Sezession
1. April 2005

Autorenportrait Margret Boveri

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Karlheinz Weißmann

„Schön ist sie nicht. Klein, dick, mit Brille, wohl etwa 50 Jahre alt, mit schon recht viel Falten um die Mundpartie, was ihr ein etwas krötenhaftes Aussehen gibt. Wenn sie spricht und lächelt, hat sie aber einen gewissen Charme. Große innere Lebhaftigkeit bei einem etwas unbeweglichen Äußeren. Und sie weiß genau, was sie will.“ Diese Sätze hat Margret Boveri einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, um ihr eigenes Wesen zu charakterisieren. Zu dessen wichtigsten Zügen gehörte neben Zielstrebigkeit und Intelligenz etwas Unweibliches, ein sich früh abzeichnender Mangel – nicht nur an Attraktivität – sondern auch an Weichheit. Das Männliche an ihr erklärt viel von dem Respekt, den ihr Männer zollten, auch und gerade konservative Männer. Arnold Gehlen rechnete sie mit Ariadne zu den „Damen, die in den Labyrinthen Bescheid wissen“.

Margret Boveri wurde am 14. August 1900 in Würzburg geboren. Sie gehörte damit zur letzten Generation, die das „alte Europa“ bewußt wahrgenommen hat. Ihre Schilderungen der Vorkriegszeit zeichnen durchaus das Bild einer bürgerlichen Idylle. Dabei waren die häuslichen Verhältnisse nicht im engeren Sinne konventionell. Der Vater, Theodor Boveri, hatte einen Lehrstuhl für Biologie an der Universität Würzburg inne, pflegte aber auch musische Neigungen. Die Mutter Marcella war Amerikanerin. Als Ausländerin hatte man ihr – anders als den deutschen Frauen dieser Zeit – das Studium ermöglicht; sie war, was man schon damals „emanzipiert“ nannte und gehörte als Vassar Girl zu den Absolventinnen des berühmten Vassar Colleges für Mädchen, aus dem eine große Zahl bedeutender Amerikanerinnen hervorgegangen ist. Margret Boveri hat ihrer Mutter die „Emanzipation“ gedankt, auch wenn das Verhältnis immer gespannt war. Das hing mit der Verschiedenheit von Temperament und Interesse zusammen, vor allem aber damit, daß der geliebte Vater früh verstarb und die beiden Frauen während des Kriegs und Nachkriegs aufeinander angewiesen blieben. Nach Margret Boveri gab es außerdem eine objektive Ursache für die Konflikte: Die Mutter erschien ihr als „Verkörperung des Amerikanischen“, das sie ablehnte, obwohl oder weil es auch einen Teil ihres Wesens ausmachte: pragmatisch, positivistisch, methodisch, ohne Muße.
Der Ausbildungsgang bis zum Abitur war für ein Mädchen in der ausgehenden wilhelminischen Epoche immer noch schwierig. Nur auf Umwegen erreichte Margret Boveri schließlich die Reifeprüfung an einem Realgymnasium. Sie nahm 1921 ein Studium der Germanistik, Anglistik und Geschichte in Würzburg auf. Unter dem Druck der Mutter trat sie nach dem Ersten Staatsexamen in das Referendariat ein; ihre fragmentarischen Erinnerungen enthalten einige erhellende und zeitlose Bemerkungen über diese Ausbildungsphase künftiger Schulmeister („Hier wurden wir zum Lügen erzogen“). Daß sie sich als Pädagogin nicht eigne, hat sie von Anfang an gewußt und nach dem Zweiten Staatsexamen das Studium der Geschichte in München bei Hermann Oncken fortgesetzt; 1932 wird sie mit einer Untersuchung über Edward Grey und das Foreign Office promoviert; nach ihrer Einschätzung eine „reine Fleißarbeit“.
Das vitale Interesse Margret Boveris an Geschichte und Außenpolitik entsprach nicht nur nicht den Erwartungen ihrer Mutter, es paßte überhaupt nicht zu den allgemeinen Vorstellungen von geistiger Beschäftigung, die man bei einer Frau vermutete. Es war ein glücklicher Umstand, der sie im Journalismus rasch ein geeignetes Berufsfeld und einige Mentoren wie Paul Scheffer und Benno Reifenberg finden ließ. Es war ein unglücklicher, daß der Beginn ihrer Laufbahn mit der Errichtung des nationalsozialistischen Regimes zusammenfiel, das die Pressefreiheit Stück für Stück beschnitt.


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