Die Geheimnisse der libération

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Karlheinz Weißmann

Als Frankreich im vergangenen Jahr der libération gedachte, meldeten sich einige ungewohnt kritische Stimmen zu Wort. So erschienen in dem verbreiteten politischen Magazin Marianne gleich mehrere Beiträge, die die „Geheimnisse der Befreiung“ lüften sollten. Zu diesen „Geheimnissen“ gehören nicht nur der andauernde Streit zwischen de Gaulle, Eisenhower und Churchill, sondern auch die Bombardierung französischer Städte durch die Alliierten und die problematische Rolle der Résistance im Zuge des militärischen Vorgehens.

 Gastbeitrag

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Der Kon­flikt de Gaulles mit sei­nen angel­säch­si­schen Ver­bün­de­ten dau­er­te bis kurz vor Beginn des Lan­dungs­un­ter­neh­mens. Die Aver­si­on zwi­schen dem Ver­tre­ter der Fran­ce libre und den Angel­sach­sen war all­ge­mein bekannt, aber nicht deren poli­ti­sche Dimen­si­on. Dabei spiel­ten Form­fra­gen eine Rol­le, aber vor allem ging es um das gegen­sei­ti­ge Miß­trau­en im Hin­blick auf wei­ter­rei­chen­de Ziel­set­zun­gen. Tat­säch­lich erwog Washing­ton bis 1944, mit einem Reprä­sen­tan­ten des Vichy-Regimes zusam­men­zu­ge­hen, der kon­zi­li­an­ter gewe­sen wäre als der Gene­ral. Ein wei­te­rer Grund für sol­che Plä­ne war die Angst, nach der Inva­si­on in Frank­reich kei­ne aus­rei­chen­de Hil­fe zu fin­den, denn die Sym­pa­thie der Bevöl­ke­rung schien unsi­cher. Mehr als fünf­zig­tau­send Fran­zo­sen fie­len mili­tä­ri­schen Aktio­nen der Alli­ier­ten zum Opfer, davon zwan­zig­tau­send dem, was aus­drück­lich „Ter­ror­bom­bar­de­ment“ genannt wird. Die Empö­rung in eini­gen nor­man­ni­schen Städ­ten war so groß, daß die Ein­woh­ner abge­schos­se­ne eng­li­sche und ame­ri­ka­ni­sche Pilo­ten lynchten.

Das sind unschö­ne Details im Bild der Befrei­ung, aber die eigent­li­che Beschä­di­gung droht durch das Wir­ken der Résis­tance. De Gaul­le hat immer die Nich­tig­keit der Kol­la­bo­ra­ti­on behaup­tet unter Hin­weis auf die „Selbst­be­frei­ung“ Frank­reichs. Ein­wän­de gegen die­se Les­art konn­ten aller­dings nie ganz zum Schwei­gen gebracht wer­den. Schon in der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit gab es erbit­ter­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen um den Wider­stand der Fran­zo­sen und in den sieb­zi­ger Jah­ren einen „His­to­ri­ker­streit“ über die The­se, daß sich die „vier­zig Mil­lio­nen Pétai­nis­ten“ (Hen­ri Amou­roux) ganz wil­lig mit Vichy arran­gier­ten, jeden­falls kein mas­sen­haf­ter Kampf gegen die deut­schen Besat­zer geführt wur­de. Der all­ge­mei­ne Atten­tis­mus hät­te den Hel­den­mut der Résis­tance in umso hel­le­rem Licht strah­len las­sen kön­nen. Aber dem steht das Wis­sen um die pro­ble­ma­ti­schen Züge des Wider­stands ent­ge­gen. Die lang­wie­ri­ge und mit gro­ßer Erbit­te­rung geführ­te Aus­ein­an­der­set­zung um den Tod Jean Moulins hat der Öffent­lich­keit immer­hin deut­lich gemacht, wie kom­pli­ziert die Front­ver­läu­fe waren.

Das größ­te Pro­blem war die Hete­ro­ge­ni­tät der Résis­tance. Es gab den Wider­stand der ers­ten Stun­de, der vor allem von Anhän­gern de Gaulles und Natio­na­lis­ten wie dem berühm­ten Hélie de Saint Marc geleis­tet wur­de („Es ist die Lin­ke, die die Résis­tance aus­ge­beu­tet hat, aber es sind Män­ner der Rech­ten, die sie geschaf­fen haben“, Fran­çois de Gross­ou­vre). Die zwei­te, kom­mu­nis­ti­sche Frak­ti­on der Résis­tance trat erst ver­zö­gert auf den Plan. Das hing damit zusam­men, daß der PCF bei Beginn des Krie­ges die Ver­tei­di­gungs­an­stren­gun­gen Frank­reichs sabo­tiert hat­te, weil der Angrei­fer Deutsch­land mit der Sowjet­uni­on ver­bün­det war, nach der Beset­zung hielt man still und ging teil­wei­se sogar zur Zusam­men­ar­beit über. Erst im Juni 1941 wur­de die­se Tak­tik radi­kal geän­dert, und jetzt kam den Kom­mu­nis­ten ihre sub­ver­si­ve Erfah­rung im Unter­grund zugu­te. Sehr schnell domi­nier­ten sie die ande­ren Grup­pen des Wider­stands und ver­such­ten ihren Füh­rungs­an­spruch durch­zu­set­zen. Das führ­te zu schar­fen, teil­wei­se blu­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen ein­zel­nen For­ma­tio­nen der Résis­tance, die nur durch die gemein­sa­men Geg­ner geeint wur­den: Wehr­macht und deut­sche Poli­zei, Kol­la­bo­ra­teu­re, Admi­nis­tra­ti­on und bewaff­ne­te Orga­ne des Vichy-Regimes sowie para­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten, vor allem die Mili­ce.

Der Maquis konn­te die deut­sche Posi­ti­on nie aus eige­ner Kraft gefähr­den. Ohne die Inva­si­on im Juni 1944 wäre er zur Befrei­ung des Lan­des außer­stan­de gewe­sen. Heu­te glaubt man, daß der Wider­stand höchs­tens 200.000 Mann umfaß­te, etwa drei Pro­zent der waf­fen­fä­hi­gen Bevöl­ke­rung. Nach der Lan­dung muß­ten die Alli­ier­ten rasch erken­nen, wie gering deren mili­tä­ri­scher Wert war, daß sie jeden­falls nicht als regu­lä­re Ein­hei­ten ver­wen­det wer­den konn­ten. Das Haupt­in­ter­es­se der kom­mu­nis­ti­schen Résis­tance rich­te­te sich sowie­so nicht auf den mili­tä­ri­schen Kampf, son­dern auf den inne­ren Umsturz. Das und die Macht der ver­bün­de­ten Sowjet­uni­on bewo­gen de Gaul­le, dem PCF erheb­li­che Spiel­räu­me zu öff­nen. So erklärt sich nicht nur die kom­mu­nis­ti­sche Regie­rungs­be­tei­li­gung, son­dern auch die Bereit­schaft, den Kom­mu­nis­ten bei der „Säu­be­rung“ freie Hand zu geben.

Der Begriff „Säu­be­rung“ soll­te nicht an sta­li­nis­ti­sche Prak­ti­ken, son­dern an die Zei­ten der Jako­binerherr­schaft erin­nern. Dem­entspre­chend wur­den Wohl­fahrts­aus­schüs­se gebil­det und mit oder ohne Unter­stüt­zung des Mobs Schul­di­ge und Unschul­di­ge abge­ur­teilt. Sehr oft kam es auch zu Mord­ak­tio­nen, wobei pri­va­te oder poli­ti­sche Rech­nun­gen aus der Vor­kriegs­zeit mit begli­chen wur­den, oder zu Mas­sa­kern, denen meh­re­re hun­dert Men­schen zum Opfer fal­len konn­ten. Wie groß die Zahl der Toten die­ser „wil­den Säu­be­rung“ war, ist bis heu­te umstrit­ten: Wäh­rend man unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de von sehr hohen Zif­fern aus­ging – der Innen­mi­nis­ter Adri­en Tixier soll 1945 von 105.000 Toten gespro­chen haben, der sozia­lis­ti­sche Abge­ord­ne­te Mit­ter­rand drei Jah­re spä­ter von 97 000 – hat sich mit wach­sen­dem Abstand die Nei­gung durch­ge­setzt, die­se Anga­be zu redu­zie­ren. De Gaul­le nann­te in sei­nen Memoi­ren mit ver­blüf­fen­der Exakt­heit 10 842 Getö­te­te (viel­leicht auf Grund einer Schät­zung der Gen­dar­me­rie), der His­to­ri­ker Robert Aron geht in sei­ner mehr­bän­di­gen Dar­stel­lung der Säu­be­rung (His­toire de l’ épura­ti­on, 2 Bän­de, Paris 1967) immer­hin von 40000 Toten aus.

Ver­gli­chen damit sind 767 legal hin­ge­rich­te­te Kol­la­bo­ra­teu­re eine ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne Zahl, dazu kamen aller­dings noch 13 000 Per­so­nen, die zu Zwangs­ar­beits­stra­fen ver­ur­teilt wur­den, mehr als 24 000, die Gefäng­nis­haft zu ver­bü­ßen hat­ten und fast 50 000, die ihre bür­ger­li­chen Ehren­rech­te ver­lo­ren (dégra­dati­on natio­na­le), was sehr oft zu Berufs­ver­bot und zur Ver­nich­tung der bür­ger­li­chen Exis­tenz führ­te. Bis zum Janu­ar 1945 wur­den min­des­tens 200.000 Men­schen in Lagern inter­niert, viel­leicht waren es aber auch 600.000 bis 700.000. Jean Paul­han, ein Mit­glied der Résis­tance, äußer­te, daß zwi­schen 1,5 und 2 Mil­lio­nen Fran­zo­sen in irgend­ei­ner Wei­se unter der épura­ti­on gelit­ten haben. Zu die­sen Lei­den gehör­ten neben den Exe­ku­tio­nen und Mor­den auch zahl­lo­se Akte von Brand­stif­tung, Raub und Plün­de­rung, Miß­hand­lung, Ver­ge­wal­ti­gung oder das berüch­tig­te öffent­li­che Kahl­sche­ren von „Deut­schen­lieb­chen“.

Vie­le His­to­ri­ker ver­tre­ten die Auf­fas­sung, in der Säu­be­rung habe sich eine durch die natio­na­le Demü­ti­gung von 1940 und den Sie­ges­tau­mel von 1944 bewirk­te „Psy­cho­se“ (Robert Aron) aus­ge­wirkt. Viel­leicht kommt man der his­to­ri­schen Wirk­lich­keit noch näher, wenn man der Argu­men­ta­ti­on Domi­ni­que Ven­ners folgt, der in sei­ner „Kri­ti­schen Geschich­te der Résis­tance“ (His­toire cri­tique de la Résis­tance, Paris: Pyg­ma­li­on 1995) dar­auf hin­weist, daß die Säu­be­rung mit ihren Proskrip­ti­ons­lis­ten und Schau­pro­zes­sen, mit der Sen­sa­ti­ons­gier des Pöbels und dem sys­te­ma­ti­schen Ter­ror eher an die Zeit des römi­schen Bür­ger­kriegs erin­ne­re. Dabei betont er, daß die Ent­wick­lung schon unter dem Vichy-Regime ihren Anfang genom­men habe mit der Ver­drän­gung, Fest­set­zung, Fol­te­rung, Depor­ta­ti­on oder Tötung von poli­ti­schen Geg­nern und Fran­zo­sen jüdi­scher Her­kunft. Aber das nimmt dem Schre­cken der Jah­re 1944 / 45 nichts von sei­ner Rea­li­tät. Der Enthu­si­as­mus, der den Ein­zug de Gaulles in Paris beglei­te­te und die zahl­lo­sen Volks­fes­te, mit denen man noch im kleins­ten Dorf die Ankunft der Alli­ier­ten fei­er­te, waren nur die eine Sei­te. Domi­ni­que Pon­char­dier, einer der Hel­den des Wider­stands, notier­te melan­cho­lisch: „Die Befrei­ung bie­tet kei­nen schö­nen Anblick.“

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