Toxischer Journalismus

Bis vor kurzem waren mir die Namen Collien Fernandes und Christian Ulmen gänzlich unbekannt, und ich verspüre nach wie vor kein Bedürfnis, meine Kenntnis dieser Lebewesen und ihres Lebenswerkes weiter zu vertiefen als dringend notwendig ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die­ser Gna­den­stand glück­se­li­ger Unwis­sen­heit war lei­der ange­sichts des all­ge­gen­wär­ti­gen media­len Flä­chen­bom­bar­de­ments nicht zu halten.

Die Kam­pa­gne roch von Anfang ver­däch­tig ran­zig, und es dau­er­te nicht lan­ge, bis sie sich als plum­per Mani­pu­la­ti­ons­ver­such erwies, des­sen Dreis­tig­keit nur noch von sei­ner Dümm­lich­keit über­trof­fen wur­de. Sie offen­bar­te weni­ger die Abgrün­de “toxi­scher Männ­lich­keit”, wie sie sel­ber in Anspruch nahm, son­dern ein­mal mehr den durch und durch toxi­schen Zustand der Pres­se und ihrer Macher.

Ich erspa­re es uns, die inzwi­schen leid­lich bekann­te Sto­ry an die­ser Stel­le zu wie­der­ho­len. Kurz gefaßt wur­de sug­ge­riert, Herr Ulmen habe von sei­ner ehe­ma­li­gen Gefähr­tin Frau Fer­nan­des digi­tal gefälsch­te por­no­gra­phi­sche Bild­chen und Film­chen erstellt und die­se im Netz zir­ku­lie­ren las­sen, was einer “vir­tu­el­len Ver­ge­wal­ti­gung” gleich­kä­me und mit ent­spre­chen­der Empö­rung zu beglei­ten sei.

Ein Ver­bre­chen, so schreck­lich, daß sich Frau Katha­ri­na Ren­der von der BILD-Zei­tung bemü­ßigt sah, es als “vir­tu­el­len Fall Peli­cot” zu klas­si­fi­zie­ren. Denn auch Fer­nan­des habe es nun gewagt, “erho­be­nen Haup­tes” aus “der Opfer­rol­le bewußt an die Öffent­lich­keit” zu tre­ten, “nach all den Jah­ren des gesell­schaft­li­chen Unter-den-Tep­pich-Keh­rens”, “mit der glei­chen Bot­schaft: Die Scham muss die Sei­te wechseln!”

Scham soll­te sich vor allem bei Frau Ren­der ein­stel­len, die nicht davor zurück­schreckt, die Fäl­le Fer­nan­des und Peli­cot auf eine Stu­fe zu stel­len. Sie und ande­re nutz­ten die Sto­ry, um wie auf Knopf­druck das ver­wor­re­ne, aber über­aus belieb­te ideo­lo­gi­sche Strick­mus­ter zu bedie­nen, wonach unschul­di­ge und wehr­lo­se “Frau­en” an sich stän­dig Opfer von selbst­herr­li­chen, sexu­ell aggres­si­ven “Män­nern” an sich wer­den – Män­ner, deren Ver­hal­ten von einem angeb­lich gesell­schaft­lich akzep­tier­ten, struk­tu­rel­len Sexis­mus gedeckt sei, der eine “sys­te­ma­ti­sche Gewalt gegen Frau­en” ermög­li­che, wobei der Begriff “Gewalt” äußerst groß­zü­gig defi­niert wird.

Die­ser manich­äi­sche Phan­tom­dis­kurs ist ein Favo­rit der poli­tisch-media­len Klas­se und der öffent­li­chen Moral­kam­pa­gnen. Ihre weib­li­chen Ver­tre­ter sin­gen das Lied von dem herr­schen­den Sys­tem der Män­ner, “die Macht über Frau­en aus­üben, sie klein machen, Druck aus­üben, ein­schüch­tern, bedro­hen” (Bei­spiel), die männ­li­chen Ver­tre­ter prä­sen­tie­ren sich öffent­lich als schuld­be­wuß­te Schul­jun­gen, die ihr ten­den­zi­ell  oder mani­fest toxi­sches Mann­sein kri­tisch und selbst­re­fle­xiv hin­ter­fra­gen (Bei­spiel). “Uns alle”, spe­zi­ell “uns” Män­ner qua Mann­sein soll das nun etwas ange­hen, was Herr Ulmen Frau Fer­nan­des angeb­lich so alles ange­tan hat.

Mit die­sem Nar­ra­tiv las­sen sich prak­ti­scher­wei­se auch sämt­li­che Ele­fan­ten aus dem Raum weg­ra­tio­na­li­sie­ren, die etwas mit Aus­län­der- und Migran­ten­ge­walt gegen Frau­en zu tun haben, und zwar kon­kre­ter und hand­fes­ter Gewalt, nicht bloß “vir­tu­el­ler”. Das ist einer der Grün­de, war­um das mora­li­sie­ren­de Getue der Leu­te, die es bedie­nen, beson­ders ver­lo­gen und wider­wär­tig ist. Statt kon­kre­te Tat­be­stän­de ins Auge zu fas­sen, wer­den die­se mit einer pau­scha­li­sie­ren­den Rhe­to­rik ver­ne­belt, die die gesam­te Mann­heit einer struk­tu­rel­len Ver­dreht­heit bezich­tigt, ana­log zum ähn­lich ver­lo­ge­nen “Rassismus”-Diskurs.

Die­ses fau­le Framing auf­zu­drö­seln, wäre eine Auf­ga­be, die den Rah­men die­ses Bei­tra­ges spren­gen wür­de. Wo soll man da anfan­gen? Ja, es gibt vie­le Bezie­hun­gen und Part­ner­schaf­ten, in denen Män­ner “Macht über Frau­en aus­üben, sie klein machen, Druck aus­üben, ein­schüch­tern, bedro­hen”, aber auch eben­so vie­le, in denen Frau­en mit Män­nern das­sel­be tun, wenn auch mit ande­ren Mit­teln, und nicht sel­ten nut­zen sie ihren gesell­schaft­li­chen “Opfer­sta­tus” zu die­sem Zweck.

Aber um die­se Din­ge ana­ly­tisch in den Griff zu bekom­men, bedarf es eines rea­lis­ti­schen Bil­des der männ­lich-weib­li­chen Dyna­mik, Anzie­hung und auch Aggres­si­on, was mit “woken” dog­ma­ti­schen Vor­stel­lun­gen nicht zu haben ist. 

Das gan­ze kli­schee­fe­mi­nis­ti­sche Gejam­mer über die böse “Objek­ti­vie­rung” von Frau­en durch Män­ner über­sieht völ­lig die Bereit­schaft vie­ler Frau­en, sich selbst zum Lust­ob­jekt zu machen, was ihnen seit eh und je Macht über Män­ner und wirt­schaft­li­che Vor­tei­le ver­schafft hat.

Man kann nicht bloß über Män­ner kla­gen, die “Deep Fakes” von begehr­ten Frau­en her­stel­len und tei­len, und dabei über Frau­en schwei­gen, die sich via “Only­Fans” ver­kau­fen, “ent­wür­di­gen” und ein­schlä­gi­ger Nut­zung zur Ver­fü­gung stel­len (was man­che Apo­lo­ge­ten gar als eine Art von “Empower­ment” hin­stel­len). Bei­des basiert auf ein- und den­sel­ben Trieb­wün­schen, die nicht immer artig nach Kon­sens fra­gen und die man auch nicht zwin­gen kann, immer artig nach Kon­sens zu fragen.

Wie sieht es nun mit jenem apro­pos Fer­nan­des-Ulmen auf­ge­wor­fe­nem Argu­ment aus, wonach der man­geln­de Schutz vor Ent­wür­di­gung vor allem von Frau­en im Netz durch por­no­gra­phi­sche Bild- und Film­ma­ni­pu­la­tio­nen drin­gen­den staat­li­chen Hand­lungs­be­darf erfordert?

Der größ­te Witz an die­ser absur­den Kam­pa­gne ist zunächst, daß es offen­bar gar kei­ne Bewei­se dafür gibt, daß Herr Ulmen “Deepf­akes” mit Frau Fer­nan­des’ Kon­ter­fei her­ge­stellt und ver­brei­tet hät­te. Der nächst­grö­ße­re, daß Frau Fer­nan­des selbst nicht ein­mal behaup­tet, Herr Ulmen hät­te das getan. Damit wäre die­ser Geschich­te jeg­li­che Grund­la­ge ent­zo­gen. Der Spie­gel, der die gan­ze Num­mer gestar­tet hat, macht aber à la Trump unge­niert mit sei­ner Kam­pa­gne wei­ter, als wäre nichts gesche­hen, und haut einen idio­ti­schen Mei­nungs­ar­ti­kel nach dem ande­ren hinaus.

Hier­zu eini­ge Tat­sa­chen, um das alles in rech­te Licht zu rücken.

Ich ent­neh­me den Nach­rich­ten, daß Frau Fer­nan­des aus wel­chem Grund auch immer ein “Pro­mi” ist, und “Pro­mi-Por­no” (“Cele­bri­ty porn”) ist so alt wie das Inter­net. Frü­her hat man dafür Pho­to­shop oder kru­de­re Bild­ma­ni­pu­la­ti­ons­pro­gram­me benutzt, etwa um Köp­fe auf Kör­per zu set­zen und der­glei­chen. Mit fort­schrei­ten­der Tech­no­lo­gie wur­den im letz­ten Jahr­zehnt auch Video-Mani­pu­la­tio­nen mög­lich, die “dank” KI zuneh­mend rea­lis­ti­scher wir­ken. Die­ses Gen­re wird vor­aus­sicht­lich wei­ter­hin blü­hen, man wird es kaum ver­bie­ten und noch weni­ger kon­trol­lie­ren können.

Die­se Tech­no­lo­gien, die immer effek­ti­ver wer­den und immer ein­fa­cher zu bedie­nen sind, wer­den (wie prak­tisch alle audio­vi­su­el­len Inno­va­tio­nen) natür­lich mas­siv zu por­no­gra­phi­schen Zwe­cken genutzt. Die­se Pro­gram­me sind gigan­ti­sche Wunsch­er­fül­lungs­ma­schi­nen, die inzwi­schen jeden noch so absei­ti­ge Nei­gung sicht­bar und hör­bar machen kön­nen. Und weil sehr vie­le Men­schen sehr vie­le uner­füll­te oder uner­füll­ba­re Wün­sche haben (etwa nach Sex mit “Pro­mis”), besteht eine gro­ße Nach­fra­ge nach die­sen Technologien.

Das bedeu­tet auch, daß nun prak­tisch jeder von jedem Por­no­gra­phie her­stel­len kann. Aber eben auch Fakes und Deep Fakes nicht-sexu­el­ler Art, zu guten wie bösen Zwe­cken. Man braucht nur das Bild­nis oder die Stim­me oder bei­des von einem belie­bi­gen Men­schen zu sam­peln, und schon läßt sich das Mate­ri­al belie­big for­men und mani­pu­lie­ren. Der Pool dafür ist inzwi­schen unend­lich groß, da Mil­lio­nen Men­schen tag­täg­lich das Inter­net (ins­be­son­de­re die sozia­len Medi­en) mit Bil­dern füt­tern, mit denen sie sich selbst und ande­re prä­sen­tie­ren möchten.

Mit die­sem Stoff haben sich vir­tu­el­le Ozea­ne gefüllt. Meis­tens sind es nur harm­lo­se Scherz­chen, die mit die­ser Tech­no­lo­gie getrie­ben wer­den, aber das Amü­se­ment über die­se Din­ge ist der “Honig­topf”, um die Men­schen mas­sen­wei­se an die­se Fakes zu gewöh­nen und sie zu deren Nut­zung zu bewegen.

Hier eröff­nen sich unend­li­che, erschre­cken­de Mög­lich­kei­ten der poli­tisch-media­len Mani­pu­la­ti­on, die jen­seits von allem lie­gen, was sich ein Orwell oder Hux­ley im letz­ten Jahr­hun­dert vor­stel­len konn­ten. Ange­sichts des­sen ist die por­no­gra­phi­sche Nut­zung womög­lich noch die am wenigs­ten gefähr­li­che Vari­an­te, aber auch hier kann man sich unschwer die psy­cho­lo­gisch destruk­ti­ven Wir­kun­gen auf Mas­sen von Men­schen, vor allem Jugend­li­chen, ausmalen.

Vie­le die­ser Fakes wer­den nicht nur aus pri­vat feti­schis­ti­schen Grün­den fabri­ziert, son­dern oft tat­säch­lich, um ande­re Men­schen zu ent­wür­di­gen, zu demü­ti­gen, zu ver­let­zen, zu ver­höh­nen, oft aus Rache­grün­den nach einer zer­bro­che­nen Lie­bes­be­zie­hung, wenn nicht aus blo­ßer Bos­haf­tig­keit oder Frus­tra­ti­on. Das ist sehr schlecht und wird zurecht als eine Art von Cyber-Kri­mi­na­li­tät gehan­delt. Es ist wün­schens­wert, daß genui­ne Opfer sol­cher Din­ge die Mög­lich­keit haben sol­len, sich recht­lich zu wehren.

Aber das ist sehr schwie­rig, da das Inter­net im Guten wie im Schlech­ten schwer zu kon­trol­lie­ren ist. Die Büch­se der Pan­do­ra ist geöff­net wor­den, und die Übel, die ihr ent­sprun­gen sind, sind kaum mehr einzufangen.

Und damit kom­men wir zum eigent­li­chen, fast schon belei­di­gend durch­sich­ti­gen Kern der Fer­nan­des-Kam­pa­gne. Denn zufäl­li­ger­wei­se hat­te Jus­tiz­mi­nis­te­rin Ste­fa­nie Hubig ein “digi­ta­les Gewalt­schutz­ge­setz” in Pla­nung, das sich nun bequem an den her­bei­ge­schrie­be­nen Skan­dal um die “vir­tu­el­le Ver­ge­wal­ti­gung” von Col­li­en Fer­nan­des anhän­gen ließ. Man woll­te aus ihr eine “vir­tu­el­le” Madame Peli­cot machen, um emo­tio­na­le Zustim­mung zu Geset­zes­ent­wür­fen zu erhei­schen, die vor­ge­ben, Opfer “sexua­li­sier­ter Gewalt” schüt­zen zu wol­len, de fac­to aber auf per­so­na­le Repres­sio­nen zum Zwe­cke der Ein­schrän­kung der Mei­nungs­frei­heit hinauslaufen.

Schlüs­sel dazu ist natür­lich die “Klar­na­men­pflicht”, die, falls sie umge­setzt wird, garan­tiert (!) Frau­en vor Stal­kern und ähn­li­chem schüt­zen wür­de. Nun, da es wohl jeder kapiert hat, wohin der Hase lau­fen soll­te, distan­ziert sich Ste­fa­nie Hubig von einem sol­chen Ansin­nen, wäh­rend die Süd­deut­sche Zei­tung das “Ver­schwö­rungs­ge­mun­kel” anpran­gert, das behaup­tet, nicht “Frau­en wer­den geschä­digt, son­dern die armen Män­ner, denen jetzt eine Klar­na­men­pflicht im Netz auf­er­legt wer­den soll.”

Gas­lich­tern gehört eben wesen­haft zum toxi­schen Journalismus!

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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