Bedenke Phlebas – Hinweise auf Science Fiction und “Fortschritt”

Wir freuen uns, den Publizisten Benjamin Kaiser als gelegentlichen Beiträger in unserem Netz-Tagebuch begrüßen zu können. Er weist zum Auftakt auf eine ebenso hellsichtige wie dystopische Science-Fiction-Romanreihe hin, die unter dem Titel "Die Kultur" einen eigenen, über das Literarische hinausgehenden Raum bildet und in der schon vor fast 40 Jahren eine schockierende Gesellschaftsprognose gestellt wurde.

1987 ver­öf­fent­lich­te Iain M. Banks mit Beden­ke Phle­bas den ers­ten Band sei­ner „Culture/Kultur“-Reihe, einer woken, in den Wei­ten des Welt­alls leben­den pan­hu­ma­nen Idealgesellschaft:

Ohne jeg­li­che Knapp­heit an Gütern oder Ener­gie leben die Mit­glie­der die­ser athe­is­tisch-hedo­nis­ti­schen Gesell­schaft voll­kom­men frei (so zumin­dest die Selbst­be­schrei­bung) und in anar­chis­ti­scher Selbst­ver­wal­tung, sprich ohne rigi­de Regie­rungs­struk­tu­ren und Ämter.

Die Gen­tech­no­lo­gie ist inner­halb der Kul­tur so weit fort­ge­schrit­ten, daß die Kul­tur­bür­ger ihre Gestalt und ihr Geschlecht nicht nur jeder­zeit belie­big wech­seln kön­nen, sie sind sogar hier­zu ange­hal­ten, um etwa Geschlech­ter­ver­wir­rung bei ihren Kin­dern anzustiften:

Nor­ma­ler­wei­se ver­mei­det eine Mut­ter in den ers­ten Lebens­jah­ren ihres Kin­des einen Geschlechts­wech­sel. (Außer natür­lich, wenn sie ihr Kind ver­wir­ren möchte …)

Somit besteht die Kul­tur aus gene­tisch opti­mier­ten Men­schen, mit über­le­ge­ner Intel­li­genz und Gesund­heit und sogar einem Drü­sen­sys­tem, das ent­spre­chend der hedo­nis­ti­schen Aus­rich­tung der Kul­tur ver­schie­den­ar­ti­ge Dro­gen aus­schüt­ten kann, so daß es dem durch­schnitt­li­chen Kul­tur­bür­ger frei­steht, ein Leben im dau­er­eu­pho­ri­sier­ten kos­ten­lo­sen Dro­gen-Nir­wa­na zu ver­brin­gen. Einen legen­dä­ren Ruf im Rest des von Men­schen besie­del­ten Uni­ver­sums genie­ßen die gene­tisch opti­mier­ten Sexu­al­or­ga­ne der Kul­tur­bür­ger, inklu­si­ve unbe­grenz­ter Orgasmusfähigkeit.

Das äußerst erfolg­rei­che Wirt­schafts­sys­tem der Kul­tur basiert auf einer spie­le­risch, durch künst­li­che Intel­li­gen­zen gesteu­er­ten sozia­lis­ti­schen Plan­wirt­schaft, die weit effek­ti­ver arbei­tet, als das eine auf dem Kon­kur­renz­prin­zip beru­hen­de Markt­wirt­schaft je könn­te, da ein „kapi­ta­lis­ti­sches Sys­tem“ nie­mals das Gemein­wohl im Auge hät­te. Dahin­ter steht

… eine Art galak­ti­sches öko­lo­gi­sches Bewußt­sein, ver­bun­den mit dem Wunsch, das Schö­ne und das Gute über­haupt zu schaffen.

In die­sem Wirt­schafts­sys­tem wer­den nicht ein­mal die Maschi­nen “aus­ge­beu­tet”. Ent­spre­chend empört sich eine KI-War­tungs­droh­ne über den Hel­den des Romans Hor­za, als die­ser sich wei­gert, die Maschi­ne, man wür­de auf der Erde sagen, mit dem poli­tisch kor­rek­ten Pro­no­men als „emp­find­sa­mes Indi­vi­du­um“ anzu­spre­chen. Iain Banks erläu­tert die Hin­ter­grün­de in sei­nen „Anmer­kun­gen zur Kul­tur“:

In ihren Her­stel­lungs­pro­zes­sen ist die Kul­tur im Wesent­li­chen eine auto­ma­ti­sier­te Zivi­li­sa­ti­on, in der die mensch­li­che Tätig­keit dar­auf beschränkt wur­de, nicht mehr als ein Spiel oder Hob­by zu sein. Genau so wenig wer­den Maschi­nen aus­ge­beu­tet. Laut dahin­ter­ste­hen­der Idee wird jede Auf­ga­be dahin­ge­hend auto­ma­ti­siert, daß sie von einer Maschi­ne aus­ge­führt wer­den kann, die sich deut­lich unter der Stu­fe poten­ti­el­ler Selbst­be­wusst­wer­dung befindet …

So ent­ste­hen kom­ple­xes­te Struk­tu­ren, mit dem Ziel, daß kei­nes der auto­ma­ti­sier­ten Glie­der im Kon­sum­gü­ter­her­stel­lungs­pro­zeß über ein Bewußt­sein ver­fügt, um die von Karl Marx beklag­te „Ent­frem­dung des Arbei­ters“, ja selbst die „Ent­frem­dung“ der füh­len­den und intel­li­gen­ten Maschi­nen zu verhindern.

Ein wesent­li­cher Aspekt der Kul­tur ist die Sym­bio­se der Men­schen mit den künst­li­chen Intel­li­gen­zen, die sich zwar auf­grund grund­le­gen­der Pro­gram­mie­run­gen loy­al ihren Men­schen gegen­über ver­hal­ten, die jedoch in ihrer selbst gesteu­er­ten Evo­lu­ti­on so weit fort­ge­schrit­ten sind, daß sie den Men­schen allen­falls noch als ein Wesen zwi­schen „Haus­tier und Para­si­ten“ ansehen.

Kern der Kul­tur ist ihr „woker“ Mis­si­ons­drang. Spe­zi­al­ein­hei­ten der Kul­tur spü­ren in den Wei­ten des Welt­alls Zivi­li­sa­tio­nen auf, deren Gesell­schaft aus Sicht der „Kul­tur“ auf Gewalt, Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­beu­tung beruht und fan­gen an, die­se mit­tels heim­li­cher, aber auch offe­ner Ein­grif­fe im Sin­ne der hyper­mo­ra­li­schen Vor­stel­lun­gen der Kul­tur „umzu­ge­stal­ten“.

Dabei ist die durch die Kul­tur im Welt­all Schritt für Schritt durch­ge­setz­te poli­ti­sche Kor­rekt­heit nicht in Geset­zes­tex­te gefaßt: Die Kul­tur kennt kei­ne Geset­ze und kei­ne Recht­spre­chung. Die poli­ti­sche Kor­rekt­heit und die mit ihr ver­bun­de­ne „Can­cel cul­tu­re“ sind ein sich selbst­re­gu­lie­ren­der Mechanismus:

Die Kul­tur hat eigent­lich kei­ne Geset­ze; es gibt bestimm­te als kor­rekt emp­fun­de­ne Ver­hal­tens­wei­sen; Manie­ren, wie oben erwähnt, aber nichts, was wir als recht­li­chen Rah­men ver­ste­hen wür­den. Nicht mehr ange­spro­chen wer­den, nicht mehr zu Par­tys ein­ge­la­den wer­den, sar­kas­ti­sche und anony­me Arti­kel und Geschich­ten in den sozia­len Netz­wer­ken; dies sind die nor­ma­len For­men der Ver­hal­tens­re­gu­lie­rung in der Kultur.

Den­noch scheint es eine Grup­pe inner­halb der „Kul­tur“ beson­ders schwer zu haben. Man fühlt sich an den irdi­schen Incel erin­nert, jun­ge Män­ner, die ihr Leben, ein­ge­schlos­sen in eine Woh­nung, mit Com­pu­ter­spie­len und Online-Por­nos ver­brin­gen, da es für sie „kei­ne Ver­wen­dung“ mehr gibt. So wird einer die­ser Außen­sei­ter im zwei­ten Band der Rei­he „The Play­er of Games“ in ein Gespräch verwickelt:

„Du hast doch nie das Geschlecht gewech­selt, oder?”
Er schüt­tel­te den Kopf.
“Oder mit einem Mann geschlafen?”
Noch ein Kopfschütteln.
“Das dach­te ich mir”, sag­te Yay.

Gleich­zei­tig unter­liegt jedes Mit­glied der Kul­tur der tota­len Über­wa­chung und nie­mand, der in die Kul­tur hin­ein­ge­bo­ren wur­de, kann die­se ver­las­sen, um sich bei­spiels­wei­se in einer ande­ren Zivi­li­sa­ti­on nie­der­zu­las­sen, ohne auch hier einer bestän­di­gen Beob­ach­tung aus­ge­setzt zu sein.

Die­se voll­kom­me­ne Gesell­schaft löst neben Bewun­de­rung aller­dings auch ent­schie­de­nen Wider­stand in den Wei­ten des Uni­ver­sums aus. So führt die nicht­mensch­li­che Spe­zi­es der Idira­ner in ihrem „reli­giö­sen Fana­tis­mus“ einen, so Banks wört­lich „Dschi­had“ gegen die Kul­tur, um ent­spre­chend ihres „gött­li­chen Auf­trags“, nach den Gebo­ten ihres Glau­bens, die Deka­denz der Kul­tur zurück­zu­drän­gen und zu vernichten.

Auf die Fra­ge hin, war­um der mensch­li­che „Wand­ler“ Hor­za denn auf Sei­ten die­ser nicht­mensch­li­chen Spe­zi­es gegen die mensch­li­che „Kul­tur“ kämp­fe, ant­wor­tet dieser:

Zumin­dest haben sie einen Gott. Die Kul­tur hat keinen.

Die­se Aus­sa­ge Horz­as, der als Athe­ist beschrie­ben wird, mag erstau­nen. Aus Sicht der „Kul­tur“ ist sein Han­deln gar „durch unver­ständ­li­chen Haß“ geprägt und er mag, die­se Inter­pre­ta­ti­on sei erlaubt, an den post­mo­der­nen „Wider­ständ­ler“ erin­nern, der mehr oder weni­ger ahnt, daß er dem Vor­drin­gen der Kul­tur ein­zig mit einer tran­szen­dent begrün­de­ten Ant­wort ent­ge­gen­tre­ten könn­te, der jedoch sei­nen Glau­ben an Gott längst ver­lo­ren hat und der damit letzt­lich dem hyper­mo­ra­li­schen Uni­ver­sa­lis­mus der Kul­tur ohne Ant­wort gegenübersteht.

Über­ra­schen­der­wei­se sind die krie­ge­ri­schen Idira­ner der Kul­tur mili­tä­risch hoff­nungs­los unter­le­gen. Dies nicht zuletzt, da sich die Idira­ner als homo­ge­ne Eth­nie an fes­te Pla­ne­ten­sys­te­me klam­mern, mit denen sie sich ver­bun­den und ver­wur­zelt füh­len und deren Besitz sie unter allen Umstän­den zu ver­tei­di­gen suchen, wäh­rend die pan­hu­ma­ne Kul­tur wesent­lich aus in (gigan­ti­schen) Raum­schif­fen und ande­ren mobi­len Struk­tu­ren leben­den „Any­whe­res“ besteht, die bei krie­ge­ri­schen Angrif­fen jeder­zeit in die Wei­ten des Welt­raums aus­wei­chen kön­nen, sprich, beweg­lich sind und daher über­haupt nicht so leicht ange­grif­fen wer­den können.

In cine­as­ti­scher Schön­heit und Opu­lenz schil­dert Banks gegen Ende sei­nes Sci­ence-Fic­tion-Klas­si­kers die Zer­stö­rung eines soge­nann­ten bewohn­ten Rings, einer der größ­ten künst­li­chen Struk­tu­ren des Uni­ver­sums, durch Mili­tär­ein­hei­ten der Kultur.

Inter­es­sant das Urteil, das der „Wand­ler“ Hor­za in Anbe­tracht die­ses Zer­stö­rungs­werks über die Kul­tur fällt:

Sie ver­such­ten, die Unge­rech­tig­keit zu über­win­den, die Feh­ler in der über­mit­tel­ten Bot­schaft des Lebens zu besei­ti­gen, die ihr erst irgend­ei­nen Sinn gaben … Das war es, was die Kul­tur bot … Cha­os durch Ord­nung, Zer­stö­rung durch Auf­bau, Tod durch Leben.

Und um an die­ser Stel­le die Fra­ge zu beant­wor­ten, die eine befreun­de­te Autorin an mich stell­te, näm­lich, was denn an dem Buch so ‚cra­zy‘ wäre?

Nun, nicht nur, daß Con­sider Phle­bas in den 1980ern geschrie­ben wur­de, son­dern vor allem, daß man die von ihrem Selbst­bild her oft lin­ken 68er-Sci­ence-Fic­tion-Autoren wie Banks oder den viel­leicht in Deutsch­land bekann­te­ren Phil­ip K. Dick, der heu­ti­gen Gesell­schaft gegen­über als kri­tisch ein­ge­stellt lesen muß, möch­te man ihnen lite­ra­risch wie­der gerecht wer­den. (Phil­ip K. Dick schrieb mit Do Andro­ids Dream of Elec­tric Sheep die Roman­vor­la­ge für Rid­ley Scotts Bla­de Run­ner.)

Zu die­ser Gene­ra­ti­on zählt übri­gens auch Ray Brad­bu­ry, der 1953 in sei­nem Sci­ence-Fic­tion-Roman Fah­ren­heit 451 schil­der­te, wie Bücher durch Son­der­ein­hei­ten der Feu­er­wehr ver­brannt und ihre Besit­zer in geschlos­se­ne Anstal­ten gesperrt wer­den, um die Gefüh­le von Min­der­hei­ten zu schützen:

Ver­steh doch, unse­re Zivi­li­sa­ti­on ist so viel­fäl­tig, daß wir unter kei­nen Umstän­den unse­re Min­der­hei­ten ver­stö­ren oder beun­ru­hi­gen kön­nen. Frag dich: Was ist das höchs­te Ziel in unse­rem Land? Die Men­schen wol­len glück­lich sein, nicht wahr? … Far­bi­ge Men­schen mögen ‚Klei­ner Schwar­zer Sam­bo‘ nicht. Ver­brenn es.

Der 2013 ver­stor­be­ne Iain M. Banks, dem sich die Kul­tur in einer Art Traum offen­bar­te, gilt laut Times als einer der bedeu­tends­ten bri­ti­schen Schrift­stel­ler seit 1945. Banks war Sohn einer pro­fes­sio­nel­len Eis­kunst­läu­fe­rin und eines Offi­ziers der bri­ti­schen Admi­ra­li­tät. Auch er ver­or­te­te sich poli­tisch links, ver­stand sich als Sozia­list und trat als schar­fer Kri­ti­ker Isra­els auf, das er als „Schur­ken­staat“ bezeich­ne­te. Er unter­stütz­te den BDS und wies kurz vor sei­nem Tod sei­nen Ver­le­ger an, die wei­te­re Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Bücher in Isra­el zu unter­bin­den. Wäh­rend des Irak­kriegs 2003 schick­te er aus Pro­test gegen die bri­ti­sche Betei­li­gung sei­nen zer­schnit­te­nen Paß an Tony Blair in die Dow­ning Street und plan­te laut eige­nem Bekun­den, in einer Art Kami­ka­ze­ak­ti­on mit sei­nem Land Rover die schot­ti­sche Mili­tär­werft in Fife zu stürmen.

Doch wie auch immer man das poli­ti­sche Wir­ken Iain M. Banks bewer­ten mag, es ist an der Zeit, sein Werk neu, auf die heu­ti­ge Welt hin zu lesen.

P.S. Die zwei­te Sze­ne des hier hoch­ge­prie­se­nen Sci­ence-Fic­tion-Romans beginnt damit, dass der Wand­ler Hor­za in den Fäka­li­en einer ger­ia­tri­schen Olig­ar­chie zu ertrin­ken droht. Man sei also gewarnt: Die­ses Sci­ence-Fic­tion-Epos ist kei­ne zart­füh­len­de Höhen­kamm­li­te­ra­tur, son­dern ein Lese­spaß der beson­de­ren Art.

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Beden­ke Phle­bas – hier ein­stei­gen.

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Kommentare (20)

Adler und Drache

15. April 2024 10:24

Uff! Potzblitz!
"Bedenke Phlebas" war geradezu eine Offenbarung für mich, ich hab's in den 90ern gelesen, als ich die davor veröffentlichte Science fiction längst altbacken und infantil fand - und dann DAS! Unauslöschbar der Eindruck von der Szene auf der Insel der Fresser! Banks war eben auch Surrealist, "Die Brücke" (keine SF) hat mich auch umgehauen. "Das Spiel Azad" fand ich sogar noch besser, dann flachte die Reihe etwas ab, und   mit "Blicke windwärts" konnte ich gar nichts mehr anfangen. 
Das nun hier! Uff!
Der utopische Blick auf die "Kultur" wird allerdings durch die Machenschaften der Sektion für "Besondere Umstände" auch immer wieder gebrochen, hier findet die Drecksarbeit statt, über die die Öffentlichkeit nicht informiert wird. 
Dass der Gesellschaftsentwurf sterbenslangweilig ist, keine Kunst je Bedeutung haben könnte, nichts Wahrhaftes mehr entstehen könnte, ja das Menschsein sogar auf eine Art Notbetrieb heruntergefahren wird, wird schon immer wieder mal deutlich. All das gibt es nur noch in der Grauzone, d.h. bei BU.  

Maiordomus

15. April 2024 10:50

Das Spannende an Dystopien und einem Autor, von dem ich nach Jahrzehnten täglicher u. nächtlicher Lektüre nie gehört habe, liegt wohl in der theologischen Tiefenstruktur. Ohne dieselbe sind heutige Debatten über Impfen, Klima und "richtiges" Politisieren als primäre Unterscheidung von Freund und Feind kaum analysierbar. was bekanntlich Abwahlen mit verbundenen Augen rein nur aus Gesinnungsgründen erklärbar macht.
Massstab v. Utopien bzw. Dystopien ist neben der realen Welt eine erdachte Welt, von der aus "wahre" Wirklichkeit produziert wird, auf Basis einer Dogmatik, welche Unerlöstheit voraussetzt und somit den Glauben wenn nicht an eine bessere Welt, so doch Weltverbesserung. Das Ur-Modell, das dahinter steckt, ist, aus europäischer Sicht wohl die antike Gnosis, zu der einerseits Modelldenken gehört, aber auch, nach Voegelin, die von der Antike bis Karl Marx (und heute bei Klimagläubigen)  unerlässlichen Frageverbote. Wir bewegen uns im Raster der uralten Religions- und Literaturgeschichte. Es wäre zu hoffen dass der Autor sagen wir mal den Genialitätsgrad eines Dante oder Thomas Morus erreicht. Letzteren kostete dies aber seinen Kopf!          

Umlautkombinat

15. April 2024 11:36

Ich habe den groessten Teil des Zyklus vor Jahren gelesen und nicht mehr alles in Erinnerung. Die Rezension scheint mir aber etwas knapp. Das liegt v.a.D. in dem holzschnittartigen Hinbiegen auf gerade aktuelle Begrifflichkeiten (deren eigene Haltbarkeit unbekannt ist).
 
The Culture hat immer einen Subtext, der ihre "woke" anarcho-kommunistische Charakteristik in Frage stellt, das ist Thema aller mir bekannten Buecher. Das betrifft ganz vorn die typischen ideologischen Zauberlehrlingseffekte von Bolschewisten, Nazis, Sozialisten, Gruenen etc.. Das betrifft Dinge wie die Rechtfertigung gegenwaertiger Verbrechen mit noch groesseren hypothetischen zukuenftigen Verlusten ( auf die Spitze getrieben durch den Sci-Fi Kunstgriff der Berechnung dieser Verluste durch die AI's)
 
> Zu dieser Generation zählt übrigens auch Ray Bradbury
 
Ja, und auch in der politischen Selbstsicht als "Linker", was aber deutlich anders gefasst ist als die heutigen Karikaturen. Auffaellig hier uebrigens die zuerst durch Kubitschek, dann durch (vergessen, wer) wenigsten einen anderen Autor hier auf SiN  versuchte direkte Vereinnahmung des Buches oder/und Autors als "unser". Sicher nicht. Da muss die Rechte wohl selbst Adaequates schreiben. Dann kann sie solche Ansprueche (darauf) erheben. Bradbury ist nicht links oder rechts in heutiger Lesart.

Monika

15. April 2024 11:52

Ich finde es hervorragend, daß Benjamin Kaiser hier gelegentlich schreiben will. Ich verweise auf das sehr gute online-Magazin Corrigenda*, herausgegeben von Lukas Steinwandter. Dort findet man sehr solide philosophische und theologische Beiträge, geeignet zur Unterfütterung politisch rechter Ideen und Theorien. Da hapert es m.E. etwas bei neurechten Berufspolitikern und Aktivisten. Heidegger liest man als rasender Reporter nicht mal so nebenbei. Thymotische Virilität will in der Politarena erprobt sein, zur Not muss man nochmal in denselben Fluß. Auch bei Schampus und Austern  wird man eher gedankenarm und träge...

FreimuthGraubart

15. April 2024 15:28

Die Beschreibung des Szenarios weckt keinerlei Leselust bei mir. In den 80ern mag das ja ein interessantes Szenario gewesen sein, aber nachdem das Szenario des Romans in den letzten Jahren wohl größtenteils in die Realität umgesetzt wurde, kann man den Autor nur noch für seine prophetischen Qualitäten bewundern. 
Der Reiz eines Science-Fiction Romans liegt für mich zum großen Teil im durchspielen einer fiktiven, möglichen Zukunft. Der Reiz geht größtenteils verloren, wenn das Zukunftsszenario bereits Realität ist. ;-)

Laurenz

15. April 2024 23:01

Ich muß dem Teilnehmer @FreimuthGraubart zustimmen. Genauso prophetisch, wenn auch erst in den 90ern, war auch schon Vera Lengsfeld. Der Planet kommt ohne bi- oder multi-polare Verteilung der Macht nicht aus, um globale Lagerhaft für alle zu vermeiden. Noch prophetischer war Frank Herbert, der den Djihad mit der jetzt aufkommenden KI bereits in den 60ern vorwegnahm. Orwell erfuhr die technische Planung des Totalitären bereits im Spanischen Bürgerkrieg von den Stalinisten. Das ist auch alles nichts neues. Unsere Vorfahren lebten mit totalitärer Überwachung über 1.000 Jahre. Der Mangel an technischer Überwachung wurde durch Folter & Beichte kompensiert.

Maiordomus

16. April 2024 09:26

@Laurenz. Orwells katalonisches Tagebuch ist die unübertreffliche Entlarvung der linken spanischen Bürgerkrieger incl. Brigaden als die "Guten" aus aber klar antifalangistischer und antitotalitärer Sicht. Um die Brüderlichkeit, ob erwünscht oder nicht, zu untermauern, wurde in Barcelona sogar das Siezen abgeschafft.
Das mit der Beichte funktionierte im Mittelalter nicht wie Sie glauben. Der heilige Nepomuk wurde nicht umsonst ertränkt, weil er die Diskretion des heiligen Beichtgeheimnisses einhielt, wogegen Freisler noch  1944 vorging. Die Sündenvergebung war einst, auch zur Fortsetzumg der Ruchlosigkeit, viel wichtiger als die genaue Sündenerkundung, deren Technik erst die Jesuiten erfanden und als psychologische Verhörmethode vervollkommneten. Noch interessant, dass der Attentäter auf den prot. Wilhelm von Oranien die Absolution schon vor der Tat erhielt, ein Beweis für Schindluder mit den Sakramenten. Kritisch sein heisst Details kennen!    

Gimli

16. April 2024 10:13

Ich finde viele SF Romane thematisch spannend, viele sind sehr intelligent konstruiert, leider fehlt den allermeisten eine gute Sprache. Hier bleibts nach meinem Empfinden zu nah an Trivialliteratur. Daher lese ich sie selten, mir reicht eine Inhaltsangabe. Fantasie auf wissenschaftlicher Basis rechne ich mir selber genug an. Das beste an SF, nicht Fantasy, ist aber, dass ihre erzählte technische Zukunft heute schon am Horizont unserer Gegenwart sichtbar wird, in Teilen schon Gegenwart ist. Die gesellschaftlichen Dystopien sind meist Mumpitz. Zumindest im Westen. Was in China vor sich geht oder in andern Autokratien, ist  was anderes; bzw. eben die Nutzbarmachung aktueller Digitalisierung für Kontrolle und Machausübung im Sinne eklatanter Übergriffe in natürliche Freiheitsrechte eines Individuums; hier setzt eine Clique die Normen, nicht das verfasste Gemeinwesen. Wen interessiert: Die unheimliche Stille von Harald Lesch --> Warum hören und sehen wir Nichts von anderen Intelligenzen, an deren Existenz kein einzunehmender Mensch zweifeln kann. Das ist mehr Science als Fiction, aber liest sich ebenso spannend. 

Ein Fremder aus Elea

16. April 2024 10:28

Warum sollte ein Linker nicht Aldous Huxley's Dystopie nehmen und sie nicht als logische  Konsequenz wirtschaftshöriger Bruttosozialproduktssteigerung behandeln, sondern als Konsequenz in die Irre führender linker Impulse?
Das halte ich gar nicht für so außergewöhnlich. Übrigens, Philip K. Dick hat zwar behauptet, daß ihm die Sibylle von Cumae befohlen  hätte, Richard Nixon zu Fall zu bringen, aber er hat sich stets sehr für die Belange des Individuums interessiert und nicht für jene der Gesellschaft, war jetzt also nicht unbedingt links, sondern in der Tat christlich liberal.

Umlautkombinat

16. April 2024 10:37

Jetzt haben zwei Leute hier kommentiert, die das Buch kennen. Der Rest zu groesserem Teil noch nicht einmal irgendetwas des Autors. Kann man machen, aber das Verhaeltnis sollte doch irgendwie anders aufgestellt sein.

Maiordomus

16. April 2024 10:49

@Gimli. Fühle mich von Ihnen in der Bemerkung über die Anforderungen bezüglich Sprache leider bestätigt; nämlich in der Lektüre des "Alten, Wahren", siehe Bibel in den Originalsprachen, Dante, Boccaccio, Cervantes, Shakespeare, Morus, Voltaire, Dostojewskij, Orwell, Solschenizyn, nicht zu unterschätzen als Spezialisten für  private und geselschaftliche Lebenslügen Fontane, Ibsen und Strindberg, sogar der sprachlich etwas abfallende Böll ist als Kritiker der Lügenpresse und Entlarver der CDU nicht ganz daneben, wiewohl er die klassische Höhe noch nicht schaffte; am Anfang war sowieso Homer, sein Informationswert über den Ukrainekrieg ist freilich noch nicht analysiert, bin mir da noch nicht ganz sicher. Thomas Bernhard hätte wohl das Zeug zu einem grossen Autor gehabt, er stand sich aber wie Martin Walser selber im Wege.    

Ein Fremder aus Elea

16. April 2024 14:53

Umlautkombinat.
Das wird doch erst zum Problem, wenn man die qualifizierten Kommentare in der Flut der unqualifizierten nicht mehr findet. Ich habe bei der bisherigen Länge des Stranges keine Probleme gehabt, alle Kommentare zu überfliegen und mir das, was mir interessant erschien, genauer durchzulesen.
Und wenn Sie meinen, man solle sich dieses interessante Buch doch bitte durchlesen, anstatt hier nur faul zu kommentieren: Da habe ich nicht das geringste Interesse. Letzten Endes ist es schlicht eine Beschreibung der Dekadenzerscheinungen, welche eintreten, wenn es auf die eigene Leistung nicht mehr ankommt, nicht unähnlich zu dem, was Oscar Wilde seinerzeit in der britischen Aristokratie beobachtet hat: Wenn Maschinen das Denken und Arbeiten übernehmen, werden wir halt alle zu dekadenten Aristokraten, und anstatt uns wie in Wall-E nur vollzufressen, haben wir eben auch Orgien und fechten zur Unterhaltung Gefechte um die rechte Meinung aus, das ist alles nichts Neues.
 

Umlautkombinat

16. April 2024 15:51

@Ein Fremder aus Elea
> Letzten Endes ist es schlicht eine Beschreibung der Dekadenzerscheinungen
 
Haetten Sie denn mal problemlos erfasst, dann haetten Sie auch in den genannten beiden Leserkommentaren den Punkt erkannt, dass es das eben nicht einfach so hingenommen werden sollte. Etwas, was nur jemand mit Kenntnis des Textes aeussern kann.
Ich habe eine These dazu, warum in diesem Forum hier die Diskussion immer wieder in Lichtgeschwindigkeit vom Thema weggeht. Eitelkeit ist halt unwiderstehlich, auch die speziell mit Bildungshuberei verbundene. Dann schreibt man halt starke statements zu Sachen, von denen man keinen Buchstaben selbst aufgenommen hat.
 
Ich habe kuerzlich an einer anderen Stelle folgende Kritik am rechten Metapolitikbegriff gelesen: Das ist gar keine, sondern diese Form wird nur als Vehikel zum Fuellen mit direkter Politik benutzt. So aehnlich ist es hier in den (meisten - ich habe ja nichts gegen einzelne Einwuerfe aus anderer, auch textkenntnisloser, Perspektive. Nur sollte eben eine generelle Disziplin am Thema eingehalten werden koennen, wenn man als geistig arbeitend wahrgenommen werden moechte) unbelesenen Kommentaren auch. Der Beitrag gibt dahingehend selbst die Richtung vor, weswegen ich ihn sehr diplomatisch als "knapp" bezeichnet habe. Das sollte man halt auch registrieren und dann durch Selbstlesen pruefen, bevor man den Mund zu vermeintlichen Inhalten aufmacht und seine verschiedenen ideologischen Steckenpferde ad nauseam auf Unbekanntem meint reiten zu muessen.
 

Adler und Drache

16. April 2024 16:52

Ich möchte hier mal eine Lanze für den Roman brechen - er ist großartig!

Maiordomus

16. April 2024 21:01

@Fremder aus Elea. Gut, dass Sie bei den Dystopien den noch nicht genannten Huxley nachtragen. Aus meiner Sicht bestünde indes Bedarf nach Neuem, das auch über das von mir genannte, gewiss niemalsl zu unterschätzende Alte Wahre hinaus Perspektiven böte. Ein Blick nach vorn, wie ihn meine Generation kaum mehr schafft. Da es aber schwierig wird, aufgrund der Bildungssituation, auf die Jugend per se Hoffnungen zu setzen, wird es schwierig, grassiert das Dümmste aus alten Irrtümern weiter, in verdeckter Form das Niveau der Hexenprozesse, deren Grundlagen indes schon damals ohne ein abgeschlossenes akademisches Studium nicht zu verinnerlichen waren. Das brauchen wir nicht; vielleicht ergibt sich aus einer weder einmilitarisierten noch einsozialisierten noch eingebürgerlichten Jugend mit einer ganz sicher nicht monistischen Wertebasis und dem Instinkt für das sicher Falsche mal ein neues Denken.   

Gracchus

16. April 2024 22:23

Mit Ihrem Hinweis auf die antike Gnosis haben Sie @Maiordomus, was Fantasy/SF betrifft, wohl ins Schwarze getroffen. Für Philip K. Dick gilt der Bezug allemal. 
Was mir noch nicht ganz klar ist: Die Kultur (im besprochenen Roman) ist doch als Utopie, also positiv, gedacht. Zumindest ursprünglich - oder ist dem Autor seine Utopie unwillkürlich zur Dystopie geraten? 
Ich sehe auch nicht, dass sich das Geschilderte bereits verwirklicht hätte. Ich zumindest bin - leider - nicht dauereuphorisiert und verfüge - leider - noch nicht über genetisch optimierte Geschlechtsorgane mit unbegrenzter Orgasmusfähigkeit.

Adler und Drache

17. April 2024 07:58

@Fremder aus Elea
Letzten Endes ist es schlicht eine Beschreibung der Dekadenzerscheinungen
Keineswegs. Die Kultur ist, was sie ist, und die Idiraner sind, was sie sind. Beide sind starke Antagonisten, die sich maximal voneinander abheben. Natürlich sieht man in der Kultur den Westen, in den Idiranern die islamische Welt. Es ist aber wirklich ein Roman, keine Propaganda, d.h. der Autor schlägt sich nicht auf eine Seite. Kann schon sein, dass er (oder der progressive Science-Fiction-Leser überhaupt) sich eine Welt wie die Kultur wünscht, aber es werden auch immer deren verborgene dreckige Seiten gezeigt. Es geht im Grunde um das titanisches Ringen zweier unvereinbarer Zivilisationen aus der Perspektive von unten, also eines einzelnen Teilnehmers (Horza), der einen Leidensweg zu bewältigen hat, welcher aus nachfolgender (historischer) Beurteilung des Kriegs unwesentlich ist. (Der Krieg findet übrigens im 14. Jahrhundert statt.) Ideenmäßig sprengt er alles bis dahin Vorgestellte, vermittelt ein Gefühl für die ungeheuren Weiten und Geschwindigkeiten und lässt Star Trek und dergleichen einfach nur noch wie Pittiplatsch aussehen. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, allein bei den Namen, die sich die Schiffe selbst geben, hab ich mich gekringelt.

Ein Fremder aus Elea

17. April 2024 08:56

Maiordomus,

Sie haben da eine ganze Reihe von Punkten angesprochen, welche mich sehr interessieren.

1. Ich galube nicht, daß wir es heute tatsächlich mit Jakobinern zu tun haben, welche also tatsächlich Menschen töten würden, weil sie einen Diesel fahren. Ich halte es eher für eine Dekadenzerscheinung, welche darin besteht, sich eine als Theaterstück inszenierte Französische Revolution anzuschauen und Beifall zu klatschen, in Wirklichkeit also eher dem Verhalten des Publikums im Kolosseum vergleichbar, welches kein Mitgefühl kennt. Andererseits genügt die Inszenierung des Jakobinertums, um den kommenden Napoléon zu legitimieren.

Ein Fremder aus Elea

17. April 2024 08:59

Maiordomus,

2. Was die Detailkenntnis betrifft, da haben Sie schon recht, daß sich das Wahre an der Geschichte erweisen muß. Ich gehe allerdings anders vor und meine Äußerungen sind auch nur so zu verstehen, also in Bezug auf die Beichte etwa, da frage ich: Wenn ich wüßte, wer welches Verbrechen aus welchen Motiven heraus begangen hat, was wäre mir dann möglich?, davon ausgehend, daß die Dinge meistens einen Zweck verfolgen. (Übrigens, wenn's die andern sind, wird's ja auch offen ausgesprochen, etwa wenn al-Sadr Gefangene freiläßt, dann heißt es: Er verspricht ihnen das Paradies, wenn sie Anschläge verüben.)

Ein Fremder aus Elea

17. April 2024 09:18

Maiordomus,

3. Ukrainekrieg. 1 + 1 = 2: Wenn wir der Ukraine genug Waffen geben würden, um Rußland zu besiegen, würden wir ihr auch genug Waffen geben, um Polen, die Slowakei, Ungarn und Rumänien zu besiegen, und vielleicht auch noch mehr als das, also tun wir es nicht.

4. Ich will mich mal gar nicht so negativ über die Jugend auslassen, sie wird halt zur Kritiklosigkeit und zum Moralisieren erzogen, zum Glauben an den guten Willen der Autoritäten und den Segen der ausgegebenen Losung, und daß das Nachvollziehen der vorgegebenen Argumentation in Streitgesprächen Demokratie sei.

Dahinter steht nicht zuletzt die Unfähigkeit mit Unwägbarkeiten umzugehen, das Verlangen, alles zu kontrollieren, und damit zusammenhängend die Unfähigkeit, einer topischen Argumentation zu folgen, welche nicht gleich das Ganze, sondern nur Einzelnes löst

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