Sezession
1. April 2005

Reise nach Ostpreußen

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Rolf  Schilling

„Weder zu Land noch zu Wasser wirst du den Weg zu den Hyperboreern finden“ (Pindar)

Manches, das uns widerfährt oder das wir uns widerfahren lassen, können wir erst sehr viel später würdigen in seinem Rang. Dies trifft auch für die Reise zu, die ich im Sommer des Jahres 1971 antrat. Mein Freund und Kommilitone Wolfgang Schneider hatte mich gefragt, ob ich ihn nicht nach Polen begleiten wolle. Danzig, Marienburg, die Masurischen Seen, Warschau und Krakau waren als Ziele angegeben, auch könnten wir einmal schauen, so mein Freund, ob wir bei Rastenburg die Ruinen des Führerhauptquartiers, der sogenannten Wolfsschanze, finden. Ich hatte von diesem Ort vage gehört, er war mir durch Stauffenbergs Attentat bekannt, ich besaß keine Vorstellung von der Landschaft, in der er liegen mochte.
Gewöhnlich ergeht es mir mit dem Reisen wie dem Hunde, den man zur Jagd tragen muß. Ich habe eine hohe Schwelle zu überwinden, bevor ich aufbreche, und ergreife selten selber die Initiative. Ich bedarf des Ansporns von außen. Wenn ich erst einmal in Marsch gesetzt bin, dann geht es mir gut, und zumeist kehre ich heim wie von einer Festlichkeit.
So auch hier. Freund Schneider war in Osteuropa erfahren und für mich der rechte Pilgervater. Er hatte die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien besucht und sich als Einzelwanderer überall mit Bravour durchgeschlagen. Dies war die erste Tour mit einem Gefährten, zu der er sich entschloß. Um überhaupt in Gang zu kommen, mußte ich mich großer Düsternis entreißen. Ich fiel auch nach der Heimkunft bald in mein zielloses Träumen zurück. Aber die Reise selbst lebt als ein Lichtblick in meiner Erinnerung.
In der Nacht vom 12. zum 13. August fuhren wir vom Ostbahnhof los – es war eine gute Zeit, um Berlin zu verlassen, der zehnte Jahrestag des Mauerbaus. Nach einer Stunde bereits erfolgte die Paß- und Zollkontrolle, wir hörten die Brücke dröhnen und sahen die Lichter im Fluß. Es war ein ungeheures Aufatmen, als wir die Oder überquert, die Grenze im Rücken hatten – ein Gefühl, wie es vermutlich nur der Deutsche kennt. Das hat nichts oder wenig mit der DDR zu tun, mir geht es heute nicht anders. Wir leben in unserem Vaterland, nach dem Worte Hölderlins, „wie Fremdlinge im eigenen Haus“. Hinzu kommt, daß es ja ein verlorenes Stück des Vaterlandes war, durch das wir jetzt fuhren. Darüber sann ich damals nicht nach. Aber ich fühlte mich frei wie niemals zuvor im Leben.
Wir kamen ins Gespräch mit den Abteilgenossen, zwei Studenten aus Kanada. Der eine, Bill, mochte Mitte Zwanzig sein, er war von untersetzter Statur, der Kopf mit dem breiten Gesicht wirkte groß im Verhältnis zum Körper, sein kurzes blondes Haar begann sich am Scheitel zu lichten. Er beherrschte das Deutsche geläufig und fehlerfrei. Der andere, jüngere, Andy, schlank, schmalgesichtig, sommersprossig, mit braunem lang wallendem Haar, sprach kein Deutsch und auch sonst kaum ein Wort. Andy studierte Chemie in seiner Heimat, Bill Germanistik in Westberlin. Ein schwules Paar, würde ich heute sagen, aber wer weiß? Wir waren ja auch keines und wurden vielleicht dafür gehalten. Die beiden sollten unsere Reisegefährten in den nächsten drei Tagen sein.
Als der Morgen graute, kamen wir in Posen an. Wir nahmen einen Imbiß im Bahnhofs-Restaurant, traten kurz auf den Vorplatz hinaus, wo es nicht viel zu sehen gab, aber es war der erste Blick in eine fremdländische Stadt, und stiegen dann in den Zug nach Danzig. Die Gegend war flach und eintönig, die Müdigkeit, die uns befiel, verstärkte das Gefühl der Tristesse. Überhaupt wurde dies der härteste Tag, denn die Zeit von Mittag bis Abend verging uns mit der Suche nach einem Nachtquartier. Wir fanden es im Studentenhotel, wo man uns zunächst beschied, es sei kein Zimmer frei. Nach längerem Feilschen, das zum Ritual gehörte, kamen wir schließlich unter und blieben für vier Nächte dort.


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