Sezession
1. April 2005

1945 als Datum der Staatengeschichte

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Stefan Scheil

Diplomatie besteht aus Kompromissen, aus Doppeldeutigkeiten, Geduld und dem vorsichtigen Ausloten offener Entscheidungssituationen. Es ist zweifellos unzeitgemäß, im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg in diesem Sinn von Diplomatie zu sprechen. Ideologische Deutungen und eine auf manichäische Weise klar verteilte Verantwortungszuweisung dominieren das Bild der Jahre zwischen 1939 und 1945 anscheinend sogar in den Augen der Fachhistoriker. So bleiben weitergehende Fragen nach einem geopolitischen Hintergrund, vor dem die schließliche Vernichtung des Deutschen Reichs zu betrachten wäre, erst recht ausgeblendet.

Dabei lassen sich durchaus geopolitische Linien ziehen, die zu den Ursachen der Besonderheiten der deutschen Kapitulation 1945 führen, die sich deutlich von Vorgängen unterschied, wie sie am Ende von Kriegen bis dahin meistens üblich waren. Zum einen handelte es sich um eine „bedingungslose Kapitulation“ und damit um die Erfüllung einer Forderung, die von den Alliierten seit Jahren offen erhoben worden war. Zum anderen hat diese Kapitulation auf staatlicher Ebene strenggenommen gar nicht stattgefunden. Zwar hat in einer ganzen Kette von Unterschriften und Teilkapitulationen die deutsche Wehrmacht die Waffen gestreckt. Die deutsche Regierung hat dies aber nicht getan, weder am 8. Mai noch zu einem anderen Zeitpunkt. Das hat nicht den während des Krieges ausgearbeiteten alliierten Planungen für ein Schlußszenario entsprochen. Trotzdem steckt in der Entwicklung der Dinge hin zu diesem Ende eine Logik, die deutlich werden läßt, was dieser Vorgang machtpolitisch bedeutet: einmal aus deutscher Perspektive und dann im Rahmen der europäischen Geschichte.
Die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation war bereits früh in den Grundüberzeugungen der politischen Führung der alliierten Mächte angelegt. Sie stellte also einmal eine bewußte und politische Entscheidung dar, war jedoch zum anderen in längerfristige Entwicklungen eingebettet. Zu diesen gehörte das Ende einer Phase der europäischen Geschichte, die als Krimkriegssituation bezeichnet worden ist und die dadurch gekennzeichnet war, daß die Weltpolitik dem europäischen Kontinent für einige Zeit den Rücken gekehrt hatte. Wie sich 1945 herausstellte, gehörte das zu den Existenzbedingungen des Bismarckreiches.
Nachdem 1856 die Niederlage Rußlands im Krimkrieg gegen England und Frankreich besiegelt war, bildete sich in den folgenden eineinhalb Jahrzehnten in Europa ein politisches Vakuum heraus, in dem die deutschen Einigungskriege stattfinden konnten. Das besiegte Rußland gab die weitere Expansion auf den Balkan und in Richtung der türkischen Meerengen auf, widmete sich inneren Reformen und hielt sich territorial in Zentralasien schadlos. Gleichzeitig konsolidierte das britische Empire ebenfalls seinen Besitz in Übersee, während die von Premier Palmerston zeitweise ins Auge gefaßten Pläne für eine Übergabe von Ukraine und Baltikum an Österreich und Preußen eine Episode der Geschichte blieben. Da sich auch die USA für ihren aktuellen Ausgriff nach Übersee den Weg über den Pazifik nach Ostasien ausgesucht hatten, wo Japan im Jahr 1854 gewaltsam für den amerikanischen Handel „geöffnet“ wurde, intervenierte in Europa keine der aktuellen und kommenden Weltmächte, als zwischen 1864 und 1871 das Bismarckreich gegründet wurde. Waren die deutschen Einigungsversuche 1848 noch auf den militärischen Gegendruck Rußlands gestoßen, folgte dieses Mal keine Reaktion des Zarenreichs. Auch Versuche der französischen Regierung scheiterten, England zu einem Einspruch gegen die deutsche Einheit zu bewegen und zu diesem Zweck notfalls in den Krieg von 1870 / 71 mit einzubeziehen.


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