­xien ist das Buch vor allem in sei­nem ers­ten Teil über­aus anre­gend, es macht das »Unbe­wuß­te der deut­schen Spra­che« erahn­bar. Im zwei­ten Teil wid­met er sich dann kon­zen­triert Heid­eg­ger, des­sen Den­ken, zuge­ge­be­ner­ma­ßen »gro­ßes Den­ken«, er aus drei Grün­den ablehnt: Es sei feh­ler­haft und para­dox; sei­ne Spra­che nähe­re sich der LTI an; die deut­sche Spra­che, die er nutzt und kre­iert, sei gram­ma­tisch und lexi­ka­lisch tota­li­tär oder bie­te zumin­dest die Mit­tel dazu.

Heid­eg­ger beu­ge sich nicht der Spra­che, er beugt die­se, er braucht sie nicht, er miß­braucht sie, er läßt sie erstar­ren und zwar in einer Kon­ti­nui­tät, die bereits 1927 mani­fest war. Dabei kann er sich auch auf eine lan­ge Geschich­te beru­fen, die bei Luther und dem Pie­tis­mus beginnt, bei Fich­te kon­kret aus­ge­spro­chen wird und bei Heid­eg­ger gip­felt. Man fühlt sich an Lukács erin­nert, nur ins Sprach­li­che gewen­det. Auch hier gilt: Man erfährt nichts über Meis­ter Eck­hart oder ­Jakob Böh­me oder über Hamann – das hät­te die Lini­en­füh­rung gestört.

Beson­ders kuri­os ist, daß man Gold­schmidts Buch nicht lesen kann, ohne immer wie­der an ganz aktu­el­le For­men des sprach­li­chen Tota­li­ta­ris­mus im Sin­ne der hege­mo­nia­len Ideo­lo­gie erin­nert zu wer­den. Man sieht, es gibt vie­le gute Grün­de, das Buch zu beden­ken. Die Vor­wür­fe an Heid­eg­gers Spra­che (in gewis­sen Tex­ten) müs­sen geprüft wer­den, sie sind schwer­wie­gend und sub­stan­ti­ell, die Über­le­gun­gen zu unse­rer Mut­ter­spra­che sind ein guter Wetzstein.

Geor­ges-Arthur Gold­schmidt: Heid­eg­ger und die deut­sche Spra­che, Frei­burg i.Br./Wien: Ça ira 2023. 192 S., 25 €

 

 

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