Kritik der Woche (53): Walter Ulbricht. Der deutsche Kommunist

Eins vorweg: Wer Ilko-Sascha Kowalczuk von »X« (ehemals Twitter) und seinen Online-Kolumnen kennt, muß diesen dort oft krawallig-launisch auftretenden Akteur vom feinsinnigen Historiker trennen, als der er sich erneut – nach seiner DDR-BRD-Anschluß-Geschichte Die Übernahme (München 2019) – mit vorliegendem Werk beweist.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

In Wal­ter Ulb­richt. Der deut­sche Kom­mu­nist ent­schlüs­selt der 1967 gebo­re­ne Ost­ber­li­ner Wesen und Gestalt des KPD-Kaders und anschlie­ßen­den DDR-Mit­be­grün­ders und wider­legt damit iro­ni­scher­wei­se sei­ne eige­nen Aus­füh­run­gen aus der Ein­lei­tung, wonach eine Bio­gra­phie auch nach der Bio­gra­phie wei­ter­hin ein »Rät­sel« blei­be. Denn Ulb­richt wird so erschöp­fend in sei­ner Zeit dar­ge­stellt, daß man sich förm­lich »dabei« wähnt; das Rät­sel der Per­so­na­lie Ulb­richt wird gelöst, unter Zuhil­fe­nah­me demons­tra­ti­ver Detail­ver­liebt­heit. Dabei umfaßt vor­lie­gen­der Band nur die ers­te Halb­zeit des Ulb­richt­schen Lebens­we­ges. Der Fol­ge­band wird 2024 erscheinen.

Ver­dient der »Spitz­bart« der­lei Auf­merk­sam­keit? Der »Markt« wür­de ein opu­len­tes Dop­pel­werk für je knapp 60 Euro wohl kaum tra­gen. Aber ers­tens wur­de die jah­re­lan­ge Arbeit am Stoff von der Ham­bur­ger Stif­tung zur För­de­rung von Wis­sen­schaft und Kul­tur geför­dert. Und zwei­tens blieb eine Detail­bio­gra­phie ­Ulb­richts tat­säch­lich ein Desi­de­rat der For­schung; ande­re Por­träts waren ent­we­der zu ideo­lo­gisch ein­ge­färbt (man den­ke an Johan­nes R. Bechers Arbei­ten) oder zu jour­na­lis­tisch (man den­ke an Mario Franks popu­lä­ren Band).

Nun also Kowal­c­zuk, der das Leben des Leip­zi­gers Wal­ter Ernst Paul Ulb­richt ab der frü­hen Kind­heit minu­ti­ös dar­legt. Bereits bei der fami­liä­ren Ein­bet­tung wird Kowal­c­zuks Stär­ke deut­lich: Er schreibt nicht nur Ulb­richts Lebens­ge­schich­te auf, son­dern ver­webt sozia­le, kul­tu­rel­le, poli­ti­sche, ideo­lo­gi­sche, geschicht­li­che und selbst kon­fes­sio­nel­le Fäden zu einem kohä­ren­ten Ganzen.

Es klingt para­dox: Aber selbst Leser, die sich nicht expli­zit für Ulb­richts Wir­ken inter­es­sie­ren, dürf­ten auf­grund der kom­ple­xen Dar­le­gun­gen für die Anstren­gun­gen der Lek­tü­re belohnt wer­den. Nur sel­ten wird der über­aus ­Ulb­richt-kri­ti­sche Kowal­c­zuk dabei merk­wür­dig pathe­tisch-affir­ma­tiv, etwa wenn es resü­mie­rend zur Ado­les­zenz Ulb­richts heißt:

In sei­ner Kind­heit und Jugend erfuhr er früh, Min­der­hei­ten­po­si­tio­nen zu behaup­ten, gegen den Main­stream zu leben. Wal­ter Ulb­richt hat­te sich zu einem jun­gen Sozi­al­de­mo­kra­ten ent­wi­ckelt, poli­tisch und ideo­lo­gisch mit einem kla­ren Stand­punkt, nicht zu Oppor­tu­nis­mus nei­gend, son­dern sei­nen eige­nen Weg suchend und findend.

Die­ser eige­ne Weg führ­te Ulb­richt von der säch­si­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie über Zwi­schen­schrit­te des Ers­ten Welt­kriegs und der Nach­kriegs­zeit in die KPD. Die knapp fünf­zehn Jah­re der Wei­ma­rer Repu­blik waren für Ulb­richt dann geprägt von Ver­haf­tun­gen und ande­ren Repres­sa­li­en, offe­nem Mas­sen­kampf gegen Poli­zei und Natio­nal­so­zia­lis­ten, dem Stre­ben nach einem Deutsch­land nach Mos­kau­er Bau­art und der Bewäl­ti­gung inner­lin­ker Feh­den. Letz­te­re über­leb­te er als Dele­gier­ter der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le (Kom­in­tern) auch dann, als ihm ande­re Kader ein Ende berei­ten wollten.

Kowal­c­zuk wälzt inter­ne Doku­men­te, Brief­wech­sel und Kader­ak­ten, wer­tet die Pres­se eben­so aus wie die Ergeb­nis­se der Nach­stel­lun­gen diver­ser Über­wa­chungs­ap­pa­ra­te. Aus heu­ti­ger Sicht inter­es­sant ist dabei die geo­gra­phi­sche Schwer­punkt­le­gung der Ulb­richt­schen Agi­ta­ti­on: Er leg­te den Fokus auf Thü­rin­gen, Sach­sen und das heu­ti­ge süd­li­che Sach­sen-Anhalt; er sah Mit­tel­deutsch­land als das wesent­li­che Expe­ri­men­tier­feld revo­lu­tio­nä­rer Kärr­ner­ar­beit an.

Doch Kowal­c­zuk ver­mit­telt dem Leser das nöti­ge Wis­sen, um bes­ser zu ver­ste­hen, wes­halb ande­re Kräf­te erfolg­rei­cher blie­ben als die mos­kau­hö­ri­ge KPD; den viel­ge­stal­ti­gen Nie­der­gang der Kom­mu­nis­ten ab Janu­ar 1933 zwi­schen Flucht, Wider­stand und Oppor­tu­nis­mus beschreibt er ent­lang per­sön­li­cher Ein­zel­schick­sa­le und kol­lek­ti­ver Demü­ti­gun­gen. Auch das Mos­kau­er Exil wird von Kowal­c­zuk plas­tisch dar­ge­stellt. Im Gro­ßen Ter­ror des Sta­lin-NKWD-Blocks star­ben mehr Kom­mu­nis­ten denn je; nur der Ein­fluß Ulb­richts und sei­ner Genos­sen dür­fe, so Kowal­c­zuk, nicht über­schätzt wer­den – sie blie­ben Ver­fü­gungs­mas­se des Tyran­nen, »bes­ten­falls Hand­lan­ger, meist nicht ein­mal das«.

Neu­en Streit­stoff birgt das Kapi­tel über den Hit­ler-Sta­lin-Pakt und den 22. Juni 1941. ­Kowal­c­zuk ver­weist auf eine Bis­marck-Edi­ti­on der Bol­sche­wi­ken, deren Hin­füh­rung von Sta­lin selbst redi­giert wur­de. Der Dik­ta­tor hob dar­in Bis­marcks Bedeu­tung für preu­ßisch-rus­si­sche Ver­stän­di­gungs­po­li­tik her­vor und ver­such­te ein Bünd­nis Mos­kau-Ber­lin ratio­nal her­zu­lei­ten. Tut man dies, wenn man kurz danach einen Krieg gegen Deutsch­land anvi­siert hätte?

Maxi­mi­li­an Krah und Ste­fan Scheil wer­den die Pas­sa­gen unter­schied­lich deu­ten, eben­so wie die Tätig­kei­ten Ulb­richts und sei­ner Grup­pe im letz­ten Kriegs­jahr, die aus pro­pa­gan­dis­ti­schen Grün­den unter der schwarz­weiß­ro­ten Reichs­fah­ne (und eben nicht, wie Kowal­c­zuk wie­der­gibt, der Reichs­kriegs­flag­ge) statt der ­schwarz­rot­gol­de­nen erfolg­ten. Mit dem 8. Mai 1945 wur­de auch die­se Epi­so­de been­det; die Zeit der Zer­stü­cke­lung Deutsch­lands begann, in der Ulb­richt eine Schlüs­sel­rol­le spie­len soll­te – doch dazu mehr in Band 2.

»Bio­gra­phien«, so hofft Ilko-Sascha Kowal­c­zuk, »wer­den geschrie­ben, um gele­sen zu wer­den.« Nun, das gilt wohl für alle Bücher. Aber das vor­lie­gen­de ver­dient die Lek­tü­re ganz besonders.

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Ilko-Sascha Kowal­c­zuk: Wal­ter Ulb­richt. Der deut­sche Kom­mu­nist (1893 – 1945), Mün­chen: C. H. Beck 2023. 1006 S., 58 € – hier bestellen

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Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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