1. April 2005

Reise nach Ostpreußen

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Rolf  Schilling

„Weder zu Land noch zu Wasser wirst du den Weg zu den Hyperboreern finden“ (Pindar)

 Gastbeitrag

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  • Sezession
Manches, das uns widerfährt oder das wir uns widerfahren lassen, können wir erst sehr viel später würdigen in seinem Rang. Dies trifft auch für die Reise zu, die ich im Sommer des Jahres 1971 antrat. Mein Freund und Kommilitone Wolfgang Schneider hatte mich gefragt, ob ich ihn nicht nach Polen begleiten wolle. Danzig, Marienburg, die Masurischen Seen, Warschau und Krakau waren als Ziele angegeben, auch könnten wir einmal schauen, so mein Freund, ob wir bei Rastenburg die Ruinen des Führerhauptquartiers, der sogenannten Wolfsschanze, finden. Ich hatte von diesem Ort vage gehört, er war mir durch Stauffenbergs Attentat bekannt, ich besaß keine Vorstellung von der Landschaft, in der er liegen mochte.
Gewöhnlich ergeht es mir mit dem Reisen wie dem Hunde, den man zur Jagd tragen muß. Ich habe eine hohe Schwelle zu überwinden, bevor ich aufbreche, und ergreife selten selber die Initiative. Ich bedarf des Ansporns von außen. Wenn ich erst einmal in Marsch gesetzt bin, dann geht es mir gut, und zumeist kehre ich heim wie von einer Festlichkeit.
So auch hier. Freund Schneider war in Osteuropa erfahren und für mich der rechte Pilgervater. Er hatte die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien besucht und sich als Einzelwanderer überall mit Bravour durchgeschlagen. Dies war die erste Tour mit einem Gefährten, zu der er sich entschloß. Um überhaupt in Gang zu kommen, mußte ich mich großer Düsternis entreißen. Ich fiel auch nach der Heimkunft bald in mein zielloses Träumen zurück. Aber die Reise selbst lebt als ein Lichtblick in meiner Erinnerung.
In der Nacht vom 12. zum 13. August fuhren wir vom Ostbahnhof los – es war eine gute Zeit, um Berlin zu verlassen, der zehnte Jahrestag des Mauerbaus. Nach einer Stunde bereits erfolgte die Paß- und Zollkontrolle, wir hörten die Brücke dröhnen und sahen die Lichter im Fluß. Es war ein ungeheures Aufatmen, als wir die Oder überquert, die Grenze im Rücken hatten – ein Gefühl, wie es vermutlich nur der Deutsche kennt. Das hat nichts oder wenig mit der DDR zu tun, mir geht es heute nicht anders. Wir leben in unserem Vaterland, nach dem Worte Hölderlins, „wie Fremdlinge im eigenen Haus“. Hinzu kommt, daß es ja ein verlorenes Stück des Vaterlandes war, durch das wir jetzt fuhren. Darüber sann ich damals nicht nach. Aber ich fühlte mich frei wie niemals zuvor im Leben.
Wir kamen ins Gespräch mit den Abteilgenossen, zwei Studenten aus Kanada. Der eine, Bill, mochte Mitte Zwanzig sein, er war von untersetzter Statur, der Kopf mit dem breiten Gesicht wirkte groß im Verhältnis zum Körper, sein kurzes blondes Haar begann sich am Scheitel zu lichten. Er beherrschte das Deutsche geläufig und fehlerfrei. Der andere, jüngere, Andy, schlank, schmalgesichtig, sommersprossig, mit braunem lang wallendem Haar, sprach kein Deutsch und auch sonst kaum ein Wort. Andy studierte Chemie in seiner Heimat, Bill Germanistik in Westberlin. Ein schwules Paar, würde ich heute sagen, aber wer weiß? Wir waren ja auch keines und wurden vielleicht dafür gehalten. Die beiden sollten unsere Reisegefährten in den nächsten drei Tagen sein.
Als der Morgen graute, kamen wir in Posen an. Wir nahmen einen Imbiß im Bahnhofs-Restaurant, traten kurz auf den Vorplatz hinaus, wo es nicht viel zu sehen gab, aber es war der erste Blick in eine fremdländische Stadt, und stiegen dann in den Zug nach Danzig. Die Gegend war flach und eintönig, die Müdigkeit, die uns befiel, verstärkte das Gefühl der Tristesse. Überhaupt wurde dies der härteste Tag, denn die Zeit von Mittag bis Abend verging uns mit der Suche nach einem Nachtquartier. Wir fanden es im Studentenhotel, wo man uns zunächst beschied, es sei kein Zimmer frei. Nach längerem Feilschen, das zum Ritual gehörte, kamen wir schließlich unter und blieben für vier Nächte dort.

Von dem Danziger Aufenthalt sind mir nur einzelne Bilder erinnerlich. Vor allem natürlich die Breite Straße mit ihren wiederhergestellten hochgiebligen Bürgerhäusern als Zeugin hanseatischer Pracht und die Marienkirche, der gewaltigste Sakralraum, den ich bislang betreten hatte, nur die Peterskirche in Rom und der Mailänder Dom sollen deutlich größer sein. Von einer anderen Kirche, an der wir täglich mehrmals vorübergingen, stehen mir die Kreuze auf den zahllosen Türmchen und Giebeln im Gedächtnis. Leider fanden wir Schopenhauers Geburtshaus nicht, und ich kannte noch nicht die schöne Geschichte von dem Cellospieler, welcher die Bluthunde besänftigte, die auf der Speicherinsel Wache hielten. Damals war Schopenhauer mein Philosoph mehr als jeder andere. In den düster flackernden Farben der Jugend-Wollust und -Melancholie hat er sein Bild der Welt gemalt. Später dann und bis heute war es die Klarheit, die ich an ihm liebte, nicht mehr der Inhalt, doch die Form, die den Werken Dauer verleiht.
An manchen der Häuser erblickten wir Einschußlöcher als Spuren der jüngsten Unruhen vom Dezember 1970. Das war in den Außenbezirken, auf dem Wege zur Westerplatte. Wir ergingen uns dort an einem sonnigen Morgen. Hier gab es, aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, noch mehr an Zerschossenem zu sehen. Wir kletterten in die Bunker hinab. Vieles darin war noch brauchbar, vor allem erstaunte uns, daß der Stahl nicht gerostet war. Zwei junge Damen, denen wir begegneten, ließen sich in breitem Sächsisch über die Schönheiten der Ostsee aus. Mir fiel das Couplet von Otto Reutter ein: „Ein Sachse ist immer dabei“, and I told Bill in English something about Saxony, its inhabitants and the peculiarities of their language.
Am Nachmittag fuhren wir nach Zoppot. Andy hatte im Zug vergessen zu bezahlen und wurde vom Schaffner zur Rede gestellt. „Don’t worry about it“, sagte er, und Bill strich ihm mit einer raschen Geste übers Haar. Viel mehr wird sein Freund, den wir im Scherz den LSD-Mixer nannten, nicht geäußert haben in all der Zeit, die wir zusammen waren. Weil er die Worte so sparsam wählte, sind sie haften geblieben.
Wir wanderten auf Holzplanken bis zum Ende der Zoppoter Mole und sahen die Schiffe nach Schweden und Finnland ablegen. Auf der Rückfahrt wurden wir von einem Betrunkenen beschimpft, weil wir uns auf deutsch unterhielten. Eine Frau begütigte den Mann und entschuldigte sich für ihn, wir zogen es vor, uns als Kanadier zu deklarieren und das Gespräch in Englisch fortzusetzen. übrigens verstanden alle, die wir in Danzig und anderswo um Auskunft baten, Deutsch, aber niemand gab es von sich aus zu erkennen.
Was mir schon hier und mehr noch in Warschau und Krakau ins Auge stach, war der Cultus, den die Polen mit ihrer Nation und ihren Heroen trieben. Wehende Flaggen überall, aber keine roten wie sonst in den kommunistischen Staaten, sondern die weiß-roten mit dem Adler als Emblem. Zudem erfuhr ich, daß der Haß auf die Russen den Haß auf die Deutschen weit übertraf. Auf Russisch, das wußte man instinktiv und sofort, würde man niemanden ansprechen dürfen. Dies mag daran liegen, daß Hitler denn doch nicht der Ausdruck deutschen Wesens war, sondern ein Unheil von außen, ein Asiatismus, den die anderen uns eher zu verzeihen geneigt sind als wir selbst. Auch hat er ein Ende mit Schrekken genommen, während die Geschichte Rußlands seit Iwan Grosny ein Schrecken ohne Ende ist.

Ich hatte über solche Dinge nie nachgedacht, seit ich die kindliche Lust an Farben, Fahnen und Uniformen gegen geistigere Genüsse eingetauscht hatte. Oder hatte ich nur das Tabu akzeptiert? Man lehrte uns, daß mit dem Jahre 1945 ein neues Zeitalter angebrochen sei, das der Völkerfreundschaft und des lnternationalismus, und ich machte mir, wiewohl sonst schon höchst skeptisch gegen die Zumutungen der Ideologie, diesen Grundsatz zu eigen, wenn nicht als Faktum, so als Forderung. Hier nun wurde ich zu der Frage gedrängt, ob denn der Alte Fritz wirklich um so vieles schlechter gewesen sei als jene Kasimire und Sigismunde, deren Geringstem noch in großem Stil gehuldigt wurde. Ich war zum ersten Mal stolz, ja, ich war mir zum ersten Mal bewußt, Deutscher zu sein, nicht nur als Nachfahr der Dichter und Denker, sondern als Sproß meiner Ahnen, als Erbe des Reichs, und es war von dieser Stunde an, daß ich nicht mehr Friedrich der Zweite, sondern Friedrich der Große sagte, wenn ich von dem Preußenkönig sprach.
Das sind Belehrungen der unmittelbar sinnlichen Art, mir wurden im Laufe jener Reise weitere zuteil. Am Montagmorgen sagten wir den Kanadiern Adieu und begaben uns zur Marienburg. Die größte und schönste der deutschen Burgen liegt herrlich am Ufer eines Weichselarms. Wuchtige rote Mauern schließen sie ein, runde Türme dienen als Bastionen, der Palast des Hochmeisters wird nur wenig von einem eckigen Bergfried mit Zinnenkranz überragt. Die Burg war im letzten Krieg noch umkämpft gewesen. Jetzt war man mit der Restauration des unteren Stockwerks fertig geworden. Wir konnten den Remter, den großen Rittersaal, schon betreten. Mich berührte das zugleich Schlanke und Strenge, das früh-klassisch Zwingende der Architektur, wie es in Kyffhausen und Memleben wieder erscheint. Es ist ein Stil von Kriegern, dem ich, in der Baukunst zumindest, den Stil der Priester vorziehe, den Prunk der Kathedralen, den Zauber der Menschen. Doch fehlten auch die Arabesken nicht: im Gewölbe der Fenster, wo sich über dem klar durch drei Säulen gegliederten Auslug plötzlich der Spitzbogen zu Schnörkeln und Steinfransen wie aus flatternder Seide bizarr verstieg.
Wir kletterten über Absperrungen und Gerüste und wagten uns ins Obergeschoß. Notfalls hätten wir uns darauf berufen, die polnischsprachigen Verbotsschilder nicht lesen zu können. Aber so gewissenhaft wie in Deutschland war man hier nicht. Wir fanden freien Zutritt und klommen sogar zum höchsten Turm, empor. Dies geschah auf getrennten Wegen, und die Art, wie es glückte, mag Aufschluß über unsere Charaktere geben: Während Freund Schneider mit einem Bauarbeiter ins Gespräch kam, der ihn nach oben geleitete, irrte ich in den Gängen umher, bis ich auf eine Türe stieß. Sie führte ins Finstere. Ich ertastete eine Wendeltreppe, ich befand mich im Innern des Turms. In vollkommener Dunkelheit stieg ich aufwärts und stand zuletzt auf der Zinne im Licht. Wenig später traf Schneider mit seinem Begleiter ein.
Das Bauwerk überzeugte mich vor allem von der Wasserseite aus. Kunst und Natur – die Schicksale des Ritterordens gingen mich wenig an. Ich habe mich auch späterhin nicht damit befaßt. Was daraus zu retten war: der Greif und der Adler, das Schwert und der Gral, lebt fort im Gedicht. Aber auf die Geschichte habe ich mir bis heute keinen Reim gemacht außer diesem

Treib aus der Geschichte
Hinab in den Traum ...

Demgemäß zog ich am Ende auch wieder die Werke des Geistes und seine subtilen Hierarchien allen anderen Rangordnungen vor, den Orden, Titeln, Ämtern, Dienstgraden, Farben, Bannern, Wappen. Sie waren mir gut für ein Spiel – sie wichtig zu nehmen, fehlte es mir an Bescheidenheit. Dazu eine Anekdote: Nach der Niederlage in der Schlacht auf dem Eise des Peipussees 1242 verlegte der Hoch- und Deutschmeister des Ordens seinen Sitz nach Weikersheim im Hohenloher Gebiet, an der Grenze von Franken und Schwaben. Fünfundzwanzig Jahre nach meinem Besuch der Marienburg, im Juni 1996, saß ich dort mit zwei guten Freunden vor den Deutschherren-Stuben am Marktplatz und trank meinen Kaffee. Ich teilte Lammla und George ihre Titel zu: „Du bist der Hochmeister sprach ich zum Dichterfreund, „und du der Deutschmeister“ zu dem in Elektrougli Geborenen, „und ich bin bloß der Meister“.
Am Abend verließen wir die Marienburg mit einem polnischen Reisebus in Richtung Osten. Als es dunkel wurde, in der Gegend von Allenstein, erklang aus dem Autoradio das Lied von Simon and Garfunkel Homeward bound. Um Mitternacht hinter Nikolaiken baten wir den Fahrer anzuhalten und stiegen aus. Wir standen im Finstern auf der Straße, gingen an die zweihundert Schritte einen Feldrain hinauf und rollten am Waldrand unsere Schlafsäcke aus. Es war, nach Lützen, meine zweite Nacht im Freien. Unzählige sollten folgen bei der Armee. Ich schlief gut und tief, wenn auch nicht lange. Mit dem ersten Morgenschimmer ward ich wach. Wir schulterten unsere Rucksäcke und machten uns auf den Weg nach Gizycko, das früher Lötzen hieß. Es mochten an die dreißig Kilometer sein, die vor uns lagen. Angesichts der Pferdegespanne auf den Straßen und Äckern fühlte ich mich in die Kindheit zurückversetzt. Der Traktor hatte hier noch keinen Einzug gehalten. Als wir ein Drittel der Strecke bewältigt hatten, wurden wir von der Strapaze erlöst: Ein Armee-Lastwagen hielt an und man hieß uns aufsitzen. So gelangten wir rascher als erwartet nach Lötzen. Freund Schneider hatte herausgefunden, daß es ein Bungalow-Dorf gab am Ufer des Mauer-Sees. Dorthin wanderten wir und erhielten auch eine Herberge.
Der Mauer-See ist der zweitgrößte der Masurischen Seen. Man konnte dort kostenlos Ruder-, Paddel- und Segelboote ausleihen und weite Driften auf dem vielfach verzweigten Gewässer unternehmen. Wir besorgten uns für die erste Ausfahrt ein Zweier-Kajak und schwangen munter die Doppelblätter im gleichen Takt. Allerdings kam es bald zu Zwistigkeiten, wobei sich zeigte, daß der Steinbock Schneider an Eigensinn den Widder noch übertraf. Der eine wollte hierhin, der andere dorthin, keiner gab nach, fast hatten wir das Boot zum Kentern gebracht. Darum beschlossen wir, daß am nächsten Tage jeder für sich lospaddeln sollte. So geschah es auch. Ich war vom Morgen bis zum Abend auf dem Wasser, zuweilen ließ ich mich gleichsam auf hoher See von den Wellen schaukeln, dann wieder glitt ich am Saum entlang und in stille Buchten hinein. An Land ging ich nicht. Leider fehlt meiner Erinnerung jegliches Detail. Noch hatte ich nicht die Maxime geprägt, man sollte auf Reisen keine Photos machen, sondern Tagebuch schreiben. Ein Zeugnis wenigstens ist überliefert. In dem Sonett „Bootsfahrt“ versuchte ich die Stimmung einzufangen, die mich in jenem Sommer beseelte:

Vom Wiegen der klatschenden Wellen auf hohem Gewog
Mit raschen Schlägen vorwärts zum schmaleren Streifen
Wartenden Ufers der Teiche, gelagert im Sog
Des mächtigen Bruders. Die rastenden Ruder schleifen

Am Schilf. Die scheuen Buchten verlieren die Frische
Der offnen Gewässer und träumen am Rand ohne Regung
Im Grünen. Nur manchmal stören silberne Fische
Der dunklen ruhenden Wasser reine Bewegung.

Des lautlos schweifenden Ruderboots weiche Furche
Trübt kurz den Spiegel der Schwalben. Glänzende Lurche
Schlafen im Röhricht, von seltenen Düften gewürzt.

Und hielte dich nicht eine Sehnsucht, ich glaube, du lenkst
Das schwanke Gefährt in den Grund, wo du jauchzend empfingst
Den flammenden Himmel, der schwer auf dich niederstürzt.

Der Zoll, den ich zahlte, war hoch: eine Verbrennung, vermutlich ein Sonnenstich, denn wiewohl ich ein langärmliges Hemd trug, waren Hände und Nacken aufs übelste versehrt und ich konnte vor Fieber kaum schlafen in der Nacht. Trotzdem war es ein Göttertag. Einmal geriet ich in Gefahr. Ein großes Motorschiff kam auf mich zu, ich wußte nicht, wie ich manövrieren sollte und gab es am Ende gänzlich auf. Der Kapitän schien Erfahrung mit solchen Sonntags-Aquanauten zu haben: er lenkte sein Fahrzeug an mir vorbei, immerhin erfaßte mich die Bugwelle und ich wogte in ihrem Schlag heftig auf und nieder. Gegen Abend zogen sich schwarze Wolken zusammen, ein Wind sprang auf, der Seegang war beachtlich und der Schaum spritzte über die Bordwand. Da erst entschied ich mich, den Hafen anzusteuern.
Beim ersten Blitz machte ich fest am Steg und sprang ans sichere Ufer. Während Freund Schneider auch sonst seiner Wege ging, sah ich mich in Lötzen um. Auch davon blieb mir kein Bild, nur, wie ein Leitmotiv, eine Musik. Wenn wir uns den Weihestätten, die immer Opferstätten sind, nähern, wird alles zum Symbol. Aber dieses habe ich erst heute bemerkt: In dem Steh-Imbiß, wo ich immer zu Mittag aß und herbata trank, denn ich mied den Alkohol, ertönte aus der Music-Box ein deutscher Schlager aus den sechziger Jahren, mit banalem Text und flotter Melodie: „Hast du alles vergessen?“ fragt der Sänger im Refrain die ungetreue Freundin und bekennt dann für sich: „Ich vergesse es nie.“
Wir vergaßen es nicht, nach der Wolfsschanze zu fragen. „Dwa do Ketrzyna“, verlangte ich am Freitagmorgen am Fahrkartenschalter der Bahn. Es war der 21. August. Wir fuhren von Lötzen nach Rastenburg und setzten uns in Marsch nach dem Sperrkreis 1. Wir waren dann noch in Warschau, Kielce, Krakau und im Salzbergwerk von Wieliczka. Ich schenke mir die Erzählung dieser Begebenheiten, ich weiß kaum etwas davon. Der Norden hatte mich in den Bann seiner Träume geschlagen. Und hier, in dem Walde bei Rastenburg, war das Ziel unsrer Reise erreicht. Wir wußten das, auch wenn wir es nicht aussprachen. Wir stiegen ein ins Labyrinth.

Es gab Hinweise, ich glaube auch, das Gelände war umzäunt und wir mußten Eintritt bezahlen. Dann waren wir unter uns. Es war, als hätten wir das Tor zur Unterwelt durchschritten. Wir streiften den ganzen Tag lang zwischen den Rainen umher – was zog uns hin, was hielt uns fest an diesem Ort, wo wir nichts zu suchen und nichts verloren hatten? Wir sahen dort niemanden außer zwei Sachsen, die für Augenblicke blökend aus den Trümmern auftauchten, als wollten sie mich an das Lied von Otto Reutter gemahnen. Sonst war Stille, Schweigen, Wipfelrauschen, Vogelsang. Wir schritten die Gemarkung ab, wir ermaßen den Raum. Die Trümmer von fünfzig oder sechzig zersprengten Bunkern waren über ein Waldstück von beträchtlicher Größe verstreut. Man hatte, als man sie baute, zur Tarnung Erde aufgeschüttet, so daß es der Natur nicht schwerfiel, zurückzuerobern, was der Hochmut der Krieger ihr abgetrotzt hatte. Irgendwann wird das alles verschwunden sein, rascher als Ninive oder das große Babylon. Damals vor dreißig Jahren beherrschte der nackte Beton noch die Szene. Klafterdicke Wände ragten auf, Blöcke lasteten schwer, glatte Pisten dehnten sich schräg. Hängende Stahlstäbe bebten, wenn man sie streifte, von einer fremden Musik. Gitterwerke lagen frei, Zacken krallten heraus.
Ich ließ mich fotografieren: eine eiserne Leiter hinaufkletternd, mit ausgebreiteten Armen flach auf dem Boden liegend, auf Betonklötzen thronend, sitzend in lässiger Haltung unter Schlangen von blitzendem Stahl. Es fiel schwer, sich zu trennen, jedes Trumm ward erstiegen, jeder Bunker besucht. Es war ein elementares Ereignis und mehr als das: Es war, man weiß es, eine Geste des Besitz-Ergreifens, ein triumphaler Akt.
War das nicht der Wald, den man nicht mehr zu verlassen wünschte, der deutsche Wald? Hyperborea, der Ort, von dem die Götter des Nordens gekommen waren, die weißen Götter vom Schwanen-Gestad, und wo sie schlafen bis zum nächsten Aeon, jenseits des Eises, der Schatten, des Todes, bis zur Stunde der Wiederkehr?
Aber nein, das zu sagen und es hier zu sagen, wäre emphatisch und falsch. Das hieße, sich dem Fetisch Geschichte allzusehr unterwerfen. Denn der Nationalismus, wir wissen es mit Nietzsche, ist auch nur eine Form des Exotismus. Und es wäre schlimm, wäre man, „von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt“, im Labyrinth geblieben oder hätte man sich, wie Platens Kaiser Otto, als „thatenloser“ zum „thatenreichsten Mann“ gelegt. Weder dem Täter war hier zu huldigen noch auch dem Attentäter. Beide gehören der Zeit.
Und doch: „Hast du alles vergessen?“ Warum dies Aufatmen? Woher das Gefühl der Befreiung, der Heiterkeit, ja, der Begeisterung? Ich war in mein Reich eingetreten. Hier unter dem Trümmerhaufen lag etwas verschüttet, was mich anging. Der deutsche Mythos, der deutsche Traum. Dieser Ort hatte mit mir zu tun wie das Pfarrhaus in Röcken oder das Grab am Wannsee, wie der „Zarathustra“ und das „Lohengrin“- Vorspiel. Ich wußte es nicht, aber ich spürte es, ich vermochte es nicht in Worte zu fassen, aber die Ahndung war da. Und mehr als die Ahndung: die Weihe, der Zauber, der Rausch. Dies war, in irgendeinem kaum sagbaren Sinne, der Ort, welcher der Götterdämmerung näher lag als jeder andere. Die Aura hielt vor bis hierher. Sie wurde zerstört, als der Vorposten fiel, als der Feind von Osten die Grenze des Reichs überschritt. Was dann kam, war der Zusammenbruch. Hier hatte sich etwas entschieden, woran ich zu tragen hatte und bis heute trage. Was als Werk wuchs in mir, wuchs auch im Aufstand wider die Schatten jenes Untergangs. Es drängte aus Trümmern ans Licht.

Der Anteil Hitlers an der Katastrophe und die Schuld der Deutschen, die ihn zu ihrem Führer erwählten, sei nicht bestritten. Ein Volk muß sehr krank sein, wenn es solchen Heilern vertraut. Und doch: Nicht 1935 – 1945 war der tiefere Einschnitt. Denn es ist ein Unterschied, ob man Herr im eigenen Hause bleibt, ob man selbst in der Krisis und in der Niederlage souverän agiert, die Banner hissen, die Toten ehren darf, oder ob man zur bedingungslosen Unterwerfung gezwungen wird. Hitler hatte die Würde der Besiegten fürchterlich mißachtet. Nun fiel der Schrecken zurück auf das deutsche Volk.
1945 wurde mehr zerstört als die Wolfsschanze, mehr als der Staat Preußen, mehr als das Dritte Reich oder das Deutsche Reich. Das Verblassen der Aura, der Verlust der Souveränität zeigt sich am subtilsten in der Musik. Man vergleiche die Ton-Aufnahmen aus der Zeit vor dem Zusammenbruch mit denen der sechzig Jahre danach. Man höre Beethoven, dirigiert von Furtwängler. Man höre in einem kleinen Lied wie Lili Marleen jenen Passus in der letzten Strophe, wo der Chor einsetzt: „Wenn sich die späten Nebel drehn ...“ Das war nicht wiederholbar von Tausenden, die es seither gesungen haben. Man vernehme den Bariton Hans Hotter mit Wotans Abschied im Jahre 1962 und dann denselben Sänger zwanzig Jahre zuvor, und man kennt ein für alle Male den Unterschied zwischen einem sehr guten Sänger und einem souveränen Sänger. Nicht zu reden davon, daß seit 1945 kein Siegfried und kein Tristan mehr in Bayreuth auf der Bühne standen, ein tiefer Riß liegt dazwischen, eine Wunde, die sich bis heute nicht schloß.
All das dachte ich nicht, aber ich empfand es, als ich an jenem sonnigen Spätsommer-Tag in Masuren mich zwischen den Trümmern erging. Ein Anruf war erfolgt, kaum in Worten, ein Auftrag erteilt. Kein geschichtlicher, kein politischer – es ging um mehr, es ging ums Ganze, es geht immer darum. Es ging um die Heimat des Herzens, um den innersten, den heiligsten Bereich. Der war verschüttet und begraben, fernab und streng geheim, der war aus dem Wort verbannt. Man erwäge, wie die Welt aussah, in die es uns verschlagen hatte, die wir in der Mitte des Jahrhunderts geboren sind. Die Sprache war versiegelt, Banner und Wappen unter Verschluß. Wer von Quell, Wurzel oder gar vom Blute sprach, war verdächtig, vom Gralshüter zum SS-Mann war es nur ein Schritt, der Adler galt als „faschistisches Symbol“. Deutsche Zustände 1997 nicht anders als 1971 oder 2005. Auf den ersten Blick geschieht sehr viel in einem Jahrhundert, auf den zweiten beinahe nichts. Aber der Einzelne kann nicht warten, bis die Stunde ihm günstiger wird, er hat seine Zeichen zu setzen, hier und jetzt. Ich gewann meinen Atem, meine Freiheit als Dichter in dem Augenblick, da ich von Adler und Schlange, von Queste und Speer, von Holden Reich und vom Unsichtbaren Gral zu sprechen wagte. Jahre noch sollten vergehen bis dahin. Aber hier war ein Tor aufgestoßen, und man wird nun verstehen, daß ich ungern schied. Ich hatte den deutschen Traum geträumt. Oder besser: Ich hatte den Weckruf gehört.

„Ein Traum – was sonst?“ sagt der Prinz von Homburg, als man ihm die Binde von den Augen nimmt. Aber er hat, so unrecht wie ich haben würde, wenn ich sagte, ich sei damals, als ich die Stätte verließ, aus dem Traum zurückgekehrt in den Tag. Das Gegenteil ist wahr; Die Stunden im Trümmergelände, die Gänge im hyperboreischen Wald – das war der Moment, da ich wach war, hellwach, Tageslicht brach für Augenblicke in den Kerker ein. Ich hatte im Dämmer der Gesänge gewebt, jetzt stand ich im Offenen, wie später an der Queste, zum ersten Mal war mir der Himmel verklärt, lagen die Dinge im Morgenglanz, im sich verjüngenden Licht. Ich war, so schien es fast, bei mir angekommen und wollte mich nicht wieder verlieren. Aber man ist ja noch nicht bei sich, solange man in Orten und Zeichen mehr sucht oder sieht als die Bestätigung dessen, was man von jeher besitzt. Darum ist Pindar der Führer eher als Herodot. Der Krieger wird es nicht erobern und der Reisende wird es nicht entdecken, weder zu Wasser noch zu Lande, das Reich, darin uns die Götter begegnen, darin uns die Huldin erquickt. Du hast es selber zu stiften, indem du dein Werk schaffst und es prägst mit dem Siegel des Souveräns.

So bist du der Seher,
Der Hortner am Tor,
Der Hyperboreer
Im Schwanen-Dekor,
Dort, Holder, behüte
Der Asen Portal,
im Schoß einer Blüte
Den heiligen Gral.

Den Glanz, dir verheißen,
Das Zwillings-Gestirn,
Die Götter, die weißen,
Du lockst sie vom Firn
Und kürst sie, der Gnade
Gewahr deines Ahns,
Zu Schlacht und Parade
Im Zeichen des Schwans.

Zur Nacht, wenn der Balken
Im Schildhaupt zerbrach,
Entschlag dich dem Falken,
Der Natter geh nach,
Herbstnebel umwogen
Dein sterbliches Aug,
Der Gott mit dem Bogen
Wacht starr auf Arnshaugk.


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