Sezession
1. April 2005

1945 – Heideggers Denkbewegungen

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Harald Seubert

Auf den 8. Mai 1945, Schloß Hausen im Donautal, datiert das Ende des dritten der Feldweg-Gespräche zwischen einem Älteren und einem Jüngeren, in einem Kriegsgefangenenlager in Rußland. Es ist zugleich das Andenken Heideggers an seine beiden in jener Zeit vermißten Söhne.

Er hat die Feldweg-Gespräche mit den folgenden Worten besiegelt: „Am Tage, da die Welt ihren Sieg feierte und noch nicht erkannte, daß sie seit Jahrhunderten schon die Besiegte ihres eigenen Aufstandes ist“. Es ist ein bis heute erschütternder Dialog. In deutlicher Abweichung gegenüber dem aus der philosophischen Dialogkunst seit Platon Vertrauten, gibt nicht der Ältere, sondern eher der Jüngere die Weisung ins Denken. In dem Gespräch wird als Signatur der eigenen Zeit der europäische Nihilismus aufgewiesen; er wird eine Zeit der Seinsverlassenheit sein, in der sich das Sein, das Offene der Wahrheit (aletheia) verschließt. Dies verbindet sich mit einem nie erfahrenen Aufstand des Bösartigen, dem Ursprung der Verwüstung, die durch „Aufrichten einer moralisch begründeten Weltordnung“ weder gebannt noch gar beendet werden könne, weil „menschliche ‚Maßnahmen‘ und seien ihre ‚Ausmaße‘ noch so riesig, nichts vermögen“. Jene Verwüstung, die die (in sich verschlossene) Erde umlagert und verhindert, daß innerhalb ihrer noch eine Welt aufgeht, sie wird in jenen letzten Kriegstagen Heidegger das zu Denkende, im Sinn seiner mit Hegel geteilten Auffassung, daß Philosophie nur sie selbst ist, wenn sie Philosophie ihrer Zeit ist, wenn sie also ihre Zeit in Gedanken zu fassen weiß. Die deutsche Katastrophe ist zugleich als Welt-Niederlage zu begreifen. Aus dem Wesen der Verwüstung ist eines Tages zu erkennen, daß sie „auch dort und gerade dort herrscht, wo Land und Volk von den Zerstörungen des Krieges nicht getroffen wurden“; sie ist das Ereignis, das „jenseits von Schuld und Sühne“ waltet. Jenes Gespräch ist nicht nur ein bewegendes, in der Schärfe des diagnostischen Blickes das, was kommt sagendes Zeugnis; es hat seine innerste Mitte in dem Zusammenhang von Dichten und Denken. In beider Zwiesprache vollziehe sich in der zuinnerst zerrissenen verwundeten Gegenwart ein Ausblick in den Aufgang des „Heilsamen“, das der Jüngere in reiner „Erwartung“ des Kommenden manifestiert sieht. „Im Warten sind wir reine Gegenwart“, fähig, die Dinge in der Rückkehr zu sich selbst „sein zu lassen“.
Heideggers späte Einsicht in die Gelassenheit, gewonnen in Zwiesprache mit dem frühen „Lese- und Lebemeister“ seiner Jugend, dem Mystiker Meister Eckhart, formt sich also erstmals in dem Gespräch im Kriegsgefangenenlager aus. Dabei kommt Heidegger in der Zwiesprache ausdrücklich auf den Topos vom Volk der Dichter und Denker zurück, er verweist darauf, daß dieses Volk „das wartende Volk“ sein müßte, das „älteste Volk“, und insofern Walter des Abendlandes, des Landes der vielen Untergänge, „da niemand sich um es kümmert und keiner sein seltsames Tun, das ein Lassen ist, in Gebrauch nimmt und so vernutzt und vorzeitig verbraucht“. In der Achtsamkeit auf das Sein wäre dieses Volk in sein Eigenes geborgen, jenseits von Nationalität und Internationalität, die längst Kehrseiten einer Medaille sind. Die Not-Wendigkeit des Unnötigen, eben des Seins, zu erwarten: sie wird zum Leitfaden, an dem entlang die Wunde jedweder im Totalitarismus (dies schließt für Heidegger aber immer zugleich die „eine Welt“ des Kapitalmarkts und der kollektiven Sicherheit ein!) verbrauchten und zerstörten Jugend ans Licht gehoben wird. So bemerkt der Jüngere: „Der brennende Schmerz ist, daß wir nicht für das Unnötige da sein durften ... Obzwar man uns vorredete, wir sollten das Recht der Jugend in Anspruch nehmen, wobei alles nur damit endete, die Unerfahrenheit der Halbwüchsigen gegen das Wissen der Älteren aufzureizen“.


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