1. April 2005

Geschichtsbilder und Generationenfolge

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Fritz Süllwold

Veränderungen von Geschichtsbildern kommen in der Generationenfolge nicht selten vor. Solche Veränderungen bleiben manchmal ohne durchschlagende Wirkungen im politischen und gesellschaftlichen Bewußtsein einer Generation, zuweilen haben sie aber auch dramatische Konsequenzen von existentieller Bedeutung. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang Veränderungen von Vorstellungen über das Verhalten und Erleben der Normalbevölkerung der Nation in einer herausragenden historischen Epoche. Für die deutsche Nation kommt hier vor allem die Epoche des Nationalsozialismus (kurz: NS-Epoche) in Betracht.

 Gastbeitrag

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  • Sezession
Wir haben uns in vielfältigen und langwierigen empirischen Untersuchungen eingehend mit den vergangenheitsbezogenen Vorstellungen beschäftigt, die in der sogenannten Aufbaugeneration anzutreffen sind, also bei der Generation von Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den materiellen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Aufbau wesentlich bewirkte. Unsere Personenstichprobe der Aufbaugeneration reichte vom Geburtsjahrgang 1907 bis zum Jahrgang 1927. Alle Personen dieser Stichprobe hatten also die NS-Epoche bewußt erlebt.
Die Datenerhebung bei unserer in den neunziger Jahren durchgeführten Untersuchung erfolgte nach der von mir so genannten Methode der „Systematischen Erhebung von Fremdbeobachtungen“ (SEF). Damit ist gemeint, daß die Männer und Frauen unserer Personenstichprobe nicht über sich selbst, namentlich nicht über ihre persönlichen Reaktionen auf epochentypische Sachverhalte und Ereignisse berichteten, sondern ausschließlich mitteilten, welche Reaktionen sie bei deutschen Normalbürgern ihrer jeweiligen Umgebung im Beobachtungszeitraum von 1933 bis 1945 wahrgenommen hatten, meistens als verbale Äußerungen, zuweilen aber auch in Form nonverbalen Ausdrucksverhaltens.
Die von uns herangezogenen Zeitbeobachter nahmen zu insgesamt 194 Fragen über die Reaktionen von Normalbürgern auf Sachverhalte und Ereignisse der NS-Epoche Stellung. Bei der Formulierung der Fragedächtnispsychologische Gesetzmäßigkeiten und Erkenntnisse der Aussagepsychologie sorgfältig berücksichtigt.
Die Wahrnehmungen der Zeitbeobachter können zur Beantwortung der Frage beitragen, wie es in der Vorkriegszeit, also von Februar 1933 bis September 1939, zur Etablierung und Konsolidierung der nationalsozialistischen Herrschaft kam. Das Gros der deutschen Normalbevölkerung stand den Nationalsozialisten zunächst durchaus abwartend und nicht selten auch skeptisch gegenüber. Das wird unter anderem durch regulär zustande gekommene Wahlergebnisse belegt, bei denen die NSDAP niemals auch nur die Hälfte der Wählerstimmen erhielt. Bei den letzten wirklich freien Reichstagswahlen am 6. November 1932 erreichte die NSDAP bloß 33,1 Prozent der abgegebenen Stimmen. Sogar bei den nicht mehr ganz korrekten Wahlen am 5. März 1933 erzielte sie lediglich 43,9 Prozent der abgegebenen Stimmen. Es ist nicht bekannt, wie viele Stimmen die NSDAP bei wirklich freien Wahlen in der späteren NS-Epoche erhalten hätte. Jedoch gibt es zuverlässige Hinweise, daß die Zustimmung zur NSRegierung in der Vorkriegszeit anstieg und daß diese vermehrte Zustimmung zur Festigung der Herrschaft der Nationalsozialisten beitrug.

Für die Erweiterung der Zustimmung gab es im Erleben der Normalbürger vor allem fünf Gründe, die nachfolgend kurz gemäß dem Rang ihrer Bedeutung aufgeführt werden:

(1) Die Beseitigung der Auswirkungen des Versailler Vertrages, dessen Stellenwert im Bewußtsein der damaligen Deutschen die heutigen Nachgeborenen wegen völlig veränderter Rahmenbedingungen kaum noch verstehen können. Nach den Wahrnehmungen der Zeitbeobachter empfanden fast alle Deutschen den Versailler Vertrag als große Ungerechtigkeit, als tiefe Demütigung und als unerfüllbar. Zu der Frage „Galt in der Bevölkerung die NS-Politik als erfolgversprechender Ansatz, die Auswirkungen des Versailler Vertrags zu tilgen?“ machten die Zeitbeobachter auf Grund ihrer Wahrnehmungen bei Normalbürgern der Umgebung die folgenden Angaben: „Ja, durchaus“ (61 Prozent), „zumindest als erfolgreicher als andere Ansätze“ (35 Prozent), „nein“ (4 Prozent). Wichtig war in der Bevölkerung auch der Eindruck, daß durch mehrere Maßnahmen der neuen Reichsführung Deutschland international wieder Respekt verschafft wurde.
(2) Die schnelle und drastische Reduktion der Arbeitslosigkeit. Zu der Frage „Gab es ab Mitte der dreißiger Jahre noch Angst vor Arbeitslosigkeit?“ bemerkten die Zeitbeobachter: „Ja, ziemlich oft“ (5 Prozent), „nur noch selten“ (44 Prozent), „fast nie“ (51 Prozent). Nachgeborene sollten zu diesem Punkt zur Kenntnis nehmen, daß Arbeitslosigkeit damals eine sehr viel größere materielle Not und Existenzgefährdung bedeutete als heute.
(3) Der wirtschaftliche Aufschwung, den viele zuvor nicht für möglich gehalten hatten.
(4) Eine Reihe neuartiger sozialer Einrichtungen und Maßnahmen (Winterhilfswerk, Müttergenesungswerk, KdF-Auslandsreisen, zum Beispiel Schiffsreisen für Arbeiter, die Ausstattung eines großen Bevölkerungsteils mit dem leicht erschwinglichen Radiogerät „Volksempfänger“ und anderes).
(5) Die energische Bekämpfung der (unpolitischen) Alltagskriminalität und der Eindruck einer merklichen Steigerung der inneren Sicherheit und Ordnung. Die Wichtigkeit dieses Punktes, namentlich für das Staatserleben der „einfachen Leute“, wird heute oft verkannt. Daß die Steigerung der Rechtssicherheit nicht im politischen Raum galt, war den Bürgern nach den Beobachtungen unserer Zeitzeugen offenbar bewußt.

Sehr viele Mitglieder der Aufbaugeneration, die ebenfalls die NS-Epoche bewußt erlebt hatten, haben sich zu unserem 2001 in Buchform erschienenen Bericht über die deutsche Normalbevölkerung jener Zeit, namentlich über deren Erfahrungen, Einstellungen und Reaktionen, spontan und ausführlich geäußert. Dabei ergab sich zu fast allen Punkten eine hochgradige Zustimmung, so daß man es hier offenbar mit einem Geschichtsbild zu tun hat, in dem die Zeitgenossen der historischen Epoche die von ihnen seinerzeit erlebte Realität wiedererkennen. Das gilt in besonderem Maße auch für die nach der SEFMethode ermittelten Quantitäten, also für numerische Angaben über die Häufigkeit oder Seltenheit einzelner Bevölkerungsreaktionen.

Um die systematisch erhobenen Erinnerungen der Zeitgenossen der NS-Epoche mit den Vorstellungen von nachgeborenen Deutschen über das Verhalten und Erleben der Normalbürger jener Zeit vergleichen zu können, haben wir auch den Nachgeborenen die 194 epochenbezogenen Fragen zur Stellungnahme vorgelegt. Mit Nachgeborene sind hier Deutsche ab dem Geburtsjahrgang 1950 gemeint. Bei der Untersuchung vertreten waren vor allem Angehörige der Jahrgänge 1960 bis 1975. Es handelt sich hier also, kurz gesagt, um einen Vergleich der Geschichtsbilder der Aufbaugeneration mit den epochenbezogenen Geschichtsbildern, die bei den heutigen jüngeren Deutschen anzutreffen sind. Neben diesen gezielt erhobenen Daten haben wir auch zahlreiche Äußerungen über gesprächsweise festgestellte epochenbezogene Vorstellungen jüngerer Deutscher einbezogen. Diese Äußerungen sind uns spontan von älteren Deutschen, die ebenfalls Zeitgenossen der NS-Epoche waren, zugegangen. Insgesamt ist festzustellen, daß viele Nachgeborene über das Verhalten und Erleben des Gros der deutschen Normalbürger in der NS-Epoche Vorstellungen hegen, die sich von den weitgehend übereinstimmenden Erfahrungen seriöser und politisch gänzlich unbelasteter Zeitgenossen der Epoche kraß unterscheiden.
Im Hinblick auf die Erkenntnislage, zu der auch etliche einschlägige objektive Daten beitragen, kann ohne nennenswertes wissenschaftliches Risiko konstatiert werden, daß die Vorstellungen dieser Nachgeborenen weitgehend falsch sind. Sehr auffällig und schwerwiegend erscheint, daß die falschen Vorstellungen der Nachgeborenen immer in der gleichen, nämlich einer pointiert negativen Richtung von der Realität des Verhaltens und Erlebens des Gros der damaligen deutschen Normalbürger abweichen.
Erfreulicherweise gibt es aber auch Nachgeborene, die in bemerkenswertem Ausmaß realistische Vorstellungen über die Reaktionen deutscher Normalbürger auf epochentypische Sachverhalte und Ereignisse der NSZeit haben. Anscheinend handelt es sich bei diesen Nachgeborenen jedoch um eine Minderheit. Die Gründe für die Abweichung vom überwiegenden Geschichtsbild der Nachgeborenen scheinen vornehmlich in Informationen aus dem familiären Umfeld zu liegen.
Generell zeigt sich das Phänomen, daß die vergangenheitsbezogenen Vorstellungen, namentlich bei grundsätzlich negativ eingestellten Nachgeborenen, in sachlich unzulässiger Weise undifferenziert, vereinfachend und verallgemeinernd zu sein pflegen. Während die Zeitgenossen und Zeitbeobachter der NS-Epoche bei fast jeder der 194 Fragen von recht verschiedenen Reaktionen in der Normalbevölkerung berichtet und unterschiedliche Häufigkeiten der jeweiligen Reaktionsweisen angegeben haben, kennen die Nachgeborenen oft nur eine einzige Verhaltens- und Erlebensart und betrachten diese als „die“ Reaktionsweise der Bevölkerung. Zum Beispiel gaben die Zeitbeobachter zu der Frage „Wie reagierte die Normalbevölkerung auf Ausschreitungen in der sogenannten Reichskristallnacht im Jahre 1938?“ fünf Reaktionen an, nämlich „mit Befremden“, „bedrückt“, „mit Sorge“, „mit Gleichgültigkeit“ und „mit Zustimmung“. Von den Zeitbeobachtern hatten nur 1 Prozent Zustimmung und 15 Prozent Gleichgültigkeit wahrgenommen. Die überwältigende Mehrheit der Zeitbeobachter registrierte bei Normalbürgern Befremden, Bedrücktheit und Sorge. Diese Häufigkeitsrelationen werden durch Informationen aus anderen Datenquellen gut gestützt (selbstverständlich gab es auch einige lokale Besonderheiten mit anderen Häufigkeiten).

Unter den nachgeborenen Deutschen findet man jedoch nicht wenige, die fest überzeugt sind, die Normalbürger hätten durchgehend oder zumindest überwiegend mit Zustimmung, äußerstenfalls noch mit Gleichgültigkeit auf die Ausschreitungen reagiert. Diese Nachgeborenen haben also zu jenem wichtigen historischen Datum ein Geschichtsbild, das faktisch unzutreffend ist.
Ein fundamentaler und in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht folgenreicher Fehler in den Geschichtsbildern von vielen Nachgeborenen besteht darin, daß die Erlebniswelten und das Erlebnisprofil der Normalbürger der NS-Epoche gegenüber der Realität völlig verschoben werden. Das, was für die meisten Bürger der NS-Zeit im Vordergrund des Wahrnehmens, Erlebens und persönlichen Handelns stand, was sie vornehmlich interessierte und beschäftigte, tritt in den Vorstellungen vieler Nachgeborener über die Erlebniswelten ihrer Vorfahren weit in den Hintergrund; oft ist es dort sogar überhaupt nicht vorhanden. Dagegen rangieren andere Inhalte, die für die meisten Normalbürger in der NSEpoche von untergeordneter Bedeutung waren und kein besonderes Interesse fanden oder damals unbekannt waren, in den Vorstellungen von Nachgeborenen als die wichtigsten und permanent gegenwärtigen Erlebnisgegenstände der Epoche.
Namentlich für die „Judenfrage“ haben sich die meisten Normalbürger nicht sonderlich interessiert, was unter anderem damit zusammenhing, daß die Juden im Deutschen Reich nicht einmal 1 Prozent der Gesamtbevölkerung bildeten und viele Bürger keinerlei Kontakt mit jüdischen Deutschen hatten. Zahlreiche Nachgeborene stellen sich heute dagegen vor, daß damals fast jeder Bürger ständig mit dem Schicksal der Juden konfrontiert wurde und daß die Dauerbeschäftigung mit der Drangsalierung der Juden einen großen Teil der individuellen Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung der Normalbürger in Anspruch nahm. Die Vorstellung von Nachgeborenen, daß das Verhältnis zu den Juden ein zentrales, wenn nicht gar das alles beherrschende Thema der Normalbürger in der NS-Epoche gewesen sei, ist das Ergebnis eines lernpsychologischen Generalisierungsprozesses.
Niemand stellt heute in Frage, daß nach dem öffentlichen Bekanntwerden der furchtbaren jüdischen Schicksale in der Epoche des Nationalsozialismus der Holocaust eine herausragende Bedeutung für die deutsche Geschichte erlangt hat. Wenn allerdings Nachgeborene diesen Bedeutungsaspekt auf die tatsächlichen Erlebniswelten der deutschen Normalbürger in der NS-Epoche generalisieren, ist das nach den Belehrungen in der Schule und den Beeinflussungen durch Massenmedien zwar lernpsychologisch erklärbar, in der Sache aber nicht korrekt. Die massenhafte physische Vernichtung von Juden war für das Gros der deutschen Normalbevölkerung in der NS-Epoche kein realistisches Thema, das sich durch unbezweifelbare Fakten aufdrängte und mithin eine mentale Zuwendung und Stellungnahme erforderlich machte. Daß der Holocaust ein Gemeinschaftswerk des deutschen Volkes gewesen sei, ist für die Normalbürger der NS-Epoche und dementsprechend für die Aufbaugeneration in der Regel eine ganz und gar realitätswidrige, absurde und auch bösartige agitatorische Behauptung.

Bei Nachgeborenen kann man diese These in jüngerer Zeit nicht selten antreffen. Heute findet man auch in sonst seriösen Zeitungen gelegentlich Behauptungen, die eine grotesk anmutende Wirklichkeitsverkennung bezüglich der Erlebniswelten und des Verhaltens deutscher Normalbürger in der NS-Epoche offenbaren. In den neunziger Jahren konnte man zum Beispiel in einer einflußreichen Zeitung lesen, die Deutschen hätten sich in den ersten Jahren nach dem Kriege so intensiv, fleißig und ausdauernd dem wirtschaftlichen Aufbau (dem sogenannten Wirtschaftswunder) gewidmet, um ihre Untaten in der Epoche des Nationalsozialismus zu vergessen und Schuldgefühle zu unterdrücken. Die unablässige Beschäftigung mit dem Neuaufbau von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft habe das Besinnen auf die vorangegangene Epoche und ein angemessenes Erinnern an die Verbrechen in dieser Epoche verhindern und ein „Verdrängen“ der Vergangenheit ermöglichen sollen. Daß dieser von Nachgeborenen produzierte erstaunliche Unsinn nicht nur Informationsdefizite und Realitätsausblendungen anzeigt, sondern auch eine mit ihren Weiterungen höchst bedenkliche psychische Verfassung offenbart, wird leider von vielen nicht erkannt.
Denn nicht selten machen Zeitgenossen der NS-Epoche die rational nicht zu erfassende Erfahrung, daß Nachgeborene sie darüber belehren oder ihnen sogar vorschreiben wollen, was sie in jener Epoche erlebt haben. Selten dürfte in der Geschichte der Völker eine so große Diskrepanz zwischen den Geschichtsbildern benachbarter Generationen anzutreffen sein wie zwischen den Erinnerungen von Zeitgenossen an das Verhalten und Erleben deutscher Normalbürger in der NS-Epoche und den zugehörigen Vorstellungen von Nachgeborenen. Die mit dieser Diskrepanz sich ergebenden, auf ungerechtfertigten Verallgemeinerungen basierenden negativen Kollektivvorstellungen gehören zu den wichtigsten Faktoren des in jüngster Zeit oft beklagten Mangels an Patriotismus, an Gemeinschaftsgefühl und Gemeinsinn.
Schon in den ersten Jahren nach dem Kriege gab es mancherlei Versuche, die Deutschen kollektiv zu beschuldigen, an schlimmen Untaten beteiligt gewesen oder zu diesen zumindest in irgendeiner Weise beigetragen zu haben. Derartigen Versuchen war kein nennenswerter Erfolg beschieden, weil die damaligen Normalbürger auf Grund ihrer konkreten persönlichen Erfahrungen energisch gegen derartige Unterstellungen zu protestieren pflegten. Sie konnten ohne Unsicherheitsgefühle zwischen jenen, die handelnd schuldig geworden waren, und schuldlosen Deutschen unterscheiden und hatten auch realistische Vorstellungen über den Umfang und die Zusammensetzung von Tätergruppen. Auch die damals führenden Politiker, etwa Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss, wandten sich entschieden gegen generalisierende Schuldvorwürfe, wohl auch deshalb, weil sie sonst bei der Bevölkerung unglaubwürdig geworden wären.

Bestrebungen, die deutsche Bevölkerung pauschal zu beschuldigen und den Holocaust als eine Art Gemeinschaftswerk des deutschen Volkes zu kategorisieren, fanden erst bei Nachgeborenen Resonanz, die die NSEpoche nicht selbst erlebt hatten. Nicht alle Nachgeborenen akzeptierten dieses realitätswidrige Geschichtsbild, jedoch erstaunlich viele. Seit dem Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts sind grob verzerrende und nicht selten nachweislich falsche Behauptungen über das Verhalten und Erleben der deutschen Gesamtbevölkerung in der NS-Epoche immer häufiger geworden, und sachlich begründete Korrekturen und Zurückweisungen unzutreffender Geschichtsbilder erfolgen immer seltener. Ungeniert werden heute in den Medien Behauptungen aufgestellt, die in den fünfziger und sechziger Jahren wegen ihrer offensichtlichen Absurdität nur Kopfschütteln ausgelöst hätten und nicht ernst genommen worden wären.
Warum hegen heute viele nachgeborene Deutsche so hartnäckig nicht nur verzerrende und wirklichkeitsverdrehende, sondern auch nachweislich falsche Vorstellungen über das Verhalten und Erleben ihrer Vorgänger in der NS-Epoche? Welche Ursachen und fördernden Faktoren dieser Geschichtsbilder lassen sich identifizieren? Ein wichtiger Kausalfaktor dürfte die von mir so genannte „journalistische Geschichtsschreibung“ sein. Die „journalistische Geschichtsschreibung“, die keineswegs nur – und auch nicht immer! – von Journalisten betrieben wird, orientiert sich an den Zielsetzungen und Verfahrensweisen des Journalismus und erfüllt nicht die Kriterien wissenschaftlicher Historiographie.
Die journalistische Tendenz zeigt sich unter anderem in einer extremen Selektivität. Von den vielen Einzelheiten, Ereignissen und Sachverhalten einer historischen Epoche werden nur einige wenige herausgegriffen, nämlich jene, die besonders auffällig und sensationell erscheinen und viel Aufsehen sowie starke emotionale Reaktionen hervorrufen. Das für die wissenschaftliche Geschichtserkenntnis und Geschichtsschreibung essentielle Bemühen um das vollständige oder zumindest repräsentative Erfassen und Berücksichtigen aller epochentypischen Einzelheiten unterbleibt. Unterlassen wird bei der „journalistischen Geschichtsschreibung“ insbesondere das schwierige und geistig anspruchsvolle Aufspüren von vielfältigen Kausalbeziehungen und korrelativen Zusammenhängen zwischen zahlreichen Sachverhalten und Ereignissen der Epoche. Gemeint ist hier das rational begründete und empirisch gestützte Zusammenhangsdenken. Leichtfertiges Beziehungsdenken findet man in der „journalistischen Geschichtsschreibung“ durchaus. Dazu zählt etwa die Behauptung, der in der deutschen Normalbevölkerung anzutreffende Antisemitismus sei ein fundamentaler Kausalfaktor des Holocaust gewesen.
Bei der Erörterung der NS-Epoche in den Medien, offenbar aber auch nicht selten in den Schulen, dominiert eine enorme Selektivität. Pausenlos wird auf grausame Vorgänge in den Konzentrationslagern des Ostens und auf Untaten von hinter der Front operierenden Einsatzgruppen hingewiesen. Zweifellos gehören diese Vorgänge zu den herausragenden Geschehnissen des 20. Jahrhunderts, allerdings in der Regel nicht zu den Erlebnis- und Erfahrungswelten der Normalbürger. Nicht wenige jüngere Deutsche verbinden heute mit der NS-Epoche kaum etwas anderes als den Holocaust, und etliche meinen auch, daß die systematische Judenvernichtung für die damaligen Normalbürger das dominierende und stets gegenwärtige Thema gewesen sei. Das Entstehen solcher realitätswidrigen Ansichten kann weitgehend mit lernpsychologischen Generalisierungsgesetzmäßigkeiten erklärt werden.

Selbstverständlich entsteht in diesem Kontext die Frage, wie sich allfällige Korrekturen falscher oder weitgehend verzerrter Geschichtsbilder, namentlich inkorrekt verallgemeinernder Behauptungen über das Erleben und Verhalten des Gros der Normalbevölkerung, durch überlebende Zeitgenossen der NS-Epoche ausgewirkt haben. Diesen Zeitgenossen war eine gewisse Reputation dadurch erwachsen, daß sie als Mitglieder der sogenannten Aufbaugeneration eine der erstaunlichsten und weltweit bewunderten Aufbauleistungen des 20. Jahrhunderts erbracht hatten. Tatsächlich sind korrigierende Äußerungen von Zeitgenossen, zum Teil auch in Form von Leserbriefen in Zeitungen, bei einem Teil der Nachgeborenen wirksam geworden. Bei dem anderen und anscheinend größeren Teil blieben sie aber ohne erkennbare positive Resonanz.
Für diesen Mißerfolg war vor allem eine Mentalität oder Grundeinstellung verantwortlich, die in der sogenannten Achtundsechzigergeneration anzutreffen war und die sich unter anderem in der Weigerung äußerte, von Älteren Aufklärung und Belehrungen entgegenzunehmen. Die Achtundsechziger waren in hohem Maße und nicht selten auf eine fanatisch und bösartig anmutende Weise bestrebt, die ältere Generation, also ihre direkten Vorfahren, abzuwerten, als verachtenswert sowie als töricht und lächerlich erscheinen zu lassen. Dabei wurden enorme Gedächtnisverluste und Erinnerungsverfälschungen durch „Verdrängung“, insbesondere „kollektive oder soziale Verdrängung“, „Schuldabwehr“, „Selbsttäuschung“, „Selbstrechtfertigungsstreben“ und dergleichen mehr behauptet. Es wurde also unterstellt, die Älteren hätten das Furchtbare, das sie seinerzeit angeblich taten oder wahrnahmen, total vergessen.
Jedoch muß sich jede bevölkerungsbezogene Geschichtsschreibung an einem gut verfügbaren Außenkriterium messen lassen. Dieses Kriterium besagt, daß bei qualifizierten Zeitgenossen der historischen Epoche durch die Texte der Geschichtsschreibung ein Wiedererkennen der vormals erlebten Realität erfolgt. Wenn seriöse, intelligente und honorige Zeitgenossen der historischen Epoche in der vorliegenden Geschichtsschreibung die früher von ihnen erfahrene Realität übereinstimmend nicht wiedererkennen, sollte diese Geschichtsschreibung als inkorrekt gelten, wie oft auch auf „die Aktenlage“ hingewiesen werden mag. Die realitätskonforme Geschichtsschreibung über das Verhalten und Erleben der Normalbevölkerung einer historischen Epoche läßt sich meistens nicht den Akten entnehmen, die Historiker bevorzugt zu beachten pflegen.
Bei einer Reihe von historiographischen Fragestellungen kann durch die herangezogenen Akten und deren naive Interpretation die historische Realität sogar erheblich verzerrt oder ganz verfälscht werden. Neben dem einfältigen Benutzen fragwürdiger Akten spielen gewisse Neigungen mancher „Geisteswissenschaftler“ oft eine verhängnisvolle Rolle bei der Entstehung wirklichkeitsfremder Geschichtsbilder. Das sind die Neigungen zu leichtfertigen, das heißt empirisch nicht hinreichend fundierten Verallgemeinerungen und zu Typisierungen sowie zum ausgeprägten Schlagwortdenken und Schlagwortvokabular. Bei der Genese irreführender Geschichtsbilder über das Verhalten und Erleben deutscher Normalbürger in der NS-Epoche waren und sind derartige Tendenzen wesentlich beteiligt. Verzerrende und falsche Geschichtsbilder bei Nachgeborenen können sich langfristig verheerend auswirken. Die generalisierten und anscheinend kaum korrigierbaren negativen Vorstellungen, die viele Nachgeborene über das Verhalten und Erleben deutscher Normalbürger in der NS-Epoche hegen, verhindern oder beschränken zumindest eine positive Identifikation mit der eigenen Nation.

Patriotismus, Gemeinschaftsgefühl und Gemeinsinn sind dementsprechend schwach entwickelt. Damit entfallen die emotionalen Regungen und moralischen Kräfte, die für die Beendigung des jetzigen deutschen Niedergangs und einen erneuten Aufschwung unerläßlich sind. Ein krasser Egoismus hat sich ausgebreitet, der es vielen unverständlich und sogar töricht erscheinen läßt, angesichts von nationalen Problemen und Schwierigkeiten nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch um die Zukunft und den Fortbestand des Landes besorgt zu sein. Nur noch wenige der heutigen Deutschen fühlen sich der nationalen Gemeinschaft aller Bürger verpflichtet und sind bereit, in Situationen nationaler Bedrängnis die persönlichen Geschäfte und Vorteile gegenüber Erfordernissen von Land und Nation zeitweise hintanzustellen sowie Lasten und Einschränkungen zugunsten des Ganzen auf sich zu nehmen. Notwendige Reformen in Staat und Gesellschaft, die persönliche Einschränkungen verlangen, sind damit unmöglich. An die Stelle eines normalen Nationalbewußtseins, das in der Aufbaugeneration durchaus vorhanden war, ist heute vielfach eine ethnonegative Grundhaltung getreten.
Die Geschichte einer Nation und eines Landes ist zu einem beträchtlichen Teil eine Funktion der in der Bevölkerung verbreiteten Grundeinstellungen, die in der Regel überaus persistent zu sein pflegen. Der Wechsel von Grundeinstellungen, der sich hierzulande bei dem Übergang von der Aufbaugeneration zu den nachfolgenden Generationen ergeben hat, ist ein politisch-gesellschaftlicher und historischer Prozeßfaktor großen Ausmaßes.


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