Sezession
1. April 2005

Geschichtsbilder und Generationenfolge

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Fritz Süllwold

Veränderungen von Geschichtsbildern kommen in der Generationenfolge nicht selten vor. Solche Veränderungen bleiben manchmal ohne durchschlagende Wirkungen im politischen und gesellschaftlichen Bewußtsein einer Generation, zuweilen haben sie aber auch dramatische Konsequenzen von existentieller Bedeutung. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang Veränderungen von Vorstellungen über das Verhalten und Erleben der Normalbevölkerung der Nation in einer herausragenden historischen Epoche. Für die deutsche Nation kommt hier vor allem die Epoche des Nationalsozialismus (kurz: NS-Epoche) in Betracht.

Wir haben uns in vielfältigen und langwierigen empirischen Untersuchungen eingehend mit den vergangenheitsbezogenen Vorstellungen beschäftigt, die in der sogenannten Aufbaugeneration anzutreffen sind, also bei der Generation von Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den materiellen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Aufbau wesentlich bewirkte. Unsere Personenstichprobe der Aufbaugeneration reichte vom Geburtsjahrgang 1907 bis zum Jahrgang 1927. Alle Personen dieser Stichprobe hatten also die NS-Epoche bewußt erlebt.
Die Datenerhebung bei unserer in den neunziger Jahren durchgeführten Untersuchung erfolgte nach der von mir so genannten Methode der „Systematischen Erhebung von Fremdbeobachtungen“ (SEF). Damit ist gemeint, daß die Männer und Frauen unserer Personenstichprobe nicht über sich selbst, namentlich nicht über ihre persönlichen Reaktionen auf epochentypische Sachverhalte und Ereignisse berichteten, sondern ausschließlich mitteilten, welche Reaktionen sie bei deutschen Normalbürgern ihrer jeweiligen Umgebung im Beobachtungszeitraum von 1933 bis 1945 wahrgenommen hatten, meistens als verbale Äußerungen, zuweilen aber auch in Form nonverbalen Ausdrucksverhaltens.
Die von uns herangezogenen Zeitbeobachter nahmen zu insgesamt 194 Fragen über die Reaktionen von Normalbürgern auf Sachverhalte und Ereignisse der NS-Epoche Stellung. Bei der Formulierung der Fragedächtnispsychologische Gesetzmäßigkeiten und Erkenntnisse der Aussagepsychologie sorgfältig berücksichtigt.
Die Wahrnehmungen der Zeitbeobachter können zur Beantwortung der Frage beitragen, wie es in der Vorkriegszeit, also von Februar 1933 bis September 1939, zur Etablierung und Konsolidierung der nationalsozialistischen Herrschaft kam. Das Gros der deutschen Normalbevölkerung stand den Nationalsozialisten zunächst durchaus abwartend und nicht selten auch skeptisch gegenüber. Das wird unter anderem durch regulär zustande gekommene Wahlergebnisse belegt, bei denen die NSDAP niemals auch nur die Hälfte der Wählerstimmen erhielt. Bei den letzten wirklich freien Reichstagswahlen am 6. November 1932 erreichte die NSDAP bloß 33,1 Prozent der abgegebenen Stimmen. Sogar bei den nicht mehr ganz korrekten Wahlen am 5. März 1933 erzielte sie lediglich 43,9 Prozent der abgegebenen Stimmen. Es ist nicht bekannt, wie viele Stimmen die NSDAP bei wirklich freien Wahlen in der späteren NS-Epoche erhalten hätte. Jedoch gibt es zuverlässige Hinweise, daß die Zustimmung zur NSRegierung in der Vorkriegszeit anstieg und daß diese vermehrte Zustimmung zur Festigung der Herrschaft der Nationalsozialisten beitrug.


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