Sezession
1. April 2005

Der Tenno und der General

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Winfried Knörzer

Am Morgen des 15. August, wenige Tage nachdem amerikanische Atombomben alles Leben in Hiroshima und Nagasaki ausgelöscht hatten, ertönte aus Radios und Lautsprechern die bisher noch nie gehörte Stimme des Kaisers: „Die Kriegslage hat sich nicht unbedingt zu unserem Vorteil verändert. ... Wir sind Uns über euer aller, Unserer Untertanen, innerste Gefühle völlig klar. Jedoch dem Befehl der Zeit und des Schicksals gehorchend, haben Wir Uns entschlossen, einem großen Frieden für alle kommenden Generationen den Weg zu bereiten, indem Wir das Unerträgliche ertragen und erdulden, was man nicht erdulden kann“. Auch wenn diese, im preziösen Stil der Hofsprache gehaltene Rede nur von wenigen in allen Einzelheiten verstanden wurde, wußte jeder, daß der Krieg verloren war. Wie kam es zu dieser Niederlage?

Japan war kein – im Nolteschen Sinne – faschistisches System. Allerdings ähnelte die Situation in Japan nach dem Ersten Weltkrieg der Lage in Italien, da auch in Japan, das die deutschen Kolonien in Asien erobert hatte, der Eindruck vorherrschte, um die Früchte des Sieges betrogen worden zu sein. Während sich Japan nach der Meji-Restauration 1868 in wenigen Jahrzehnten von einem rückständigen, mittelalterlichen Feudalstaat zur führenden Regionalmacht Ostasiens entwickelt hatte, begann nach 1918 Japans Aufstieg an seine Grenzen zu stoßen, da Großbritannien und die USA eine weitere Expansion des unerwünschten Emporkömmlings einzudämmen suchten. Japan mußte im Washingtoner Flottenabkommen eine demütigende Einschränkung seiner maritimen Rüstung hinnehmen. Die Diskriminierung durch die westlichen Mächte, wirtschaftliche Schwierigkeiten, die unter anderem regelrechte Hungerrevolten auslösten, und eine Krise des parlamentarischen Systems ließen die bisherige Orientierung am westlichen Modell obsolet werden.
Aus dieser kritischen Lage heraus entstanden wie in Europa nationalrevolutionäre Bewegungen: faschistische Parteien und zum Teil terroristische Geheimbünde. Diesen verschiedenen, in sich zerstrittenen Parteien gelang es aber nicht, sich eine echte Massenbasis zu verschaffen, Staatsstreichversuche der Geheimbünde wurden von den regulären Truppen niedergeschlagen. Ihr Einfluß war aber stark genug, das politische Klima zu radikalisieren, die politischen Parteien zu diskreditieren und dem Establishment den Weg eines militärischen Expansionismus aufzuzwingen. Nach der Ausschaltung des Parlaments gelangte die Führung des Staates in die Hände der Staatsbürokratie und des Militärs. Das japanische politische System im Zweiten Weltkrieg ähnelte weniger dem nationalsozialistischen Deutschland als vielmehr dem Deutschland des Jahres 1918, als Ludendorff eine Art Militärdiktatur ausübte.
Der japanische Imperialismus richtete sich vornehmlich auf China: während der dreißiger Jahre eroberte Japan weite Teile Chinas, wodurch es sich aber in einen Teufelskreis hineinmanövrierte. Je weiter Japan vordrang, desto drastischer wurde die mit spürbaren Boykottmaßnahmen einhergehende angloamerikanische Eindämmungspolitik, der man wiederum nur mit weiteren Eroberungen begegnen konnte, um die lebensnotwendigen Rohstoffe und Absatzmärkte zu sichern. Als 1941 die Situation kulminierte, versuchte die Militärführung durch einen Befreiungsschlag, den Angriff auf Pearl Harbour, der das amerikanische Militärpotential im Pazifik vollständig vernichten sollte, den Teufelskreis zu durchbrechen. Zwar wurden in der Tat einige amerikanische Schlachtschiffe und ein Großteil der landgestützten Flugzeuge durch den Überraschungscoup vernichtet, aber die amerikanischen Flugzeugträger, die sich auf hoher See befanden, blieben unversehrt. Mit diesen holten die USA ab dem Sommer 1942 zum Gegenschlag aus. Die USA erwiesen sich auch in dieser Phase des Krieges als die militärisch überlegene Macht. Als ab 1944 das enorme amerikanische Rüstungspotential zum Tragen kam, war Japans Schicksal besiegelt.


 Gastbeitrag

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