1. April 2005

1945 – Heideggers Denkbewegungen

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Harald Seubert

Auf den 8. Mai 1945, Schloß Hausen im Donautal, datiert das Ende des dritten der Feldweg-Gespräche zwischen einem Älteren und einem Jüngeren, in einem Kriegsgefangenenlager in Rußland. Es ist zugleich das Andenken Heideggers an seine beiden in jener Zeit vermißten Söhne.

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  • Sezession
Er hat die Feldweg-Gespräche mit den folgenden Worten besiegelt: „Am Tage, da die Welt ihren Sieg feierte und noch nicht erkannte, daß sie seit Jahrhunderten schon die Besiegte ihres eigenen Aufstandes ist“. Es ist ein bis heute erschütternder Dialog. In deutlicher Abweichung gegenüber dem aus der philosophischen Dialogkunst seit Platon Vertrauten, gibt nicht der Ältere, sondern eher der Jüngere die Weisung ins Denken. In dem Gespräch wird als Signatur der eigenen Zeit der europäische Nihilismus aufgewiesen; er wird eine Zeit der Seinsverlassenheit sein, in der sich das Sein, das Offene der Wahrheit (aletheia) verschließt. Dies verbindet sich mit einem nie erfahrenen Aufstand des Bösartigen, dem Ursprung der Verwüstung, die durch „Aufrichten einer moralisch begründeten Weltordnung“ weder gebannt noch gar beendet werden könne, weil „menschliche ‚Maßnahmen‘ und seien ihre ‚Ausmaße‘ noch so riesig, nichts vermögen“. Jene Verwüstung, die die (in sich verschlossene) Erde umlagert und verhindert, daß innerhalb ihrer noch eine Welt aufgeht, sie wird in jenen letzten Kriegstagen Heidegger das zu Denkende, im Sinn seiner mit Hegel geteilten Auffassung, daß Philosophie nur sie selbst ist, wenn sie Philosophie ihrer Zeit ist, wenn sie also ihre Zeit in Gedanken zu fassen weiß. Die deutsche Katastrophe ist zugleich als Welt-Niederlage zu begreifen. Aus dem Wesen der Verwüstung ist eines Tages zu erkennen, daß sie „auch dort und gerade dort herrscht, wo Land und Volk von den Zerstörungen des Krieges nicht getroffen wurden“; sie ist das Ereignis, das „jenseits von Schuld und Sühne“ waltet. Jenes Gespräch ist nicht nur ein bewegendes, in der Schärfe des diagnostischen Blickes das, was kommt sagendes Zeugnis; es hat seine innerste Mitte in dem Zusammenhang von Dichten und Denken. In beider Zwiesprache vollziehe sich in der zuinnerst zerrissenen verwundeten Gegenwart ein Ausblick in den Aufgang des „Heilsamen“, das der Jüngere in reiner „Erwartung“ des Kommenden manifestiert sieht. „Im Warten sind wir reine Gegenwart“, fähig, die Dinge in der Rückkehr zu sich selbst „sein zu lassen“.
Heideggers späte Einsicht in die Gelassenheit, gewonnen in Zwiesprache mit dem frühen „Lese- und Lebemeister“ seiner Jugend, dem Mystiker Meister Eckhart, formt sich also erstmals in dem Gespräch im Kriegsgefangenenlager aus. Dabei kommt Heidegger in der Zwiesprache ausdrücklich auf den Topos vom Volk der Dichter und Denker zurück, er verweist darauf, daß dieses Volk „das wartende Volk“ sein müßte, das „älteste Volk“, und insofern Walter des Abendlandes, des Landes der vielen Untergänge, „da niemand sich um es kümmert und keiner sein seltsames Tun, das ein Lassen ist, in Gebrauch nimmt und so vernutzt und vorzeitig verbraucht“. In der Achtsamkeit auf das Sein wäre dieses Volk in sein Eigenes geborgen, jenseits von Nationalität und Internationalität, die längst Kehrseiten einer Medaille sind. Die Not-Wendigkeit des Unnötigen, eben des Seins, zu erwarten: sie wird zum Leitfaden, an dem entlang die Wunde jedweder im Totalitarismus (dies schließt für Heidegger aber immer zugleich die „eine Welt“ des Kapitalmarkts und der kollektiven Sicherheit ein!) verbrauchten und zerstörten Jugend ans Licht gehoben wird. So bemerkt der Jüngere: „Der brennende Schmerz ist, daß wir nicht für das Unnötige da sein durften ... Obzwar man uns vorredete, wir sollten das Recht der Jugend in Anspruch nehmen, wobei alles nur damit endete, die Unerfahrenheit der Halbwüchsigen gegen das Wissen der Älteren aufzureizen“.

Daß sich Heidegger dem philosophischen Dialog zuwandte, in dem ersten Gespräch einem Dialog „selbdritt“, dann Zweiergesprächen, sollte der singulären Stunde Rechnung tragen: die – seit 1933 ausgezehrte Tradition deutscher Universität – schien endgültig vernichtet. Die Mitteilungsweise mußte sich deshalb von Grund auf verändern und vom akademischen Lehrvortrag zurückkehren zu der Platonisch-Sokratischen Anfangsgestalt abendländischen Philosophierens, der Dialogkunst. Die Zeitsignatur tritt aber erst in dem dritten Gespräch offen zutage, so als dringe der zernichtende Strudel des Jahres 1945 immer näher heran. In den beiden vorausgehenden Dialogen hatte Heidegger die Entstehungsspuren getilgt: Mitte November 1944, als Westtruppen bei Breisach zur Rheingrenze vordrangen, war Heidegger zum Volkssturm eingezogen worden und hatte seine Vorlesung über Denken und Dichten abbrechen müssen. In die zerbombte Stadt kehrt er zurück, und zieht mit anderen Mitgliedern der philosophischen Fakultät aus – zur Burg Wildenstein im oberen Donautal. Seine Manuskripte deponiert er in Meßkirch, er ist nun ohne Bücher: Erinnern mochte er sich am Jahreswechsel zum letzten Kriegsjahr an vergangene Gespräche, etwa mit Werner Heisenberg oder Max Kommerell.
Das erste Gespräch bewegt sich, auf einem Feldweg geführt, zwischen Exponenten dreier Formen des Wissens, dem Gelehrten, dem Forscher und dem Weisen, der als Warner vor sichtbar heraufziehendem Unheil spricht. Es geht in jenem ersten Gespräch um das in Verwahrung- und Bewahrung-Nehmen des aletheia-Ereignisses. Das Gespräch, das sich ohne methodische Vorbereitung vorbehaltlos in jenes Gefüge einläßt, stößt auf den Fund: und das heißt auf das Phänomen, an dem das Seinsgeschehen jäh aufgeht. Diesen Grundzug hatte Heidegger später in seiner Phänomenologie des „Geringen“, des „Dinges“, eines alten Kruges, entfaltet. Jene Nähe der Seinserfahrung zu den Dingen artikuliert sich in eindrücklicher Unterschiedenheit von „Perzeptionsverweigerung“ (ein Ausdruck etwa Heimito von Doderers). Der Fund fällt ins Gespräch ein, wie der Wind in den „still ragenden Baum am Feldweg“, und wird zum eigentlich Denkwürdigen: jenseits der Methodenvorzeichnungen neuzeitlicher Wissenschaft und Technik, erst recht aber der ideologischen Blickverstellung im totalitären Weltalter. Dieses erste Feldweggespräch folgt der Maxime: „Besinnen wir uns!“, „Denken wir zurück!“.
Im einzelnen geht es dabei dem Heraklit-Wort anchibasíe nach: Indie-Nähe-gehen. Verklungen sei dieses frühe Wort, doch „vielleicht wurde der Widerhall seines frühen Halles an einem Ort geborgen, der sogar uns Heutigen nicht ganz unzugänglich bleiben kann“. Dies Wort wird Geleit in die heraufziehende Nacht, zuletzt aber zu der Rückkehr dorthin, „wohin wir je schon vereignet“ sind. In den Vorarbeiten zu den Feldweg-Gesprächen wird deutlich, daß sie als katabasis konzipiert sind, als Abstieg von den Gipfeln der Metaphysik in die menschlichen Täler. Diese Bewegung zielt auf das „Nicht-Wollen“ der Gelassenheit, eines an sich haltenden und darin starken Willens; wofür nicht mehr in erster Linie Nietzsches: „Hier saß ich, wartend, wartend doch auf nichts“, sondern Meister Eckhart einsteht. Aus dessen Reden der Unterweisung zitiert Heidegger: „Alles, was du ausdrücklich nicht begehrst, des hast du dich begeben, hast es gelassen um Gott. ‚Selig sind die Armen im Geist‘, hat unser Herr gesagt, es bedeutet: die arm sind an Wollen“.

Und der Lese- und Lebemeister bringt auch in den Blick, daß Sein jenseits des Willens spielt: „Niht gedenke heilikeit zu setzen ûf tin tuon: man sôl heilikeit setzen ûf ein sîn.“ In dem zweiten Gespräch zwischen Lehrer und Türmer, an der Tür zum Turmaufgang (man bemerkt selbstredend die Nähe zu Heideggers Anfängen und zu der Meßkircher Gedankenlandschaft) wird der Fund, in diesem Fall ein seltsames, Wahrheit ins Werk setzendes „Bild“ mit dem Erstaunen, thaumazein, darüber, daß sich das Sein lichtet, gleichgesetzt. Erstaunen, dies ist nach Platon bekanntlich der Anfang der Philosophie. Sie verweist auf die eine gleichbleibende Sache: im Sinnbild des Turms (seinen Wandelgang) müssen wir „fortwährend dahin zurückkehren, wo wir eigentlich schon sind“, womit ein Geleitwort des frühen griechischen Denkens anklingt, das sich gleichermaßen bei Heraklit und Parmenides findet. In den Anfang selbst reicht menschliches Denken nie zurück. Sinnbild eines dem Anfang sich nähernden Denkens ist neben dem Turm der Feldweg selbst. „Doch ist jedem Denkenden je nur ein Weg, der seine, zugewiesen, in dessen Spuren er immer wieder hin und her gehen muß, um ihn endlich als den seinen, der ihm doch nie gehört, einzuhalten und das auf diesem einen Weg Erfahrbare zu sagen“.
Spätestens hier ist einiges von den äußeren Umständen anzudeuten, die Heidegger auf jenen Weg brachten. Es ist daran zu erinnern, daß Heideggers Rektoratsrede aus dem Jahr 1933 über die „Selbstbehauptung der deutschen Universität“ früheste Motive aus seiner Freiburger Privatdozentenzeit am Ende des Ersten Weltkriegs wiederaufnahm: in dem Sinne, daß es darum ginge, Wissenschaft wieder als das gestaltende Element der Universität zu etablieren und sie – vor allem anderen – als eine Lebenswelt zu erkennen.
Daß er die „Bewegung“ kurzzeitig als Entscheidungsstunde, nicht nur deutschen Geistes, sondern des europäischen Geschicks, begriff, ist unbestritten. Als Heidegger seine, nur fragend formulierte: Aussicht, „den Führer führen“ zu können, desavouiert sah, notierte er allerdings: „Eigentlich dürfen wir es als einen wunderbaren Zustand gelten lassen, daß die ‚Philosophie‘ ohne Ansehen ist – denn nun gilt es, unauffällig für sie zu kämpfen.“ Er wußte sich, was die deutschen Dinge anging, in dürftiger Zeit. Seit 1936 / 37 steht er unter Überwachung; die scharfen Bemerkungen über die Verfehlung der geistigen Überlieferung in nationalsozialistischer Ideologie in den Nietzsche-Vorlesungen sind auch in diesem Zusammenhang zu sehen.
In den Jahren des entfesselten Krieges, des in Flammen stehenden Planeten, da das Dasein, dieser geworfene Entwurf seiner selbst, mit Ernst Jüngers Diagnostik „in den Typus“ des Arbeiters und des Soldaten geschlagen ist, kann es zwei Grundhaltungen geben:
Jene des kalten Heroismus und des Abenteuers, die er bei Ernst Jünger findet. Zeitweise, und nur vorläufig, hatte er jenen Heroismus sich zu eigen gemacht und metaphysisch zu verwandeln gesucht, als er im Sommer 1940 etwa angesichts des Sieges über Frankreich notierte: „In diesen Tagen sind wir selbst die Zeugen eines geheimnisvollen Gesetzes der Geschichte, daß ein Volk eines Tages der Metaphysik, die aus seiner eigenen Geschichte entsprungen (gemeint ist der Cartesische Rationalismus) nicht mehr gewachsen ist und dies gerade in dem Augenblick, da diese Metaphysik sich in das Unbedingte gewandelt hat ... . Es bedarf eines Menschentums, das von Grund aus dem einzigartigen Grundwesen der neuzeitlichen Technik und ihrer metaphysischen Wahrheit gemäß ist“. Daneben tritt die genau gegenläufige Haltung einer „Inständigkeit“ im Wesen des Seins an das Licht. Zunehmend prägt sie sich aus. Heidegger deutete den Weltkrieg, doch ihm voraus schon das bolschewistische Rußland und das kapitalistische Amerika als Avantgardemächte der „trostlosen Raserei der entfesselten Technik“.

Im Fortgang des Kriegsgeschehens sieht er allerdings das Gemächte der Machenschaft. Deshalb sprechen die Nietzsche-Vorlesungen von der „illusionslosen Verwendung des ‚Menschenmaterials‘ im Dienste der unbedingten Ermächtigung des Willens zur Macht“. Und, wiewohl er nach wie vor sich dessen inne ist, „daß die angelsächsische Welt des Amerikanismus entschlossen ist, Europa, und d. h. die Heimat, und d. h. den Anfang des Abendländischen zu vernichten“, erkennt er nicht minder, in der Heraklit-Vorlesung, daß Deutschland „die Zugehörigkeit zu einem Volk der Dichter und Denker hinter sich gebracht zu haben glaubt“. Sein Blick kehrt sich, in einem weitesten Horizont, gegen die eigene Zeit. „Der verborgene Geist des Anfänglichen im Abendland wird für diesen Prozeß der Selbstverwüstung des Anfanglosen nicht einmal den Blick der Verachtung übrig haben, sondern aus der Gelassenheit der Ruhe des Anfänglichen auf seine Sternstunde warten“. Aus diesem Erfahrungszusammenhang entsteht ein vertiefter Rückgang auf Heimat und Deutschsein. Nur von den Deutschen, so auch in der Heraklit-Vorlesung, könnte die „weltgeschichtliche Besinnung kommen“, vorausgesetzt freilich, daß sie „das Deutsche“ finden und wahren.
Eben hier verortete Heidegger das „Deutsche“. Die „innere Berufung des Deutschen für den Geist und die Treue des Herzens“ kann nur von jenem Gedächtnis wiedererweckt werden. Die Niederlage selbst, ihre Bedingungslosigkeit, konnte Heidegger nur anzeigen, wie sehr das Gestell losgelassen war. Als er Freiburg verläßt, schreibt er seinem Schüler Georg Picht in dessen Gästebuch: „Anders denn ein Verenden ist das Untergehen. Jeder Untergang bleibt geborgen in den Aufgang.“ Es kann uns an dieser Stelle nicht mehr verwundern, daß damit gleichermaßen das deutsche und das abendländische Geschick bezeichnet ist. Rudolf Stadelmann teilt er im Juli 1945 mit: „Alles denkt jetzt den Untergang. Wir Deutschen können deshalb nicht untergehen, weil wir noch nicht aufgegangen sind und erst durch die Nacht hindurchmüssen.“ Jene folgenden Monate und Jahre bedeuteten auch einen zermürbenden Kampf um die eigene Rechtsstellung und vor ihrem Hintergrund eine konditionierte Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit.
In den Feldweg-Gesprächen, vor allem in dem dritten, verdichtet sich eine Denkbewegung, die Heidegger in den Jahren seit 1933, insbesondere aber 1936 / 39 vollzogen hatte und die von der Frage nach dem Sinn von Sein in die Kehre, das Grundgeschehen der Wahrheit des Seins, zurückführt. In einer Reihe gewichtiger Nachlaßkonvolute umkreist Heidegger immer wieder aufs neue den Ausblick auf das in aller bisherigen metaphysischen Überlieferung Ungedachte: das Wesen des Seins selbst. Jenes Denken war offensichtlich nicht auf Mitteilung an die Zeitgenossen aus. Nietzsches Selbstaussage: „Man liebt seine Erkenntnis nicht genug mehr, sobald man sie mitteilt“, wird ihm ein Leitfaden gewesen sein.
Die Machenschaft, das Riesenhafte, Betriebsamkeit, das Zeitalter völliger Fraglosigkeit: dies sind die Signaturen eines Endes abendländischen Überlieferungsgeschicks, wie Heidegger es seit Mitte der dreißiger Jahre aufziehen sieht. In den Beiträgen zur Philosophie (1936 – 38) ist von den unmittelbaren Zeitsignaturen, dem Weltbürgerkrieg der Ideologien so gut wie nicht die Rede, wohl aber von deren tiefenphilosophischer, im Seinsgeschick gründender Bedeutung: „Je aussichtsloser diese Entschleierung, umso fragloser das Seiende, umso entschiedener der Widerwille gegen jede Fragwürdigkeit des Seyns“.

Die Zeitspuren werden in den zurückgehaltenen Ausarbeitungen der nächsten Jahre deutlicher. Der Sog der Katastrophe berührt offensichtlich auch den esoterischen Denkweg. Dies zeigt sich im Fokus auf den europäischen Nihilismus. Als Nihilismus kann Heidegger die abendländische Metaphysik – mit ihm und über Nietzsche hinausgehend – begreifen, insofern es in dieser Geschichte mit dem Sein selbst nichts gewesen ist. Am Nietzscheschen Endpunkt der Metaphysik sind Wille und Macht unbedingt losgelassen in ihr Unwesen: „die reine Machenschaft“. Dies eben führt in das „planetarische Gestell“, die „Not der Notlosigkeit“, in der Differenzen wie jene zwischen „Macht“ und „Gewalt“ aufgelöst werden. Macht ist in jener planetarischen (von heute aus wäre zu ergänzen: globalen) Welt des ins Riesenhafte anwachsenden technischen Gestells jederzeit dazu gezwungen, über sich hinauszugehen, um sich auf ihrem Status quo noch zu erhalten.
Damit wird eine Bestialisierung beim Namen genannt, die Heidegger zufolge im Weltbürgerkrieg der Ideologien zwischen Sozialismus und Nationalismus ihren Anfang nahm, doch nach ihrem Ende erst zur vollständigen Entfesselung gelangt.
Man kann Heideggers Diagnose wohl aus der Rückschau von heute her klarer würdigen als in der unmittelbaren Zeitgenossenschaft. Die Signatur des Nihilismus bleibt Nietzsches: „die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt“. Damit verbindet sich die Bewahrheitung des von Nietzsche diagnostizierten Todes Gottes: „Das Ausbleiben der Unverborgenheit des Seins als solchen entläßt das Entschwinden des Heilsamen im Seienden als solchen. Dieses Entschwinden alles Heilsamen im Seienden nimmt mit sich und verschließt das Offene des Heiligen. Die Verschlossenheit des Heiligen verfinstert jedes Leuchten des [sc. Göttlichen]. Dieses Verfinstern verfestigt und verbirgt den Fehl Gottes“ (so eine Aufzeichnung aus der unmittelbaren Nachkriegszeit), womit es einhergeht, daß jene Welt keine Nähe und keine Ferne mehr kennt.
Heidegger begreift sein eigenes Denken vor dieser Weltstunde als Denken nach dem Ende und Verenden der Möglichkeiten jedweden Philosophierens. Es zeigt sich vor der Katastrophe des Jahres 1945, als Wesen der Metaphysik, „daß sie verbergend die Unverborgenheit des Seins bringt und so das Geheimnis der Geschichte des Seins ist“, mithin das geschichtliche Denken auf die Durchfahrt ins Freie verweist. Vollends wird die Signatur der Zeit deutlich in den Erwägungen zur „Geschichte des Seins“ im unmittelbaren Umkreis des ausbrechenden Weltkrieges um 1938 / 39. Hier setzt Heidegger seine Erörterungen zur Geschichte des Seins unter den Titel KOINON. Die Anzeige der verallgemeinernden Macht, die sich des Weltspiels zwischen Sein und Seiendem bemächtige. Die „Ermächtigung der Machenschaft“ des Rechnens hat es an sich, Seiendes auf eine verfügbare Allgemeinheit zu reduzieren. Sie ist ein die Erde umspannender Kommunismus, dessen Erdherrschaft unter verschiedenen Masken und Verkleidungen begegnet. Was damit ins Werk gesetzt wird, die Reduzierung auf eine Partei und die damit sich verbindende vollständige Entlassung in die Masse ermöglicht erst die „Rücksichtslosigkeit des Vorgehens ...“ in der „Unauffälligkeit der Maßnahmen“. Die Macht von Machthabern bediene sich der Ohnmacht, „um die Ermächtigung ihres Wesens zu sichern und zu steigern“.

Man weiß, daß im Zusammenhang jener Erwägungen bereits die später im einem Spiegel-Gespräch wirkungsmächtig ausgesprochene Einsicht, daß nur noch ein Gott uns retten könne, Gestalt gewann.
Von Bedeutung für die Schärfung der Konturen des Endes der abendländischen Metaphysik ist Heideggers Auseinandersetzung mit Nietzsche, dem Denker, mit dem jenes Ende besiegelt wird. Heidegger hat Nietzsche, dies zeigt sich durchgehend in höchster Konsequenz, frei von allen biographischen und biologischen Zügen, gedeutet. Er hat dabei die beiden Grundlehren, den Willen zur Macht und die ewige Wiederkehr des Gleichen in ihrem in sich schwingenden Zusammenhang, gegen Zeitgenossen, erkannt und festgehalten. Womit das problematon eigentlich erst bezeichnet war: Denn die Frage blieb damit noch offen, ob die ewige Wiederkehr auf eine unendliche sich reproduzierende Kreisförmigkeit des sich ermächtigenden Willens oder auf eine Sinngebung des zu bejahenden Augenblicks verweise.
Heideggers Nietzsche-Deutung ist gerade darin so unverwechselbar, daß sie nicht den Masken und Perspektiven Nietzscheschen Denkens folgt, sondern den Grundriß der letzten Metaphysik freizulegen sucht. Dieser ist, in genauer Umkehrung des Platonischen Vorrangs durch die Idee, durch einen dramatischen Vorrang der existentia, des Daß-Seins vor der essentia, dem Wesen (Was-Sein), ausgezeichnet. Dabei ist die existentia in dem letzten Faktum, zu dem wir hinunterkommen, eben dem Willen zur Macht fixiert, die essentia hingegen in deren zeithafter Entfaltung als „ewige Wiederkehr“. Es ist augenfällig, wie weit sich Heidegger von Nietzsches System in Aphorismen, seinen Selbstbefragungen und perspektivisch maskenhaften Denkbewegungen entfernt hat. Nietzsches letzte Metaphysik gelangt eben deshalb nicht mehr zu der Sammlung in „einen“ Logos, der sich unter das Gesetz der verborgenen Wahrheit am Grund des Seins fügt. Ihr Erbe wird kein Denken, sondern die totale Mobilmachung des Gestells antreten.
Dann aber schwingt der Gang der Nietzsche-Vorlesungen auf ein dreifaches ungeschütztes Nachsinnen über die Seinsfrage ein. Es scheint zunächst denkbar weit entfernt zu sein, von den näher rückenden Frontschauplätzen und der Destruktion, die allmählich unübersehbar wird. Heidegger deutet in der Vorlesung vom Sommersemester 1941 (Grundbegriffe) die innere Spannung der Lethe des Seins selbst aus. Es spannt sich, im Sinn eines fernöstlichen Koan, zwischen den äußersten Extremen des Nächsten und Fernsten, des Vertrautesten und Unbekanntesten aus, des Vernutztesten und Geheimsten. Damit sind die Konturen des Intervalls ausgespannt, innerhalb dessen sich das Geheimnis des Verborgenen entfaltet. Sein ist das „Gemeinste und das Einzige“, das „Verständlichste“ als die in jedem Satz in Anspruch genommene Copula und die Verbergung, das Vergessenste und in eins damit die Erinnerung.

Doch Heidegger beläßt es nicht bei dem Rätsel des Seins, seine Denkbewegung kehrt in den aufeinander folgenden Semestern (WS 1941 / 42, SS 1942) bei Hölderlins Dichtung ein. Der Blick gilt zunächst dem Ister, dem Donaustrom, den Hölderlins Dichtung in den Vergleich zum Rhein rückt: „Der scheinet aber fast / Rückwärts zu gehen und / Ich mein, der müsse kommen / Von Osten. / Vieles wäre / Zu sagen davon.“ Die Stromhymnen stiften erst die Möglichkeit eines Menschentums, mit Hölderlins Wort „dichterisch zu wohnen“. Das seins-erinnernde Denken kehrt bei den Dichtern ein, im Sinn des Schlußverses der Andenken-Hymne Hölderlins: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ Die Ister-Hymne erschließt in diesem Sinn das „Gesetz der Geschichte“, daß nämlich nichts schwerer ist, als im Eigenen (Heimischen) heimisch zu werden.
Der derart nicht Heimische wird indes auf eine Mitte hin versammelt, die hestia, den Herd. Als das „anfänglich Bleibende und alles Umsichsammelnde – jenes, worin alles Seiende seine Stätte hat und als das Seiende heimisch ist“.
Wenn man den Gegenhalt des „Feuers vom Himmel“ und der „plastischen Kraft“, die dieses Feuer verwahren und frei gebrauchen können sollte, bedenkt, so sieht man sich in die sachliche Spannung zwischen Griechentum und dem Nationellen, Deutschen, verwiesen. Durchmessen wird aber auch eine geschichtliche Spannung, nämlich zwischen dem Anfang der abendländischen Geschichte und jenem Ort, an dem sie sich vor der deutschen Katastrophe in ihr Ende zurückwendet. Diese Linie wird in der folgenden Vorlesung zur Andenken-Hymne fortgeschrieben. Heidegger sammelt die Auslegung auf die Stiftung des kommenden Heiligen im Wort. Es nähert sich nur darin, daß der Anfang zurückgelassen werden mußte, Dichtung aber ist an den Anfang zurückdenkendes und an seine Wiederkehr voraus-springendes Andenken, nochmals mit Hölderlin: „was bleibet aber stiften die Dichter“.
Die philosophische Auseinandersetzung mit der letzten, Nietzscheschen Metaphysik und die denkerische Zwiesprache mit Hölderlin bereitet die Rückkehr in das Geheimnis des „ersten Anfangs“ vor: jenes weitestgehende Zurückdenken hat Heidegger in der grundlegenden Epoche griechischer Philosophie zwischen Parmenides und Heraklit verdeutlicht. Das Parmenideische Lehrgedicht, die Weisung der Göttin, daß nur das Eine sein sei, deutet er nicht als „Vorspiel der Ontologie“, sondern vielmehr als den Einblick (theia) des göttlichen Seins. In ihm lichtet sich das Offene, wodurch allererst aletheia und lethe, die Lichtung und die Verbergung, auseinandertreten können. Das Kolleg schließt mit der Rück-Erinnerung an das Abendland, das, im seinsgeschichtlichen Sinn des Wortes genommen: „Land der Untergänge“ sei, der „Abende der anfänglichen Aufgänge“. „Die abendländische Sage sagt den Anfang, das heißt das noch verborgene Wesen der Wahrheit des Seins. Das Wort der abendländischen Sage verwahrt die Zugehörigkeit des abendländischen Menschentums zum Hausbezirk der Göttin Aletheia“.
Heideggers Rückgänge in die frühe griechische Metaphysik kann man nur dann für Irrfahrten halten, wie Hans-Georg Gadamer, wenn man sich immer schon in einem Überlieferungszusammenhang wähnt, der nicht zerbrechen kann und innerhalb dessen der Zeitenabstand eher erschließende als verdeckende Bedeutung gewinnt.

Dies bedeutet auch zu meinen, daß das Verstehens- und Überlieferungsgespräch „immer schon“ von einer Mitte her im Gang ist und bleibt. Den Stoß von Anfang und Ende wird man unter solchen Voraussetzungen nicht auffangen können. Daß diese Mitte nicht mehr trägt, ist Heidegger wohl im Zuge seiner Destruktionen, der Freilegung phänomenalen Ursinns aus den Verdeckungen der Überlieferung deutlich geworden. Es zeigte sich in der tiefsten Krisis des Jahres 1945 offensichtlich. Auch ist es keineswegs so, daß Heidegger in verschiedenen Annäherungen „hinter jedem Küstenvorsprung“ das „Unvordenkliche“ des Anfangs suche, eine anfängliche Seinserfahrung, die sich verliere. Der Anfang selbst bleibt verborgen, in seiner Verborgenheit aber geht er in die Geschichte ein. Er ist (worüber sich Heidegger niemals getäuscht hat!) keiner Rückkehr offen. Doch das Ende abendländischen Denkens kann den andern Anfang nur in einer Besinnung auf den noch vorbehaltenen ersten Anfang anbahnen, auf die „Bergung des Lichten“, der Wahrheit des Seins, wie Heidegger am Ende des Heraklit-Collegs bemerkt. Wenn man die Zeiterfahrung in Rechnung stellt, so ist es bewegend zu sehen, daß in jenen Rückgang Zeitspuren nur sehr behutsam eingegangen sind, auch nicht mehr, wie in der „Verwindung“ und „Auseinandersetzung“ mit der Metaphysik, etwa Nietzsches in pointierenden Bemerkungen zu der „Bewegung“ oder der „Weltanschauung“ und ihrem „Biologismus“, die eindeutig und harsch zu verstehen gaben, daß solches Unwesen: vor den Pforten des Denkens bleiben müsse.
Die vollständige Abständigkeit gegenüber dem Tageskommentar läßt die Krisis des eigenen Zeit-Ortes erst in aller Dringlichkeit aussagen: „Die Gefahr, in der das ‚heilig Herz der Völker‘ des Abendlandes steht, ist nicht die eines Untergangs, sondern die, daß wir, selbst verwirrt, uns selbst dem Willen der Modernität ergeben und ihm zutreiben. Damit dieses Unheil nicht geschehe, bedarf es in den kommenden Jahrzehnten der Dreißigund Vierzigjährigen, die gelernt haben, wesentlich zu denken“, womit der Bogenaufschlag zurück zu den sich Unterredenden der Feldweg-Gespräche vollzogen ist.
Heideggers Denken nach dem Jahr 1945 trat einerseits noch einmal in die Verstrickungen mit der planetarischen, neuzeitlichen Technik ein. Es erfaßte das Wesen jener Technik als ein weltumspannendes, planetarisches Geschick, das sein Spezifikum allerdings in der Zerstückelung und Fragmentierung menschlichen Am-Leben-Seins hat. Das Wesen der Technik, so zeigt Heidegger seinerzeit, in den Bremer Vorträgen von 1949, nötigt die Späten zum Schwersten des Denkens, dazu, „ein Echo zu sein“; nämlich dem Anspruch, der Sprache zu entsprechen. Vor allem aber geht sein spätes Denken – zwischen eminentem dichterischem Zeugnis und früher Bezeugung des Denkens – in das Hören auf die Sprache über.
Und in dem Gespräch über die Sprache, zwischen einem Japaner und einem Fragenden, sollte Heidegger notieren, daß sich in der Sprache das bleibende, „gewesene“ und „gewährende“ versammle, „das uns als Botengänger braucht“. Dieses Gewährende, das er in seiner Spätzeit auch im Licht von Goethes Wort als „Er-äugnis“ dachte, war durch die tiefe Krisis des Jahres 1945 offensichtlich nicht entzweigerissen. Es zeigte vielmehr seine Heilsamkeit erst in der Mitte der Katastrophe, die Heidegger zufolge im politischen Raum freilich unheilbar blieb.

Wenn man Heideggers seinsgeschichtlicher Einsicht in den Rückzug des Offenen von heute her nachgeht, so ist es geradezu atemberaubend, daß sie Linien freilegte, die die bipolare Konstellation im dreißigjährigen Krieg nicht weniger betreffen als die heutige One World mit ihren tiefen Verwerfungen. Daß Bolschewismus und amerikanisches Utilitätskalkül, zumindest in seiner fanatischen, von umerzogenen deutschen Adepten verbreiteten Gestalt: im Namen der „Vernunft“ oder des „Projektes der Aufklärung“, die klaffende, abgründige Frage nach dem Sein für nichtig und ihren Denker dem Irrationalismus zuschlagen, muß nicht überraschen. An Heideggers Tiefenwirkung hat das bis heute nichts geändert.
Deutscher Geist verfiel in die Gedankenlosigkeit des Opportunen: so daß die entliehenen Identitäten ganzer Generationen ohne Umschweife in Heideggers Analyse der Verwahrlosung beschrieben werden können. Worin eine deutsche, und europäische Selbstbesinnung bestehen könnte, daß sie nicht weniger erfordert als eine Rückbesinnung auf den Anfang, dies schreibt Heidegger künftigen Generationen vor.
Deshalb ist Heidegger als der wohl letzte große Exponent des deutschen Geistes, auf der Höhe des deutschen Idealismus zu verstehen, obgleich er jenen Geist aus der spekulativen Macht des vermittelnden Begriffes zurückbog, in ein Welt- und Tiefengespräch des Denkens, in die Einkehr der Zukunft in der Herkunft, die zuletzt auch der Erscheinung der Welt am „Geringen“ sich zuwandte. Gerade insofern könnte die von Heidegger vollzogene Denkbewegung ein Maß geben für die Weltnacht der Gegenwart. Im Abendlicht wird an Heidegger noch einmal, in dürftiger und schrecklicher Zeit, die Macht des abendländischen Geistes deutlich. „Die großen Philosophen“, die allein geistig Aufenthalt geben, hat er in den Beiträgen mit „ragenden Bergen“ verglichen. „Sie gewähren dem Land sein Höchstes und weisen in sein Urgestein. Sie stehen als Richtpunkt und bilden je den Blickkreis.“ Heideggers Denken ist insofern das am weitesten ausgreifende Vermächtnis des „geheimen“, „heiligen“ Deutschland.
Im Rückblick auf das Stauffenberg-Attentat vom Juli 1944 schrieb ein namenloser junger Mann, der dem George-Kreis nahestand, im März 1945: „Das geistige Deutschland wird – was auch kommen mag – weiter existieren. Das übrige Deutschland wird man zur Mittelmäßigkeit erziehen.“ Wie eine Resonanz darauf lesen sich Sätze aus dem jüngsten Aphorismenbuch von Botho Strauß: „Das einzige Deutschland, das sich zur Leitkultur eignet, wäre das ‚Geheime Deutschland‘, nicht nur Georges, sondern ein immerwährend verborgenes, das nur findet, wer den Weg in die dichterische Emigration antritt. Zu jeder Zeit, unter jedem Regime. Das Land, das man in sich trägt, ist zuletzt unter dem nationalromantischen Namen der Wiedervereinigung aufgetaucht. Doch diese tatsächlichen Deutschen haben sich dann Rücken an Rücken vereinigt“.
Heidegger sah in der anwachsenden Wüste des europäischen Nihilismus die Vernichtung des Grundereignisses die tiefe Zäsur, die jenes Jahr 1945 für ihn bedeutete, wies letztlich darauf hin, daß der Krieg nichts entschied, sondern nur ans Licht brachte: „Die Entscheidung beginnt jetzt erst sich vorzubereiten – auch und zumal allem vorauf die, ob die Deutschen als die Herzmitte des Abendlandes vor ihrer geschichtlichen Bestimmung versagen und das Opfer fremder Gedanken werden.“ Dann – und die Mittelmäßigkeit, die seither eingesetzt hat und unser Land zu einem opportunen Fellachenumschlagplatz der Moden und Bildungsmiseren machte, bestätigt es heute aufs schlimmste – erweise sich die Wüste als „das ‚miserable Terrain‘, bestimmt von Besitz und Erwerb, von, temporär garantierter Wohlfahrt, durchbrechender Arbeitslosigkeit, einem reinen Fortdauern, bloßen Überleben“. Das Geleit am Ende der Zwiesprache zwischen dem Jüngeren und dem Älteren in dem Kriegsgefangenenlager, „an das Dichtende zu denken“, „der Heimat den Segen ihrer Bestimmung“, sollte daher zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes mehr sein als historische Reminiszenz.


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