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pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Lothar Höbelt

Für Österreich ist der 8. Mai einfach zu verorten: Von Klagenfurt abgesehen, wo die Straße des 8. Mai den Einmarsch der Briten verewigt, die als Befreier angesehen wurden, weil sie den Tito-Partisanen zuvorkamen, stellt er das arithmetische Mittel dar zwischen dem 1. Mai (der ist roten Paraden vor dem Wiener Rathaus vorbehalten) und dem 15. Mai (als ein schwarzer Kanzler und sein ebenso schwarzer Vorgänger 1955 den Abzug der Besatzungsmächte verkündeten). Der Kalender und der Wählerwille fügen es so, in prästabilierter Harmonie, daß heuer wohl eher letzteres Datum Konjunktur hat. Wer will, darf sich natürlich auch unbeliebt machen, indem er lieber 10 Jahre EU-Beitritt oder 60 Jahre 1945 feiert – wie Kanzler Wolfgang Schüssel aus gegebenem Anlaß schon früher einmal sagte: Jeder hat das Recht auf politischen Selbstmord. Der Abzug der Alliierten 1955 wurde ja nun wirklich ganz allgemein als Vorteil empfunden – allenfalls einige Salzburger Nachtklubbesitzer befürchteten einen katastrophalen Umsatzrückgang und einige KP-Funktionäre bereiteten sich auf die Illegalität vor. Doch selbst diese Befürchtungen erwiesen sich als übertrieben, im einen wie im anderen Fall. Der Staatsvertragskanzler Julius Raab, 1945 noch als „Faschist“ aus der Regierung ferngehalten, komplimentierte die Sowjets zehn Jahre später aus Österreich hinaus. Die Atmosphäre war restaurativ – das war die Erfolgsgeschichte der fünfziger Jahre: Ihre Leistung war die Integration all jener, für die 1945 nun tatsächlich kein Jahr der Befreiung gewesen war. Auf europäischer Ebene versuchte das die EWG, ein Verbund der Besiegten von 1940 mit den Besiegten von 1945.

 Gastbeitrag

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Wir wol­len es dabei bewen­den las­sen. Die Fra­ge, war­um die Hys­te­rie der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung in Hit­lers Geburts­land nie ganz die glei­che Reso­nanz gefun­den hat, wie in sei­ner Wahl­hei­mat, hat sich – sine ira et stu­dio – über die gän­gi­gen Sot­ti­sen hin­aus den Ver­such einer Ant­wort ver­dient. Phi­lo­so­phi­sche Gemü­ter mögen dabei sogar ganz weit in der Ver­gan­gen­heit anset­zen – dem Unter­schied zwi­schen dem katho­li­schen und dem pro­tes­tan­ti­schen Teil des Rei­ches. Poli­ti­cal cor­rect­ness gibt es natür­lich auch in der Alpen­re­pu­blik, aber sie wird weit weni­ger inter­na­li­siert. Sprich: Man beugt sich der poli­ti­schen Auto­ri­tät, aber man glaubt ihr nichts – und das ist auch wür­dig und recht so. Wer sein his­to­ri­sches Bewußt­sein aus den Sonn­tags­re­den von Schrö­der und Fischer schöpft, hat zwei­fels­oh­ne auch nichts Bes­se­res ver­dient. Um den ver­stock­ten Glau­ben an die Wohl­tä­tig­keit des Staa­tes zu kurie­ren, mag Stumpf­sinn von oben sogar ein ganz brauch­ba­res Medi­ka­ment sein, uner­wünsch­te Neben­wir­kun­gen mit eingeschlossen.

Es wäre frei­lich erstaun­lich, wür­den nicht auch tages­po­li­ti­sche Nütz­lich­keits­er­wä­gun­gen zu Buche schla­gen. Das fängt – und fing – schon immer mit der ein­fa­chen Über­le­gung an: Wenn man den Wert der Erin­ne­rungs­kul­tur an der Distanz zum NS-Regime bemaß, dann hat­te natür­lich in ers­ter Linie Engel­bert Dol­lfuß gute Kar­ten, der Kanz­ler, der im Febru­ar 1934 die Sozi­al­de­mo­kra­tie in einem Bür­ger­krieg nie­der­ge­wor­fen hat­te – denn was immer man sonst von ihm hal­ten moch­te, er war immer­hin im Zuge des NS-Put­sches vom 25. Juli 1934 ums Leben gekom­men. Bru­no Krei­sky, der Über­va­ter der Acht­und­sech­zi­ger, ließ die jun­gen Lin­ken daher auch in ers­ter Linie gegen den Stän­de­staat het­zen, der ihn ein­ge­sperrt hat­te, weni­ger gegen die „ille­ga­len“ Nazis, die mit ihm zusam­men in der Zel­le geses­sen waren.
Zu einem Para­dig­men­wech­sel kam es da erst nach 1986: Krei­sky war auf Mal­lor­ca, die Gro­ße Koali­ti­on wie­der an der Macht, Wald­heim Prä­si­dent, Hai­der in der Oppo­si­ti­on. Die Ära Vra­nitz­ky bot inso­fern gute Vor­aus­set­zun­gen für eine „Ver­west­li­chung“ – nicht mehr den anti­kom­mu­nis­ti­schen Kon­sens des Kal­ten Krie­ges, son­dern die holo­caust awa­reness der neun­zi­ger Jah­re. Die Links­in­tel­lek­tu­el­len sind inzwi­schen zu dem Schluß gekom­men, sie sei­en in ihrem anti­fa­schis­ti­schen Eifer damals von der SPÖ instru­men­ta­li­siert wor­den. Wie bei so man­chen Spie­len unter con­sen­ting adults, ist offen­bar nicht ganz klar, wer hier wen zum Unfug ver­lei­tet hat: Denn am Ende der Zeit­geist-Insze­nie­rung stand auch für die SPÖ der Ver­lust eines Drit­tels ihrer Wäh­ler. Die Anti­fa-Wel­le, ein hal­bes Jahr­hun­dert danach, ist bei der Arbei­ter­klas­se ja nir­gend­wo ein Ren­ner gewe­sen. Erfolg­ver­spre­chend war sie bloß als Zank­ap­fel, den man in die Rei­hen der bür­ger­li­chen Kon­kur­renz wirft. Die­se Tak­tik scheint in der BRD immer noch auf­zu­ge­hen; in Öster­reich mit­nich­ten. Auf dem­entspre­chen­de Nach­fra­gen erteilt der Kanz­ler mil­de die Aus­kunft, das Schö­ne an einem frei­en Land sei, daß man auch Unsinn sagen dür­fe. Real­po­li­tik siegt über Hysterie.
Und wer immer behaup­tet, die Öster­rei­cher sei­en geschichts­ver­ges­sen, der sei auf den 27. Janu­ar ver­wie­sen. Da fei­ern wir 2006 Mozarts 250. Geburts­tag – der war zwar kein Öster­rei­cher, son­dern fürst­erz­bi­schöf­lich salz­bur­gi­scher Unter­tan im Hei­li­gen Römi­schen Reich Deut­scher Nati­on, aber das macht nichts: Wie heißt es in der Bun­des­hym­ne, die eine Dame aus der alten Mon­ar­chie zu sei­nen Klän­gen kurz nach 1945 dich­te­te: „Hei­mat bist du gro­ßer Söh­ne, Volk begna­det für das Schöne …“

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